Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 42 (17.10.1930)
- Date
- 1930-10-17
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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Preis-dieser Nummer 50 Groschen Jüdische Die Wahrheit Ersdieinf jeden Freitag mit den Veröffentlichungen der „Union deutschösterreichischer Juden' und den Amtlichen Verlautbarungen der Israelifischen Kultusgemeinde Wien M BZ Redaktion und Administration: Wien II., Heinestraße 13 — Telephon R 46-2-16 XLVI. Jahrgang Wien 17. Oktober 1930 Nummer 42 Sehober'Bloek. Das Wiener freiheitliche Bürgertum hat in den letzten Tagen eine schwere Enttäuschung erfahren. Seine Hoffnung, trotz des Wahlunrechts, das es seit vielen Jahren daran hinderte, Vertreter in den österreichischen'Nationalrat zu entsenden, nunmehr die langersehnte Gelegenheit gefunden zu haben, freiheitliche Männer in der gesetzgebenden Körperschaft für das Bürgertum wirken zu sehen, ist infolge illoyaler Machinationen unerfüllt geblieben. Dabei schien die Gelegenheit diesmal besonders günstig. Dem Rufe der gesamten Wirtschaft folgend, hatte sich ein Mann an die Spitze der Bewegung gestellt, zu dem alle verantwortungsbewußten Elemente in diesem Staate, welchem Glauben immer sie angehören, großes Vertrauen besitzen, das er sich in schicksalsschweren Stunden dieses Staates ehrlich erworben hatte. Alle jene, die sich trotz der vielen Rückschläge den Glauben an die Möglichkeit einer Zusammenfassung der wirtschaftlich Denkenden im Kampfe gegen Reaktion und Radikalismus bewahrt haben, atmeten befreit auf, als sie erfuhren, daß Dr. Hans Schober bereit sei, im Wahlkampf der Führer eines Wirtschaftsblocks. zu sein, in dem alle bürgerlichen Parteien der Mitte, die mittun wollten, als gleichberechtigte Partner zusammenwirken sollten. Es hat nicht sollen sein! Wieder einmal, wie in den finstersten Tagen der Reaktion, ist eine gute Sache daran gescheitert, daß Rassenhaß und Rassendünkel sich ihrer bemächtigten. Die große Zeit hat ein gar kleines Geschlecht gefunden. Jene Partei, die sich mit Stolz „groß deutsch" nennen zu können glaubt, hat in einer der kritischesten Situationen dieses Staates, da sie ihre Größe zeigen sollte, bewiesen, daß sie kleinlich, daß sie schäbig denkt. Nicht an den Juden — ohne Ruhmredigkeit sei es vermeldet — ist es gelegen, daß das große Werk nicht vollbracht wurde. Diesmal, das sei für alle Zeiten festgehalten, waren nicht die Juden schuld, deren „Sündenregister" die gleichen Leute, die jetzt den Makel der Sprengung des Bürgertums auf sich geladen haben, so gerne aufzählen. Man wird es uns glauben, es wäre den Juden nicht allzu leicht gefallen, ihre- Stimme einer Wahlgemeinschaft zu geben, in der neben einem Dr. Schober und neben anderen Männern ihres Vertrauens großdeutsche Rassenantisemiten vertreten gewesen wären. Aber die drohende Gefahr des Unterganges des Bürgertums, das links und rechts von mächtigen Feinden umgeben ist, hätte sicherlich auch die Judenschaft dieses Staates aufgerüttelt, hätte sie zur Besinnung gebracht, wohin dieses Staatsschiff steuert, wenn nicht im allerletzten Moment dem Treiben der verblendeten Lenker Einhalt geboten wird. Das freiheitliche Judentum dieses Staates — und es ist dies die überwiegiende Mehrheit der jüdischen Bevölkerung desselben — hat Opfer gebracht, da man Opfer von ihm verlangte. Der Umstand, daß Dr. Schober, der in gefährlichen Tagen bewiesen hat, daß er die Gesetze auch gegenüber den Judenrestlos gewahrt wissen will, dem Wfrtschaftsblock als Führer vorstand, die Hoffnung, neben ihm endlich wieder freiheitliche Vertreter im Parlament einziehen zu lassen, hätte dem Judentum die schwere Wahl erleichtert. Es hätte nicht wie bisher Parteien nachlaufen müssen, von denen es die jüdische Ehre einerseits und die wirtschaftliche Einstellung anderseits fernhalten hätte müssen. Es hätte auch nicht im entferntesten mit dem Gedanken einer selbständigen jüdischen Kandidatur spielen müssen, einem Gedanken, dem unentwegte jüdischnationale Politiker auch jetzt noch sehr zum Schaden des Judentums praktischen Ausdruck verleihen wollen. All diese abwegigen Kombinationen wären in Wegfall