Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 10 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3062972-3064145-3064155--17805-3082769- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE WAHRHEIT Seite 3 Palästina-Aassprache im englischen Unterhaus. Im Verlaui der Debatte über' die von ■' der Regierung "verlangte Nachtragsbewilligung zum Coloniäl Development Fund befürwortete der Unterstaatssekretär für die Kolonien Dr. Drummond Shiels eine Nachtragsbewilligung von 140.000 Pfund für den Mittel- Ost-Dienst, und zwar 16.000 Pfund für den Irak und 124.000 Pfund für Palästina und Transjordanien. Im Zusammenhang mit den jüngsten Unruhen in Palästina wurde der Etat um folgende Beträge überschritten: für die Admiralität 1000 Piund, für das Kriegsministerium 35.000 Pfund, für das Luftfahrtministerium 63.000 Pfund, zusammen also um 99.000 Pfund. Die Frage, ob diese Kostenüberschreitung von der Palästinaregierung gedeckt werden soll, wird zu einem späteren Zeitpunkt erörtert werden. Eine Summe von 15.000 Pfund sei an das Luftfahrtministerium im Zusammenhang mit den außerordentlich hohen Ausgaben in Transjordanien zu leisten, da die transjordanische Regierung gegenwärtig diese Kosten nicht tragen kann. Eine weitere Summe von 10.000 Pfund ist als Hilfsbewilligung für die transjordanische Grenzmacht im Zusammenhang mit den Unruhen in Palästina erforderlich. Colonel Howard Bury stellte den Antrag, die Bewilligung um 100 Pfund zu kürzen. Ich erhebe einen starken Einwand dagegen, sagte er, daß eine hohe Summe ausgegeben wird, um eine fremde Rasse in ein fremdes Land zu bringen. Mit diesen Ausgaben ist ja noch nicht alles getan; im kommenden Jahre werden noch größere Summen angefordert werden. Hat der Herr Unterstaatssekretär die Rückwirkungen auf die Palästina benachbarten Länder in Betracht gezogen? Heute sind diese Länder noch unsere Alliierten, aber wenn die jetzige Politik in Palästina fortgesetzt werde, so. werden sie uns als Feinde gegenüberstehen. Marcus (Arbeiterpartei) protestierte gegen die Rede Howard Burys, die er „ungeheuerlich" nennt. Bei den letzten Wahlen, fuhr er fort, haben mindestens 13 Millionen Wähler für die Palästinapolitik gestimmt Das Geld, das nun angefordert wird, soll dazu dienen, eine Politik durchzuführen, zu der die Regierung gesetzlich verpflichtet ist Im August 1929 waren die jüdischen Einwohner Palästinas einem der brutalsten Angriffe in der Geschichte der menschlichen Grausamkeiten ausgesetzt; schutzlose Frauen und Kinder wurden von nichtjüdischen Einwohnern des Landes in der grausamsten Weise angegriffen. Es müssen Schritte unternommen werden, um den Schutz der jüdischen Bevölkerung Palästinas gegen weitere Angriffe von Huligans zu sichern. Das Unterhaus hat bei vielen Anlässen die in dem Palästina-Mandat vorgeschriebene Politik gebilligt. An der jüdischen Bevölkerung Palästinas sei ein Verbrechen begangen worden. Er wolle als Jude nochmals dagegen Protest erheben und der Hoffnung Ausdruck geben, daß das zu bewilligende Geld in einer Weise verwendet wird, daß das Vertrauen zu Palästina wiederhergestellt werde. James de Rothschild trat iür die Nachtragsbewilligung ein und führte aus, wenn eine solche Nachtragsbewilligung heute nötig geworden sei, so gibt es hier eine Person, die daran die Schuld trägt: das ist Colonel Howard Bury. Seine ganze Karriere hier im Hause diente dazu, den imaginären Plan eines Teiles der Bevölkerung zu unterstützen. Er habe auf jeden Wind gehört, der von der Wüste her geblasen kam, und er habe Gefühle der Unzufriedenheit geweckt, die schließlich zu Unruhen