Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 36 (27.8.1926)
- Date
- 1926-08-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Haus ist darüber wach geworden und in Schrecken geraten. Aber nachher hat sich der Schrecken in Gelächter verwandelt und man sagte: „Bald hätten wir König Salomo als Schiedsrichter notwendig gehabt!" Nun, meine gute Mutter hat ihre Kinder alle gehabt ausgegeben in Wohlstand und Ehren und in aller Vergnüglichkeit. Als mein seliger Vater gestorben, ist meine gute Mutter etwa 44 Jahre alt gewesen. Ob ihr zwar unterschiedliche gute Partien sind zugekommen, daß sie hätt' wieder einen Mann nehmen können, daß sie Mieder in großen Reichtum gekommen wär4, hat die liebe fromme Frau sich doch niemals drein begeben wollen und Heberst also sitzen bleiben und mit dem wenig, was sie nebbich noch hat überbehalten, sich allein in ihre Stilligkeit behalten und sich mit dem Wenigen sauber und schön ernährt und doch in ihr eigen Häuschen gewohnt und ihr große Maid bei sich gehabt und geruhig und wohl gelebt. Und ist zu bitten, wenn Gott strafet eine Frau, daß sie ihren ersten Mann — Gott behüte! — verliert, derselben wolle doch der gütige Gott auch so eine Gesinnung eingeben, so verzueglich als die liebe Frau lebet und so viel Gutes als sie in allem ist, was ihr Gott zugeschickt. Es wäre viel davon zu schreiben. Und so ist sie in Ehren sitzen geblieben. Gott soll geben, daß sie es soll ausführen, bis unser Messias kommt. Die Vergnüglichkeit, die wir Kinder und ihre Enkelchen von der lieben Frau haben, ist nicht zu reden. Gott wolle sie bis zu 100 Jahren gesund lassen! * * * Gluecke! als Schwiegertochter. .... Die Gemeindevorsteher von einst haben ihre Gemeinde und die einzelnen Mitglieder geschont, wie den Stern ihres Auges, daß sie nicht in Schulden sind gekommen. Haben sie einige hundert Taler nötig gehabt, so hat der Vorsteher sie verauslagt und nach und nach wiederbekommen, so daß es der Gemeinde ist nicht beschwerlich gefallen. Mein Gott, wenn ich mich recht bedenk, so ist das selbige Mal so ein glückselig Leben gewesen gegen den jetzigen Zustand, ob die Leutchen schon damals nicht die Hälfte gehabt haben, was die Leut — Gott gönne es ihnen — heutzutage haben, Gott soll es ihnen mehren und nicht mindern. In ihren Tagen und in den unseren, möge Juda und Israel Hilfe und Erlösung kommen! Ich bin noch ein Kind, nicht 12 Jahre alt gewesen, da hat mich mein seliger Vater verlobt und etwa zwei Jahre bin ich verlobt gegangen. , Meine Hochzeit ist in Hameln gewesen. Meine Eltern sind mit mir auf die Hochzeit gezogen. Wir sind mit zwei Minjanim (20 Mannspersonen) gewesen. Damals ist noch nicht gewesen, daß es so mit den Posten gewesen ist, also haben wir müssen Bauernwagen mieten bis gen Hannover, und wir haben sogleich, als wir sind nach Hannover kommen, nach Hameln geschrieben, sie sollen uns Wägen schicken nach Hannover. Meine gute Mutter hat vermeint, daß man in Hameln kann so Kutschen haben, als wie in Hamburg. Zum wenigsten hat sich meine gute Mutter gedacht, daß mein lieber Schwiegervater werde eine Kutsche schicken, daß die Braut mit ihren Leuten darin kann fahren. Aber den dritten Tag sind drei, vier Bauernwägen gekommen, die haben Pferde gehabt, daß nötig wär gewesen, man hätt' sie auf den Wagen gelegt. Nun ob meine gute Mutter ist ein wenig unwillig gewesen, hat sie es doch nicht ändern können. Also haben wir uns im Namen des Gottes Israels auf die Bauernwägelchen gesetzt und sind nach Hameln gekommen. Abends haben wir ein ganzes Gastmahl gehabt. Meine Schwiegereltern sind wackere Leut gewesen und R. Josef Hameln seligen Andenkens hat wenig seines Gleichen gehabt. Also hat mein seliger Schwiegervater ein großes Glas mit Wein meiner guten Mutter zugetrunken. Meine gute Mutter hat noch ein wenig Groll gehabt, daß man keine Kutsche entgegengeschickt. Mein seliger Schwiegervater hat den Groll bemerkt und wie er — der Friede sei mit ihm! — ein löblicher wackerer Mann gewesen und ein großer Witzbold, also sagt er zu meiner guten Mutter: „Hört zu, mein' 'liebe Mechuttenes (die Schwiegermutter des eigenen Kindes), ich