Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 36 (27.8.1926)
- Date
- 1926-08-27
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 36 DIE WAHRHEIT müßten, wenn man ihnen einreden wollte, daß sie an die Unsterblichkeit der Seele und an Lohn und Strafe im Jenseits je gezweifelt .hätten. So weit unsere Erinnerung und Tradition zurückreicht — und sie reicht bekanntlich eine ziemlich weite Strecke zurück, weiter als die aller anderen europäischen Völker — hat diese Vorstellung stets einen integrierenden Teil unserer Welt- und Lebensanschauung gebildet. Daß sie namentlich bei den biblischen Schriftstellern so sehr in den Hintergrund tritt, hat seine sehr guten historischen und ethischen Gründe. Doch das bildet ein Kapitel für sich. Einstweilen wollen wir zusehen, welche Gestalt diese Grundvorstellung in der Phantasie des jüdischen Volkes, besonders in der neueren Zeit, angenommen hat. Treffend malt die Anschauungen des jüdischen Volkes über das Verhältnis des Einzelmenschen zum Diesseits und zum Jenseits folgende Sage: Als der Rabbi auf dem Totenbette lag, kamen die Jünger hinein, um ein letztes Mal sein Antlitz zu schauen, seinen Segen zu empfangen und Abschied von ihm zu nehmen. Wie groß war ihre Verwunderung, als sie das Lager des Meisters umgaben und bemerkten, daß sein Antlitz von Tränen übergössen war. Er wemte: Ein Staunen erfaßte sie und eine Angst, da sie sich nicht erklären konnten, weher dieser Ausbruch der Trauer in solch feierlicher Stunde käme, da ihr Lehrer vor Gottes Angesicht erscheinen sollte. Sie standen ratlos und verzweifelt da. Schließlich faßte sich der jüngste unter ihnen, der ein Liebling des Rabbi war, ein Herz, trat an den Sterbenden heran und redete ihn folgendermaßen an: „Rabbi, weshalb weinst du? Tut es dir leid, diese eitle, irdische Welt zu verlassen und diesen Körper von Staub, in dem du gefesselt bist? Hast du nicht selber bei Lebzeiten dich nach der Vereinigung mit Gott gesehnt und uns gelehrt, dieses flüchtige, irdische Dasein zu verachten? Oder hast du etwa an der Gnade Gottes verzweifelt, und es überkommt dich eine Angst bei dem Gedanken an das himmlische Gericht? Oder hast du noch etwas in diesem Leben zu vollbringen, was du keinem übertragen kannst, und darum beschleicht dich eine solche Trauer, da Gott dich zu sich ruft? Antworte, belehre uns und kläre uns auf, denn wir sind durch dein Weinen in der Seele gerührt und verwirrt und wissen nicht, was wir anfangen und wie wir fortan leben sollen." Der Meister wischte sich die Tränen aus den Augen und antwortete wie folgt: „Ich weine nicht, als ob es mir leid täte, die Wonnen dieser irdischen Niederungen zu verlassen, die ja nur die Vorhalle der künftigen Welt sind, wo erst das wahre und echte Leben beginnt. Auch die Strafen, die mich für meine Sünden in der anderen Welt erwarten, fürchte ich nicht, denn so groß der Zorn Gottes wegen meiner Sünden auch sein mag. seine Gnade ist noch größer. Auch lasse ich hier kein unvollendetes Werk zurück. Was ich zu vollbringen hatte, habe ich vnllbracht, ich Könnte iu Ruhe von dannen gehen. Aber weh tut es mir, Gottet Welt verlassen zu müssen, die so schön ist, daß man in einem kurzen Augenblick durch eine einzige Tat, durch einen einzigen Gedanken, wenn man einem Hungernden einen Bissen Brot reicht, einem Unglücklichen Hüfe und Trost spendet, oder ein einziges Mal sich naoh Gott sehnt — sich die ganze Seligkeit jener Welt verdienen kann. Ihr wißt ja, wie es gesagt wurde: Schöner ist ein einziger Augenblick in der Seligkeit jener Welt, als ein ganzes Dasein im Diesseits; doch schöner ist ein einziges, der göttlichen Lehre und den guten Taten geweihtes Stündchen im Diesseits, als die ganze selige Ewigkeit im Jenseits." * * In dieser kleinen, den schlichtesten Volkskreisen entstammenden Erzählung spiegelt sich vorzüglich die Anschauung und das gefühlsmäßige Verhältnis des Juden zu der Frage nach Unsterblichkeit, Seele, Jenseits, Lohn und Strafe. Der Glaube an die Fortdauer der Seele nach dem leiblichen Tode ist dem unverwüstlichen, unausrottbaren Lebenswillen und der Lebenslust entsprungen. Natürlich muß dieses andere Leben ein veredelteres, höheres sein als das diesseitige. Aber für den Juden macht den wertvollsten Inhalt des Lebens die Aktivität aus, die intellektuelle wie die reale Tat; das Erkennen und Formen der Welt, oder wie die Mischnah es nennt: Thora und Aboda, Lernen und Arbeiten. Nun ist aber für ihn das Leben im Jenseits nur ein rezeptives, kein aktives. Von einem Formen und Bilden der Weit, von einem „Mitarbeiten am Werke der Schöpfung Gottes" kann dort gar nicht die Rede sein. Aboda gibt es im Himmel überhaupt