geführt haben. Hätte es mehr Polizei in Palästina gegeben, die Unruhen hätten sich dort nicht ereignet. James de Rothschild schloß: Im Namen einer Gesellschaft, die 15.000 Juden nach Palästina gebracht und viel Boden in dem Lande kultiviert hat, danke ich der britischen Regierung für ihre schnellen Entschlüsse bei der Unterdrückung dieser Unruhen. Hätte die Regierung nicht Truppen nach Palästina gesandt, es würden viel mehr Menschenleben verloren gegangen sein. Die Bevölkerung Palästinas und die Bevölkerung Großbritanniens sind der Regierung für diese Aktion dankbar. Der frühere Staatssekretär für die Kolonien, Amery, führte aus: Wenn Sie noch so verschiedener Meinung bezüglich der Balfour-Deklaration sein würden, so müßten Sie alle doch zugehen, daß keine britische Regierung es zulassen könne, daß ihre vorgefaßte Politik durch Pöbelgewalt umgestoßen werde oder daß eine in einem Lande gemäß einem internationalen Mandat angesiedelte Bevölkerung durch einen anderen Bevölkerungsteil verfolgt werde. Dr. Shiels iührte zum Abschluß der Debatte aus: Wir müssen fortfahren, den Schutz aller Bewohner eines Landes zu sichern, in welchem wir die Verantwortung für Recht und Ordnung tragen. Was wir hinsichtlich Palästina wünschen, ist das Wirken von Kräften, die eine Bewilligung dieser Art in der Zukunit überflüssig machen würden. Das Unterhaus stimmte der Nachtragsbewilligung zu. Die Geheimjuden in Portugal. (Aus dem .Tag*) Mittwoch, den 26. v. M. hielt Rabbiner Dr. Max Grunwald in der Urania einen Vortrag über „Die.Qeheimiuden in, P&r,tuga 1", zu dem sich eine Reihe hervorragender Persönlichkeiten des Wiener Judentums, so der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde, Prof. Dr. Alois Pick, und des öffentlichen Lebens eingefunden hatte. Die Geheimjuden Portugals und Spaniens, führte der Gelehrte aus. oder „Marranen" wie sie allgemein heißen, sind der Rest der einst zahlreichen jüdischen Bevölkerung Iberiens. Ein großer Teil der Marranen floh zur Zeit f der berüchtigten spanischen Inquisition aus dem Lande und so finden sich heute in fast allen Staaten .der .Welt Angehörige des Marranenstammes. Auch ein Teil der Wiener türkischen Judengemeinde gehört seiner Abstammung nach den Marranen . an. so schon ihr Gründer Diego d'Aguilar. „Geehrte Frau Professor! Nehmen Sie meinen herzlichen Dank für Ihren lieben Brief. Ich werde der Sache meine volle Aufmerksamkeit widmen. Mit Gruß Theodor Herzl." Im Bewußtsein, die Sache in den besten Händen zu wissen, erfüllte ich noch schriftlich meine Dankespflicht gegenüber dem Herrn in Schottland und befaßte mich nunmehr mit anderen, näher .liegenden Wohlfahrtsangelegenheiten. Schließlich entfiel die Sache ganz meinem Gedächtnis. Etwa 10 Jahre später erhielt ich von meiner Mutter, die in London lebte, ein Paket mit Geburtstagsgeschenken. Beim Auspacken der Geschenke, welche größtenteils in alte Zeitungen verpackt waren, fiel mein Bück zufällig auf eine Nummer der „Times"; der Bericht über die Parlamentssitzung fesselte meine Aufmerksamkeit. Ich begann zu lesen — wer beschreibt mein Erstaunen, als ich folgende Interpellation eines Parlamentsmitgliedes las: „Was gedenkt das Parlament zu unternehmen in Angelegenheit der polnischen Einwanderer, die in solchen Massen unsere heimischen Bergwerke in Schottland überfluten und durch billigere und leider auch bessere Arbeit unsere einheimischen Arbeiter bereits zu schädigen beginnen . . ." : Ich dankte im stillen Gott, daß er meine Arbeit gesegnet hatte. Es war der schönste Augenblick meines Lebens. Jessie Kurrein. Die Geschichte der Marranen