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Die Wahrheit · 1931-06-26 · Heft 26 (26.6.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 26 (26.6.1931)
Date
1931-06-26
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 jene Ideen und Gedanken, die auch wir vertreten, insbesondere den Gedanken, daß wir Juden in diesem Staate keine Fremdlinge sind, daß wir hier längst das Heimatsrecht erworben haben, daß wir mit den anderen Bürgern dieses Staates Gleichberechtigte und Gleichverpflichtete sind. Auf der parlamentarischen Tribüne — ein wahrer Gottesstreiter — umbrandet vom Geheul der Judenfeinde, verteidigte Dr. Bloch mutig jüdisches Recht und jüdische Ehre. Aber auch draußen in der vergifteten Atmosphäre des Antisemitismus klang sein Wort der Aufklärung, war er, hingerissen von der Erhabenheit seiner Aufgabe, mit ganzem Herzen und ganzer Seele bestrebt, die gegen uns Juden verbreiteten Irrtümer aufzuklären und Vorurteile zu beseitigen. Unvergesesn ist und bleibt — vielleicht das herrlichste Ruhmesblatt in seinem Lebenswerke — sein ruhmvoller Kampf gegen den Kanonikus August Rohling. Es ist, als ob sich an Dr. Bloch die Worte des Propheten Jeremias erfüllt hätten: „Sie werden wider Dich streiten, aber nichts sollen sie wider Dich vermögen." Der Sieg, der ihm schließlich leuchtete, war ein Sieg des ewigen Rechtes, war ein Sieg der ewigen Wahrheit, war ein Sieg des ewigen Judentums. Die Ehrung, die diesem um das Judentum so hochverdienten Manne heute, wenn auch reichlich verspätet, doch noch immer nicht zu spät, zuteil wird und für die ich im Namen der „Union" allen Beteiligten herzinnigen Dank sage, gilt nicht einer Person, sie gilt einer Persönlichkeit. Dr. Blochs Name wird fortleben, wenn unser aller Leib längst zu Staub zerfallen sein wird, und sein Name wird immer genannt werden, wenn man die besten Namen von Streitern für das Judentum nennen wird. Ihm danken wir in dieser Feierstunde bewegxen Herzens für all sein Wirken, das für das Judentum so segensreich war, und wir, die wir treue Anhänger der „Union" sind, die sein Werk ist, geloben in dieser Stunde, in seinem Sinne und Geiste weiterzuarbeiten und den Kampf zu führen gegen aile unsere Widersacher, so wie er es uns vorgeson Dr. Blochs, sondern zugleich ein Bekenntnis zu seinem Programm. Doktor Bloch hat dieses Programm verkörpert, er hat es in seinen Schriften niedergelegt, von denen noch einige, von ihm druckreif hergestellt, der Veröffentlichung harren. Er stand eben auch, wie so viele, am Ziel seiner Tage nicht zugleich am Ziel seiner Pläne. In diesem handschriftlichen Nachlaß finden sich halachische Aufzeichnungen, die der Achtzehnjährige, damals Bachur in Eisenstadt, in zwei Kollektaneen herauszugeben geplant hat. Der Titel des einen Heftes sollte lauten: Schemuel haroeh (Samuel der Seher), der des anderen: Atereth Josef (die Krone Josefs). Diese beiden seine Vornamen Samuel und Josef bezeichnen das Programm Dr. Blochs. Samuel vertrat den judäeozentrischen Standpunkt. Wenn das Volk „sein wollte wie die anderen Völker", betonte S am u e 1 den Standpunkt des wissenden und bewußten Juden, der Besinnung auf den jüdischen Eigenwert lehrt und fordert. Josef zeigt die Einstellung der jüdischen Außenpolitik, die Akkomodation an die Umgebung für geboten hält, wenn der Jude in ihr sein Recht als Gleicher unter Gleichen erkämpfen und behaupten soll. Die Ausgeglichenheit zwischen diesen beiden Richtlinien stellt vorbildlich Dr. Bloch dar. Floridsdorf, sagte ein Vorredner, ist durch Dr. Bloch berühmt geworden. Dankbar ist aber auch anzuerkennen, was Floridsdorf für Doktor Bloch geworden ist. Es ist nicht nur der Rahmen für einige Jahre seines Lebens, es liegt vielmehr gerade an dem entscheidenden Punkte, an dem das voRNcnnc ranniEN- Pension ^r*yajgg£gfls Sf^i^ 'Z '^Mxki^Mk täglich 5-Uhr-Tee ISCPIMERINO TELEPHON 11 (Hochstraße 43 _ neben Hotel Panhans Ü Mäßige Preise. Zimmer mit Pension S 12-—aufwärts H Zentralheizung, fließendes Warm- und Kaltwasser g in jedem Zimmer. M Zum Besuch ladet höflichst ein Eckstein» Besitzer limim™ Lebensilüßchen des Rabbiners Dr. Bloch zu mächtigen Lebensstrome des „Rabbi Bloch" erstarkte. Wir