Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1930
- Issue
- Heft 10 (7.3.1930)
- Date
- 1930-03-07
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT dem Auslände — wurde in hebräischer Sprache geführt. Veranstaltungen, wie Theateraufführungen und Deklamationen, wurden hebräisch durchgeführt, jedes Schriftstück trug als Ueberdruck: „Wenn ich dein vergäße, Jerusalem." Die Pogrome jener Zeit ließen den Gedanken des Jischuw Erez Israel, das Urbarmachen des heiligen Landes, reifen. Hochschüler warfen von sich die Uniform (in meiner Heimat trugen Mittel- und Hochschüler bekanntlich Uniform) und wanderten nach Palästina aus. Ihr Wahlruf hieß: Bilui! (Abbreviatur des Satzes: Haus Jakobs, auf, wir wollen dem Uchte Gottes entgegenziehen!) Es waren die ersten Pioniere des Jischuw, die buchstäblich mit den Fingern das Land zu kultivieren begannen. Der politische Zionismus, jener, den Theodor Herzl mit seinem „Judenstaat" ins Leben rief, entstand bekanntlich viel später. Wenn ich bei Gelegenheiten in ' zionistischen Kreiseii darüber sprach, daß selbst die Biluisten, jene hoch gebildeten und fortschrittlich gesinnten Hochschüler den Gottgedanken auf ihre Paniere schrieben und daß auch wir die Religion nicht aus unserem Lager schwinden lassen dürfen, dann ließ man mich durch die Blume verstehen, daß ich ein Reaktionär wäre — derZionismushabemit der Religion nichts zu schaffen. Oft dachte ich mir: vielleicht haben die Herren Zionisten Recht, vielleicht kann der Zionismus nur dann prosperieren, wenn er außer dem Nationalismus keine anderen Götter duldet — und ich hielt mich abseits. - . Die Greuel vom August des verflossenen Jahres sind leider jedem Juden bekannt. Sie haben unsere Brüder — Zionisten und Nichtzionisten — furchtbar geschmerzt und gedemütigt. In einer zionistischen Versammlung referierte ein glänzender Redner und beurteilte die Geschehnisse von verschiedenen Perspektiven, meditierte, daß viele Fehler auch in unserem Lager geschehen waren. Vor allem hätten wir den Frieden mit den Arabern anstreben müssen. Der Referent brachte auch erlebte Beispiele, wie man mit dem Araber verkehren muß, um ihn nicht zu verstimmen usw. Im Verlaufe der Diskussion meinte ich: Nicht bloß mit den Arabern, auch mit unseren eigenen Brüdern müssen wir Frieden schließen — um jeden Preis. Niemals konnte ein Bestreben sämtliche Juden erfassen. Immer gab es Gegenmeinungen. Selbst von Mordechai kündete das Estherbuch, daß er bloß einem (Groß-) Teil seiner Brüder genehm war — Lerow echow. Ich führte aus, daß diejenigen, welche nicht mit uns marschieren wollen, noch deswegen keine Assimilanten seien, sonst müßte man behaupten, daß das Gesamtvolk vor 30 Jahren aus lauter Assimilanten bestand. Meine Ansicht verwarf nicht bloß der Referent, sondern jeder Einzelne der Versammlung. Die allgemeine Ansicht herrscht vor: „Wer nicht mit auf das zionistische Programm schwört, ist einfach für das J uden tum wertlos. Verlören." Daß ein Besonnener und Erfahrener, der Welt und Leben von allen Gesichtspunkten aus kennen gelernt, nicht diesem Radikalismus zustimmen kann, ist naheliegend. Es herrscht so viel Leid im Judentume. Es dringen zu uns herzzerreißende Hilferufe. Unsere Brüder in meiner alten Heimat ächzen unter dem furchtbarsten Joche; was ihnen heilig ist, wird mit Füßen getreten. Warum soll die jüdische physische und geistige Kraft sich im unnützen