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Die Wahrheit · 1931-03-06 · Heft 10 (6.3.1931) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1931
Issue
Heft 10 (6.3.1931)
Date
1931-03-06
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Seite 3 Ausdrucke gebracht worden und es gereicht den Verfechtern der Interessen des österreichischen Judentums zur Genugtuung, daß ihre Ansicht nun von einem maßgebenden Wiener Gerichte geteilt wird. Jetzt hat jener oberste österreichische Gerichtshof, dem die Wahrung' der Verfassungsgesetze anvertraut ist, das Wort. Das schwebende Verfahren zwingt uns zur Reserve, doch wir zweifeln nicht daran, daß sich jene obersten Richter, die Recht und Gesetz in diesem Lande zu hüten haben, auch ihrer Pflichten voll und ganz bewußt, sein werden. Neugierig sind wir aber auch, was der Herr Unterrichtsminister Dr. Czermak zu. dem Antrage des Herrn Landesgerichtsrat Dr. P o w a 1 a t z zu sagen haben wird. Sein Vorgänger, zu dessen Amtszeit die famose „Studentenordnung" erlassen wurde, hat sich über dieses Geistesprodukt des ihm unterstehenden akademischen Senats in ein merkwürdiges Stillschweigen gehüllt. Sein Nachfolger hat diese in Oesterreich so oft bewährte Schweigetaktik fortgesetzt. Nun wird er wahrscheinlich zum Reden genötigt werden und sagen müssen, was sein Ministerium über diese Gesetzesverletzung denkt. Er wird Farbe bekennen müssen, ob es in Oesterreich möglich ist, daß eine akademische Behörde das Gesetz in so krasser Weise umgeht und daß gerade die Wiener Universität, deren juristische Schule einst Weltbedeutung besaß, sich zu einer solchen Ungesetzlichkeit hergibt. Die Innsbrucker Profes-soren sind da schon energischer! Sie haben der antisemitischen „Deutschen Studentenschaft" wegen ihres Radikalismus den Stuhl vor die Universitätspforte gesetzt. Sie verweigern den Rassenantisemiten an der Hochschule das Recht, sich als die Vertreter der deutschen Studentenschaft aufzuspielen. Was in Innsbruck recht ist, muß in Wien billig sein. Allerdings, in Wien gehen vorläufig die klerikalen Cevauer mit den Hakenkreuzlern. Die österreichische Judenschaft erwartet von den obersten Richtern dieses Staates und von der berufenen Unterrichtsbehörde Gerechtigkeit, nichts als Gerechtigkeit! Jüdische Adelsgeschlechter in Ungarn. Sensationelle Dokumente im Budapester jüdischen Museum. Der Budapester Korrespondent schreibt dem „Neuen Wiener Journal": In der unmittelbaren Nachbarschaft des jüdischen Tempels in der Tabakgasse — er fällt jedem Fremden durch seine eigenartige architektonische Schönheit auf — ist ein Monumentalbau im Entstehen begriffen, der schon in der nächsten Zeit vollendet und seiner Bestimmung übergeben werden wird. Dieses Gebäude — es ist vier Stockwerke hoch und macht einen imposanten Eindruck — ist das neue Stammhaus der Pester israelitischen Kultusgemeinde, in dem nicht nur alle Aemter dieser Körperschaft, sondern auch das Kulturhaus, der jüdische Heldentempel und das jüdische Museum untergebracht werden sollen. Das jüdische Museum ist eines der interessantesten, das Budapest überhaupt besitzt. Der Grundstock zu den reichhaltigen Sammlungen wurde noch im Jahre 1906 von dem verstorbenen Präsidenten der israelitischen Landeskanzlei Dr. Franz M e z e i gelegt. Kustos war damals der bekannte Musikschriftsteller Dr. Bertold S z a b o, der diese Stelle bis zu seinem Tode bekleidete. Seiner Begeisterung, seinem Eifer ist die Bereicherung des Museums hauptsächlich zu verdanken und er war es auch, der den Katalog zusammengestellt hat. Das Material umfaßt hunderte Objekte, die zum Teil einen, hohen wissenschaftlichen Wert repräsentieren. In den weiten hellen. Sälen des jüdischen Museums ist so ziemlich alles zu finden, was mit holten und ratlos! Kann der größte Dichter drastischer die Lage eines unbeholfenen Menschen ausdrücken, wie es in der Volkssprache mit dem einzigen Worte geschieht „ein Lemech"? Was unsere jüdischen Sprichwörter und Redensarten betrifft, so entstammt ein Teil von ihnen sehr alten Zeiten. Nicht