fragen heute nicht, was es geographisch, sondern was es biographisch iür unseren großen Toten bedeutet. Mag es auf der Landkarte gar keinen Platz besitzen, in unserem Herzen gebührt ihm ein Ehrenplatz. Und ist die Gemeinde Floridsdorf, wie hier betont wurde, heute nur ein Teil einer Großgemeinde, ungeteilt gehört den Floridsdorfern die Dankbarkeit, die uns die Pietät gegen Dr. Bloch einflößt, den Floridsdorf so würdig zu ehren weiß. Rabbiner Dr. Max Grunwald verrichtete hierauf das Kaddisch-Gebet, mit dem die eindrucksvolle Feier schloß. Sie hat gezeigt, daß das Wiener Judentum seinen Großen das verdiente Andenken bewahrt, daß es sich ihrer in Dankbarkeit und Verehrung erinnert. Schächtverbot in Braunschweig. Der Braunschweiger Landtag hat in seiner Plenarsitzung am 18. Juni den GesetzentwurfaufallgemeinenBetäubungszwang, auch für Federvieh, angenommen. Ueber den Verlauf der Verhandlungen erfahren wir von der deutschen Reichszentrale iürSchächtangelegenlieiten, deren Vernach Abhacken des Kopies ohnehin von Bewußtsein keine Rede mehr sein könne. Als der Abgeordnete Dr. v. Frankenberg (Soz.) über den Inhalt des Gesetzes und die dagegen geltend zu machenden Bedenken sich äußerte, riet ihm ein nationalsozialistischer Abgeordneter die Worte zu: „Sie sind einer vom Reichsbanner, diese Mordbuben!" Im gesamten Hause brach ungeheure Erregung aus, und da der Präsident nicht eingriff, erklärte Dr. v. Frankenberg: „Sie dürfen Berufen Sie sich auf die „Union bei Abschluß von Versicherungen bei der Städtischen Versicherungsanstalt zeichnet hat, mit den geistigen Waffen, die uns zu Gebote stehen. In diesem Kampfe leuchte uns sein Geist voran, beseele uns sein Mut, erfülle unsere Herzen seine heiße Liebe für das Judentum. Nach diesen mit hinreißendem Schwung vorgetragenen Ausführungen wies Rabbiner Dr. M. Grunwald nach einigen einleitenden Worten des Dankes der Familie für die Veranstaltung dieser Ehrung seines verewigten Schwiegervaters im Anschluß an einen seiner Vorredner darauf hin, daß Dr. Bloch trotz der Verschiedenheit der Standpunkte von Dubn o w in seiner jüdischen Geschichte nach Gebühr gewürdigt wird, wie er ja auch in das von den preußischen Akademien herausgegebene Deutsche Biographische Jahrbuch Aufnahme gefunden hat, iu dem man selten einem Juden begegnet. Zum Motto für eine Biographie Dr. Bloch's passe die Inschrift auf dem Grabsteine Herders: „Licht, Liebe, Leben". Dr. Bloch verbreitete Licht mit der Kraft seines Geistes. „Der Bloch", wie man seine Wochenschrift kurzerhand nannte, bildete einen Sammelpunkt jüdischen Lebens selbst in weitester Ferne. Alles aber, was er tat, tat er aus L i e b e zu seinen Brüdern. Daß diese Liebe Gegenliebe gefunden hat, beweist dieser Festakt und sein Anlaß, nicht zu spät, wie man gesagt hat. Wahre Liebe gehört zu den Früchten, die langsam reifen. Ein Herr des Festkomitees hat bemerkt: „Von dieser Feier soll eine neue Aera einer gerechteren Würdigung Dr. Blochs ihren Anfang nehmen." Sie ist in der Tat nicht nur eine Huldigung an die Per- B Herrenort oniider Nur Ia-Qualitäten nach Maß und fertig lagernd, eventuelle Zahlungserleichterungen bis zu 1 Jahr werden gewährt. c 1IÜER-UWÖL ^WlENVlKiwrnena.6 TeLB20M3 treter sich wiederholt zur Bearbeitung der Sache von Berlin nach Braunschweig begeben hatten, folgendes: Der Rechtsausschuß des Braunschweiger Landtages hat sich in mehreren Sitzungen eingehend mit der Schächtmaterie befaßt und war einmütig zu dem Ergebnis gelangt, dem Plenum die Annahme des auf Grund eines früheren Landtagsbeschlusses von der Regierung vorgelegten Gesetzentwurfes auf Betäubungszwang anzuempfehlen. Die Parteien waren dahin belehrt worden, daß in dem elektrischen Betäubungsverfahren eine für das Judentum annehmbare Methode gegeben sei, so daß eine allgemeine Betäubungsvorschrift nicht störend wirken würde. Sie mußten in letzter Stunde darüber aufgeklärt werden, daß mit der elektrischen Betäubungsmethode aui Grund der bisherigen Beobachtungen Verletzungen verbunden sind, die das Tier religionsgesetzlich genußuniähig machen und somit der Betäubungszwang einem Schächtverbot gleichkomme. Die Zustimmung sämtlicher Abgeordneten