Streit zersplittern? Laßt einen Besonnenen, von der Brille der Partei frei Gebliebenen euch zurufen: AI. t'hi no meriwo ... Es sei kein Streit zwischen mir und dir, zwischen meinen und deinen Hirten — denn wir sind doch Brüder! — Euch allen rufe ich zu: Schalom! Schalom! A. W—tsch. 5 Palästina einst und jetzt. Vortrag des Herrn Dr. Fritz W i 1 k e, Professor an der evangelisch-theologischen Fakultät der Wiener Universität, im Verein „Jüdisches Museum": . (Schluß.) Besondere Beachtung verdienen die Nachrichten über einen, reichen Waldbestand. Im 12. Jahrhundert v. Chr. fand, wie wir aus dem Papyrus Golenischeff wissen, ein längere Zeit hindurch fortgesetzter Export von Bauholz nach Aegypten statt. Im Josuabuch wird gelegentlich noch Urwald auf dem Gebirge Efraim vorausgesetzt .(17, 15. 18.). Oft redet das Alte Testament von bewaldeten Gegenden, wo wir heute völlig baumlose Landstriche antreffen; ja, wir hören von Wäldern, die den großen Raubtieren, Löwe und Bär, Behausung boten. Mit dem Waldbestand aber steht die Ergiebigkeit des Bodens unter manchen Himmelsstrichen in innerem Zusammenhang: die Wälder vermehren die Niederschläge .und geben der Humusdecke die für den Anbau erforderliche Festigkeit An der Hand persönlicher Beobachtungen schilderte der Vortragende sodann den Zustand des heiligen Landes, wie er sich gegenwärtig darstellt Der Boden leidet weithin unter einer progressiven Ausdörrung und .gewiß hängt die g e r i n g e E r g i e b i g k e i t oft mit der Abholzung der Wälder zusammen. Auf der Reise von der Oase Beersaba im Süden bis nach Nordgaliläa trifft man aber auch auf eine ganze Kette von wohlangebauten Gebieten, unter denen das Fruchtland um Hebron, um den Wadi el-'Arrub, um Bethlehem und Beth-dschala, die Getreidefelder im Süden Jerusalems, sowie auf dem Hochland bei Betin (Bethel), bei Ramallah, bei Nablus und die große Ebene Jisreel nur als Beispiele namhaft gemacht werden. Namentlich die Ebene Jisreel, die Jahrhunderte lang nur als Weideland diente, veranschaulicht mit ihren blühenden jüdischen Ackerbaukolonien den Unterschied von einst und jetzt in augenfälliger Weise. Die Begeisterung, der Arbeitseifer, die Ausdauer, mit der die jungen Siedler hier die Moräste entwässert, die Felder drainiert, den Sumpfboden zum Ackerland gestaltet haben, verdient uneingeschränkte Bewunderung. Galiläa bietet an den Abhängen seiner stattlichen Berge viel angebautes und viel anbaufähiges Land, und zu großen Erwartungen berechtigen die Bodenverhältnisse am Tiberiasee sowie in den steinfreien Distrikten südlich des Sees, wo auch schon mehrere Kolonien den Boden unter den Pflug genommen haben. Für den Anbau geeignete Talmulden und Hänge finden sich in nicht geringer Anzahl auch an der westlichen Abdachung des Gebirges, und in der Wüstenebene, wo sich die neuen jüdischen Siedlungen mit den alten und den deutschen Templerkolonien zusammendrängen, läßt sich, wie an verschiedenen Musteranlagen gezeigt wird, der Boden bei entsprechender Behandlung in ein prachtvolles Fruchtgartenland umwandeln, s Insgesamt beträgt der anbaufähige Boden wohl nicht ganz die Hälfte des Mandatsgebietes. Aber er ist groß genug, um noch vielen Menschen eine Heimstätte zu gewähren. Erforderlich ist vor allem eine Entwässerung der Sumpfgebiete, eine Bewässerung der unter Dürre leidenden anbaufähigen Landstriche, ein planmäßiger Terrassenbau an Stellen, wo