Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1931
- Issue
- Heft 26 (26.6.1931)
- Date
- 1931-06-26
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Seite 2 DIE WAHRHEil Ehrt Eure großen Meister!" Das Dichterwort, es hat seine Gültigkeit für jede menschliche Gemeinschaft, ob Volk, Konfession oder Partei. Wer seine großen Meister ehrt, ehrt sich selbst Auch das Judentum ehrt nur sich, wenn es seiner Heroen in Dankbarkeit gedenkt, ihnen einen Ehrenplatz in seiner geistigen Ruhmeshalle widmet Eine wahrhaft erhebende Feier hat Sonntag, den 21. d. M. vormittags, im Sitzungssaale der israelitischen Kultusgemeinde XXL, Holzmeistergasse 12, stattgefunden. Sie galt den Manen eines Mannes, der sich um das österreichische Judentum, aber auch um die Judenlieit der ganzen Welt hervorragende und unvergeßliche Verdienste erworben hat In feierlicher Weise wurde in diesem Sitzungssaale das Bild des mannhaften Apologeten des Judentums, Dr. Josef Bloch s. A., enthüllt, der seinerzeit in Floridsdorf als Rabbiner unermüdlich gewirkt und von dort aus seinen heroischen Kampf gegen die antisemitischen Widersacher begonnen hat In dankbarer Erinnerung an diese Großtaten widmete der Bethausvorstand XXI — einer in einer „Union"-Versammlung gemachten Anregung entsprechend — dem wackeren Streiter ein prachtvolles Bild (Atelier Weitzmann, IL, Praterstr.), zu dessen Enthüllung sich ein überaus zahlreiches Publikum eingefunden hatte. Der Obmann des Bethausvorstandes, Herr G. Dukes, begrüßte insbesondere: den Präsidenten der Kultusgemeinde Prof. Dr. A. Pick, die Kultusvorsteher E. Hof mann und W. Pappenheim, Amtsleiter W. Freistadt, den Präsidenten und Vizepräsidenten des Delegiertenverbandes der Chewra Kadischa Paul Schwarzstein und Dr. E. Feldsberg, in Vertretung des Bethausvorstandes I/H die Herren Franz Denes und Siegmund Ernst Eine besonders starke Abordnung hatte die „Union österreichischer Juden" entsandt zu deren Gründern "Rabbi Bloch zählte. Vom Zentralvorstand wie vom Beirat dieser Vereinigung waren zahlreiche Herren erschienen, namentlich der Vizepräsident Dr. Karl Steiner, der Obmann der Bezirksorganisation XXI Dr. Julius Grünwald und Sekretär Oskar Hirschfeld. Weiters bemerkte man viele Vertreter verschiedener jüdischer Vereine, so für den Tempelverein „Aeschel Awrohom" Herrn S. Leenmann, für den „Jüdischen Elternbund" Obmann Direktor G. Kol min, für den Frauenverein XX die Präsidentin Frau Olga Friedmann, ferner Herrn Julius Schwarz und Frau aus New York. Auch die Familie des Gefeierten war vertreten, u. a. waren sein Schwiegersohn, Rabbiner Dr. M. Grunwald und dessen Gattin, sein Schwiegerenkel Dr. K o I b mit seiner Peuitteton Julias Rodenberg. Zu seinem 100. Geburtstage. Der große Anteil, den Juden an der Förderung der deutschen Literatur haben, beschränkt sich nicht auf die Dichter und Literaten jüdischer Abstammung, die die deutsche Literatur befruchten, sondern müß auch die Namen derer nennen, die der deutschen Dichtungs-, Erzählungs- und Darstellungskunst eine Tribüne bereiteten. Julius Rodenberg, dessen 100. Geburtstag die gesamte deutsche gebildete Welt in diesen Tagen feiert darf mit Recht ein hervorragender Schriftsteller, aber auch ein großartiger Förderer der deutschen Literatur genannt werden. Joel oder Julius Levy ist am 26. Juni 1831 in Rodenberg in Hessen geboren und hat sich darnach als Schriftsteller Julius Rodenberg genannt. Ein gebildetes Elternhaus empfing ihn. Das Thoraschränkchen befand sich im Hause des Vaters, aber auch eine große moderne Bibliothek, unter der schon Beckers und Rottecks Weltgeschichte zu sehen war. Die Mutter kannte Gebetbuch und Bibel, liebte und las aber