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Die Wahrheit · 1931-10-09 · Heft 41 (9.10.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 41 (9.10.1931)
Date
1931-10-09
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Stile 4 DIE WAHRHßn von seinen Zuhörern aus den ersten Volksschulklassen erhalten hat Mit besonderem Eifer widmete sich Dr. Max Grunwald, hierin von seiner trefflichen Gattin, der Tochter des berühmten Reichsratsabgeordneten Dr. Bloch, unterstützt, der Seelsorge. Sie nahm seine Kraft oft bis zur Erschöpfung in Anspruch. Jedem stand seine Tür offen, keiner ging ohne Hilfe oder Rat von ihm. Mit dem Ausbruch des Krieges und dem Einsetzen des Flüchtlingszustromes vervielfältigte sich seine Tätigkeit. Väterlich nahm er sich der Flüchtlinge wie auch der verwundeten Soldaten und Kriegsgefangenen an. Erinnerlich ist sein energisches Eingreifen, als er von der Militärbehörde als Sachverständiger in den Prozessen gegen die Rabbinatskandidaten aus Galizien vorgeladen wurde, die sich angeblich durch Rabbinatszeugnis dem Militärdienst entziehen wollten. Sein Gutachten und sein persönliches Auftreten vor Gericht haben so manchem dieser Unglücklichen, die unschuldig verdächtigt waren, Leben und Freiheit gerettet Ein schwerer Schlag war für Grunwald und seine Gemeinde der Brand des großen Leopoldstädter Tempels am 18. August 1917. In jahrelanger unermüdlicher Arbeit gelang es ihm, unterstützt' von einer Schar wackerer Glaubensgenossen, den Wiederaufbau des Gotteshauses durchzusetzen. Als dann in der Inflationszeit die jüdischen Wohlfahrtsanstalten Wiens aus Mangel an Mitteln ihren Betrieb einstellen sollten, war es wiederum Grunwald, der mit einem Stabe Gleichgesinnter alles aufbot, um die Schließung der Institute zu verhindern. Er steht an der Spitze der israelitischen Kinderb ew a h r a n s t a 11, die. angesichts der neuen wirtschaftlichen Katastrophe nach nahezu 90jährigem Bestehen um ihr Dasein ringt Politisch hervorzutreten hat Dr. Grunwald grundsätzlich stets vermieden. In der oberschlesischen Abstimmung hat er, als oberschlesisches Kind, nur seine Pflicht gegen die Heimat erfüllt. Das Gebetbuch „Beruria" für jüdische Frauen, das Grunwald herausgab, ist als das beste Erzeugnis dieser Literaturgattung anerkannt. Erinnerlich ist seine Auseinandersetzung mit dem bedeutenden Orientalisten Prof. Dr. S. Kraus wegen Einführung der Orgel in die Wiener Kultusgemeinde. Mannhaft war sein Auftreten gegen Prof. Sombarts Stellungnahme zum Judentum. Er war der erste, der diesen „Judenfreund" entlarvt hat Eine politische Mission, die Grunwald im Interesse Palästinas mit Unterstützung des österreichisch-ungarischen Außenministeriums während des Krieges in Konstantinopel übernommen hatte, scheiterte an den kriegerischen Vorgängen im Heiligen Lande. Im Jahre 1915 schuf Grunwald eine „Hilfskommission für Palästina", die den Oesterreichern in Palästina Geld, Lebensmittel, Medikamente beistellte und für ihre sanitäre Hilfe sorgte. In der Wissenschaft hat Grunwald auf vielen Gebieten Grundlegendes geschaffen. Sein Hauptgebiet ist die von ihm ins Leben gerufene jüdische Volkskunde. Seit 1898 gibt er über dieses Fach Mitteilungen und Jahrbücher heraus. Auch als Historiker und Philosoph hat er wiederholt im internationalen Wettbewerb den Preis errungen. Die Hygiene-Ausstellung in Dresden 1911, in der Grunwald mit der Einrichtung einer jüdischen Abteilung betraut war, sowie die in Düsseldorf haben ihm öffentlich Anerkennungen eingetragen. In der Wiener Kultusgemeinde waren ihm die Kanzel des großen Leopoldstädter Tempels, in den letzten Jahren auch der in der Inneren Stadt, anvertraut Im April vorigen Jahres entschloß er sich, nach voller dreißigjähriger Dienstzeit, sein Amt niederzulegen. Er hat sich nach Baden zurückgezogen und widmet sich nunmehr ausschließlich seinen wissenschaftlichen Forschungen. Möge es dem großen Gelehrten und trefflichem Manne vergönnt sein, noch lange der jüdischen Wissenschaft zu dienen. * * * Es bedarf keines besonderen Anlasses, um Dr. Max