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Die Wahrheit · 1931-06-26 · Heft 26 (26.6.1931) · page 4

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 26 (26.6.1931)
Date
1931-06-26
Page
– (sequence 4)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Die Sommerreise. Fabius Schach veröffentlicht in der Berliner „C. V.-Zeitung" einen Aufsatz, der auch — mutatis mutandis — für Oesterreich seine Gültigkeit hat Die Schriftleitung schickt dem Artikel eine Bemerkung voran, in der es u. a. heißt: „Wir wissen, daß die weitaus überwiegende Zahl der jüdischen Deutschen sich in diesem Jahre keine Sommerreise mehr leisten kann. Wir wissen auf der anderen Seite aber auch, daß für die, die noch in der glücklichen Lage sind, ihrem Körper und Geist eine kurze Spanne des Ausruhens und der Erholung zu gönnen, die Sommerreise mit politischen Erwägungen umgeben sein muß. Denn viele fürchten, in Deutschland nicht die innere Ruhe zu finden, die allein die gewünschte Erholung verbürgt . . . Es ist selbstverständlich, daß wir keinesfalls für Auslandsreisen Propaganda machen, wollen. Sondern es soll versucht werden, noch in letzter Stunde den deutschen Gaststätten und Kurleitungen die Wurzel des Uebels zu zeigen und sie dadurch zur Abhilfe der Mängel anzuregen. Dann wird die Soramerreise, zugleich mit dem persönlichen Zweck der Erholung, die größere politische Bedeutung gewinnen: daß jüdische und nichtjüdische Menschen sich im freundschaftlichen Verkehr kennen lernen und so Brücken bauen, die dem inneren Frieden unseres zerrissenen Volkes dienen." In dem Aufsatz selbst wird der in Bayern aufgetauchte Gedanke, alle, die ins Ausland zur Erholung reisen, mit einer hohen Sondersteuer zu bestrafen, als wenig glücklich bezeichnet und ausgeführt, es wäre viel vernünftiger, den Ursachen des Uebels nachzugehen und sich zu fragen, warum viele Erholungsbedürftige die ausländischen Badeorte bevorzugen. Es ist gewiß nicht Uebermut oder gar — wie die nationalsozialistische Presse behauptet — Mangel an Vaterlandsliebe, was den Menschen heute ins Ausland treibt Der normale Kulturmensch, der gesunde und noch Am 28. Mai jährte sich zum hundertsten Male. der Todestag des Abbe Gregoire, eines der bedeü-' tendsten und sympathischesten Akteure aus den Tagen der großen Revolution von 1789, dessen Name bei diesem Anlaß auch in diesen Blättern wieder einmal erwähnt zu werden verdient, weil sein Träger einer der entschiedensten Vorkämpfer für die staatsbürgerliche Gleichberechtigung der Juden war. Abbe Gregoire, 1750 als Sohn eines armen- Schneiders geboren, war seit 1782 Pfarrer von Embermenil. Der Bezirk Nancy entsandte ihn als Deputierten in die Nationalversammlung, wo er mit unter den ersten Priestern war, die, gewählt als Vertreter des ersten Standes, bereits am 14. Juni zum dritten Stande übertraten und dadurch die Revolution ins Rollen brachten. Der Legislative gehörte Abbe Gregoire nicht an, dagegen entsandte ihn das Departement Loire et Cher wiederum in den Nationalkonvent Immer, wenn es galt, für die Unterdrückten irgend welcher Ärjt einzutreten, stand Abbe Gregoire auf der Tribüne des Parlaments und immer, wenn er sprach, hatte er etwas zu sagen. Dabei zeichnete ihn ein hohes Maß von Unerschrockenheit aus, das er auch "|n den Tagen der Schreckensherrschaft bewahrte, als das offene Bekenntnis der Treue zu seinem katholischen Glauben und überhaupt zur Religion immerhin Mut erforderte. Mit Recht dürfter^er sich selbst als einen „Katholiken im Kopf wje;ira ,Herzen" bezeichnen. Wie er es zur Zeit des Terrors, verschmäht hatte, aus Rücksicht auf seine Sicherheit-die zu einem gefährlichen Kleidungsstück 'gewordene Soutane abzulegen, so erhob er auch später, in den Tagen der Thermidor-Reaktion, entschlossen seine Stimme für die unbehinderte F^üieit . der, Religionsübung. Dieselbe kühne Hal- ^j^be^ährie Gregoire, der übrigens seit 1791 zu» Bischof von Blois gewählt war, auch später ajj^Mitglied vdes Rates der Fünfhundert und des §e^atjs^^er Direktorium und Konsulat Und selbst tj|pp|^nj/4jer ,e's dem mutigen Priester allerdings niep.