auch Goethe. Rodenberg schreibt darüber selbst einmal: „Goethe . . . ist durch die Mutter mir zu einem Lebendigen geworden, und er ist es bis zu Ende geblieben, der Freund ihrer letzten Tage . . . Immer wieder, in ihren späten Jahren wie in ihren frühen, so lange ich sie gekannt, wenn alles andere getan und auch Bibel und Gebetbuch mit einem frommen Händedruck beiseite gelegt waren, kehrte sie zu Goethe zurück." Es hielt ihn nicht lange in der Heimat In jungen Jahren kam er schon fort nach Rinteln auf das Gvmnasium, wo er ein begabter Schüler wurde. Dort reizte ihn besonders die Lektüre des Hoheliedes, an der er sein poetisches Können schon probierte. Namenlos führte er sich vom Gymnasium aus in die deutsche Literatur durch zwei Gedichtsammlungen ein. die 1850 und 1851 bei Hoffmann & Campe in Hamburg erschienen und den Titel „Geharnischte Sonette" trugen. Sie galten den Einheitsbestrebungen in Schleswig- Holstein und ihr Ertrag sollte ganz für Schleswig- Holstein bestimmt sein. In seinen Tagebüchern schreibt Rodenberg über die Zeit der Entstehung dieser Gedichte: „Ich befand mich damals schon im Strome des rüstigsten Schaffens, ganz erfüllt von großen Plänen, an deren Erfüllung ich glaubte." Nach erlangter Reifeprüfung begibt er sich zur Universität um die Rechte zu studieren. In Marburg Frau erschienen. Daß Floridsdorf selbst, das sich durch diese schöne Ehrung wirklich selbst geehrt, hat, stark vertreten war, erscheint wohl selbstverständlich. Man sah beinahe alle Mitglieder des Bethausvorstandes und der Bezirkskommission, des dortigen Frauenvereines, wie auch der Bezirksorganisation XXI der „Union". Im festlichen Taiar trat zunächst Rabbiner Dr. M. Rosenmann an das Rednerpult, das sich unterhalb des mit Blumen reich geschmückten Bildes befand. In groß angelegter geistvoller Festrede wies Rabbiner Dr. Rosenmann darauf hin, daß die Ehrung der Enthüllung des Bildes zunächst dem Rabbiner gelte, der im Jahre 1880 von Brüx in Böhmen nach der damals neu entstandenen Kultusgemeinde Floridsdorf zog. Weiters dem Politiker und Schriftsteller, der durch sein Wirken den Namen „Floridsdorf" bis in die entferntesten Länder tmg und vor allem dem verdienstvollen großen jüdischen Phänomen. In seinen weiteren eindrucksvollen Ausführungen verglich der Redner Dr. Bloch mit dem biblischen Gideon. Gleich diesem hat Dr. Bloch in den Zeiten der Gefahr die Verzagten und Kleinmütigen von sich gewiesen. Er hatte die Fackel der jüdischen Gelehrsamkeit entzündet und die Juden geistig wehrhaft gemacht Die Ueberheblichkeit mancher falschen wissenschaftlichen Autorität wie einen irdenen Krug zerschlagend, hat er wie mit erschütternden uralten Schofartönen das Lager der Feinde gestürmt und vernichtet. Ein besonderes Ruhmesblatt in dieser Periode intensiver jüdischer Aktivität, die er begründet, bildet die Anregung zur Schaffung der „Union", die bis zur Stunde das von ihm erhobene Palladium aufrecht zu erhalten verstand. Im Anschluß an das Bibelwort: „Morgen wird der Ewige kundtun, wer ihm gehört", erklärte schließlich der Redner, daß Dr. Bloch's Namen in der neuesten Geschichte des Judentums fortleben und jenen bedeutenden Männern zugezählt werden wird, die schwer gekämpft und gerungen haben, um dem JudentumeinebessereZukunft, einen neuen leuchtenden Morgen zu bereiten. , Die Hülle fiel nun von dem prächtigen Bild, das Bloch in der Vollkraft seiner Jahre zeigt. Nach einigen ehrenden Gedenkworten des erwirbt er 1856 den Doktorgrad, aber diese Wissenschaft fesselt ihn nicht vielmehr ergibt er sich sofort der Literatur. Zunächst machte er große Reisen ins Ausland, er sieht England, Schottland, die normannischen Inseln