Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 41 (9.10.1931)
- Date
- 1931-10-09
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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DIE WAHRHEIT Seit« 5 Städtische Versicher unqsanstalf 4\ Direkfion: Wien. I., Tuchlauben Nr. S Telephon VZ7~5^40 Alle Versichcriniqszwciqe Immerhin zwei Jahre. Merk's Prag! Vor dem Hamburger Schwurgericht fand dieser Tage der Prozeß gegen den rechtsradikalen ehemaligen Polizeioberwachtmeister Pohl statt, der am 13. März 1. J. im Hamburger Polizeipräsidium den ihn in einer Disziplinarsache vernehmenden Regierungsrat* Lassally zu erschießen versuchte und schwer verwundete. In seiner Vernehmung erklärte Pohl, -daß er die Tat absolut nicht bereue. Ueber die Motive der Tat sagte Pohl aus, er habe -sich über die unfreundliche Art Lassallys, der ihn wegen seiner Propaganda für den Nationalsozialismus unter der Polizeimannschaft disziplinarisch zu vernehmen hatte, geärgert und habe sich dagegen gewehrt, daß ein JudeeinenNationalsozialisten in solcher Weise vernehmen dürfe, es habe ihm nicht gepaßt, vor einem jüdischen Republikaner stramm stehen zu müssen. (Lassally ist Abkömmling einer angesehenen Hamburger jüdischen Familie, ist aber aus dem Judentum ausgetreten.) Für die politischen Zusammenhänge des Attentats ist bemerkenswert, daß Pohl der nationalsozialistische Abgeordnete Frank II (München) als Verteidiger angeboten worden ist. Nach der Tat •erhielt er eine Glückwunschkarte, die die Worte -enthielt: „Für Dich ist gesorgt, nieder mit der Judenrepublik!" Der als Zeuge vernommene Polizeiwachtmeister Knoop kennzeichnete Pohl als Judenhasser, der schon 1928 erklärt hat, die „Judenregierung müsse aufgehängt werden. Die Gastwirte, in deren Lokalen Pohl verkehrte, sagten aus, daß Pohl sich nationalsozialistisch gebärdete und andere Gäste belästigte. Als Hauptzeuge wurde Regierungsrat Lassally vernommen. Er erklärte, daß er vom Hamburger Polizeipräsidenten Campe beauftragt gewesen sei, drei Polizeibeamte wegen nationalsozialistischer Betätigung zu vernehmen. Er habe für Pohl sogar beim Polizeipräsidium eine mildere Bestrafung verlangt als die beantragte Dienstentlastung. Er sei also nicht voreingenommen gegen Pohl gewesen. Er sei durch den Revolverschuß Pohls unterhalb des Herzens getroffen worden, hatte jedoch noch die Kraft, Meldung beim Chef der Kriminalpolizei zu erstatten und die Festnahme von Pohl zu veranlassen. Der Oberstaatsanwalt beantragte, unter Versagung mildernder Umstände, wegen versuchten Totschlags die Mindeststrafe von fünf Jahren Zuchthaus. Das Gericht verurteilte Pohl lediglich wegen Totschlagsversuchs mit zwei Jahren Gefängnis unter Anrechnung der Untersuchungshaft von 6 Monaten und führte in der Begründung aus, Pohls Attentat sei eine reine Affekthandlung gewesen, ihm seien mildernden Umstände im weiten Sinn zuzugestehen, da er den Schuß bei verminderter Zurechnungsfähigkeit abgegeben habe. Die „jüdischen" 14Punkte Wilsons. Versuch einer Belehrung Unbelehrbarer. Wer es noch nicht gewußt hat, daß das Alpha -und Omega des Antisemitismus vernagelte Dummheit ist, dem lieferte die antisemitische Presse dieser Tage wieder einmal einen Beweis. Im „Israelitischen Wochenblatt für die Schweiz" stand vor kurzem folgende