gekommen, mit seinen christlichen Mitbürgern hätte der freiheitliche Jude seine Wahl nach bestem Wissen und Gewissen treffen können. Es hat nicht sdllen sein! Krassester Parteiegoismus, niedrige Rasseninstinkte haben ein Werk zerstört, an dem so viele Hoffnungen hingen. Es wäre müßig, in diesem Rahmen all jene Details aufzuzählen, die den Lesern der Tagesblätter aus deren Berichten über die Verhandlungen wegen Zustandekommens eines die gemäßigten bürgerlichen Parteien umfassenden Schober-Blockes hinlänglich bekannt sind. Nur bei der Schlußphase wollen wir ein wenig verweilen, bei jenem widerlichen Momente,, da aller Kulturwelt gezeigt wurde, daß es im 20. Jahrhundert Leute gibt, denen auch in Zeiten ärgster gemeinsamer Not Rassendünkel mehr gilt als Einigkeit. Die Großdeutschen, diese Partei von Reststimmlern, die am meisten froh darüber sein können, daß Dr. Schober sie unter seine beschirmenden Fittiche genommen hat, sie haben es gewagt, verachtungsvoll eine Partei behandeln zu wollen, die, wenn sie auch im Parlamente nicht vertreten ist, dennoch ihrem Programme und ihren Prinzipien gemäß, breiteste Schichten des freiheitlichen Bürgertums umfaßt. Sie haben diese Partei, obwohl es auch ihnen bekannt sein müßte, daß sie einen starken Prozentsatz christlicher Mitglieder besitzt, mit einem Schimpfworte belegt, das in unseren Augen wahrlich kein Schimpfwort ist; sie stigmatisierten sie als „Judenpar tei". Und eine solche Partei durfte nach dem Konzepte der Großdeutschen, die nichts mehr befürchteten als die drohende Konkurrenz der Nationalsozialisten, nicht in einer Front mit ihren teutschen Recken genannt werden. Was hätte der Grazer Gymnasialprofessor, was der deutsche Turner in Mattsee, was der Postoberoffizial von Wels, was der Bahnvorstand von Schladming dazu sagen sollen? AH diese deutschnationalen Kategorien aus der Provinz waren den Herren lieber als die Juden von Wien und mit dem Bleistift in der Hand — wie ein jüdischer Händler nach ihren Vorstellungen — rechneten sie sich aus, daß der arische Abfall in der Provinz größer sein würde als der jüdische Zuwachs in Wien, wobei von ihnen gewiß noch die Wahrscheinlichkeitsrechnung angestellt wurde: die Juden wählen aus Verehrung gegenüber Dr. Schober den Block ohnedies. Ja, sie hatten sogar die Kühnheit, der demokratischen Mittelpartei einen Ausweg vorzuschlagen, der nach dem Lexikon dieser teutonischen Herrschaften einem „jüdischen Dreh*' bedenklich gleicht. Die Partei sollte sich offiziell an dem Schoberblock nicht beteiligen, sondern nur ihre wirtschaftlichen Vertreter in denselben entsenden, ohne daß deren Zugehörigkeit zur Partei im Wahlkampfe bekanntgemacht werden dürfte. Die demokratische Mittelpartei hätte sich also nach diesem famosen Plane an dem Wahlkampfe — bis auf eine einmalige Empfehlung desSchober-Blockes — gar nicht beteiligen brauchen, sie hätte keine Versammlungen abhalten, keine Propaganda treiben müssen, mit einem Wort, sie konnte bis zum 9. November auf Urlaub gehen. Es sei den Demokraten gerade von uns Juden hoch angerechnet, daß sie diesen; beschaulichen, aber unwürdigen Ausweg mit Entrüstung zurückgewiesen haben. Denn gerade der Umstand, daß diese Partei als. „Judenpartei" von den Deutschnationalen gekennzeichnet wurde, hätte diesen Herrschaften im geeigneten Momente Anlaß geboten, der Partei das Eingehen auf diesen empörenden Plan mit Recht zum Vorwurfe zu machen!. In dieser schicksalsschweren Stunde hat die demokratische Mittelpartei das Ehrgefühl besessen, den widerlichen Lockungen der Großdeutschen entgegenzutreten und eine Gemeinschaft abzulehnen, die für sie unter Sfremofrtatiscfke Jtlittetvmtei. Der Vorstand der demokratischen Mittelpartei hat, wie wir knapp vor Blattschluß erfahren, alle eines freiheitliehen Burgers unwürdigen Vorschläge auf Eintritt in den „Schober-Block" entschieden zurückgewiesen und beschlossen, selbständig in den Wahlkampf einzutreten. Dieser Entschluß war aber auch von der Erwägung bestimmt, daß dieser sogenannte „Mittelbteck nach seiner Zusammensetzung nicht geeignet sein kann, die wirtschaftliehen und kulturellen Interessen des städtischen Bürgertums vertreten. zu