und gelangt 1861nach Berlin, das er zu seinem dauernden Aufenthalt wählt das er nur verläßt, wenn er auf Reisen geht Von der Dichtkunst von der er noch manche Proben während seiner Studentenzeit veröffentlicht hatte, entfernte er sich allmählich. Zunächst fesselte ihn das Feuilleton, in dem er den Niederschlag seiner Reiseeindrücke liefern konnte. So erschien 1857 „Ein Herbst in Wales, 1858 „Kleine Wanderchronik", 1859 „Alltagsleben in London" u. a. In Berlin versuchte er durch die Gründung einer neuen Zeitschrift Fuß zu fassen. Er gab ihr den Titel „Deutsches Magazin", aber die Zeitschrift ging schon nach drei Jahren ein. Darauf beteiligte er sich an der Redaktion des „Bazar" und gab auch etwa 8 Jahre lang eine belletristische Zeitschrift „Salon" für Literatur, Kunst und Gesellschaft heraus. Er fühlte aber, daß dies nicht das Werk sei, das, von Dauer sein könnte. So trug er sich 1874 mit dem Gedanken einer neuen Zeitschrift, die alle Wissenschaften umfassen sollte, für die er die besten Geisteskräfte deutscher Zunge heranziehen wollte. Er suchte nach einem Mitherausgeber. Er glaubte ihn zunächst in Berthold Auerbach gefunden zu haben, mit dem ihn eine tiefere Freundschaft verband, wiewohl Auerbach damals bereits 63 Jahre alt war. Sie wohnten nicht unfern von einander, in der Tiergartengegend, trafen sich häufig, und eines Tages hatte Rodenberg wirklich erreicht, daß Auerbach dem Verleger Gebr. Paetel die Mitarbeit an der Redaktion auf einer kurzen Postkarte zusagte. Aber Auerbach zog seine Zusage zurück. Rodenberg ließ sich aber nicht abschrecken, zumal er die beste Aneiferung durch große Geistesheroen erfahren hatte. Helmholtz, Sybel, Zeller, Reymond und andere versprachen ihre Mitarbeit Berthold Auerbach lieferte den allerersten Beitrag. Geibel, Strom, Laube, Fontane wollten mitwirken, Ferdinand Cohn schickte schon für das erste Heft einen Aufsatz „Botanische Probleme". Berthold Auerbach ließ die Erzählung „Auf Wache" abdrucken. Mitte Juni 1874 erschien das erste Heft der neuen Zeitschrift, die „Deutsche Rundschau" hieß. In dem Rückblick, den Rodenberg am 13. November 1899 nach dem ersten Vierteljahrhundert des Bestehens der Deutschen Rundschau gibt (die Begründung der Deutschen Rundschau betitelt) liest man, welche Schwierigkeiten zu überwinden waren, liest man, welche anstrengende Arbeit ihm obliegt der als Herausgeber jedes Heft druckfertig zu machen hatte, der sich überwinden mußte, auch Beiträge zurückzusenden, der alles lesen mußte, was ihm zukam, der dabei seine eigene -Produktion nicht beendet sehen wollte. 1899 nach Präsidenten Prof. Dr. A. Pick, der erklärte, daß das Andenken des Kämpfers in Israel Rabbi Bloch in der Wiener Gemeinde stets ein gesegnetes bleiben wird, ergriff der Vizeprsident der „Union" Dr. Karl Steiner das Wort zu einer meisterhaften Ansprache, die lebhaften Widerhall weckte. Die „Union österreichischer Juden", sagte Dr. Steiner, neigt sich dankend vor den Manen des Mannes, dessen Bild wir zur bleibenden Erinnerung an sein Wirken für Judentum und Judenheit heute in diesem Saale enthüllt haben. Dr. Josef Bloch war es, welcher die erste Anregung zur Gründung unseres Vereines. gab. Am 15. Oktober 1884 erschien in der von ihm herausgegebenen „Oesterreichischen Wochenschrift" ein Mahn- und Weckruf, mit welchem er zur Gründung eines jüdischen Vereines zur Verteidigung der bedrohten politischen und sozialen Rechte der Juden aufforderte. „Mit stolzem Haupte", so schrieb damals Dr. Bloch, „in dem Bewußtsein, daß wir auf unserem Rechte bestehen, wollen wir uns sammeln und den Kampf aufnehmen mit den geistigen Waffen, die uns zu Gebote stehen." Sein Ruf blieb nicht