beginnt mit dem traurigsten Kapitel der Judengeschichte überhaupt, der spanischen Inquisition. Um das'Jahr 1492 mußten'Sieb alle Juden Spaniens, wollten sie der Hinrichtung oder Landesverweisung entgehen, taufen lassen. Die meisten flohen, nu%ein kleiner Teil blieb zurück, nahm zum Schein den christlichen Glauben an und blieb im Geheimen seiner alten Lehre treu. Ein anderer Teil flüchtete nach Portugal, aber auch dort zwang sie alsbald ein königlicher Befehl zum Uebertritt zur katholischen Lehre. Diesem Befehl war die Drohung beigefügt, daß allen, die nicht binnen 10 Monaten übergetreten seien, die Kinder gewaltsam abgenommen und getauft werden würden. So wurden auch hier die meisten Scheinchristen. Die Inquisition aber beobachtete argwöhnisch ihr Tun und Lassen und verfolgte jeden Rückfälligen unbarmherzig. Zu jener Zeit entspann sich übrigens ein höchst interessanter Streit zwischen dem König und der römischen Kurie um diese geheimen Juden. Der König drohte sogar mit dem Abfall von der römischen Kirche, da der Papst ihm in der eifervollen inquisitorischen Tätigkeit einen Hemmschuh anlegen wollte. Die spanischen Juden erbaten sich damals Hiife beim Papst gegen die furchtbaren Verfolgungen der Inquisition, die ihnen der Papst auch gegen eine respektable Summe Geldes zusicherte. Dagegen bekam der König von seinen christlichen Financiers. die wieder an der Inquisition sehr interessiert waren, nicht unbedeutende Summen für jedes bewilligte Autodafe. So wollte keiner auf seine Einnahmen verzichten. Dieser Streit wurde endlich auf die Weise geschlichtet, daß der König dem Papst einmal einen Ring, ein zweitesmal eine Brustnadel schenkte, die im Werte höher waren als die Summen, die die Juden für etwaige Hilfen ausgesetzt hatten. Damit erwirkte sich auch der König von Portugal das Recht, die Marranen in seinem Lande ebenso zu verfolgen, wie sie in Spanien verfolgt wurden. Durch besondere Geschenke gelang es ihnen, bei Philipp III. die Begünstigung zu erwirken, von Portugal aus- und in die spanischen Kolonien einzuwandern. Später siedelte ein Teil dieser Flüchtlinge nach Hamburg. Amsterdam und Südfrankreich über, und Sombart schildert ausdrücklich das Aufblühen dieser Städte u.nd Länder dank der regen Tätigkeit d e r e i n g e w~a nd e r t e n Juden. So führt er den Aufschwung Hamburgs ausdrücklich auf die Zuwanderung der portugiesischen Geheimjuden oder Neujuden, wie er sie nennt, zurück. In Hamburg hob sich der Handel mit Spanien und Portugal damals rapid um zwanzig Prozent. 150 Schiffe liefen jährlich aus dem Hamburger Hafen nach Iberien und an der Gründung der Hamburger Bank anno 1619 waren vierzig dieser eingewanderten Judenfamilien beteiligt. Die Anzahl der Eingewanderten war zwar klein, aber trotzdem machte sich bald in Hamburg die Meinung geltend, daß alle Portugiesen Juden seien. Auch dort versuchte die Inquisition, sie zu erreichen, aber der Hamburger Senat hatte ein viel zu großes materielles Interesse an der friedvollen Lebensführung der eingewanderten Marranen. Im evangelischen Amsterdam, das die Zentrale des weltumfassenden Marranenhandels wurde und als dessen Organ nach Art der UFA-TON-KINO! an II., Taborilral« Telephon R 43-3-41 Der neueste Sprech an« TonlUra «er JOE MAY-Prrtuhllon «er WA Liane Haid u. Gustav Fröhlich in Ier nnsterhlidie Lump Musik von Ralph Benafzky Regie: Gustav Fröhlich Beginn der Vorstellungen: 5, 7 and 9 Uhr An Sonnnnd Feiertagen ab 4 Uhr Ii Fuggerzeituugen die erste jüdische Zeitung entstehen sah. wurden sie vorerst als Papisten verschrien, mußten Hausdurchsuchungen bei sich vornehmen