Notiz: „In New York wurde auf einem Bankett zu Etaren Walter Lippmanns die in eingeweihten Kreisen schon längst bekannte Tatsache bekanntgegeben, daß Lippmann der Verfasser der „Vierzehn Punkte Wilsons" war. Lippmann, der 1889 im jüdischen Stadtteil New Yorks geboren wurde, zeigte besonderes Interesse für internationale politische Fragen, wurde Redakteur der „World", der größten demokratischen Zeitung New Yorks, und als solcher mit Wilson bekannt. Lippmann bekam großen Einfluß in demokratischen Kreisen und wurde von Wilson in das Kabinett als Unterstaatssekretär des Kriegsministers berufen. Zur raschen Herbeiführung eines gerechten Friedens arbeitete Lippmann die vierzehn Punkte aus, die in der Welt, wie kaum je .zuvor ein Friedensprogramm, Aufsehen erregten. Bei Friedensschluß begleitete Lippmann den Präsidenten zur Friedenskonferenz nach Paris. Als er aber sah, wie die Alliierten die vierzehn Punkte interpretierten und Wilson in vielem nachgab, reiste er nach Amerika zurück und organisierte dort die Opposition gegen Wilson. Dieser erhielt im Senat und im Repräsentanten-Haus keine Mehr, heit mehr, und so blieb der Versailler Pakt von Amerika unratiBziert." An diese Notiz knüpft der „Michel", das Crazer völkische Wochenblatt, folgende geistvolle Bemerkung: „Nun wissen wir es: Der Verfasser der berühmten und berüchtigten „14 Punkte Wilsons", mit denen die Feinde das deutsche Volk in die Falle gelockt haben, ist ein Jude. Es ist eben schon geschichtliches Gesetz, daß alles, was von den Söhnen Jakobs kommt, dem deutschen Volke Unheil bringt." Es bleiben einem angesichts dieser Interpretation nur zwei Möglichkeiten zur Auswahl: Entweder die Schriftleitung des „Michel" hält mit Recht ihr Lesepublikum für so dumm und vergeßlich, daß es nicht mehr weiß, was es mit den 14 Punkten, dem Waffenstillstand und dem Friedensdiktat von Versailles für eine geschichtliche Bewandtnis hat, oder sie ist es selbst. Wäre der Friedensvertrag und der ihm vorangehende Waffenstillstand eine Verwirklichung des „14 Punkte- Programms" geworden, so hätten Deutschland, Oesterreich und die Welt nicht halb soviel unter den unseligen Wirkungen der Friedenschlüsse politisch und wirtschaftlich zu leiden, wie es seit zwölf Jahren der Fall ist. Denn dann wäre der Friede unter Voraussetzungen zustande gekommen, die selbst die letzte kaiserlich-deutsche Regierung noch für akzeptabel hielt und die das wirtschaftliche und politische Gleichgewicht in Europa nicht so toll verschoben hätten, wie es in Versailles und St. Germain geschehen ist. Der moralische Vorwurf, den das deutsche Volk bis zum Tage der Wiederherstellung dieses Gleichgewichtes gegen seine ehemaligen Kriegsgegner mit Recht erheben darf, ist ja gerade der, daß der Geist der „14 Punkte" sich im Friedensdiktat und schon vorher im Waffenstillstandsvertrag bis zur Unsichtbarkeit verflüchtigt hatte. Aber daran dem jüdischen Verfasser des „14 Punkte-Programms" die Schuld zu geben, der charakterfest genug war, dem Präsidenten Wilson energisch den Rücken zu kehren, als dieser sich in verhängnisvoller Schwäche durch Clemenceau und die übrigen Staatsmänner der Entente Schritt für Schritt von seinem eigenen Konzept abdrängen ließ, dazu muß man sich wohl in einer Geistesverfassung befinden, die