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Die Wahrheit · 1930-03-07 · Heft 10 (7.3.1930) · page 2

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1930
Issue
Heft 10 (7.3.1930)
Date
1930-03-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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Seite 2 Hit W4HKHKM das Jt-'ii: . 'die Kirche und durch die ganze Gesellschaft y\\m Antisemitismus erzogen. Die Mutter verbot den Kindern, uns Lechners, die Juden waren, zu nähern, weil Juden angeblich das Eflui christlicher Kinder brauchten, ich ging also JLecliriers Hause in großem Bogen aus dem Wege und dasselbe taten aöe" meine Kameraden. In d<er Kirche und in der Schule wurden wir häufig vor den Juden gewarnt War der Herr Kaplan,in guter Stimmung, so ersuchte er den Herrn Lelirer, daß . er die „.ludenweise" anstimme, e&ien Gassenhauer, n'i dein das Beten der Juden nachgeahmt werden Sollte, mit dem Text „taijterl-taijterl-taijterltai".; - Der .Aberglaube A'om Christenblut war in mich *o tief eingedrungen, daß ich jedesmal, wenn ich «ufällig einem Juden nahe -kam — absichtlich näherte ich mich keinem — diesem auf die Finger blickte, ob an ihnen kein Blut klebe. An dieser d u m m e n G e w o h n h e i t h i e 11 ich lange f e s t. Und dennoch liebte ich Herrn F ü c h s e 1, ..unseren Herrn Füchsel", wie wir ihn zu Hause zu nennen pflegten. Ich entsinne mich, daß unser Famiüenantisemitismus eine philosemitische Ausnahme zuließ: als Kind kam es mir nicht zum Bewußtsein, daß Herr Füchsel auch ein Jude war. Herr Füchsel war ein Hausierer in Göding; die Mutter pflegte von ihm Leinwand zu kaufen. Von Zeit zu Zeit suchte uns Herr Füchsel auf und wir alle freuten uns, wenn er kam; er breitete vor uns seine Waren aus, erzählte, aus welcher Fabrik sie seien, wem und wieviel er davon verkauft habe; er berichtete, was es in Göding und in den umliegenden Ortschaften Neues gebe usw. Daß es dabei nicht immer ohne Klatsch, wenn auch unter dem Siegel der Verschwiegenheit, abging, versteht sich von selbst. Zum Schluß pflegte er mir ein Stückchen von einem Bleistift zu schenken. Wir liebten Herrn Füchsel, er war „unser Herr Füchsel". Durch Bekanntschaft, Zusammenleben, wirtschaftliche Wechselbeziehungen vergaß man an das Blut — dieser Aberglaube galt nur für diejenigen Juden, mit denen wir nicht in Berührung kamen; es hatte aber jeder Rirualmordgiäubige seinen Herrn Füchsel. Die jüdischen Kinder hatten ihre eigene Schule oder ihren eigenen Lelirer und wir Kinder wuchsen voneinander getrennt oder fremd auf. Sie hatten ihr jüdisches Ghetto, wir unser.christiiehes. An der Realschule in Auspitz hatte ich einen jüdischen Mitschüler, ich ging ihm aus dem Wege und blickte auf seine Finger . . . Wir quälten ihn in unchristlicher Weise, obgleich er ein seelensguter Junge war. Er war nicht überaus klug, gehörte zu den schlechteren Schülern und widerlegte unsere Ansichten über das Judentum. Dieser jüdische Mitschüler bekehrte mich vom Antisemitismus. Wir unternahmen einst einen Ausflug in die Polauer Berge. Am Rückweg rasteten wir im Gasthaus zu Dunajowitz, um unsere Jause zu nehmen. Es wurde Wein und Bier getrunken, geraucht, die Professoren tollten mit uns und die Zielscheibe der Witze war „Leopold". (Ich erinnere mich an sein Aussehen, aber seinen Namen habe ich vergessen.) Die Sonne war vor dem Untergehen, Leopold verschwand vom Tische und man ging ihn suchen; die? Knaben fanden ihn, hinter einem Tore betend. Nun liefen auch andere Knaben hinaus, um ihn zu beobachten und beim Gebet zu necken. Auch ich ging mir ihn' ansehen. Niemals" werde ich vergessen,' wie mich Leopold verblüffte: er stand hinter einem Tore, an einem verborgenen Orte, offenbar um nicht gesehen zu werden. Er verneigte sich stets und betete. Mit einem Male'verging mir alle Lust zum Scherzen. Während