nicht. Der Psalmist drückt das in seinem Stil sehr schön aus, „nicht die Verstorbenen preisen Gott, nicht die, die ins Grab gestiegen sind". Ja, sein Wunsch ist: „nicht sterben will ich, sondern leben, und die Taten Gottes betrachtend preisen". Die höhere Erkenntnis, welche der Seele des Menschen aufgeht, nachdem sie vom irdischen Kerker befreit ist, besteht in einem wonnevollen Schauen der Herrlichkeit Gottes, der ihr alle verborgenen Geheimnisse des Weltalls und der Thora offenbart, alle Rätsel löst, die ihr hienieden, so lange sie in der niederen Materie schmachtete, unerklärlich waren. Es ist also ein passives Genießen, ohne Mühe und Kummer. Aber nach jüdischer Empfindung ist gerade das Ringen mit dem Unbekannten, das angestrengte Sichabmühen um die Thora, der Kampf um die Erkenntnis des Wahren, was den höchsten Wert besitzt; das Regen und Entfalten der Kraft ist des Menschen höchste Seligkeit. Darum weint der alte Rabbi auf dem Totenbett und empfindet es schmerzlich, daß er von dieser schönen Welt» Gottes scheiden muß. Bezeichnend ist das schöne, unter den Juden so populäre Wort der Mischnah, welches dem Sterbenden in den Mund gelegt wird, und das so klar die Empfindung zum Ausdruck bringt, daß dieses irdische Jammertal mit seinen Kümmernissen, Wirrnissen und Kämpfen der eigentliche Schauplatz der menschlichen Tätigkeit ist, wo er seine Kräfte entfalten und zur Vollreife bringen kann, während das Jenseits die Stätte ungetrübter, ewiger Herrlichkeit in der Nähe Gottes ist. (Fortsetzung folgt.) Jadische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) lilueckeis Mutter. . . . Vier Tage danach ist meine Mutter auch mit einer Tochter ins Kindbett gekommen, so ist denn kein Neid oder Vorwurf zwischen uns gewesen. Wir lagen nebeneinander in einer Stube. Wir hatten keine Ruhe vor all dem Volk, das da gelaufen kam, um die Neuigkeit zu sehen, daß Mutter und Tochter in einem Zimmer im Kindbett liegen. Ich muß doch für die Langeweile einen hübschen Spaß berichten, der uns geschehen ist, um das Buch ein bißeichen damit zu verlängern. Wir lagen also, mein Mutterleben und ich, zusammen im Kindbett, es war eine kleine Stube und Winter war's und mein seliger Vater hat ein großes Gesinde gehabt, daß es uns in der Stube sehr eng geworden ist, doch Eltern und Kinder nahmen eines mit dem anderen gerne vorlieb. Ich bin acht Tage eher aus dem Kindbett gegangen als mein Mutterleben. Um die Stube ein wenig geräumiger zu machen, bin ich hinauf in meine Kammer schlafen gegangen. Aber da ich noch gar jung war, hat meine Mutter nicht leiden wollen, daß ich auf die Nacht mein Kind mit mir in meine Kammer nehme, so habe ich mein Kind in ihrer Stube, wo sie lag und die Magd bei sich hatte, schlafen lassen. Meine Mutter meinte, ich solle mich nur gar nicht um mein Kind bekümmern; wenn es heulen werde, sollte es mir die Magd heraufbringen, daß ich ihm zu trinken gebe, und es dann wieder von mir nehmen und in die Wiege legen. Ich war es wohl zufrieden. Ich blieb also etliche Nächte so, die Magd brachte mir das Kind so vor Mitternacht zum Trinken. Einmal des Nachts wachte ich auf ungefähr um 3 Uhr und sage zu meinem Mann: „Was mag das bedeuten, daß die Magd das Kind noch nicht gebracht hat?" Mein Mann meint: „Das Kind wird gewiß noch schlafen!" Ich aber bin damit nicht zufrieden gewesen und laufe hinunter in die Stube, um nach meinem Kinde zu sehen: ich gehe über die Wiege und finde mein Kind nicht darin. Ich bin sehr erschrocken, habe aber doch keinen Lärm machen wollen, um meine gute Mutter nicht aufzuwecken und zu erschrecken. Nun habe ich die Magd angefangen zu schütteln. Ich hätte sie gern im Stillen aufgeweckt. Aber die Magd war sehr verschlafen, ich habe laut rufen müssen, um sie wach zu kriegen. Ich frage sie: „Wo hast du mein Kind?" Die Magd weiß nicht, was sie redet aus dem Schlaf. Aber meine Mutter erwacht auch darüber und sagt zu der Magd: „Um Gottes Willen, wo hast du Glückeis Kind?" Die Magd war so verschlafen, daß sie keine Antwort geben konnte. So sag* ich ich denn zu meiner Mutter: „Mamme, vielleicht hast du mein Kind bei dir im Bett?" Sie sagt: „Nein, ich habe mein Kind bei mir." Dabei drückt sie es so fest an sich, als ob man ihr das Kind wegnehmen wollte. Da fällt mir nun gerade ein, daß ich zu ihrer Wiege gehe und nach ihrem Kinde sehe, ist ihr Kind in der Wiege gelegen und sanft geschlafen. Ich sage nun: „Mamme, gib mir mein Kind her, dein Kind liegt in der Wiege!" Hat sie es doch nicht glauben wollen, und ich habe ihr ein Licht und ihr Kind bringen müssen, daß sie es recht besehen hat. So habe ich meiner Mutter ihr Kind gegeben und meines genommen. Das ganze