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Die Wahrheit · 1930-10-17 · Heft 42 (17.10.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
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diesen Umständen nur beschämend und entwürdigend gewesen wäre. Das freiheitliche Bürgertum bat dank dem Rasseantisemitismus der Deutschnationalen keinen entsprechenden Platz im Schober-Block gefunden, die Verantwortung für ihre Handlungsweise müssen die Zerstörer dieser Einheitsfront selbst übernehmen. Was nun? Die bange Frage hört man allerorts, ihre Beantwortung ist nach dem schweren Affront, der auch uns Juden durch die Haltung der Großdeutschen angetan wurde, schwerer denn je. Noch sind wohl nicht zur Stunde, da diese Zeilen geschrieben werden, die Kandidatenlisten der einzelnen Parteien, ja nicht einmal die Struktur ihres Auftretens restlos bekannt. Die Entscheidung wäre, würde sie in diesem schwankenden Zustande Die demokratische Mittelpartei ersucht uns um Veröffentlichung folgenden Kommuniques: Am 27. September, also zu einer Zeit, als Bundeskanzler Dr. Schober noch im Amte war, hat der Obmann unserer Partei in einer Vorspräche bei ihm die Bereitwilligkeit der Partei, sich an einer Blockbildung unter Führung Doktor Schobers zu beteiligen, zum Ausdruck gebracht. Dr. Schober hatte für die Mitte der folgenden Woche seine Stellungnahme zum Plane einer Blockbildung sowie eine Verständigung der demokratischen Mittelpartei zugesagt. Inzwischen hatten die Besprechungen der Parteien, die auf die Bildung eines Blocks abzielten, begonnen, ohne daß die Leitung der demokratischen Mittelpartei hiezu eine Einladung erhalten hätte. Wie nunmehr festgestellt werden konnte, ist eine solche Einladung entgegen den Wünschen des Bundeskanzlers Dr. Schober über Betreiben der großdeutschen Delegierten unterblieben. Am 10. d. M. sprach unser Obmann beim Bundeskanzler Dr. Schober neuerlich vor und beschwerte sich über den offenbar absichtlichen Ausschluß der demokratischen Mittelpartei von den Blockverhandlungen. Er wandte sich insbesondere gegen den Versuch, die bei den Beratungen über eine Blockbildung anwesenden Vertreter der Wirtschaft zugleich als Vertreter der demokratischen Mittelpartei hinzustellen. Am Samstag, den 11. d. M. übermittelte der Feuilleton Das neue Einheitsgebetbudi in Deutschland*) Der Preußische Landesverband jüdischer Gemeinden, diese neue segensreiche Organisation der Juden in Deutschland, hat einen konservativen und einen liberalen Kultusausschuß eingesetzt, so daß der Kampf innerhalb der Gemeinden ausgeschaltet erscheint. Der uralte Streit um das Gebetbuch z. B. wurde nun dadurch gelöst, daß der liberale Ausschuß, ohne seine Meinungen und Neigungen dem anders Denkenden aufzudrängen, drei seiner bedeutendsten Männer beauftragt hat, das lang ersehnte Einheitsgebetbuch für die liberalen Gemeinden auszuarbeiten. Dieses Einheitsgebetbuch erstrebt keine starre Uniformität, sondern berücksichtigt die hergebrachten lokalen Traditionen aller deutschen Gemeinden. Das Dreimännerkollegium bestand aus - dem Frankfurter Rabbiner Dr. Caesar Seligmann, Präsidenten des Liberalen Rabbinerverbandes für Deutschland, dem Breslauer Stadtrabbiner Dr. Vogel st ein, dessen Vater, Dr. Heinemann Vogelstein, ausgerüstet mit tiefem allseitigem theologischem und philosophischem Wissen und mit hohen Charaktereigenschaften begabt, schon vor Jahren in der vordersten Reihe der liberalen Vorkämpfer stand, *) Thefillot lchol ha Schanah. Gebetbuch für das ganze Jahr, bearbeitet im Auftrag des Liberalen Kultusausschusses des Preußischen Landesverbandes jüdischer Gemeinden, Frankfurt a. M. Druck und Verlaß von M. Lebrberger & Co. gefällt werden, verfrüht und deshalb gefährlich. Was in diesen Blättern immer als oberste Richtschnur des Auftretens der Juden in der politischen Oeffentlichkeit gekennzeichnet