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Die Wahrheit · 1926-08-27 · Heft 36 (27.8.1926) · page 6

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 36 (27.8.1926)
Date
1926-08-27
Page
– (sequence 6)
Language
German
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 36 dasch sch'meh rabo". Das Gebet wird stets inbrünstiger, andachtsvoller, man kommt zum „Pizmon". Beim Rezitieren dieser frommen Weise ist da und dort Schluchzen vernehmbar. Kaum ist der „Pizmon" geschlossen, das Schluchzen unterdrückt, tritt eine Todesstille ein. Der Rebbe besteigt die Stufen zum Oron Hakodesch. Jeder hält den Atem an, die Droscho vor Sch'mah kolenu mit dem üblichen Slichoth-Nigon beginnt. „Ihr steht heute vor dem Herrn, Euren Gott, die Obersten Eurer Stämme, Eure Aeltesten, ein jeder Mann in Israel .... und jedermann in Israel fühlt, daß er heute vor seinem Gott stehe. Der große Jom hadin, der Gerichtstag über alles Lebende naht heran. Es soll über Tod und Leben nicht nur einzelner Personen, sondern über die Gesamtheit des jüdischen Volkes entschieden werden. Dieses Urteil kann nur durch Guttaten zum Guten beeinflußt werden. Es ist hoch an der Zeit, Rechenschaft abzulegen, die Taten des ganzen Jahres zu überprüfen, über die schlechten Buße zu tun und gute sich zum Vorsatz zu machen." Da bleibt kein Auge trocken. Man glaubt, daß auch die Wände dieses Heiligtumes mit den zur Andacht Versammelten mitweinen. Diese Droscho ist nicht zu vergleichen mit allen anderen, die der Rebbe im Laufe des Jahres hält. Denn diese Droscho fordert Rechenschaft der Seele. Deshalb dieser außerordentliche Zulauf aus den Dörfern. Alle suchen und finden in ihr ihre seelische Erbauung. Die Slichoth-Tage leiten die Jomim Noroim ein. Sie haben für die jüdische Seele aber auch etwas Gemeinsames mit der herrschenden Jahreszeit. Zur höchsten Reife ist alles in der Natur gelangt. Das nahende Ableben tritt mit jedem Tage näher. Alles wurde geerntet, was die Sonne mit ihren Gluten im Laufe des Sommers vom zartesten Anfang bis zur höchsten Reife wachsen ließ. Die Ernte wird eingebracht und das Absterben der Natur beginnt. Der tüchtige Landwirt weiß schon jetzt, welcher Lohn ihm für sein emsiges Schaffen während des Jahres winkt. Auch der fromme Jude weiß, daß er mit jedem Tag seinem Lebensziel und Ende näher gekommen ist und geht mit seiner Seele zur Rechenschaft. Die fallenden Blätter künden den bevorstehenden Herbst und die Töne des Schofar den bevorstehenden Jom Hadin (Tag des Gerichtes), „denn es wurde in die Posaune gestoßen und das Volk erbebte". _ —r. Seele und Jenseits im Volksglauben der Juden. Von Binjamin Segel. WM! man Welt- und Lebensanschauung eines Volkes ergründen, so genügt es nicht, seine hervorragenden Denker und Dichter zu befragen, man muß die Gedanken der großen Massen belauschen, ihre Träume, Sehnsüchte und Hoffnungen, wie sie eine Generation der anderen im Laufe der Jahrhunderte in den Sagen und Dichtungen überliefert hat, in denen die innere und äußere Erfahrung der im Kampfe ums Dasein sich zu immer höheren Kulturstufen emporringenden Menschen aufgespeichert ist. Lehrt uns der Volksglaube und die Volksdichtung, •wie die Dichtung überhaupt, übrigens so wie auch die Philosophie, nicht wie die Welt ist, so lehrt sie uns doch, wie die menschlichen Wesen wünschen, daß sie sein soll, damit sie in ihr leben, kämpfen und gedeihen möchten. Das tiefe Wort Herbert Spencers „Society is prior to man" (die Gesellschaft ist früher da als das Individuum), weiches die ganzen früheren Vorstellungen von der Entstehung der Gesellschaft aus dem freiwilligen Zusammenschluß der Individuen umgestülpt hat — ist nicht nur zeitlich wahr, sondern auch sachlich: das höchstentwickelte Individuum ist nur die Sublimierung der Gesellschaft; mag es der Masse um Jahrhunderte vorauseilen, mag es im heftigsten Streite mit ihr liegen, es gleicht doch immer nur dem Baum, der tief in dem mütterlichen Nährboden verwurzelt ist, mag er mit der Krorue hoch in die Wolken hineinragen; in den edelsten Früchten, die er trägt, kreisen die Säfte, die er aus der Tiefe saugt. In den tiefsten und feinsten Gedankengängen der vornehmsten Denker und Dichter wird man stets einen