^zi?hj ^däß er der Errichtung des Kaiserrjj^phps, -v^reprochen hatte, mußte ihm seinen I^Spefet^öllOT'/unS .machte ihn, nachdem Gregoire 1800 $j^it8ffies Amt niedergelegt, hatte^zura Direktor der" Arsenal-Bibliothek, zum Kommandeur mehr der kranke, sehnt sich nach Ruhe und will sich nicht die paar Wochen im Freien, die oft die Romantik des ganzen Jahres bilden, durch erbärmlichen politischen Zwang vergiften lassen. Für den Juden wird die Erholungszeit zum Martyrium, wenn ihn in der freien Natur, in den Gebieten heimatlicher Wälder, törichte Menschen mit mittelalterlichem Rassendünkel belästigen. Politik in der Sommerfrische! Gibt es etwas Naturwidrigeres? Manche der kleinen Erholungsorte, die ihrer Billigkeit wegen für den Mittelstand in erster Reihe iu Betracht kämen, sind zu nationalsozialistischen Märkten geworden, wo das Hakenkreuz seine Veitstänze aufführt. Ist es nicht eine Kulturschande, daß man es im 20. Jahrhundert, mitten im hochzivilisierten deutschen Vaterland, nötig hat, vor der Sommerreise das. [Verzeichnis des Centraivereines*), genau wie den Baedeker, zur Hand zu nehmen, um sich davor zu schützen, daß man in einen verhetzten Ort gerät? Und hat man auch einen noch nicht verrückten Ort gewählt, dann muß' man häufig genug an Pensionen und Hotels die liebliche Aufschrift.r„Jüdische Kurgäste verbeten" sehen, oder man begegnet theatralischmilitärisch aufgezogenen Umzügen mit judenfeindlichen Fahnen und Maskeraden, und dann ist es um die Erholungsstimmung geschehen. Man jagt Tausende mit Gewalt ins Ausland und jammert dann, daß die schönen deutschen Bäder leer sind! Und man wirft denen Mangel an .Heimatliebe vor, denen man die heimatlichen Wälder durch die Hetzpolitik verekelt Fabius Schach schließt mit dem Appell an alle vernünftigen und gerechten Menschen, die Politik der Zersetzung und Verhetzung von allen Kurorten Deutschlands fernzuhalten. *) Das entsprechende Verzeichnis der „Wahrheit", an dem gerade jetzt gearbeitet wird, wird in der nächsten Nummer, also noch rechtzeitig vor der Ferienreisesaison, publiziert D. Red. der Ehrenlegion und erhob ihn sogar in den Grafenstand. —■ Zu allen Zeiten seiner Wirksamkeit betrachtete sich Gregoire als das, als was er sich in der Konstituante einmal selbst bezeichnete: „Als den Diener einer Religion, die alle Menschen als Brüder betrachtet." In diesem Geiste sind all seine Schriften verfaßt, so vor allem seine bereits im Dezember 1789 erschienene „Denkschrift für die Farbigen" und sein 1826 verfaßtes Werk „Ueber den Adel der Haut oder über die Vorurteile der Weißen gegen die Farbe der Afrikaner". Vor allem aber zeigt sich seine Vorurteilslosigkeit in der Rassenfrage, seine Freiheit von allem Rassen- und Standesdünkel, sein reiner Humanismus und seine vollkommene Toleranz in seinem 1788 erschienenen und von der Akademie zu Metz gekrönten „Essai über die physische und moralische Wiedergeburt der Juden". Als Ostfranzose — sein Geburtsort war Veho bei Luneville, seine Studien hatte er im Jesuitenkolleg von Nancy mit Auszeichnung absolviert — kannte er die traurige Lage der Juden des französischen Königreiches genau, lebten doch damals von den rund 40.000 Bekennern des jüdischen Glaubens, die Frankreich überhaupt zählte, an die 30.000 im Ober- und Unter-Elsaß und in Lothringen. Ihre Lage unter dem ancien regime war erbarmungswürdig. Ueberäll galten sie als Menschen mindesten Rechtes, standen unter einer drückenden und schamlosen Ausnahmegesetzgebung und waren nur zu oft den Haß- und Racheinstinkten eines fanatisierten Pöbels preisgegeben. Wenn diese traurige Lage der Juden in Frankreich bald nach Ausbruch der Revolution eine grundlegende Aenderung erfuhr und schließlich durch die Gewährung der vollen politischen Gleichberechtigung abgelöst wurde, die die Konstituante in den beiden berühmten Dekreten von 1790 und 1791 beschloß, so gebührt das Verdienst an dieser für ganz Europa beispielgebenden Wendung neben Männern wie Mirabeau, Robespierre und anderen vor allem auch dem Abbe Gregoire, der sich in den Debatten der Konstituante wiederholt mit Entrüstung gegen die Ausschreitungen