Grunwald zu sagen, welchen Dank ihm die Israelitische Kinderbewahranstalt in Wien schuldet. Die kleinen Kinder, die in dieser Anstalt in den rauhen Wintertagen vor der Kälte und Nässe in den Wohnungen ihrer armen Eltern, die ihnen nicht einmal das tägliche Brot geben können, geschützt werden, die Kleinen, die während des ganzen Jahres hier behütet, erzogen und genährt werden, die Kinder, welche die Sonne des Glückes in vollen Zügen in der Anstalt genießen können, sie alle wissen nicht, welch großes Werk der Liebe ihnen durch die Erhaltung dieser Anstalt zuteil wird. Und gerade dieser Umstand, daß der Dank für erwiesene Wohltaten von den Kindern nicht abgestattet werden kann, gerade die Tatsache, daß hier Wohltätigkeit und Menschenliebe im stillen geübt werden, beweisen, daß der wohltätige Sinn und die Menschenliebe des Gebers echt, wahr und jüdisch sind. Dr. Max Grunwald darf es sich als eine der schönsten Taten seines Lebens anrechnen, diese Anstalt gemeinsam mit einigen anderen wackeren Männern vor dem Untergang gerettet und der Menschheit erhalten zu haben. Man vergißt leicht Wohltaten, die man empfangen hat, die Menschheit vergißt zu leicht' die anderen Mitmenschen, die ihr in Liebe gedient haben. Gewiß wird ein' großer Teil, vielleicht der größte Teil der Wiener. Judenschaft vergessen, daß Dr. Max Grunwald in den schweren Zeiten der Inflation und in den noch schwereren Jahren der nachfolgenden Krisenzeit als Präsident eines Hilfskomitees eifrigst mithalf, diese Anstalt, die bereits ihre Pforten geschlossen hatte, wieder den Armen, zu öffnen. Der Dank, der ihm von allen Freunden und Gönnern dieser Anstalt abgestattet werden wird, kann niemals jenes Dankgefühl in Worten wiedergeben, das er selbst empfinden muß, wenn ihn glückliche Kinder anlachen, wenn dankbare Mütter nicht mehr um das tägliche Brot und um die Erziehung ihrer Kinder bangen müssen. Dieser Dank ist der schönste Dank, der Dr. Max Grunwald abgestattet werden kann. Möge es Dr. Max Grunwald vergönnt sein, noch lange Jahre in ungebrochener Kraft diesem Wohlfahrswerke zu dienen. Der Vorstand der . Israelitischen Kinderbewahranstalt. Umrisse des liberalen Judentums. (Outlines of Liberal Judaism). Von Claude G. Montefiore. Verlag Gustav Engel, Leipzig. In dem Vorwort zur deutschen Uebersetzung dieses merkwürdigen Buches sagt der Herausgeber Rabbiner Dr. Seligmann (Frankfurt am Main): „Man wird an diesem Buche in jüdischliberalen Kreisen, wie auch auf gegnerischer Seite nicht ^vorübergehen können, ohne sich gründlich mit ihm auseinanderzusetzen. Es bedeutet für das liberale Judentum in Deutschland einen unausdenkbaren Gewinn." Mit aufrichtigem Bedauern will Referent feststellen, daß man hier in Wien einer langjährigen und tiefgehenden Bewegung, welche das Judentum Englands, Deutschlands, Frankreichs und besonders Amerikas ergriffen hat, bisher keinerlei Beachtung geschenkt hat. Das liberale Judentum strebt einen Ausgleich der überlieferten religiösen Lehren und Riten mit dem Geist, den Forderungen, der Wirklichkeit unserer Zeit an. Es hat in diesem Buche seinen Kodex, sein Lehrsystem, die/richtige Deutung seines Bekenntnisses gefunden. Und wahrlich, es ist ein Bekenntnisbuch von „außergewöhnlicher Bedeutung". Schon 1906 hat Claude Montefiore unter dem Titel „Liberales Judentum" (übersetzt von Plaut, Verlag Pfeffer in Leipzig), die wesentlichen Differenzen desselben mit den orthodoxen Anschauungen dargelegt und fügt jetzt in Form einer weit von pädagogischen Leitfäden und Katechismen entfernten populären Darstellung Erklärungen vom Gottesbegriff, von den Wundern, von Lohn und Strafe, von der Bestimmung Israels, von Offenbarung und Inspiration, von den Gesetzen des Pentateuchs, den Propheten, von Nation und Stammesgemeinschaft, dem Unterschied zwischen Judentum und Christentum u. a. in einer schlichten, die Tiefe seiner religionswissenschaftlichen Kenntnis wohl ahnen lassenden, nie aufdringlich betonten Betrachtung hinzu. Obwohl in der Einleitung der einzelnen Kapitel zumeist die Frage behandelt wird, „wie