Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 33 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 33 anderen Gerechten und Frommen der Welt. Gleich wie du dich um dein Werk gemüht hast in diesem Leben, um dis Worte der Thora zu ergründen, so mögest du von Stufe zu Stufe immer höher emporsteigen, bis zu der erhabensten Stelle, wo du aus dem Munde Gottes die Urgeheimnisse der Thora vernehmen wirst, die er seinen Auserwählten offenbart. Möge uns unser Vater im Himmel um deinetwillen und aller anderen Frommen und Gerechten, die hier gebettet sind, unsere Sünden vergeben. Denn dir zu Ehren sind wir hergekommen, den großen und erhabenen Namen Gottes zu preisen, dein Grab zu grüßen und dich zu bitten, daß du Fürsprache für uns haltest, wenn wir zu Gott flehen, daß er uns bewahre vor jähem Unglück und Zusammenbruch, vor Gewalttat und harter Heimatlosigkeit und Schrecken und Getümmel und unnatürlichem und schändlichem Tod und vor bösen Stunden, daß er alle unsere Krankheiten heile und uns und ganz Israel als Geschenk aus seinen Händen unser täglich Brot kummerlos gebe, uns seine frohe Botschaft sende und langes Leben in Frieden und Ruhe gewähre, daß er uns nicht in der Mitte des Lebensweges abberufe und uns nicht sündenbeladen aus der Welt scheiden lasse. Er gebe uns Weisheit, Erkenntnis, Einsicht und Liebe und Wohlgefallen in seinen Augen und in den Augen aller seiner Geschöpfe, mit denen wir Umgang haben. Er möge unsere Seelen lenken, daß wir ihn lieben und seinen Namen fürchten und seinen Willen tun aus ganzem Herzen; er vernehme unsere Gebete und weise uns nie ungehört weg von seinem Antlitz." In diesem Gebet ist das Kompromiß zwischen dem Gefühl und der Religionsvorschrift perfekt Die Seele des Verstorbenen wird angesprochen, aber das Gebet richtet sich ausschließlich an Gott; es ist also hier alles Verpönte ausgeschlossen. Dieses Totengebet 'enthält aber auch in nuce die gesamte Lebensanschauung des schlichten Juden, des Mannes aus dem Volke, der keine besonderen Ansprüche auf ausgezeichnete Gelehrsamkeit oder Frömmigkeit erhebt, dessen Haupttugend es ist, ein braver Durchschnittsmensch, ein guter Familienvater und Bürger zu sein. Wir sehen hier, wie er sich sein Verhältnis zu Gott und zum Jenseits denkt, was er sich vom Leben wünscht und wie er sich seine Ideale ausmalt. An ihren Gebeten werdet ihr die Völker erkennen, hier kann man ihnen die Geheimnisse ihrer Herzen ablauschen. Die Entstehungszeit des Gebetes verrät ungefähr die Bitte um Schutz vor Gewalttat und harter Heimatlosigkeit und Schrecken und Getümmel; es war offenbar die Periode des finstersten Mittelalters, da der Jude keinen Tag seines Lebens sicher war und nicht hatte, wo er das Haupt hinlegen konnte. Gebete dieser Art, die ja nicht zu einem geordneten und wohlgegliederten, sozusagen offiziellen Gottesdienst gehörten, waren wohl mehrere Jahrhunderte hindurch dem Einzelnen überlassen, begabtere Personen verfaßten ursprünglich derartige Gebete für sich allein, die dann von anderen wiederholt und ergänzt wurden und schließlich allgemein Annahme fanden. Daher die zahlreichen Varianten, in denen die einzelnen Stücke auf uns gekommen sind. Nur gewisse Wendungen, wie z. B. „möge das irdische Leid deiner Angehörigen deine selige Ruhe nicht trüben", sowie die Bekenntnisse und die allgemeinen Bitten kehren überall wieder, da sie gemeinsamen Anschauungen entspringen. Zum ersten Male erschien eine solche Gebetsammlung im Druck zu Mantua im Anfang des 16v Jahrhunderts. Seither sind viele in Umlauf gebracht worden unter verschiedenen Titeln, die jedoch alle eine Anspielung auf den Uebergang ins Jenseits und auf das ewige Leben enthalten. In verschiedenen Ländern sind verschiedene Sammlungen rezipiert worden, doch haben sie alle das wesentliche miteinander gemeinsam. Für alle möglichen Lebensverhältnisse und verwandtschaftlichen Beziehungen sind besondere Gebete vorhanden, und jedes .ist auf einen eigenen Ton gestimmt. Besonders ergreifend und voll stürmischer Sehnsucht sind die Gebete am Grabe der Mutter und der jungen Schwester, geradezu erschütternd ist das Gebet der Witwe am Grabe des Mannes. Die Gebete am Grabe des Vaters durchweht ein Hauch von liebender Ehrfurcht und scheuer Zärtlichkeit. Am Grabe der Großeltern klingt es abgeklärt, in friedlicher Resignation. Die Stimmungen sind überall sehr kräftig herausgearbeitet, trotz der durchaus schlichten, zuweilen sogar unbeholfenen Sprache, die nur zu oft zum Musivstil ihre Zuflucht nimmt. Hier ist etwas Ursprüngliches, Ungekünsteltes vor uns, das aus den Tiefen des Gemütes kam; ein ganzes Volk hat Jahrhunderte daran