hatte auf irriger Voraussetzung beruht. Erst auf Grund des Tatsachenberichtes entschloß sich ein erheblicher Teil der Abgeordneten, dem Gesetzentwurf vorerst die Zustimmung zu versagen, um Gelegenheit zu geben, die Beobachtungen über das elektrische Betäubungsverfahren fortzuführen. Am Mittwoch, den 17. Juni, fand die erste Lesung über das Schlachtgesetz statt Voran ging die Behandlung eines von nationalsozialistischer Seite eingebrachten Antrages, der sich gegen die deutsche Notverordnung richtete. Bei der Aussprache über diesen Punkt kam es zu wüsten Szenen und Tumulten, an denen Nationalsozialisten und Kommunisten beteiligt waren. Ein Kommunist wurde -ausgewiesen, die Sitzung unterbrochen, das Haus mit Polizei besetzt, und erst nach einstündiger Pause wurde versucht, die Verhandlungen fortzuführen. Die sozialdemokratische Fraktion protestierte gegen die einseitige Präsidialführung des nationalsozialistischen Abgeordneten Zörner, der Abgeordnete der Linken bei dem kleinsten Zwischenfall aus dem Saal verweise, die wüsten Ausfälle der Rechten jedoch überhöre. In dieser Situation einer bis aufs äußerste angespannten Erregung gelangte in vorgerückter Tagesstunde das Schächtgesetz zur Behandlung. Der Angehörige der Volksnationalen Reichsvereinigung Schräder (Jungdo) brachte den von sozialdemokratischen Abgeordneten unterstützten Antrag ein, den Gesetzentwurf an den Ausschuß zurückzuverweisen, da die gesamte Materie, insbesondere die Frage der elektrischen Betäubung, als nicht abgeschlossen angesehen werden könne. Auch halte er den für Federvieh vorgeschlagenen Betäubungszwang für praktisch undurchführbar und nicht begründet, da ja das hier sagen, weil der Präsident mich nicht in Schutz nimmt." Hierauf der nationalsozialistische Präsident: „fch nehme an, daß kein Mitglied des Hauses gemeint war. Es ist aber richtig, daß das Reichsbanner Morde auf dem Gewissen hat." Auf Grund des Verhaltens des Landtagspräsidenten verließ die sozialdemokratische Fraktion unter Protest den Sitzungssaal. Der Präsident ließ nun sofort über den Schraderschen Antrag abstimmen, iür den nunmehr nur noch eine Minderheit stimmte. Bei der am folgenden Tage stattgehabten zweiten Lesung des Gesetzentwurfes erklärte der Sprecher der Sozialdemokraten, daß seine Fraktion durchaus f ü r möglichst humane Schlachtmethoden sei. Die Zulässigkeit des elektrischen Betäubung s- Verfahrens sei jedoch einerseits rehigionsgesetzlich noch nicht geklärt, anderseits bestünden gerade vom wissenschaftlichen und tierschützlerischen Standpunkt aus gegen die Elektronarkose äußerst schwere Bedenken, da sie wahrscheinlich nur einen Starrkrampf, nicht eine Betäubung bewirke, und somit das zu tötende Tier volles Bewußtsein besitze. Aus diesen Gründen könne die sozialdemokratische Fraktion dem Gesetzentwurf nicht zustimmen und werde sich der Stimme enthalten. Auch der Abgeordnete Schräder gab die Erklärung ab, einen Gewissenszwang nicht mitmachen zu können und sich deshalb der Stimme zu enthalten. Trotz dieser Erklärungen zog niemand die gegebene Konsequenz, Vertagung bis zur Ermöglichung weiterer Feststellungen zu beantragen. Unter diesen abnormen Verhandlungszuständen kam es schließlich zum Ergebnis, daß der Gesetzentwurf mit den Stimmen der Nationalsozialisten und eines Teiles der bürgerlichen Einheitsfraktion unter Stimmenthaltung der Sozialdemokraten und des Abgeordneten der Volksnationalen Reichsvereinigung zur Annahme gelangte. Zum ersten Male ist nunmehr auch die Betäubung von Federvieh in einem deutschen Staate vorgeschrieben. Das Gesetz soll am 1. Juli in Krait treten. Die Vorgänge in Braunschweig zeigen von neuem, welchen Zufälligkeiten des Parlamentarismus Verhandlungen und Abstimmungen ausgesetzt sind, wenn — wie im vorliegenden Falle — angesichts eines rohen Terrors die Energie zum entschlossenen Eintreten für die als erforderlich festgestellten Abänderungen eines Gesetzentwurfes erlahmt. Daß hiervon auch die Würdigung wissenschaftlicher Erkenntnisse und die Achtung vor Gewissenskonflikten betroffen werden, ist nicht nur für das Judentum schmerzvoll und betrübend.

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