wurde, Besonnenheit und Zurückhaltung, ohne dabei die eigene Würde außer acht zu lassen, in diesen Tagen hat die österreichische Judenschaft besonders die Pflicht, dieser unserer Parole eingedenk zu sein. Denn wir Juden stehen jetzt, da — nicht durch unsere Schuld — eine verheißungsvolle Neubildung gefährdet erscheint, mehr denn je im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses. Zeigen wir uns dieses historischen Augenblickes als aufrechte Juden und demokratische Bürger dieses Staates würdig, hüten wir uns vor Uebereilungen, die wir später vielleicht bitter bereuen würden. 0. H. Obmann unserer Partei dem Bundeskanzler a. D. Dr. Schober den Beschluß der Partei, sich an der Blockbildung zu beteiligen, was der Herr Bundeskanzler mit Befriedigung und Zustimmung zur sofortigen Publikation zur Kenntnis nahm. Die von uns namhaft gemachten Kandidaten fanden die Billigung des Herrn Bundeskanzlers und stießen auch bei keiner der an der Blockbildung beteiligten Parteien auf irgendeinen Widerspruch. Wenn auch in keinem Stadium der Verhandlungen mit dem Herrn Bundeskanzler für die Aufstellung unserer Kandidaten irgendeine konfessionelle Bedingung ausdrücklich ausgesprochen worden war, konnte doch die demokratische Mittelpartei um so eher den wahltaktischen Erfordernissen der großdeutschen Volkspartei entgegenkommen, als unsere Partei als wahrhaft freisinnige Organisation jede rassenmäßige Unterscheidung ablehnt Der Inhalt des ohne unser Zutun verfaßten und veröffentlichten Aufrufes des Blockes sowie die parteiamtlichen Verlautbarungen der großdeutschen Volkspartei, wonach derselben von dem, Beitritt unserer Partei angeblich nichts bekannt sei, machten eine sofortige Klärung des Verhältnisses unserer Partei zum Block notwendig. In einem Montag, den 13. d. M. vormittags, dem Altbundeskanzler Dr. Schober überreichten Beschluß ersucht die Partei, eine Klarstellung des Verhältnisses der demokratischen Mittelpartei zum nationalen Wirtschaftsblock und Landbund in einer Vollsitzung des Blockes unter Zu- und dem Professor Dr. J. Elbogen, den C. G. Montefiore mit Recht „den größten jetzt lebenden Kenner der jüdischen Liturgie" nannte. Seligmann, der schon in seiner Pessachhagada sich als meisterhafter Nachdichter alter Liturgien erwies, hat nun den deutschen Text, d. h. die Uebersetzung der hebräischen Gebete, bearbeitet und es ist ihm gelungen, "ohne Schwulst und Künstelei, ohne Anlehnung an die kirchliche Theologensprache einen Gebettext herzustellen, der durchaus modern anmutet, aber an Frische, Unmittelbarkeit und herzhafter, hingebender Frömmigkeit dem hebräischen Originale gleichkommt. An manchen Stellen vergißt man, daß es Uebersetzung ist, und gewinnt den Eindruck, daß, wenn die Schöpfer der Gebete deutsch gedacht hätten, sie ihre Gedanken und Bilder nicht anders hätten ausdrücken können, als es hier geschieht. Ueberall ist der jeweilige Stil des Originals, richtiger der darin verborgene Rhythmus, das davon ausströmende Aroma beibehalten, vom höchsten Schwung der Ekstase über das innige Hinschmelzen in mythischer Hingebung und bebendes Ersterben in zerknirschter Demut, bis zum ursprünglichen, naiv-vertrauenden Herzenston, der aus der Seele der schlichtesten religiösen Menschen quült. Dieses liberale Gebetbuch ist konservativ im wahren Sinne des Wortes, nicht nur weil es die hebräische Gebetsprache beibehält, sondern weil es trotz der vielen Kürzungen und Weglassungen, oder gerade dank diesen Kürzungen und Weglassungen das Ganze den modernen Bedürfnissen anpaßt und so unserem alten Gebetbuch in moderner Form Daseinsberechtigung und Leben sichert. Weggelassen, gekürzt oder geändert sind nur solche Partien, die dem heutigen religiösen Bewußtsein gänzlich entziehung von Vertretern der demokratischen Mittelpartei ehestens zu veranlassen und die vollkommene Gleichstellung