geschaffen. Außer dem Gebet am Grabe eines Beleidigten, dem man bei Lebzeiten versäumt hatte, Abbitte zu leisten, ist noch das Gebet eines Emporkömmlings charakteristisch. Für einen solchen ist es ratsam, ein Gräberfeld aufzusuchen, um sich der Vergänglichkeit alles Irdischen zu erinnern. Er betet zum „Herrn der Liebe und der Wahrheit, der thront in den Höhen, aber zu den Niederungen herabblickt, der den Armen vom Staube und den Dürftigen vom Schutthaufen erhebt." Und um was betet er? „Erhöre mich heute, an dieser heiligen Stätte, wo die Gerechten ruhen und nimm in Gnaden meinen Dank auf für all das Gute, das du mir geschenkt hast. Ich bin nicht würdig all dessen, was du mir gewährt hast; du hast mir von deinem Segen gespendet und mir mein Teil im Leben unter der Sonne zugewiesen . . . Sei mit mir und bewahre mich vor dem bösen Trieb, damit mein Herz nicht hoffärtig werde und nicht anmaßend, daß ich nicht spreche: meine eigene Kraft und starke Hand hat mir das alles geschaffen. Laß mich stets meiner kleinen Anfänge gedenken, daß ich mich nicht überhebe über meinen Nächsten und mein Gemüt nicht verhärtet werde. Lenke mein Herz, dir zu dienen, deinen Willen zu tun all meine Tage . . . Halte mich fern von falschem Schein und von Menschenneid . . . daß ich meine Tage vollende in friedlichem Greisenalter und in Ehren. . . ." * * * Hat man so die Runde um die Gräber gemacht, dann nimmt man Abschied von dem „heiligen Ort", dem „Haus des Lebens" (beth hachajjim), „dem Haus der Ewigkeit" (beth olam oder beth almin), wie es der Volksmund nennt: „Friede mit euch, ihr reinen Seelen, die ihr dem Glanz des ewigen Schöpfers des Lichtes entstammt. Ich gehe nun meinen Weg und danke Gott und bete zu ihm, daß er meine Seele und meinen Geist in mir behüten möge. Ruht, ihr Lauteren, bis der lebendige König,, der Herr des Himmels und der Erde zu euch spricht: „Steht auf, ihr Reinen, erwacht zum ewigen Leben!" Wir anderen aber mögen zum irdischen Leben in Glück und Frieden eingehen, bis der treue Bote (Eliah), des Gesalbten Gottes (Messias), naht, um die Herzen der Vorfahren mit denen der Nachkommen und die der Nachkommen mit denen der Vorfahren zu versöhnen. Die Gerechtigkeit möge uns voranschreiten. Wir wollen den großen Gott loben, dessen Wort die Toten belebt und der Wunder ohne Ende schafft, im Himmel und auf Erden." Judische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Eine Marranin. Donna Gracia Mendesia. Als Marranin (Scheinchristin), etwa 1510 in Portugal geboren, wurde sie die Gattin eines sehr reichen, ebenfalls der Gruppe der Marranen angehörenden Li'ssaboner Bankiers. Nach kurzer Ehe starb ihr Mann. Als 25jährige Witwe blieb sie nebst einer Tochter zurück. Die Filiale ihres Bankhauses in Antwerpen vermittelte hauptsächlich die opferreichen Bemühungen der portugiesischen Marranen beim Vatikan, die Einführung der Inquisition hintanzuhalten. Im Gefühle der Unsicherheit flüchtete Donna Gräcia schon ein Jahr nach dem Tode ihres Gatten mit ihrer Tochter, einer Schwester und Nichte sowie den beiden Neffen Miques nach der Hauptstadt Flanderns, in der schon etliche Marranenfamilien Schutz gefunden hatten. Plötzlich starb ihr Schwager, der die dortige Filiale geleitet hatte, und Donna Gracia führte fortan das gesamte, über viele Länder verbreitete Geschäft ihres Hauses. Doch Karl V. ließ unter dem Vorwande, daß der Verstorbene im Geheimen Jude geblieben sei, das gesamte Vermögen der Familie Mendes mit Beschlag belegen. Nur der Klugheit eines ihrer Neffen, Josef Nassis, des späteren Herzogs von Naxos gelang es, dank seinem Einfluß bei der Schwester Karls V., der Statthalterin von Flandern, die Konfiskation in ein zinsfreies Darlehen umzuwandeln. 1547 übersiedelte Donna Gracia in dem heißen Drange, die Maske des Scheinchristentums abzuwerfen und offen den Glauben ihrer Väter zü bekennen, nach Venedig. Doch sogleich erklärte der Kaiser mit der gleichen Begründung wie bei dem früheren Anschlag, daß nämlich Donna Gracia des geheimen Rückfalls in das Judentum schuldig sei, den Besitz der Familie im Bereiche seines Herrschergebietes für die Krone verfallen. Auch dieses Verhängnis wurde mit großen Geldopfern abgewendet. Nunmehr wurde Gracia von ihrer eigenen Schwester, die sich der rechtmäßigen Bevormundung durch Gracia zu entziehen suchte, bei den Behörden Venedigs angezeigt, daß sie, um offen zum Judentume sich zu bekennen, nach der Türkei zu flüchten beabsichtigte. Die rachsüchtige Schwester sandte auch die gleiche Botschaft an den König von Frankreich, der dem Hause Mendes eine ungeheure Summe schuldete und nun froh war, sich dieser Verpflichtung