Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 41 (9.10.1931)
- Date
- 1931-10-09
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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OIE WAHRHEIT Seite i Die besten HuFSt-u.Selchwaren! nur von Petyan&C? XX., Kloster neuburgerstr.60 Telephon A 43-1-59 Streng orth. UPS Eigene Verkaufsstellen: II., Praterstr. 38. Telephon R40-S-12 XX.,Dammplatz6,XX.,Wallensteinstr.45 Ansonsten in allen Bezirken Wiens und größeren Provinzstädten in den durch unsere Tafel gekennzeichneten Läden. J»y Bitte verlangen Sie bei Ihrem Kaufmann nur unsere Ware! gen abgegeben hat, glaubt man anscheinend beweisen zu müssen, daß sie beileibe keine Begünstigung der Juden involvieren. Die von Kolonialminister Thomas abgegebenen Erklärungen bedeuten eine offene Ermutigung an die arabische Opposition, der zugestanden wird, daß die „nationalen und politischen Bedingungen des Landes" („racial and political conditions") eine Betätigung von Juden an führender Stelle in Palästina unmöglich machen. Vom Golem zum Flugzeug. Von Dr. Hugo S p i e g 1 e r. Im September jährte sich zum hundertsten Male der Geburtstag des großen Juden Sigmund Marcus, der das Automobil erfunden hat. Die Mechanikergenossenschaft von Wien, wo der geniale, aus Mecklenburg stammende Techniker seine letzte Ruhestätte gefunden hat, rüstet sich, sein Grab mit einem würdigen Denkmal zu schmücken. Für uns, seine Glaubensgenossen, aber ist der Gedenktag ein Anlaß, die technischen Großtaten von Juden zu registrieren und der Frage nachzugehen, ob und inwiefern diese Taten im jüdischen Geiste verwurzelt sind. Da ist in erster Linie der Wiener Philosoph und Techniker Popper-Lynkeus zu nennen, dem die Aeronautik die Erfindung des Luftkondensators, die Anwendung des Gyroskops, die Anregung zur Herstellung von Landungshäfen und eine Verbesserung der Propellerschraube verdankt. Die Juden Davidsohn und Rumpier haben Flugmaschinen, David Schwarz, auf dessen Spuren Graf Zeppelin in die Unsterblichkeit einging, das lenkbare Luftschiff aus Aluminium erfunden. Schließlich zeugt das Luftschiffmodell eines Wiener Kürschnermeisters namens Goldschmid, das 1911 in Oesterreich patentiert wurde, wie weite jüdische Schichten von dem Interesse für das technische Problem erfaßt wurden. Auch der Automobilerfinder Marcus wollte zuerst den von ihm erfundenen Benzinmotor in den Dienst der Luftschiffahrt stellen, begnügte sich aber dann damit, den Verkehr auf der Erde zu revolutionieren. haben. Hier sind vor allem die j ü d i s c h e n F1 i egerhelden des Weltkrieges zu nennen, deren ruhmreiche Taten in einem in Deutschland vielgelesenen Buche von Felix Teilhaber der Nachwelt überliefert bleiben. Es gibt aber noch eine dritte jüdische Gruppe, die den theoretischen Schöpfergeist der ersten mit dem Mute und dem praktischen Tatendrang der zweiten aufs glücklichste in sich vereint. Hieher gehört L e v i n e, der den Ozeanflug New-York— Kottbus nicht nur geistig inspiriert und finanziell ermöglicht, sondern auch persönlich mitgemacht hat. Hieher zählen wir ferner mit Stolz den jungen Wiener Juden Robert Kronfeld, der als Pionier des Segelfluges wissenschaftlicher Wegbahner und zugleich heldenhafter Rekordträger im motorlosen Fliegen ist. Der Ingenieur Aldro Pontremoli, der den verhängnisvollen Nordpolflug Nobiles mitgemacht hat und bis heute verschollen ist, war Mitglied der Mailänder Judengemeinde. Und bekanntlich ist auch der mutige Retter Nobiles, der russische Professor Samoilowitsch Jude. Diese heldenhaften