bitt Euch, seid nicht unwillig! Hameln ist nicht Hamburg. Wir haben hier keine Kutschen, wir sind schlichte Landleute. Ich will Euch erzählen, wie es mir ergangen ist, da ich bin ein Bräutigam gewesen und auf meine Hochzeit gezogen. Mein Vater hat geheißen Samuel Stuttgart, ist Vorsteher in ganz Hessen gewesen und ich bin ein Bräutigam gewesen mit meinem Freudchen, Spaniers Tochter, habe zur Mitgift gekriegt 2000 Taler und mein seliger Vater hat mir 1500 Taler versprochen. Das ist zur selben Zeit eine große Mitgift gewesen. Also ist es gegen die Hochzeit gegangen, so hat mein seliger Vater einen Boten gedungen, den hat man „den Fisch" geheißen. Dem hat mein seliger Vater meine Mitgift auf den Buckel geladen, sie nach Stadthagen zu tragen, dort hat mein seliger Schwiegervater Natan Spanier gewohnt. Ich und mein Bote vFisch haben uns auf die Füße gemacht und sind nach Stadthagen. Wie ich nun nicht weit von Stadthagen bin, verbreitet sich die Kunde, der Bräutigam wäre nicht weit und es kommt R. Leb mit seiner Gesellschaft herausgeritten, dem Bräutigam entgegen. R. Leb war von Hildesheim, die sich allezeit sehr prächtig geführt haben. Wie er nun zum Bräutigam kömmt, trifft er ihn mit seinem Boten, dem Fisch, beide zu Fuß an. Sogleich kehrt er um und meldet der Braut: „Freudchen, ihr Bräutigam kommt auf einem Fisch geritten!" Da ich heutzutage wohl kann auf guten Pferden reiten, darum bitte ich Euch, darüber nicht ungeduldig zu sein." So, daß also diese Verstimmung in eitel Gelächter und Freundschaft abgelaufen und die Hochzeit in Lust und Freuden ist gefeiert worden. Nach meiner Hochzeit ist mein Vater und meine Mutter v/ieder heimgezogen. Ich bin ein Kind, noch nicht 14 Jahre alt gewesen und ohne Vater und Mutter im fremden Land bei fremden Leuten sein müssen. Doch ist es mir nicht schwer angekommen, da ich so große Herzensfreude an meinem selig frommen Schwiegervater gehabt habe und von meiner Schwiegermutter — der Friede mit ihr! Das sind so ehrenwerte fromme Leute gewesen und sie haben mich sehr wohl gehalten, mehr als ich bin wert gewesen. Was kann, oder soll ich viel schreiben von der Frömmigkeit und Rechtlichkeit meiner seligen Schwiegereltern und was für ein wackerer Mann der Schwiegervater gewesen ist, wie ein Engel Gottes. Es ist jedermann bekannt, was Hameln gegen Hamburg ist, und ich bin ein junges Kind gewesen, das in allem Ueberfluß ist aufgezogen und in meiner Jugend habe ich von meiner Eltern Freunde alles bekommen. Aus so einem Ort, wie Hamburg ist, kam ich in ein Nest mit nur zwei jüdischen Haushaltungen und Hameln an sich selbst ist ein lumpiger unlustiger Ort. Aber alles dieses habe ich nicht geachtet, dank der Herzensfreude, die ich an meinem seligen Schwiegervater gehabt habe. Wenn er morgens um 3 Uhr ist aufgestanden und in seinem Schlafrock ist gewesen und gebetet, solches ist dicht an meiner Schlafkammer gewesen — habe ich ganz Hamburg vergessen. Was das für ein heiliger Mann gewesen ist! Seinen Segen sollen wir alle genießen! Möge er vor Gott für uns bitten, daß Er uns weiter keine Not soll schicken, und daß wir nicht sollen zu Schanden und Sünden kommen! Es ist auch sein Segen zu sehen gewesen an seinen frommen ehrbaren Kindern, die er gehabt hat. _____________ (Fortsetzung folgt.) Musikleben in Palästina. Von Dr. Kurt Grunwald. Ob der Araber musikalisch ist, ist wohl schwer zu sagen. Wer den Ruf des Muezzim vom Minarett gehört, wer den schwermütigen, monotonen Melodien der Hirtenflöte gelauscht hat, fühlt hier eine eigen- " artige, autochthone Welt der Töne des Hirtenvolkes. Reste, die der Levantinismus verschont hat. Gehst du in einer der arabischen Städte durch den Bazar, vorbei an den Kaffeehäusern, heute vielfach „Bar" genannt, so tönen dir aus jedem Winkel die heiseren, kreischenden Töne eines Grammophons entgegen, Segnungen Europas, mit denen eine über- ^-Restaurant Butti Wien II., Hollandstraße Nr. 14 Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Mittags- und Abend-Menu nach Wahl S 2 — Übernahme von Diners und Soupers iir und ausser Haus [ Zum Besuch ladet höfl. ein f GUTH, Besitzer. 9