der Humus der Wegspülung durch den Winterregen ausgesetzt ist und eine Aufforstung der sonst nicht ertragfähigen Distrikte. Gegenwärtig nimmt der Waldbestand einschließlich der jungen Pflanzungen nur 4 Prozent des Bodens ein, während mindestens noch 30 Prozent Oedland sich bewalden lassen und so zur Erhöhung der Bodenergiebigkeit beitragen können. Voraussetzung für alles ist der Ausbau der Verkehrswege,, der eine rasche und wirksame Bekämpfung von Naturschäden, wie z. B. der Heuschreckenplage ermöglicht III. Endlich wandte sich der Vortragende dem Bevölkerungs- und Siedlungsproblem zu. Er schilderte die stattlichen Städte des Landes mit ihren einheimischen Industrien, die jüdische Ein- und Auswanderung, die alten und die neuen Ackerbaukolonien. Von der jüdischen Bevölkerung wohnten 1927 vier Fünftel in Städten, ein Fünftel auf dem Lande. Auch die Frage der Kebusah kam zur Sprache. Nach der Auffassung des Vortragenden sind die Moschebim, die auf Einzelwirtschaft aufgebauten Siedlungen, wirtschaftlich rentabler, während die Gemeinwirtschaft bei der Anlage und Urbarmachung des Bodens gute Dienste leistet. Die arabische Frage ist zunächst unter religiösem Gesichtspunkt anzusehen: eine im Fühlen und Denken tief verankerte, religiöse Weltanschauung trennt den Orientalen von dem Europäer; Juden und Christen sind in den Augen des Arabers Ungläubige. Rassenverwandtschaft und Rassenunterschied spielt demgegenüber gar keine Rolle. Insbesondere ist Jerusalem nächst Mekka der heiligste Ort des Islam und durch viele Legenden mit der Religion Mohammeds verknüpft Alles, was den Haram, den Tempelplatz in Jerusalem, berührt wie der Streit um die „Westmauer" (der Ausdruck „KJagemauer" ist im Orient unbekannt) bringt daher die ganze islamische Welt in Erregung. Dazu kommt die wirtschaftliche Seite: die Ausschaltung des arabischen Arbeiters, der viel billiger arbeitet als der jüdische, und die Bodenkäufe, über die in den arabischen Zeitungen genau berichtet wird. Beseitigen lassen sich die Gegensätze nicht, weil sie in der Sache begründet sind; aber ein Modus vivendi muß gefunden werden. Daß das Aufbauwerk mit seiner Intelligenz und modernen Technik (man denke nur an das Ruthenbergwerk am Jarmuk), .mit seinen Schulen, Krankenhäusern und reichen Geldquellen das heilige Land zu neuem Leben erwecken wird, steht heute schon ziemlich fest Die wirtschaftliche Depression der letzten Jahre ist keine Sondererscheinung Palästinas und die Widerstände sind dazu da, daß man sie durch Klugheit und Zähigkeit überwindet Jakob Rodriguez Pereira. Erinnerungsblätt an einen großen Menschen und guten Juden. Von Regierungsrat Dr. Salomon Kren berger, ehemaliger Direktor des israelitischen Taubstummeninstituts in Wien. Mit Recht wird dieser Jude von seinen Biographen der erste Lehrer der Taubstummen in Frankreich genannt und er verdient es, in den weitesten Kreisen bekannt gemacht zu werden. Er war ein Zeitgenosse des Abbe l'Epee, des Gründers der ersten öffentlichen Taubstummenanstalt in Paris, welche zugleich die erste öffentliche Taubstummenanstalt der Welt war. Pereira war es nicht vergönnt, die Pläne, die er seit 1750 hegte, die Gründung einer Schule für Taubstumme und den Erwerb eines Lehrstuhles zur Heranbildung von Taubstummenlehrern zu verwirklichen. Und Pereira überragte 4en Abbe de. l'Epee, denn er lehrte die Taubstummen nicht nur die Fingersprache, sondern