Wissenschaftler unserer Tage haben jüdische Vorgänger in längstvergangenen Zeiten. So ist es fast gewiß, daß auch der Entdecker Amerikas, Christoph Kolumbus, jüdischer Abstammung gewesen ist und nicht nur er selbst, sondern auch seine Begleiter auf seiner wagemutigen Fahrt. Seriöse spanische Historiker lieferten hiefür eine ganze Reihe beachtenswerter üiiip^gp w; ^i^^^^uäi" VORNEHflE FAMILIEN - PENSION 1 lHBstaupatfoit,HaffBBbaBS 1 täglich 5-Uhr-Tee j§ ISEHHEMNG1 TELEPHON 11 jf [Hochstraße 43 3 _ neben Hotel Panhans 8 H Mäßige Preise, Zimmer mit Pension S 12.—aufwärts S m Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser I H in jedem Zimmer. 3 H Zum Besuch ladet höflichst ein Ecksteint Besitzer 9 iiHiiM^ Die geheimsten Sehnsüchte der Menschenseele offenbaren sich nach Professor Freuds Psychoanalyse im Wunschtraum. Die Wunschträume von Völkern und anderen typischen Gemeinschaften spiegeln sich in deren Mythen. Wir müssen also in den Born der jüdischen Sagen- und Märchenwelt hinabtauchen, um zu ergründen, ob und in welchem Rahmen die jüdische Seele von dem Trieb erfaßt erscheint, die rohe Materie zum Leben zu erwecken und sich dienstbar zu machen. Und da stoßen wir auf die Prager Sage vom Golem, dieser Lehmfigur, die vom hohen Rabbi Low zur Abwehr der Judenverfolger geformt, lebendig gemacht und — wieder vernichtet worden ist. Den Grund dieser Vernichtung enthüllt wohl am tiefsinnigsten das „Golem"-Drama des hebräischen Dichters L e i w i k, das von der Habima überall gespielt, in Warschau auch schon in polnischer Uebersetzung und vor kurzem sogar als Oper uraufgeführt wurde. Diese Bühnendichtung zeigt, wie die zum Leben erweckte Materie ihren Beiebern zum Verderben wird, wenn sie sie zum Rachewerkzeug, zum Instrument blutiger Vernichtungstriebe entwürdigen. Welch erschütterndes Symbol für den Mißbrauch der technischen Errungenschaften im Weltkrieg! Doch die jüdischen Wissenschaftler unserer Tage sind frei von den Vergeltungstrieben des Hasses, die in finstersten Zeiten blutiger Glaubensverfolgungen zur Schöpfung des Golems geführt haben. Die heutigen Großtaten jüdischer Techniker dienen nicht der Veistärkung, sondern der Beseitigung alles Trennen- Berufen Sie sich auf die „Union" bei Abschluß von Versicherungen bei derStädfischen Versicherungsanstalt Diese, hier übrigens keineswegs vollständig namhaft gemachte Gruppe technischer Theoretiker wird ruhmvoll ergänzt durch die Gruppe jüdischer Männer der Tat, die selbst nichts erfunden haben, aber durch ihren Opfermut den Erfindungen anderer zur praktischen Erprobung verholten <■*-.---— ~ r*.-- nusse hingegeben und in uralten Gesängen ihren Gott preisend. Der Nachbar teilt gerne mit dem Nachbarn den schmalen Platz, Glück und Friede lagert über dem Raum, als gäbe es nie ein Gestern, nie ein Morgen. Vergessen und versunken ist für Stunden, für Tage alle Not, als ob es nie einen traurig-harten Kampf gegeben ums tägliche Brot, sitzen die Männer hier in der gemeinsam erbauten Hütte, die ehrlicher und hingebungsvoller Glaube zum Palast gemacht. Nie hätten wir gedacht, daß so etwas noch möglich und besonders in unserer sorgenerfüllten Gegenwart möglich wäre. Wir haben schon das Elend Feste feiern gesehen, wir kennen die allzu oft laut grölende Art des Armen, der in Schrei und Rausch die Stimme der Not zu ersticken sucht, der vergessen will, — wir haben aber dieses sorglose und hingebungsvolle Aufgehen des Gequälten in reiner Freude nicht gekannt. Und als wir vor diesen Hütten standen, wir, die Glaubensbrüder, und