wandte, denen die Juden inr Elsaß ausgesetzt waren, und den Schutz der yers^mlung anrief „zugunsten dieses ge- |bhte)en;iü^d' unglückseligen Volkes". nQHLRflb HERRENMÖÜ'E ' WIEN II., PRflTERSTR. TELEFON R 49-4-99 Antijüdische Exzesse in Radom. Am Montag, den 15. Juni, 9 Uhr abends, haben sich in Radom, das schon oft Schauplatz von Pogromen gewesen — wie die Zeitungen von dort melden —, die antisemitischen Ausschreitungen gegen die jüdische Bevölkerung wiederholt. Einige jüdische Einwohner wurden schwer mißhandelt und verletzt. In der Eisengießerei von Rubinstein wurden mehr als 100 Scheiben eingeschlagen. Die Fensterscheiben im Hause der Zionistischen Organisation und des jüdischen Gymnasiums wurden zum zweitenmal eingeworfen. Die Polizei war rechtzeitig zur Stelle, verhaftete einige Exzedenten und stellte die Ruhe wieder her. Das Kuratorium des Lodzer Schuldistriktes hat im Zusammenhang mit den antisemitischen Ausschreitungen in Radom, an denen sich in erster Reihe die Schuljugend beteiligt hat, eine Untersuchung eingeleitet. Die Direktoren der Radomer Schulen wurden aufgefordert, zu berichten, was sie gegen die schuldigen Schüler veranlaßt haben. Der Radomer Korrespondent der Warschauer Tageszeitung „Hajnt" teilt seinem Blatte mit, daß die nationaidemokratisch organisierte Schuljugend den Hauptteil der Schuld ah den Exzessen rage. Es stellt sich heraus, daß die Exzesse von langer Hand organisiert und auf ein bestimmtes Signal hin ausgebrochen waren. Einige hundert Schüler, mit dicken Knütteln. Gummiknütteln und Messern bewaffnet, drangen in den Stadtpark und in das von Juden bewohnte Viertel ein und schlugen auf die jüdischen Passanten 1 o.s. Eine ungeheure Panik bemächtigte sich der jüdischen Bevölkerung, die sich noch steigerte, as in Hunderten von Häusern mit wildem Gejohle die Fensterscheiben eingeschlagen wurden. Später teilten sich die Exzedenten in Gruppen von je zwei und drei Mann, die sich an die Straßenecken postierten und jeden vorbeigehenden Juden niederschlugen. Vertrieb die Polizei eine Gruppe, trat gleich eine andere an ihre Stelle. An den Exzessen beteiligte sich auch der Straßenrrioby datunter viele' Betrunkene und Elemente der Unterwelt. An der vorangegangenen Hetze gegen die Juden hatten sich nationaldemokratische Lehrer beteiligt; diese verbreiteten das falsche Gerücht, daß die Juden einen polnischen Schüler erstochen hätten und daß man diese Bluttat an den Juden rächen müsse. Weitere RKualmordlegenden. Die jüdische Bevölkerung der Stadt Radom ist am 18. d. M. durch ein neues Ereignis in Panik versetzt worden. Das fünfjährige Söhnchen der christlichen Familie Widro in der Koszenitzer Gasse hatte sich verlaufen. Sofort entstand das Gerücht, daß die Juden aus Rache für die antisemitischen Angriffe das Kind getötet haben. Die Polizei machte sich auf die Suche nach dem Kind und konnte dasselbe nach wenigen Stunden den Eltern unversehrt zurückgeben. Inzwischen war die Stimmung in der Stadt sehr nervös geworden, der Pöbel rottete sich zusammen, und nur der Umsicht der Polizei war es zu danken, daß nicht neue Exzesse ausbrachen. In der Lubliner Gasse entstand das Gerücht, daß der Jude Fuchs aus Rache für die antisemitischen Angriffe einer christlichen Frau den Schädel eingeschlagen hat. Es stellte sich heraus, daß Fuchs an der übrigens geringfügigen Verletzung der Frau nicht im geringsten Schuld trägt. Indessen mußte die Polizei größte Anstrengungen machen, um den erregten Mob in Schach zu halten. Die Polizeipatrouillen in der Stadt sind durch Heranziehung von Polizeikräften aus anderen Städten verstärkt worden, der Bevölkerung ist verboten, nach neun Uhr abends die Wohnungen zu verlassen. Prachtvolle echte Perserteppiche durchwegs selten günstige Gelegenheitskäufe sowie elegante Möbel, wie Speise-, Schlafand Herrenzimmer werden zu ganz außerordentlich billigen Preisen abgegeben. Besichtigung ohne jeden Kaufzwang im. WIEDHER MÖBELHEIM INM. JULIUS GDTZL Haodelsger. beeid. Sachv. n. ScMtxmelater iv.,schleifn uhloasse 1. TELEPHON B 24-1-62 Abbä Gregoire.

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