auch die Lautsprache und pflegte das Lippenlesen. Abbe de l'Epee aber erfand eine sehr entwickelte künstliche Gebärdensprache, von ihm methodische Zeichen genannt, welche den Hauptgegenstand und die Grundlage des ganzen Unterrichts bildeten. Obwohl, er selbst später einige befähigte, taubstumme Schüler im Sprechen und Ablesen unterrichtete, war er .doch nicht von dem hohen Werte dieser Methode überzeugt. Zu gleicher Zeit lebte in Deutschland Samuel Heinicke, kein Jude, der schon 1755 einem taubstummen Knaben das Sprechen lehrte und nach dem die Methode der Entstummung die deutsche Methode heißt. Heinicke war der Gründer der ersten deutschen Taubstummenanstalt in Leipzig. Ihm und dem Abbe de l'Epee sind Denkmäler gesetzt worden und ewiger Ruhm ist mit ihrem Namen verbunden. Der Name von Jakob Rodriguez Pereira als des ersten, der mit größtem Erfolg Taubstumme zum Sprechen brachte, wird in der deutschen Literatur nicht genannt. In Frankreich fand er in Seguin, dem größten Wohltäter der Idioten, und in La Rochelle begeisterte Lobredner. Er war sicher von dem Spanier Bonet in seiner Lehre des Fingeralphabets beeinflußt. Er nannte es selbst das " spänische und'-er war ^uth eigentlich ''-selbst ein Spanier. Er hatte aber durch zehn Jahre Anatomie und Physiologie studiert und zahlreiche Experimente an geborenen Taubstummen angestellt und erhielt am 19. Jänner 1747 das erste Zeugnis für seine Arbeiten von der königlichen Akademie der schönen Wissenschaften von Caen. Am wertvollsten aber dünkt uns, daß er schon, was keiner seiner Vorgänger tat, die Hörfähigkeit seiner Schüler untersuchte und nur solche Schüler nahm, die nicht ganz verhindert wären, etwas zu hören und Töne der Sprache nachzuahmen. Er bediente sich dazu eines Hornes. Wir kennen fast alle seine Schüler und er hatte sie in der Pariser Akademie der Wissenschaften oft vorgestellt. Die bedeutendsten Männer dieser gelehrten Gesellschaft huldigten ihm und der große Physiologe Lecat stellte Pereira unter die Männer, welche sich um das allgemeine Wohl am meisten verdient gemacht haben, und forderte für ihn die Dankbarkeit des Menschengeschlechts. Der berühmte Buffon, der Verfasser der „Histoire naturelle", und Jean Jacques Rousseau besuchten oft Pereiras Unterricht. Buffon sprach das Urteil aus, daß man die Möglichkeit annehmen kann, einen jungen Taubstummen, dessen Unterricht mit dem siebenten oder achten Lebensjahre beginnt, auf dieselbe Stufe zu bringen wie Leute, die ehemals sprachen. 1749 hatte Pereira sein System in einem Memoire vor der Pariser Akademie der Wissenschaften auseinandergesetzt. Im folgenden- Jahr schenkte ihm Ludwig XV. als Zeichen seiner Wertschätzung 800 Pfund und für ein Memoire über eine von Pereira erfundene Rechenmaschine bekam er 1751 vom König eine jährliche Pension in der gleichen Höhe. 1760 wurde "er Mitglied der königlichen Gesellschaft in London und 1765 königlicher Dolmetsch für die spanische und portugiesische Sprache. Trotz dieser Anerkennungen und Auszeichnungen geriet die Lehre Pereiras bald in Vergessenheit, weil er keine Schule gründen und keine Lehrer ausbilden konnte, und dies vor allem, weil er ein Jude war und sein Gegner ein Geistlicher. Aber Jakob Rodriguez Pereira widmete sich auch mit Eifer dem Wohle seiner Glaubensgenossen in Sudfrankreich, Spanien und Portugal. Seit dem Jahre 1749 bis 1761 freiwillig der Vertreter