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Die Wahrheit · 1930-10-17 · Heft 42 (17.10.1930) · page 3

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 42 (17.10.1930)
Date
1930-10-17
Page
– (sequence 3)
Language
German
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DIE WAHRHEIT Salt» 3 Wir sind stolz darauf, daß Juden es waren, die diesen ruchlosen Gedanken mit dem Ausdrucke der Empörung und Entrüstung zurückwiesen. Die Herrschaften werden vielleicht diese Episode aus der hoffentlich nicht mehr allzu langen Geschichte ihrer Partei nicht so bald vergessen. Diese Hoffnung mag trügerisch sein, denn gerade in diesen Tagen tauchte eine Erinnerung auf, die beweist, daß das politische Gedächtnis der Großdeutschen kein sehr starkes ist. Es war bei einer Nachwahl nach dem Tode Luegers, als das Mandat im Rathausviertel frei wurde und die Christlichsozialen den Minister- Wittek kandidierten. Damals wurde unter den freiheitlichen Bürgern der Inneren Stadt lange darüber beraten, wen man wohl als würdigsten Gegenkandidaten dem Nachfolger Luegers gegenüberstellen könnte. Es war die Zeit der Beamtenverfolgungen, wo die Christlichsozialen im Ueberschwang der neu eroberten Macht jeden Andersgesinnten vor die Türe setzten. Unter anderen war auch ein kleiner Finanzbeamter namens Dr. Waber wegen seiner deutschnationalen Gesinnung strafweise nach Feldkirch versetzt worden. Diesen Dr. Waber haben damals die Wiener Bürger der Inneren Stadt ohne Unterschied des Glaubens und der Rasse auf den Schild gehoben. Der verbannte Deutschnationale wurde als Protestkandidat des freiheitlichen Bürgertums im Zentrum der Stadt aufgestellt. Diese freiheitlichen Bürger wußten ganz genau, was sie taten. Auch der Judenpunkt im deutschnationalen Programm war ihnen nicht unbekannt. Trotzdem stimmten sie für den Namen Waber, für den Namen eines Opfers der christlichsozialen Parteipolitik, weil ihnen dieser Name damals der wirkungsvollste schien im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Andere Zeiten, andere Sitten. Herr Dr. Waber hat offenbar längst vergessen, daß ihm die erste Etappe seiner politischen Laufbahn von jüdischen Wählern geebnet worden ist. UFA-TON-KINOi Wien IL. Takerttrtli T«l«phoi» R 41-2-41 Die Großdeutsehen. Die „großdeutsche" Partei in Oesterreich führt eine rein parasitäre Existenz. Das beweist schon ihr Titel. Schon die „Deutschnationalen" im altösterreichischen Parlament waren für eine Vereinigung aller Deutschen unter dem Szepter der Hohenzollern. Das hat die Partei aber nicht gehindert, den Habsburgero treu ergebene Minister zu stellen. War doch die Frage des Zusammenschlusses damals nicht aktuell. Das wurde sie erst nach dem Zusammenbruch. Der Gedanke setzte sich rasch so allgemein durch, daß auch die Christlichsozialen mit ihren ganz anders gearteten Zukunftshoffnungen — sie rechneten im Stillen mit einer Wiederherstellung der österreichisch-ungarischen Monarchie — sich der Strömung offiziell nicht entgegenzustellen wagten. Die Deutschnationalen aber annektierten frisch, fromm, fröhlich und frei den Gedanken, der damals, wie gesagt, Allgemeingut war, indem sie ihn zu ihrer Parteifirma machten. Man kann nicht sagen, daß dadurch das großdeutsche Ideal gefördert worden wäre. Bloß in der Theorie schönklingender Partei-„Belange" spielt es eine Rolle. In der Innenpolitik sind die sogenannten „Großdeutschen" sogar ausgesprochen kleindeutsch, sofern man unter dieser Bezeichnung alle Bestrebungen zusammenfaßt, die die Verkleinerung des Begriffes „Deutschtum" unter die naturgegebene Notwendigkeit ins Auge fassen. So wie in den Tagen des Frankfurter