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Die Wahrheit · 1931-10-09 · Heft 41 (9.10.1931) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 41 (9.10.1931)
Date
1931-10-09
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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Seite 2 DIE WAHRHE11 wie er es mit unseren Vätern gewesen ist, er verlasse uns nicht und gebe uns nicht auf. Aber noch in einem anderen Sinne soll dieses Wort Geltung für uns haben! Wir sollen uns endlich bewußt werden, daß wir keine Hilfe von irgendwo zu erwarten haben, als von uns selber und von unserem allgütigen Vater, der uns ja doch niemals verlassen wird. Denn blicken wir umher, ist es nicht traurig, daß fast in keiner Körperschaft wir Juden Sitz und beratende Stimme haben. Wir werden zwischen den Parteien wie zwischen Mühlsteinen zerrieben und unsere Kinder können wedter beim Bunde, noch in den Ländern und Städten eine Unterkunft finden. Als ob wir nicht alle Opfer für diesen Staat freudig auf uns genommen hätten! Allerdings, wir sind keine Patrioten auf Kündigung, sondern wir sind auf Gedeih und Verderb mit diesem Staate verbunden. Und — das sei keine Drohung, nur eine Eiklärung für manche Verzweiflungstat — man verärgere uns nicht, weil schließlich doch auch in uns ein Maß von Verbitterung sich ansammeln müßte, denn auch wir sind nur Menschen, Menschen mit ihren Vorzügen und ihren Gebrechen. Aber ich weiß, meine Worte werden verhallen. Aber nicht verhallen sollen meine Worte bei euch, wenn ich euch sage: Haltet zusammen, seid einig, bannet Streit und Hadier aus unserer Mitte, bietet nicht Handlangerdienste unseren Feinden, indem ihr einen Fehler, einen Irrtum gleich öffentlich kundgebet, ohne vorher geprüft zu haben, ob das, was ihr als Schuld bezeichnet, auch tatsächlich ein Fehler war. Seid euch bewußt der Verantwortlichkeit, die jeder Jude mit sich trägt. Ahmen wir nicht Methoden von Menschen nach, denen nichts heilig ist, wenn sie nur ihre egoistischen Ziele zu erlangen glauben. Aber in erster Reihe, kehren wir zu unserem allgütigen Vater zurück! Halten wir Treue seinen Geboten, unterwerfen wir uns seinen Satzungen, die uns wieder einen Antrieb zu einem — ich bin fest davon überzeugt — schöneren und glücklicheren Leben bieten werden. Und dir Jugend rufe ich zu: laß dich nicht kleinmütig machen und einschüchtern, denn das ist ja das satanische Ziel unserer Gegner, sondern mutig vorwärts mit Gott und eurem reinen Gewissen! Haben es nicht auch unsere guten Eltern so gehalten! Auch sie hatten viel zu leiden, auch sie haben in ihren Zeiten solche kulturwidrige Schandurteile, wie das eingangs erwähnte, erlebt, aber während1 die Sünder an der Kultur zugrundegegangen sind, weil ja die Weltgeschichte auch das Weltgericht ist und keine Schlechtigkeit ungeahndet bleibt, haben sie sich erhalten und haben uns eine Lehre als Erbe überliefert, die uns Kraft und Mut gibt, alle Leiden zu überwinden. Und so haben wir heute nur den Wunsch, daß unsere guten Eltern, unsere Teuren, die dort oben im Schatten des Allmächtigen weilen und für die wir jetzt beten werden, sich mit uns in diem Gebete vereinigen: Möchte doch der Ewige unser Gott mit uns sein, wie er es mit ihnen war, er verlasse uns nicht und gebe uns nicht auf! Amen! Der Fall Bentwich. Mit gemischten Gefühlen hat die jüdische Welt von der Antwort Kenntnis erhalten, die der Kolonialminister Thomas im englischen Unterhaus auf eine Anfrage des Colonel Wedgwood bezüglich des Rücktrittes des palästinensischen Oberstaatsanwalts Norman Bentwich erteilt hat (siehe vorige Nummer der „Wahrheit"). Die zionistische Presse ist hellauf empört und läßt eine Schimpfkanonade gegen die englische Regierung los, die sie bei ihrem Amtsantritte wegen ihrer angeblichen „Palästinafreundlichkeit" in den lautesten Tönen der Begeisterung begrüßt hatte; für die Nichtzionisten bedeutet die Antwort Thomas* nur eine neue Bestätigung ihres Mißtrauens bezüglich der Durchführbarkeit der national-zionistischen Politik im Heiligen Lande. Bentwich war der letzte jüdische Oberbeamte Palästinas, er hat sein Amt noch in der Aera Herbert Samuels übernommen; damals wurde