ungehört. Es fand sich eine Reihe aufrechter und wahrer Juden, welche die Gründung einer jüdischen Organisation in die Wege leitete, jener Organisation, die im Laufe der Jahre ein so bedeutendes Ansehen im jüdischpolitischen Leben sich zu erwerben wußte, der „Union österreichischer Juden", wie sie jetzt heißt. Und gerade in den heutigen für die Juden so bedrohlichen Zeiten erweist sich, wie notwendig der Bestand unserer Vereinigung ist, und daß sie besteht, danken wir Dr. Bloch. Mit wahrem Seherblicke hatte er erkannt, welche Gefahren den Juden aus ihrer Zersplitterung und Uneinigkeit, ihrer Mutlosigkeit und Gleichgültigkeit drohen, und er wies den Weg zur Hilfe. Nur in der Organisation, nur in der machtvollen Vereinigung aller, nur in einem Schutzbündnis, wie er es nannte, sah er die Rettung. Und wie Recht er hatte, beweisen die zahlreichen Erfolge der von ihm angeregten und von uns weiter erhaltenen Organisation. Mit fein geschliffener Feder und mit beredtem Munde trat Dr. Bloch jederzeit voll Mut und Leidenschaft für jüdische Interessen ein, vertrat er dem eben genannten Jubiläum des Bestandes der Deutschen Rundschau wurden seine Leistungen um die deutsche Literatur dadurch anerkannt, daß ihm der Professorentitel verliehen wurde. 1910 wurde ihm außerdem der Doktortitel ehrenhalber gegeben. Wer nur einigermaßen die deutsche Literaturgeschichte kennt weiß die Bedeutung dieser Deutschen Rundschau einzuschätzen, die nichts ihresgleichen aufweisen konnte. Ueber den Eifer für diese Zeitschrift schreiben die Verleger, Gebr. Paetel, recht interessant in dem Schriftchen, das sie Julius Rodenberg widmeten, als er seinen 70. Geburtstag außerhalb verlebte. Daneben fand er zu Romanen und schönen Darstellungen — vornehmlich des Berliner Lebens und dessen, was er auf seinen Reisen sah — immer noch Zeit. So war er unermüdlich tätig. Er widmete dem Ereignis des deutsch-französischen Krieges den Roman „Die Grandidiers" (Stuttgart, 1878, 2. Auflage 1882). So schrieb er in Deutschen Landen, Skizzen und Ferienreisen (1873), Erinnerungen aus der Jugendzeit (1899 und 1901), Festspiele und Dramen, z. B. Friedrich Schiller (1884). Auch Biographien und Uebersetzungen entstammen zahlreich seiner Feder. Die Aufzählung seiner Werke umfaßt schon 1910 über zwanzig Seiten. Am 12. Juli 1914 wurde er aus seiner Arbeit gerissen. In dem Buche „Aus seinen Tagebüchern", das seine Frau 1919 herausgab, verfolgen wir noch einmal die Interessensphären dieses Mannes, der mit großen Unterbrechungen das Tagebuch führte. Da stoßen wir oft auf die jüdischen Beobachtungen, mag er sich nun in Kopenhagen befinden, oder auf dem Mainzer jüdischen Gottesacker umherwandeln; ein Kommentar zu Exodus interessiert ihn frühzeitig, wie später die Predigten des Predigers Paulus, der „ein ehemaliger Jude" ist und wie ein Rabbiner predigt Er ereifert sich wie für das Goethe-Schiller-Archiv auch für die gerechte Sache von Dreyfus und lobt Zolas Auftreten. Er hat auch biblische Stoffe gewählt. Zum Beispiel schrieb er „Ein englischer Premier und die Juden in England" (1869), oder ein biblisches Bühnenspiel in fünf Bildern Sulamith, nach dem hohen Liede Salomonis (1883). Seine Schwester Pauline Israel rühmt ihm das ausgeprägte Pietätsgefühl nach, daß er seiner Heimat und Abstammung verdankt und das er so köstlich in dem seinem Freunde Dingelstedt (1891) gewidmeten Buche bekundet hat Diese jüdische Tugend erwähnen wir gern, wenn wir ihn rühmen als einen der unserigen, auf den die deutsche Literatur und Wissenschaft stolz sein kann. So gedenken wir des Juden Professor Dr. Julius Rodenberg an seinem 100. Geburtstage, am 26. Juni 1931. Rabb. Dr. Abosner, Kiel, y