man nur entweder als antisemitisch oder als borniert bezeichnen kann, ohne dadurch den Sinn der Sache im geringsten zu verändern. Badezimmer- Einrichtungen Modernste Ausführung — Zahlungserleichternng* — Kostenüberschläge gratis „Elphora", ]., Dominikanerbastei 22 Ecke Kai 7/9 Telephon R 24-4-16 tt Veröffentlichungen der „Union Sie können nur verleumden. Die „Deutschösterreichische Tageszeitung", gemeiniglich „Dötz" genannt, brachte in ihrer Gerichtssaalrubrik vom 23. v. M. den Bericht über ein abscheuliches Abenteuer, das ein achtzehnjähriges Mädchen im Jänner d. J. in der Mödlinger Buchhandlung Eduard Roth erlebte und das kürzlich sein gerichtliches Nachspiel fand. Während der eigentliche Schuldige, Eduard Roth, wegen Geisteskrankheit in eine Heilanstalt überstellt wurde, wurde sein Bruder Lorenz Roth vom Bezirksgericht Mödling wegen versuchter Verleitung zur falschen Zeugenaussage zu einer Woche strengen Arrests verurteilt, eine Strafe, die auch vom Berufungssenat bestätigt wurde. Der Fall wäre für uns — abgesehen von seiner Abscheulichkeit — völlig uninteressant, würde nicht die „Dötz" in ihrer bekannten Judenschnüffelei der ohnedies üblen Sache noch einen antisemitischen Beigeschmack gegeben haben. Sie betitelt nämlich ihren haarsträubenden Bericht kurz und bündig mit »In den Klauen eines jüdischen Wüstlings". Der jüdisch klingende Name Roth hat es der guten „Dötz" anscheinend angetan. Sie ist aber wieder einmal auf dem Holzweg. Die „Union" ließ es sich nicht verdrießen und stellte Erkundigungen nach der Herkunft der beiden feinen Brüder an. Und siehe da: sie stammen weder väterlicher-, noch mütterlicherseits von Juden ab, sind also sozusagen Vollblutarier. Wir gönnen der „Dötz" aus vollstem Herzen diesen Reinfall, gönnen ihr den geisteskranken — aber nicht jüdischen — Wüstling, gönnen ihr seinen gut arischen Bruder mit seiner bestraften Verleitung zur falschen Zeugenaussage. Die Bezirksorganisation Leopoldstadt der „Union" veranstaltet Donnerstag, den 15. Oktober, 8 Uhr abends, im Klubsaal des Cafe Zentral, IE, Taborstraße 8, eine Versammlung, bei der das Zentralvorstandsmitglied, Herr Dr. Ernst Feldsberg, über „Die politische und wirtschaftliche Lage der Juden Oesterreichs" sprechen wird. An« schließend Diskussion. Gäste herzlich willkommen! ^i—i—n——t Veranstaltungen berjugenb-llnion Klublokal: Cafe City, DL, Berggasse 1. Samstag, den 10. Oktober, 8 Uhr abends 3. Geselliger Abend bei erstklassiger Lautsprecheranlage. * Dienstag, den 13. Oktober, 'A9 Uhr abends, Veranstaltung der kulturellen Sektion Obermedizinalrat Dr. Heinrieb Haase: „Judentum und Christentum — Gegensätzliches." Gäste bei allen Veranstaltungen willkommen! Dringende Bitte für eine Kranke! Die Fürsorge-Zentrale der israelitischen Kultusgemeinde Wien bittet um Ueberlassung eines Krankenfahrstuhles für die im Versorgungshaus Lainz befindliche Frau R. A. Nachricht wegen Abholung an die Fürsorge-Zentrale der israelitischen Kultusgemeinde, L, Seitenstettengasse 2/1, erbeten. REICHHALTIGE, MODERNE LEIHBIBLIOTHEK DER BÜCHERSTUBE JVL RATH WIEN II., TABORSTRASSE Mr. 20a TEL. R 43-1-58 ALLE NEUERSCHEINUNGEN 1 REICHE AUSWAHL IN HIBRAIKA UND JUOAHCA 1» eagllMhar ant fhuHoslschw Literatur MONATSQEBUHR NUR S 3^- KETNE BANDGEBÜHR! TÄGLICHER UMTAUSCHl