zu sprechen von dem ganzen Buche mit berühmten Sprüchen und Lebensregeln, die noch aus König Salomos Zeiten stammen, dem bekannten biblischen Buch „Sprüche" (Mischle), befinden sich die ersten Spuren von Volkssprüchen und Redensarten schon in der Thora. Noch merkwürdiger ist die Tatsache, daß die Thora selbst solche Sprüche und Redensarten als richtige Volksschöpfungen bezeichnet, die zu gewissen Zeiten unter gewissen Bedingungen entstanden sind. Hier ein kleines Beispiel. Von Nimrod, Noahs Urenkel, erzählt die Thora, daß er ein göttlicher, das will sagen, ein starker, ein gewaltiger Jäger gewesen ist. Darum pflegt man zu sagen „ein göttlicher Jäger wie Nimrod". Der Name Nimrod ist danach ein Ausdruck für den Begriff von außerordentlicher Stärke geworden, ein Syrr.bc! außerordentlicher Tüchtigkeit im Weidwerk. Hat man ausdrücken wollen, daß der und der ein großer Held, ein ungewöhnlich tüchtiger Jäger sei, so sagte man „das ist ein Nimrod". In späteren Geschlechtern sind andere Namen, die das Symbol von besonderer Stärke ausdrücken, gewählt worden: Simson, Goliath nach den Erzählungen in der Bibel; Herkules nach einer griechischen Sage; derartige Ausdrücke finden sich noch im Volksmunde und auch in der Literatur bis auf den heutigen Tag. Sehr interessant ist die Entstehung eines Sprichwortes beim Volke an der biblischen Erzählung zu erkennen, in der von der Salbung des Saul, Sohnes des Kis, zum König über Israel durch den Propheten Samuel berichtet wird (I. Sam. 9, 1—10, 11): „Ist auch Saul unter den Propheten". Ein Sprichwort-aus sehr alten Zeiten zitiert auch König David (I. Sam. 24, 14): „Wie uraltes Wort sagt: Von Bösem kommt Böses". (Schluß folgt.) dem Judentum und der jüdischen Kultur irgendwie in Verbindung steht. Man sieht hier Tempelgeräte aller Art, prachtvollen silbernen Thoraschmuck, silberne Kelche, rituelle Becher, Thoravorhänge, Thoramäntel, Wickel, in die die Thorarolle eingehüllt wird, jüdische Münzen und Medaillen, die von jüdischen Gemeinden aus besonders festlichen Anlässen geprägt worden sind. Zu den interessantesten Stücken gehören aus der Arpadenzeit (der Epoche des Königs Arpad, der vor etwa tausend Jahren gelebt hat) stammende goldene und silberne Münzen, die jüdische Aufschriften tragen. Mit dem König Arpad sind auch Juden ins Land gezogen» die diese Münzen prägen ließen. Sie sind wunderbar erhalten und bilden die kostbarsten Stücke des Museums. Einen interessanten Einblick in die Verhältnisse vergangener Jahrhunderte bieten in hebräischer Schrift abgefaßte alte jüdische Dokumente, unter denen sich auch ein Adelsbrief des jüdischen Reichsgrafen Alfred Freudemann befindet Solche interessante Dokumente besitzt das Museum in mehreren Exemplaren. Einen Einblick in das Leben der alten Preßburger Rabbinerfamilien bietet die Privatkorrespondenz des einstigen Preßburger Rabbiners Moses Sofer, der gegen Ende des 18. Jahrhunderts gelebt hat und einer der hervorragendsten Vertreter seines Glaubens und der jüdischen Wissenschaften wai. Sofer hat zahlreiche wissenschaftliche Bücher geschrieben, die schon vor längerer Zeit in den Besitz des Museums gelangt sind. Aus einem anderen Dokument ist ersichtlich, daß General Haynau über die Pester Juden im Jahre 1848 eine Kontribution ausgeworfen hat, die auch bezahlt worden ist. Das Dokument trägt die eigenhändige Unterschrift des damals so gefürchteten Generals. Aus den'Fünfzigerjahren des vergangenen Jahrhunderts stammt eine Reihe von Dokumenten über die Konstituierung der ersten jüdischen Handwerkerzünfte. Eines der wertvollsten und auch historisch bedeutsamsten Schriftstücke ist eine in hebräischer Schrift abgefaßte Urkunde der Preßburger jüdischen Gemeinde, in der der jüdischen Bevölkerung zur Kenntnis gebracht wird, daß Kaiserin Maria Theresia beschlossen hat, ihre älteste Tochter, die Erzherzogin Maria Christine, zur Statthalterin von Ungarn zu ernennen. In dem Dokument wird die Judenschaft aufgefordert, allen Anordnungen und Befehlen der „Frau Statthalterin" unbedingt Folge zu