wir tollten, vergaß Leopold nicht seines Gebetes; von diesem Augenblick angefangen, war mein Antisemitismus untergraben, wenn auch nicht ganz überwunden. Meine Eltern übersiedelten damals wieder nach Göding und ich 'hatte Gelegenheit, die dortige Judenstadt und mehrere Juden kennen zu lernen. Durch die Erfahrungen stürzte das Ghetto von Vorurteilen ein. Aus Bekanntschaften mit Juden keimte die Freundscliaft, und zwar eine treue und schöne Freundschaft.., In Brünn und Wien vergrößerte sich der Kreis meiner jüdischen Bekannten, die Vorurteile schwanden, obgleich sich die Gewohnheit aus rrifeiner Kindheit ab und zu meldete; und die Gewohnheit ist mächtig und schrecklich. L Die heutige Generation vermag den Antisemitismus nicht so zu empfinden, wie wir ihn empfunden haben. Es wird mehr über den sozialen Unterschied von Juden und Christen philosophiert, es werden Wagners, Nietzsches, Lagardes, Gobineaus Theorien gelesen; unser Antisemitismus war abergläubisch, klerikal. In der Hilsneraffäre meldete sich der primitive, alte, rohe Antisemitismus und bezwang auch einen großen Teil der tschechischen Intelligenz. Oft gedachte ich damals des betenden Leopold hinter dem Dunajowitzer Tore — vielleicht machte ich all das Unschöne, wozu mich -damals'der Antisemitismus verleitet hatte, wieder gut." ■ " *; ' - Jüdische Abstammung der Habsburger: Die demnächst erscheinende Nr. 11/12 des Zentralorganes der tschechoslowakischen Journalisten veröffentlicht ausführlich das Gespräch zwischen dem Präsidenten der Republik Prof. Th. Masaryk und der unter Führung von Georg Bernhard bei ihm erschienenen Delegation der Exekutive der „Federation international des Journalistes" aus Anlaß der Tagung, die im April, 1929 in Prag stattfand. Als das Mitglied der Delegation Dons die Frage nach der Reinheit der Rassen in Westeuropa aufwarf, erklärte der Präsident u. a.: „Es ergibt sich die Frage, in welchem Maße es reine wämmmmsBsä^isxifmmm^^mm^misi^är TEPPICHHAUS 1 AKTIENGESeUSCHAFT l., Bauernmarht Nr. 10-12-14 Vii., PlariahiilersiroDe Nr. Oft (Ecke Zieglergasse) «FV TEPPICHE VORHÄNGE PIÖBELSTOrFE ElMOEEVra DECKEN Größte Auswahl! Billigste Preise! Rasse oder reines Blut überhaupt gibt und ob es eine gute Sache ist. Heute wissen wir doch schon, daß alle Nationen rassenmäßig sehr durchgemischt sind. Wenn wir so von den Rassen sprechen, fällt mir ein, einst habe ich gehört, daß die Hab sburger jüdischer Abstammung seien. Etwas Näheres darüber weiß ich nicht; doch wurde mir gesagt, daß dies in einer Ausgabe von Meyers Konversationslexikon stand und daß der österreichische Hof damals die ganze Auflage habe aufkaufen lassen. Selbst hatte ich keine Gelegenheit, die Richtigkeit dieser Angabe zu kontrollieren." Dr. Georg Bernhard, der Führer der Delegation, erklärte, er werde versuchen, das festzustellen; es wäre allerdings sehr interessant, wenn die Repräsentanten einer so eminent katholischen Dynastie jüdischer Herkunft wären. Der Wiener Ita-Vertreter konnte sich persönlich von der Richtigkeit der- Mitteilung des Präsidenten Masaryk überzeugen, daß das österreichische Kaiserhaus seinerzeit eine ganze Auflage von Meyers K onversationslexikon durch Aufkauf aus dem Verkehr zog, weil in derselben die Habsburger als jüdischer Abstammung bezeichnet wurden. In dem 7. Band der 4. Auflage dieses Lexik'ons'vom Jahre 1887; der dem-ITA;Vertreter vorlag,, heißt es in dem Artikel „H a b s b u r g", daß spätere Geschichtsschreiber des Habsburg-Hauses die Abstammung der kaiserlichen Familie von der römischen Familie Pier leoni ableiten, die nachgewiesenermaßen jüdischer Abkunft gewesen ist. Werbet und verbreitet .Die Wahrheit11 wmm rm Feuilleton Der schönste Tag meines Lebens. Wie oft hört man bei Besprechung von Unglücksfällen, die vielleicht zu vermeiden gewesen wären, den Ausdruck der Resignation: Was kann