lassen, als man aber bei ihnen statt Heiligenbilder hebräische Bücher fand, begnügte man sich damit, sie fleißig iür den Magistrai beten rzu lassen. Von den in Portugal als Scheinchristen zurückgebliebenen Marranen hielten einige noch eine Zeitlang die Verbindung mit ihren Freunden in der Welt draußen aufrecht, aber bald riß auch diese, und mit Ende des achtzehnten Jahrhunderts endete jede Beziehung zwischen den Marranen in Portugal und den Juden in der übrigen Welt. Als 1807 die Franzosen in Portugal einrückten, wurden sie von zehntausend Juden als Befreier begrüßt. Das ist die letzte Nachricht, die man von den Marranen hatte. Erst vor etwa zehn Jahren wurden sie wieder entdeckt. Von einem Ingenieur Samuel Schwarz, der sie gelegentlich einer Reise nach dem nördlichen Portugal auffand und eingehend studierte. Da sie seit 1911 — auf Grund der Religionsfreiheit, die die Revolution in Portugal brachte — sich wieder offen zum Judentum bekennen dürfen, machen sie von diesem Recht in immer werterem Maße Gebrauch. Die Mission dieser Rückwanderung zum Urglauben geht von einem portugiesischen Hauptmann Artur Carlos de Barros Basto aus. Mit Hilfe gleichgesinnter guter Freunde ist es ihm bereits gelungen, eine Synagoge in Porto und eine zweite in Braganza zu errichten. Wie sich jetzt herausstellt, haben die Marranen trotz aller Verfolgung durch die Inquisition und aller argwöhnischen Beobachtung doch die Jahrhunderte hindurch teils mehr teils minder unter der Maske des Katholizismus ihren jüdischen Kultus ausgeübt, wobei sich allerdings auch fremde Elemente in den Kult eingemischt haben. Im ganzen handelt es sich um die Rückkehr von 10.000 bis 20.000 noch katholischer ehemaliger Juden zum Glauben ihrer Väter. Nichts beleuchtet die heutige Stellung der Juden in Portugal so gut als die Tatsache, daß der Präsidialchef des derzeitigen Präsidenten der Republik Portugal, selbst ein Jude, kürzlich dem neuernannten Kardinal von Portugal in Vertretung des Präsidenten den Kardinalshut überreichte. Das Spanien von heute beginnt sich nicht nur der spanischen Juden zu erinnern, sondern es erkennt auch, daß der Wohlstand Spaniens zum Teil wenigstens durch die Rückwanderung der spanischen Juden gefördert werden kann. Aus diesem Grund hat auch kürzlich die spanische Regierung eine Zirkularnote an alle ihre Vertretungen und Konsulate im Ausland gerichtet, worin sie mit den spanischen emigrierten Juden engere Fühlung sucht. Die hochinteressanten Ausführungen des Gelehrten wurden mit sehr lebhaftem Beifall aufgenommen. —if— Eingesendet. Schalom! Sdiatom! Sehr geehrte Redaktion! Wir Juden sprechen jeden Tag beim Morgengebet den Satz: Ausse Schalom uwore es hakkol! Er (Qott) schuf den Frieden und formte das All! Kein größeres Glück, kein größerer Segen ist im Lager des Judentums denkbar, als der Friede, wiewohl unsere Vernaderer behaupten: „Der Jude entfesselt den Krieg." Und darum schmerzt es mich unsäglich, wenn ich den Streit hüben und drüben sehe. Wozu soll er dienen, wem soll er nützen! Seit meiner jüngsten Jugend bekenne ich mich zum Zionismus, wenn auch nicht zum politischen. Mit Recht darf ich behaupten, daß ich an der Wiege des Zionismus stand, noch ehe man im Westen von seinem Wesen eine Ahnung hatte. Es sind, seitdem in meiner russischen Heimat die Chowewe Zion-Bewegung entstand, fast vierzig Jahre verflossen. Schon damals gründete sich der Verein „Sofo beruro", der sich zum Ziele setzte, die neuhebräische Sprache zu pflegen, die Mitglieder durften untereinander bloß in dieser Sprache konvenieren. Die Korrespondenz — selbst nach K If!. ■ \