noch von der Mandatarmacht die Auffassung geteilt, daß die Proklamation des Jüdischen Nationalheims einen Anspruch der Juden auf Teilnahme an der Verwaltung des Landes begründet. England ernannte einen jüdischen High Commissioner und gab eine Reihe von anderen Zentralämtern der Palästina-Verwaltung in die Hände britischer Juden. Nach und nach sind diese Juden verschwunden und wurden durch Nichtjuden ersetzt. Bentwich allein blieb übrig, und er hat in den zehn Jahren seiner Tätigkeit dem Lande anerkanntermaßen große Dienste geleistet; seine bedeutenden juristischen und administrativen Fähigkeiten, die Besonnenheit seines Urteils und die O b j e k t i v i t ä £., seines Verhaltens standen über jedem Zweifel. Eine äußere Handhabe zur Versetzung Bentwichs bestand nicht. Die Araber haben fortgesetzt einen Druck in dieser Richtung ausgeübt; obwohl in Wahrheit Bentwichs Amtsführung nicht die geringste Benachteiligung der Araber mit sich brachte, war die bloße Anwesenheit eines Juden unter den Spitzenbeamten für die Araber eine nationale Prestige-Angelegenheit. Offenbar haben sie besonders auf den letzten High Commissioner Sir John Chancellor einen fortgesetzten Druck ausgeübt, indem sie darauf hinwiesen, daß das Mißtrauen der Araber gegen eine „prozionistische Parteilichkeit" der Regierung nicht beseitigt werden kann, solange Bentwich auf seinem Posten bleibt. Als Bentwich vor fast einem Jahre beurlaubt wurde, mehrten sich die Gerüchte, daß er nicht mehr auf seinen Platz zurückkehren werde. Es ist müßig, die Gründe, die man für seinen Abgang vermutete, hier zu erwähnen, da ja jetzt durch die Antwort des Kolonialministers der „rassische und politische Hauptgrund" in unzweideutiger Weise ausgesprochen wurde. Bentwich hat sich dem auf ihn ausgeübten Druck, ein anderes Engagement im britischen Kolonialdienst anzunehmen, widersetzt. Er zwang die Regierung zu klarem Spiel, indem er forderte, entweder nach Palästina zurückgesandt zu werden oder aber offen wegen seines Judentums des Amts enthoben zu werden. Offenbar war er der Meinung, daß die Regierung vor einem derartigen offenen Schritt zurückschrecken wird. Aber das Unerwartete ist geschehen. Man hat, um Bentwich von Palästina fernzuhalten, ein besonderes, nur auf seine Person zugeschnittenes Arrangement treffen müssen; er wurde acht Jahre vor Erreichung des pensionsfähigen Alters pensioniert. Dieser ungewöhnliche Vorgang beweist, welchen Wert man darauf legte, Bentwich los zu sein, und zwar nicht aus irgendwelchen persönlichen Gründen, sondern nur weil man keinen Juden in der obersten Verwaltung Palästinas haben will. Es wäre unrichtig, hier von Antisemitismus im üblichen Sinne zu sprechen. In einem Augenblick, wo der Außenminister und der Innenminister Englands und der Generalgouverneur des australischen Dominion Juden sind, kann man nicht behaupten, daß England die Besetzung eines hohen Amts mit einem Juden verweigert. Nicht eine Frage des „Antisemitismus" liegt hier vor, sondern eine politische Frage. In Palästina kann heute ein — britischer! — Jude nach Auffassung der Mandatarmacht kein hohes Amt bekleiden, gerade weil Palästina das Land des Jüdischen Nationalheims ist. England will offenbar beweisen, daß die Proklamierung des Jüdischen Nationalheims kein Präjudiz zugunsten der Juden schafft, und so kommen wir zu dem merkwürdigen Zustand, daß in England selbst und in jedem Teil des englischen Weltreichs ein Jude zum höchsten Amt gelangen kann — mit der einzigen Ausnahme des Mandatsgebietes Palästina, auf das sich die Balfour-Deklaration, das Palästina- Mandat mit seiner „Anerkennung der historischen Verbundenheit des jüdischen Volkes" mit diesem Lande, die wiederholten Versicherungen Englands über loyale Durchführung des Jüdischen Nationalheims beziehen. Gerade weil man diese Erklärun- Feuilleton Sukkoth in Krakau. Der Besuch eines Geschäftsfreundes aus Wien gerade um Sukkoth-Beginn gab mir Gelegenheit, mit diesem Herrn gemeinsam über seinen Wunsch einen Rundgang durch Krakaus Judenstraßen zu machen. Ich will es gleich vorwegnehmen: dieser regentrübe, naßkalte Septemberabend ließ mir den Spaziergang nicht sehr verlockend