der demokratischen Mittelpartei mit allen Mitgliedern des Blockes festzustellen. In einer vom Herrn Altbundeskanzler Doktor Schober veranlaßten, am 13. d. M. nachmittags abgehaltenen Besprechung stellte der Obmann der demokratischen Mittelpartei fest, daß seine Partei bis an die äußersten Grenzen des Entgegenkommens gegangen sei, um gemäß ihren Bestrebungen im Interesse der schwer leidenden Wirtschaft die Bildung des Blockes zu ermöglichen. Der Vertreter der großdeutschen Partei er k lärte, daß seine Partei mit Rücksicht auf das Salzburger Programm und die Einstellung ihrer Wähler einer parteimäßigen Vertretung der demokratischen Mittelpartei aus wahltechnischen Gründen nicht zugängig sei. Der Vorschlag, die demokratische Mittelpartei möge nur Vertrauensmänner kandidieren, ohne in der Oeffentlichkeit als Mitglied des Blockes bezeichnet zu werden, wurde von den Delegierten der Partei als unwürdig entschieden abgelehnt. Die von Vertretern der Wi r tschaft unterbreiteten Vermittlungsvorsc.hläge fanden nicht die Zustimmung der großdeutschen Volkspartei und damit war die Schaffung des vom Altbundeskanzler Dr. Schober gedachten großen Blockes gescheitert. * Wir haben der Veröffentlichung der demokratischen Mittelpartei über ihre Verhandlungen wegen Eintrittes in den Schober-Block um so lieber Raum gegeben, als dadurch in einer für jeden Kenner der Verhältnisse verständlichen Weise die ganze Schamlosigkeit des Verhaltens der Großdeutschen aufgezeigt wird. Wie schon in unserem heutigen Leitartikel ausgeführt, ist besonders empörend der Vorschlag gewesen, den diese arische Reststimmenpartei den Vertretern der Demokraten zu machen wagte, als sie im Widerstreit der Gefühle zwischen großstädtischer Mandatssucht und Rücksichtnahme auf ihre Prövinzanhänger nicht mehr aus noch ein wußte. Nach dem bei diesen Herrschaften anscheinend sehr beliebten Prinzipe „Grüß mich nicht unter den Linden" haben sie hier ein Plänchen ausgeheckt, das vielleicht ihrem „nordischen" Geschmacke munden mag, das aber nie und nimmer dem Ehrgefühl der „verderbten semitischen Rasse" entsprechen kann. schwunden sind, ihm widersprechen oder gar bei ihm Anstoß erregen, obwohl sie in längstvergangener Zeit wohlbegründet und vollberechtigt waren. Indessen muß es befremden, daß z. B. das sabbatliche Brautlied, das schon durch die zahlreichen wunderschönen Melodien, die sich seit 400 Jahren um dieses Gebet ranken," den Gottesdienst am Freitag abend zu einem wahren wo an igen Labsal gestalten, auf drei Strophen reduziert wurde. Eine Betergemeinde ist doch am Ende keine Gymnasialklasse, für die man Goethes Gedichte derart zustutzen muß. Das herrliche Gedicht hätte, mit einigen leichten Korrekturen, in extenso wiedergegeben werden sollen, den Gemeinden stand es dann frei, daraus soviel zu entnehmen, als ihnen jeweils beliebte. Für die Weglassung der vielen, langen, meist unverständlichen, in unkünstlerischem oder schwerfälligem Hebräisch abgefaßten Pijutim bieten die Verfasser reichlichen Ersatz durch Heranziehung bisher unverwendet gebliebener Gedichte der großen DichterderspanischenEpoche.die mit vielem Geschmack und Kennerschaft ausgewählt und von Seligmann meisterhaft übertragen wurden. Mit Recht sagen die Verfasser zum Schluß ihrer Vorrede: „Der Genius der Synagoge hat zu keiner Zeit geruht, ein Geschlecht um das andere hat danach gestrebt, Andacht und Frömmigkeit zu erneuern, jedes hat das alte Erbgut mit den Ausdrucksformen seiner Zeit belebt. So sei auch dieses Gebetbuch der jüdischen Oeffentlichkeit übergeben als Ausdruck von Glaube und Hoffnung, von Demut und Dankbarkeit unserer Zeit! Möge es seinen Beruf erfüllen, als Anreger jüdischer Frömmigkeit und Bekenntnistreue!" B. S. ■SU „Der Sud ist schuld. . ." Die Ablehnung der demokratischen Mittelpartei.

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