mußten uns doch die Fremden wissen, da war es plötzlich in unseren Herzen wie leiser Neid und heißes Flehen: „Lass\ o Gott, auch uns so zu^Dir finden!" In diesem Augenblicke verstanden wir erst Sukkoth und verstanden das Judentum. Ein Glaube, der dermaßen bedrückte und beschwerte Menschen zu solch reiner Freude führen kann, mußte Jahrtausende überdauern. Um die Aufgabe des Judentums braucht uns nicht bange zu sein, eine Gemeinschaft, die Sukkoth feiern kann, wird sie erfüllen. B. L., Krakau. Beweise und setzten sich damit in Widerspruch zu den dilettantischen Theorien Houston Stewart Chamberlains, der den Kolumbus und seine Gefährten als typische Besitzer des „in arischen Langschädeln unruhig hämmernden, stets vorwärts treibenden Gehirns" charakterisiert. Nun muß man solch ein Gehirn doch auch den „semitischen Kurzschädeln" der Kronfeld, Levine, Pontremoli usw. zubilligen. Aber wichtiger als die Widerlegung der physiologischen Phantasien Chamberlains und seiner rasseantisemitischen Nachbeter erscheint uns die psychologische Ergründung des jüdischen Interesses für die Probleme der Technik. Ist dieses Interesse eine anerzogene Folge der Assimilation oder ist es zutiefst im Urgrund der jüdischen Seele verankert? Am 10. Oktober wird der hervorragende Gelehrte Rabbiner Dr. Max G r u n w a I d sechzig Jahre alt. In Hindenburg (Oberschlesien) geboren, kam Grunwald mit 23 Jahren, gleich nach Beendigung seiner theologischen Studien, als Rabbiner nach Hamburg und hatte bald darauf den Ruf eines ausgezeichneten Kanzelredners erobert. Er zeichnete sich auch durch mannigfaltige wissenschaftliche Arbeiten aus und seine Arbeit über Spinoza wurde preisgekrönt. Vor etwa dreißig Jahren berief ihn die Wiener Judengemeinde als Rabbiner nach Fünfhaus. Nach einigen Jahren kam er als Rabbiner in den großen Leopoldstädter Tempel, wo vor ihm der große JeI- 1 inek und Moritz Güdemann gewirkt haben. den zwischen Mensch und Mensch. Ihr Ziel ist die Annäherung von Ländern und Leuten. Ein tiefer seelischer Abgrund liegt zwischen der Erschaffung des Golems und den Rekordflügen Kronfelds und Levines. Freuen wir uns, daß das Judentum diesen Abgrund innerlich überwunden hat! Die Brücke über ihn führte aus dem Ghetto in die Freiheit, aus dem seelenvergiftenden Pesthauch der Abgeschlossenheit in die lebensbejahende Gemeinschaft aller Menschen, in denen, bewußt oder unbewußt, die messianische Sehnsucht unserer Propheten zur schöpferischen Tat wird. Ein Pfeiler dieser Brücke ist auch das Lebenswerk des Automobilerfinders Marcus, dessen Gedenktag wir gemeinsam mit der ganzen Kulturmenschheit, aber als Juden auch noch in einem ganz besonderen Sinne feiern durften. Welchen Zauber Grunwald auf seine Zuhörerschaft durch seine Predigten und Vorträge ausübte, beweist am besten folgender Fall. Er sprach vor etwa einem Jahre, von einer Studienreise in Spanien und Portugal zurückgekehrt, über_ das vierhundertjährige Martyrium der Maranen in Portugal, die nunmehr eine Rückkehr zum Judentum anstreben. Ein Student. Sohn einer vor mehreren Jahren zum Christentum übergetretenen jüdischen Familie, befand sich unter den Zuhörern. Die Schilderung Grunwalds wirkte auf das Gemüt des jungen Mannes derart mächtig, daß er sich entschlossen hat, zum Judentum zurückzukehren und auch seine ganze Familie zu diesem Schritte zu bewegen. Unvergleichlich war auch die Art, wie Grunwald zu den Kleinen zu sprechen wußte. Rührend sind die Briefe, die er Dr. Max Grunwald. Zum sechzigsten Wiegenfest des Gelehrten. Von Chaiim Bloch.