Parlaments und Bismarcks diejenigen Preußen, die den Ausschluß der O e s t e r r e i c h e r aus dem deutschen Bund anstrebten, kleindeutsch genannt wurden, so verdienen heute jene Politiker diesen Namen, die in die Masse der Deutschsprachigen und mit deutscher Kultur Erfüllten den Trennungskeil eines R a s s e n gegensatzes schleudern. Das aber ist die augenblickliche Haupttätigkeit unserer sonderbaren „Groß deutschen". In diesem Zusammenhang verdient die Darstellung eines liberalen Wiener Blattes einige Beleuchtung. Dort wird mit Recht die Frage aufgeworfen: „Wer hat damit begonnen, das Volk in zwei Heerlager zu teilen? Ist es nicht die grundlegende Idee des Klassenkampfes, wie unsere Marxisten ihn auslegen?" Aber nicht nur der Klassenkampf ist ein trennendes Element, auch der Rassenkampf, von dem der Artikel nicht spricht, verdient diese Bezeichnung. Und die Feststellung des betreffenden Artikels: „Man hat sich bemüht, einen in sich geschlossenen sozialdemokratische Kunst zu konstruieren!", hätte den kratische Kunst zu konstruieren!" —, hätte den Hinweis auf die deutscharisehen Turnvereine verdient, aus deren rassisch-exklusiven Riegen jetzt dem Herrn H u e b e r aus Mattsee der Bauchaufschwung auf die Ministerbank geglückt ist. Sonst müßte die bewegliche Klage über das Bestreben, „den Kampf selbst in Gebiete hineinzutragen, die an sich allen politischen und wirtschaftlichen Gegensätzen entrückt sind", ebensosehr gegen die Vorkämpfer des Arierparagraphen in den diversen Touristen vereinen gerichtet sein als gegen die Schöpfer sozialdemokratischer Kunststellen... Oder ist die Alpenwelt die natürliche Arena für politische Gegensätze? Es ist ein öffentliches Geheimnis, daß die „Großdeutschen" schon längst von der Bildfläche der-österreichischen Politik verschwunden wären, wenn ihre parasitären Instinkte sie nicht bei jeder Wahl vor dem Untergang bewahrt hätten. Das letzte Mal fanden sie Unterschlupf auf der „Einheitsliste" des Herrn Seipel, diesmal hoffen sie, aus der Popularität des Dr. Schober neues Lebenselexier für sich schöpfen zu können. Aber da gibt es ein kleines Hindernis: Die „Einheitsliste" hat auch in den Wiener Gemeinderat zwei Großdeutsche gebracht, die dorthin sonst nie hineingekommen wären. Diese beiden Herren fühlen durch die jetzige „Linksschwenkung" ihrer Parteigenossen aus dem Nationalrat ihre Gemeinderatsmandate mit Recht sehr bedroht. Daher GOBELINS nach Gemälden berühmter jüdischer Maler erzeugt Atelier ZAHRADNIK Wien V., Anzengrubergasse Nr. 30 Telephon U 40-9-17 Ein Ton-, Sprach* und Gesangsfilm der Ufa Hauptrollen: Dolly Haas. Oskar Karlweis Beginn der Vorstellungen: 5, 7 und 9 Uhr An Sonn, and Feiertagen ab 3 Uhr hat sich sowohl Gemeinderat Pfeifer als auch Gemeinderat Wagner beeilt, durch Heraufbeschwörung des alten rassenantisemitischen Standpunktes den neuen Schober-Block schon in der Bildung zu gefährden. Der eine Herr hat dies durch eine programmatische Erklärung in einer Wählerversammlung getan, der andere in der jüngsten Sitzung des Wiener Landtages durch Beflegelung des sozialdemokratischen Vorsitzenden. Die großdeutsche Volkspartei gab bei der Bildung des Schober-Blockes vor, einzig und allein im Interesse der Besänftigung der Gemüter und im Dienste der Wirtschaft sich unter die Führung Schobers zu begeben. Ja, sie verweist die Oeffentlichkeit darauf, welcher Selbstentäußerung sie fähig sei, da in der Bezeichnung des Blocks nicht einmal ihr Parteiname aufscheine. Um Mandate zu erhalten, entäußert sie sich selbst ihres Namens, aber ihre rassenantisemitische Einstellung gibt sie nicht auf, um nicht ihre letzten Wähler zu