ein Eiiizehier dagegen tun? — Wenn man nicht eine bedeutende Persönlichkeit oder ein besonders organisatorisch veranlagter Mensch mit großen Ideen sei, könne man weder etwas für die Allgemeinheit leisten, noch mit seinen Ideen durchdringen. Diese Voreingenommenheit will ich mit folgender kleinen Begebenheit aus meinem Leben widerlegen: Es war zur Zeit der Grubenkatastrophe in Boryslaw, als eine Beschreibung des Elends und der Not jüdischer Bergarbeiter in der Zeitung des Judentums erschien. Voll Erregung und Teilnahme schrieb ich einen Aufruf an die Allgemeinheit, der auch bald in der Presse Aufnahme fand, etwa folgenden Inhaltes: „Wie vielen dürfte, ebenso wie mir, schwer ums Herz gewesen sein, als sie den Leitartikel „Boryslaw" in Nummer 8 Ihres geschätzten Blattes lasen, in welchem in so lebhaften Farben das hoffnungslose Elend der armen jüdischen Bergarbeiter in Boryslaw geschildert wird, welche durch Außerbetriebsetzung des größten Teiles der dortigen Naphtiiagruben um ihr tägliches Brot gekommen sind und einem qualvollen Hungertode entgegensehen. Wo bleibt — ich sage diesmal nicht das „jüdische Herz" — wo bleibt der jüdische Unternehmungsgeist, der ^überall, wo sich ein Vorteil herausschlagen läßt; in mitunter unliebsame Erscheinung tritt, wo bleiben die Millionäre, die ein paar Hunderttausende zinstragend anlegen könnten, wo die - humanitären Vereine, die jüdischen Philanthropen? — Kommen alle diese nicht auf die gute Idee, eine gewinnbringende Aktiengesellschaft zu gründen und eine oder mehrere Gruben in Boryslaw anzukaufen und auf denselben Hunderten jüdischer Arbeiter, jüdischen Aufsehern, jüdischen Frauen und Kindern ein zwar kümmerliches, aber ehrliches Brot durch jüdisches Kapital zu sichern? Wie herrlich könnte sich da im Laufe der Zeit eine jüdische Arbeitskolonie entwickeln . . . usw. usw. . . ." Zu meiner größten Ueberraschung und Freude erhielt ich fast täglich Anerkennungsschreiben und Geldsendungen aus allen Teilen der Welt, um wenigstens die dringendste, augenblickliche Not zu mildern. In der Folgezeit begannen die Briefe und Sendungen seltener zu werden und nach einigen Wochen hatte ich die Sache beinahe vergessen, als eines Nachmittags der Postbote einen dicken, blauen Brief aus Schottland brachte. Voll Neugierde öffnete ich denselben. Der Inhalt war etwa folgender (ich kann ihn\ieider nicht wörtlich wiedergeben, da ich-das Original sofort an Theodor Herzl, der# sich gerade damals in Boryslaw aufhielt, absandte): „Geehrte gnädige. Frau! Erst heute ist die Zeitung des Judentums in nieine Hände gekommen. Ich las Ihren Aufruf, der tiefen Eindruck auf mich machte, der Gedanke an dieses große Elend ruft in mir die Pflicht wach, zu helfen, oder wenigstens meinen Teil dazu beizutragen. Die Gegend, in der ich lebe, ist eine ausgesprochene Bergwerksgegend. Tausende von schottischen Bergarbeitern finden hier ihr Brot und leben glücklich und zufrieden. Ich möchte den Versuch machen und hier jüdische Bergarbeiter ansiedeln. Gelingt er, so ist es gut, wenn nicht, so würde ich anderweitig für das Fortkommen der Familien, die ich kommen lasse, Sorge tragen. Hier bildet Frömmigkeit und Religion der Arbeiter kein Hindernis, sie können den Sabbath halten, da die Arbeitslöhne nach Tagen ausgezahlt werden und die Gruben von Samstag Mittag an geschlossen sind. Auch können die Leute koscher essen, wie ich es tue. Schicken Sie also erst einmal 5 Famüien hierher; ich werde sie mit Arbeit versorgen und .beaufsichtigen; sollten diese sich einleben und zufrieden sein, können in 3 Monaten 5 andere Familien hierherkommen, usw. Es ist zwar für den Anfang nicht viel, aber vielleicht hat die Sache eine Zukunft. Hochachtend Ev B." Diesen Brief sandte ich umgehend an Herzl. .seine Antwort kam postwendend: *\h

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