erscheinen, und ich gedachte damit bloß die selbstverständliche Pflicht dem Wunsche des Gastes gegenüber zu erfüllen. Denn was, so sagte ich mir, gäbe es denn gar schon zu sehen? So und so viele Male bin ich schon im Verlaufe meines nahezu zweijährigen Aufenthaltes in Krakau durch diese schmalen, armseligen, holprigen Straßen gegangen, habe das Elend und die Not zwischen uralten Häusern gefühlt, habe für Augenblicke jenes Mitleid empfunden, das sich oft verstohlen in unsere Herzen schleicht, um rasch verdrängt zu werden, weil wir zu lax oder zu schwach sind, um zu helfen, oft hat mich auch an Feiertagen der Weg in jene Gegend geführt und die Ruhe und die Leere der Straßen ließ den Gedanken an einen Friedhof aufkommen, alles in allem also: Emotionen sonderlicher Natur, die erwartete ich nicht Doch als wir nach diesem Spaziergang auseinandergingen und der Gefährte dem Führer dankte, da wußte ich, daß ich der Schuldner war, der Schuldner dieses Mannes, dessen Interesse für alles Menschliche mir Ungeahntes eröffnet hatte. Sukkoth — was wußte ich davon? Trotz jüdischer Erziehung, trotz ständigem Kontakt mit Juden und Judentum war mir dieses Fest doch nur ein wesenloser Begriff, die Laubhütte ein lebloses Museumsstück. Was mag dieses Fest wohl Tausenden von Juden sein, die in noch loseren Beziehungen zu dem Glauben ihrer Väter stehen, was wissen besonders die jungen Menschen der Großstadt von heute über diese Tage? Wenn einer von ihnen noch die ethische Bedeutung dieses Festes der Offenbarung erfaßt, dann kann er, wohl mit Recht, gemessen an der Ignoranz seiner Mitjuden als Wissender angesprochen werden. Ich wollte, ich hätte nicht einen Herrn aus Wien, nein, ich hätte sie alle, die so oft mit leichtfertiger Handbewegung Jüdisches abtun, geführt. Ich wollte, sie alle wären mit mir gegangen an diesem Abend, zusammenschauernd vor der in die Haut dringenden kalten Nässe, erzitternd aber bis ins Herz vor dem Geschauten. Wenn am Rosch-Haschonoh, wenn am Jörn Kippur dieses ganze Judenviertel eine Synagoge scheint, wenn an diesen Tagen allenthalben aus geöffneten Fenstern flehentliches Beten um Gesundheit und Lebensunterhalt, um Verständnis und Vergebung sich zu einem einzigen heißen Gebet vereinigt, wenn an diesen heiligen Festen der Schall von Schofar um Schofar zu einem einzigen Posaunenhall wird — uns packt auch das. Aber es ist uns irgendwie nah, wir kennen, wir ahnen die Bedeutung dieser Feste auch im Westen, in Wien, wir kennen die geschlossenen Geschäfte, wir wissen um das absolute Bekenntnis auch des schon Entfremdeten zum Judentum an diesen Tagen. Aber, was wir hier zu Sukkoth sehen, ist irgendwie mehr und ungeahnt, so ungeahnt und für uns unvorstellbar, daß es uns eben erzittern macht. Wenn arme, gequälte, verkümmerte und gehetzte Menschen inbrünstig Besserung ihres traurigen Loses erbitten, wenn sie weinend und selbstanklagend Gott um Hilfe anrufen, so ist das nur zu leicht verständlich und nur die Intensität und Bedingungslosigkeit, mit der sich der Ostjude seinem Gotte hingibt, mag uns verwunderlich erscheinen. Aber, wenn eben diese Menschen, von denen wir jedes einzelne Gesicht schon irgendwo in dem Kollektivgesicht des Jammers gesehen haben, aus dumpfen, stickigen Räumen in die Sukkoth finden und imstande sind, vor der Tür der Laubhütte den kummervollen Alltag restlos abzustreifen und mit reiner, verklärter Freude das Fest zu genießen — in diesen Menschen muß ein Funke der Gottheit ruhen. Wir sahen in eine unter dem Straßenniveau liegende, erbärmliche Wohnung — man muß diesen Ausdruck gebrauchen, denn er wurde für die Behausung des Menschen geprägt — wir umfingen mit wenigen Blicken dieses abgrundtiefe Elend und unser Herz öffnete sich weit, als es in der Hütte im Hofe dieses Hauses die Menschen aus jenen Kellerlöchern sah, den Abglanz eines Königspalastes auf den Gesichtern. Unfaßbar scheint es und unglaublich, daß es die gleichen Menschen waren,, die da, eng aneinandergedrängt, um den Tisch saßen, der Raum hell erleuchtet von weihevollen Kerzen, die Tafel, ja, die Tafel reich gedeckt, froh und glücklich dem Ge-

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