verHeren. Wird die Wählerschaft den großdeutschen Versicherungen, nur der Wirtschaft dienen zu wollen. Glauben schenken, da sie durch ihren Antisemitismus wichtige Schichten in Industrie, Handel und Gewerbe aus diesem Wirtschaftsblocke auszuschließen sucht? Ihren Worten wird man wenig Glauben schenken, man wird der Taten begierig sein. H. Sp. | Rabbiner Dr. Armin Abeles \ Eine Würdigung. Unsere Weisen meinen: „Wenn ein Gelehrter stirbt, dann fühlt sich jeder ihm anverwandt." Nicht dieses Motiv, dem verblichenen Kollegen gegenüber doppelt verpflichtend, allein ist es, das dem Schreiber dieser Zeilen die Feder in die Hand drückt. Die innerste Ueberzeugung ist es vor allem, daß mit Dr. Abeles ein origineller, reich begabter Geist vorzeitig erloschen ist, der es verdient, daß ihm ein publizistisches Denkmal errichtet werde. Von den Gesetzestafeln erzählt der Midrasch, daß, als Moses in seinem Zorne die ersten zerschlug und sodann die zweiten von Gott erhielt, er auch die zerbrochenen neben den ganzen in der Bundeslade aufbewahrte. Ein hartes Schicksal hatte Dr. Abeles allzuviel mit Krankheiten, Leiden, wie nicht minder mit Kummer und Sorge bedacht, aber auch dann, als sein Lebensmut gebrochen, ja selbst, als er schon vom Tode gezeichnet war, blieb sein Geist rege und schaffensfroh und! die Abhandlungen. Aufsätze und Reden dieses zermürbten und zerschlagenen Mannes konnten es leicht mit solchen jener Gelehrten aufnehmen, denen Gesundheit und Glück beschieden gewesen- Noch jung an Jahren, kaum als Rabbiner flügge geworden, veröffentlichte er lesenswerte Exhorten für die Jugend. Noch höher sind seine wissenschaftlichen Studien zu bewerten, so: „Der kleine Versöhnungstag", 1911, „Die Bürgschaft als Motiv in der jüdischen Literatur" (Monatsschrift 1913) u. a. Vorzüglich war er auch als Kanzelredner. Wie an einer verborgenen Schnur geordnet, so liefen und flogen seine Gedanken, um sodann im Herzen der Zuhörer zündend zu wirken. Er war — um die Art seiner Beredsamkeit am besten zu kennzeichnen— ein Rhetor, der mit einigen Schlagworten aufhellend wirkte, hierin ein gelehriger Schüler seines Lehrers und Meisters, Rektor Dr. A. Schwarz. In dem erst jüngst gelesenen Buche Kohelet heißt es: „Süß ist der Schlaf des Arbeitenden, ob er wenig oder viel genossen hatte". Dr- Abeles hatte von seinem Leben, von seiner Mühewaltung und namentlich vor seiner weitumfassenden Bildung nur wenig genossen. Sein ihn jetzt umfangender ewiger Schlaf, sein ihn dem Erdenweh entrückender Schlummer sei nunmehr sanft und ruhig! Rabbiner Dr. JVI. Rosenmann. * Sonntag, den 12. d. M. hauchte nach längerem schweren Leiden Herr Gemeinderabbiner Doktor A. Abeles seine treue Seele aus. Der Verblichene, der sich der größten Achtung und Wertschätzung in allen Schichten der Brigittenau und der Landstraße erfreute, erreichte ein Alter von kaum 58 Jahren. Er zählte zu den bedeutendsten Mitarbeitern unseres Blattes und hat noch für unsere Feiertags-Festnummer den ausgezeichneten Artikel „Zum Versöhnungstag" geschrieben. Die Beliebtheit, deren sich der Verstorbene erfreute, kam bei seinem (infolge der Feiertage) erst Donnerstag, den 16. d. M., stattgeiundenen Leichenbegängnisse zum Ausdruck, über das wir nächstens berichten werden. UAiiiiiAAAAiiiiiiAiii^ll411iiAtlÄi flerren-Maft-Sctiaeiaerel Wien II., Praterstraße Nr. 2t | Gegründet 1900 Telephon R 41-6-64 w empfiehlt sieb zur Anfertigung eleganter Herren-Garderobe» Orig. englische Stoffe stets lagernd Erstklassige Ausführung Massige Preis« m~ zahlnnUs-rj-ieicfiteraiiie» "** f ftftf^fg^yfif t»fttfftftftf?rffffff*V

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