leisten und ihr niemals den Gehorsam und schuldigen Respekt zu verweigern. In der jüngsten Zeit ist das Museummaterial um mehrere wertvolle Stücke bereichert worden. Die Stelle eines Kustos bekleidet jetzt der Rabbiner der Pester israelitischen Kultusgemeinde Dr. Max Weiß, Professor am Budapester Rabbinerseminarium. Dr. Weiß ist ein hervorragender jüdischer Theologe, der auch die weltlichen Disziplinen souverän beherrscht. Unter seiner zielbewußten Leitung wird das Budapester Museum weiter ausgestaltet und bereichert werden. Das ungarische Judentum kann mit Recht stolz sein auf diese Institution und auf das neue Stammhaus, zu dem die finanziellen Mittel vom Hofrat Samuel Stern, dem neuen Präsidenten der Pester israelitischen Kultusgemeihde, beschafft worden sind. J. M. / cuuA das mit dem Zeichen der streng rituellen Erzeugung versehene KuneroL Das VerschluBsiegel bürgt Ihnen dafür, daf» Sie Kunerol ohne Bedenken genie&en können. Kunerol ist reines Kokosnubfett und kann sowohl zur Zubereitung von Milchspeisen als auch zur Zubereitung von Fleischspeisen verwendet werden. & UNEROL 100% REINES KOKOSNUSSFETT ,,Hnneroi ist nor tibi in OiltlBaiitaiBg!" „for. laasdientfeu Nachahmungen wir« _gewarnt Y* Das Judenproblem in Rumänien. Der ehemalige Innenminister und Führer der Volkspartei (Averescu-Partei) Octavian G o g a, der auch als bedeutender Schriftsteller bekannt ist und, wie allgemein erwartet wird, in das „Kabinett der Persönlichkeiten" berufen werden dürfte, mit dessen baldiger Bildung gerechnet wird, empfing den JTA-Vertreter und gab ihm seine Anschauungen über eine Reihe von Problemen der jüdischen Bevölkerung Rumäniens bekannt. Auf die Frage, ob er die von der jetzigen Regierung gegen die antisemitischen Organisationen ergriffenen Maßnahmen für ausreichend und wirksam halte, erwiderte Herr Goga: „Alle Bewegungen im Innern eines Landes hängen von der Autorität der Regierungen ab. Ermangelt eine Regierung dieser Autorität, so bleiben die von ihr getroffenen Maßnahmen unwirksam. Dies ist bei der jetzigen Regierung der Fall. Ich glaube nicht fehl zu gehen, wenn ich sage, daß das Prinzip der Autorität unter der gegenwärtigen Regierung schwer gelitten hat. Ich sehe daher keine Besserung, auch in Punkto antisemitische Bewegung, wenn nicht durch eine starke Regierung eine Umstellung des öffentlichen Verhaltens zu dieser Bewegung bewirkt werden kann. Unter der Averescu-Regierung gab es keinerlei antisemitische!Ti ruhen, auch die Versammlung der Studenten in Jassy hatte keinerlei Folgen, während nach meinem Abgang unter den Liberalen T)radea Mure, d&nn unter dieser Regierung Borscha usw. kamen." Auf die Frage des JTA-Vertreters", was er von der nationaljüdischen Politik halte, erwiderte Herr Goga: „Ich finde, daß dies eine interne jüdische Angelegenheit ist. Ich könnte diese Frage nur von dem Standpunkt aus beurteilen, inwieweit die Juden hierzulande sich in die rumänische Kultur eingegliedert haben. In Siebenbürgen z. B. sind die Juden Anhänger einer magyarischen Politik, weil sie sich der rumänischen Kultur noch nicht erschlossen haben." An dieser Stelle bemerkte der Interviewer: „Es ist aber bekannt, daß die Juden Siebenbürgens und anderer Provinzen durch die national-jüdische Politik gerade dem Einfluß der Magyarisierung usw. entzogen werden konnten." „Das ist richtig," entgegnete Goga, „aber die Juden des ganzen Landes können sich nicht über eine einheitliche Politik einigen und insbesondere dieJudendesRegatshalten nicht viel von nationaler Politik. Ich habe bisher noch aus keinem Lande gehört, daß sich alle dort wohnenden Juden einer einheitlich national-jüdischen Politik angeschlossen hätten. Der Prozeß der Einverleibung der Juden in den rumänischen Staatskörper ist das einzige Problem, das mich in diesem Zusammenhang interessiert Wenn dieser Prozeß abgeschlossen sein wird, werden die rumänischen Juden auch ihre politische Orientierung finden. Der Standpunkt meiner Partei, wie er auch von General

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