lehr' ich es meinem Kinde?" und auch sonst die Tendenz obwaltet, der Jugend von Heute das Wesen unserer Religion mundgerecht zu machen, wendet es sich an Lehrer und Eltern, denen eine Belehrung darüber, „was das liberale Judentum glaubt und bejaht, und was es verneint und ablehnt," sicher ebenso notwendig als willkommen erscheinen muß. Die Art der Auseinandersetzung mit der Orthodoxie ist wie bei einem Edelmann selbstverständlich, vornehm und schonend, wenn auch dezidiert und jedes Kompromiß ablehnend. Montefiore hält „neue Wege heute erforderlich im Interesse der Wahrheit und der Religion... der Umstand, daß ihnen kein besserer, richtigerer und neuerer Weg gezeigt wurde, war für manche der Grund ihres Abfalls vom jüdischen Glauben und Tun." Er ist sich wohl bewußt daß religiöse Erkenntnis nicht in vollem Umfange Büchern anvertraut und in Büchern zum Ausdruck gebracht werden kann, daß Religion etwas ist, was erfühlt und erlebt wird, trotzdem unternimmt er den Versuch, eine Methode anzugeben, wie Kinder die Glaubenswahrheiten, die wir ihnen geben, allmählich zu ihrem persönlichen Glauben umwandeln können. Das liberale Judentum betont dabei, daß Gesetze und Gebote nur durch ihren eigenen hohen Wert oder durch ihren Einfluß auf Versittlichung als „göttlich" angesprochen werden können und dürfen; von vielen biblischen kann behauptet werden, daß sie nur Zusammenstellungen von übernommenen Gebräuchen anderer Völker beinhalten und „Krücken sittlicher Erziehung darstellen, deren wir nicht weiter bedürfen." Ganz hervorragend ist die Kritik und die Stellungnahme zum sozialen Charakter der Lehren der Propheten sowie zum Inhalt des Neuen Testaments in ethischer Beziehung. Hier spricht der wissenschaftliche Forscher, dem wir gelehrte Abhandlungen über „Die religiösen Lehren Jesus" und „Die synoptischen Evangelien" verdanken. Und wie berechtigt ist leider seine Feststellung: „Die christliche Bewunderung für die religiösen und sittlichen Ideale der Propheten, für die seelische Inbrunst und Schönheit der Psalmen ist schwerlich geringer als die jüdische Bewunderung und beruht manchmal, wie ich zu unserer Beschämung hinzufügen muß, auf einer genaueren und vertrauteren Kenntnis." Wirklich ganz ohne Schärfe behandelt Montefiore den jüdischen Nationalismus. Wohl ist derzeit jüdische Religions- und Stammesgemeinschaft noch identisch; aber dieser tief religiöse Mensch ist von der universalistischen Tendenz der jüdischen Lehre so tief durchdrungen, daß er die Zerstreuung Israels als am besten tauglich für die Ausbreitung seiner Gotteserkenntnis ansieht. Er nennt den Ausdruck „nationale Heimstätte" „höchst unglücklich und schlecht gewählt"; er lehnt den Verzweiflungs-Nationalismus Herzls ab, weil er an die endliche Morgendämmerung und Erleuchtung glaubt, nach welcher die Abneigung gegen Juden bei den Nichtjuden aufgehört haben wird. Er gibt loyal zu, daß er es als Engländer leichter hat, so zu denken, wie ein Pole; er wünscht von der Jugend, daß sie ihr jeweiliges Vaterland ebenso glühend liebe wie ihr liberales Judentum. Und gerade da, wo er mit nicht mißzuverstehender Deutlichkeit ablehnt, wird er vom Gegner der Oberflächlichkeit geziehen! Dieses Buch, das vom liberalen Judentum aussagt, es ist „eine wichtige positive Religion, nicht bloßer Theismus, sondern ein gut Teil mehr. Es reicht zurück in die Vergangenheit, verehrt diese und lernt von ihr. Immerhin richtet es seinen Blick mehr auf die Gegenwart als auf die Vergangenheit und vielleicht auf die Zukunft ebensosehr wie auf die Gegenwart", mutet stellenweise an wie das Werk eines Propheten, eines gottinnigen, wahrhaft begnadeten Dichters, der das auszusprechen die Gabe besitzt, was ein beträchtlicher Teil des gebildeten Judentums heutzutage denkt und fühlt. Es ist wohl geeignet, eine wirkliche religiöse Renaissance einzuleiten. Ob.-Med.-Rat Dr. H. Haase. Möbliertes DOrozhnmer I., Sa WarleraUDl, auch für Unterrichtszwecke zu TCimleten Besichtigung 9 bis 11 und 2 bis 4 Uhr Mr. ISS« 5/8

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