Nachhall des unentwickelten, primitiven Denkens des Volkes herausspüren, das ihnen seinen edelsten Extrakt abgegeben hat. Und wenn die Systeme der Denker uns einen Schimmer der objektiven Wahrheit — insofern diese uns überhaupt zugänglich ist — enthüllen, so spiegeln die Glaubensvorstellungen und poetischen Gebilde der Volksmassen vielleicht einen noch breiteren Teil der objektiven Wahrheit, nur von einer anderen Seite. Lehrt nicht eine ganze Richtung der Philosophie, daß die Welt nichts anderes sei, als die Schöpfung des Willens und der Vorstellung des Menschen? * * * Ueber keine der Ewigkeitsfragen haben die Menschen in unserer Zeit so ernsthaft und schmerzlich nachgegrübelt, als über das Problem der Seele und des Jenseits, — in unserer Zeit, da es wohl keinen Menschen auf der europäischen Erde gibt, der nicht näher oder ferner von dem grausigen, sinnlosen Sterben berührt wurde, welches vier und ein halbes Jahr über die Kulturwelt dahinraste. Hört mit dem leiblichen Tod alles auf im Weltall, oder gibt es eine Fortdauer über das Grab — vielleicht das schauerliche Massengrab — hinaus? Ist das, was wir Seele nennen, nur die Summe der Lebenstätigkeiten, oder bildet es eine unabhängig vor diesen bestehende Substanz, die deren Herrin und Meisterin ist? Gibt es im Jenseits ein Wiedersehen für die Seelen, die sich hier auf Erden geliebt und nach einander gesehnt haben? Ist das Jenseits eine höhere, vollkommenere Welt, die aber mit der hiniieden sichtbaren derart im Zusammenhang steht, daß die erstere die Vollendung der letzteren bildet, deren Idealisierung und letztes Ziel, daß in ihr alle Widersprüche des irdischen Lebens ausgeglichen, alle Ungerechtigkeit gesühnt, jeglicher Kummer getröstet, alles unverdiente Leiden belohnt, alle Gewalttat bestraft, das Böse gedemütigt und vertilgt wird, und das Gute triumphiert? Alle diese schwersten und „letzten" Fragen, dfe den Menschen seit jeher keine Ruhe lassen, tauchen in unseren Tagen aus den Tiefen der Seele von zahllosen ernsten und sinnenden Menschen auf und heischen eine Antwort. Es ist nun äußerst lehrreich, zu erforschen, welche Antwort das jüdische Volk im Verlaufe der Zeiten auf alle diese Fragen sich gab. Daß die Menschenseele eine übersinnliche, rein geistige, göttliche Substanz ist, die den Körper belebt und überlebt, gehört zu den allerältesten Bestandteilen der volkstümlichen jüdischen Weltanschauung, ein Grundsatz, an dem wohl, abgesehen von der zu aller Zeit und unter allen Völkern vorhandenen esprits forts, niemand ernstlich gezweifelt hat. Sie fand ihren klassischen Ausdruck in den Worten der Schöpfungsgeschichte: „Gott hauchte dem Menschen den Lebensgeist ein", nachdem er ihn aus der groben Materie geformt hatte: Das jenseitige Dasein, die Fortexistenz der Einzelseele nach dem Tode des Leibes spielt bekanntlich in der Bibel als ethisches Motiv in der Form der Lohnverheißung für das Gute und der Strafandrohung für das Böse nur eine ganz untergeordnete Rolle. Seitdem nun die protestantische Theologie sich zu modernisieren anfing und seitdem das metaphysische Interesse allenthalben erwacht ist, ist es Mode' geworden, auf diesen „Mangel" des Alten Testamentes mit Nachdruck hinzuweisen und zu betonen, daß dies abermals ein Beweis für die Inferiorität und grob materialistische Gesinnung des Judentums sei: es wird öfters sogar bestritten, daß das antike Judentum den sublimen Seelenbegriff gekannt habe. Vollends zu jener idealen Höhe, die den ganzen Zweck des Daseins, des Lebens der Individuen wie der Völker in die Sphäre des Ueberslnnlichen verlegt, habe erst das Christentum die Menschheit emporgeführt. Auch die wenigen im Alten Testament vorkommenden Andeutungen und Hinweise auf ein Jenseüts des Seelenlebens seien nicht jüdisches Eigengut, sondern Entlehnung aus der „arischen" Gedankenwelt. Es existiert hierüber eine ganze Literatur. Eine eingehende Untersuchung würde die vollkommene Haltlosigkeit dieser- Ansicht zeigen. Sie würde auch den Beweis erbringen, daß die moderne Bibelkritik durch diese Behauptung mit sich selber in einen krassen Widerspruch gerät. So viel ist sicher, daß die Juden aufs äußerste erstaunt sein

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