Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 33 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3062972-3063973-3064004--14768-3082345- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
todeswürdigen, Ketzern gegenüber ledig fühlen zu dürfen. In Venedig wurde Gracia verhaftet, ihre gesamte Habe eingezogen. Inzwischen war aber der' findige Josef Nassi, der erwähnte Neffe Gracias, nach Konstantinopel entkommen und der Hinweis auf das Vermögen Gracias genügte, den Sultan zu bestimmen, daß er einen besonderen Staatsboten nach Venedig mit der strikten Forderung schickte, Gracia und ihre Angehörigen sowie ihr Vermögen für die Uebersiedlung nach Konstantinopel freizugeben. Während dieser Verhandlungen zog Gracia zunächst 1550 in das für jene Zeit unvergleichlich tolerante Ferrara, wo sie öffentlich zum Judentume übertrat und von wo aus sie verfolgte Marranen mit reichen Mitteln unterstützte. Als sie endlich am Ziel ihrer Wünsche, in der Hauptstadt des Sultans, angelangt war, wurde sie eine weit und breit bekannte großmütige Beschützerin ihrer verfolgten Schicksalsgenossen und eine von Dichtern mit Recht gepriesenen Mäzenatin der jüdischen Wissenschaft. So trat sie gegen den grausamen Papst Paul IV., der 1556 in Ancona Marranen hatte verbrennen lassen, energisch auf. Sie veranlaßte den Sultan, dem Papst 'einen geharnischten Protest zu senden, und die jüdischen Kaufleute, bei Strafe des Bannes den Handelsverkehr mit Ancona zu meiden. 1569 starb diese edle Wohltäterin, eine dep rühmenswertesten Frauen jüdischen Stammes. (Fortsetzung folgt.) Israel Zangwill Ein ganz Großer in Israel ist dahingegangen; Israel Zangwill ist im Alter von 62 Jahren in London an einer durch Ueberarbeitung zugezogenen Lungenentzündung gestorben. Hier hat ein grundgütiges Herz zu schlagen aufgehört, ein Mensch und Jude ist nicht mehr, dessen Wirken stets unermüdlich der Linderung des großen Elends des von der Heimatsscholle losgerissenen jüdischen Auswanderers galt. Aus eigener Anschauung kannte er diese tiefe Tragödie, im Jahre 1864 war er in Bristol als Sohn eines russisch-jüdischen Emigranten geboren worden, der, wie es in einer vom Uebersetzer der Zangwillschen Werke Dr. Hanns Heinz Ewers verfaßten Biographie heißt, „ein rabbinischer Jude alten Schlages" war. Die Familie übersiedelte nach London, wo Zangwill nach Absolvierung der englischen Schulen und Erlangung des Doktorates der Philosophie zunächst eine Zeitlang als Lehrer wirkte, später aber diesen Beruf aufgab und sich der Literatur widmete. Nach Jahren des Hungerleidens gelang ihm endlich ein großer Erfolg, der ihn in der ganzen Welt bekannt machte. Einem Zufalle, dem Wunsche eines amerikanischen Zeitungsherausgebers, der auf Zangwill aufmerksam gemacht wurde, verdankte er seinen Roman „Kinder des Ghetto", der die Sehnsucht, das Elend und das Glück der mitten im großen modernen London erstandenen jiddischen Welt in hervorragender Weise schilderte. Seinen zweiten Welterfolg brachte ihm das in alle Kultursprachen übersetzte „Träumer des Ghetto", das das spezifisch jüdische Moment im Wesen der großen Juden der Diaspora treffend hervorhebt. Ebenso berühmt ist sein köstlicher Roman „Der König der Schnorre r", der zu den glänzendsten humoristischen Werken der Weltliteratur zählt. Auch als Dramatiker erzielte Zangwill bedeutende Erfolge, insbesondere mit seiner vorzüglichen Komödie „D e r Schmelztiegel" und sehr beliebt war Zangwill als espritvoller Essayist. Berühmt ist ferner seine englische Uebersetzung hebräischer Gebete und der Gedichte G a b i r o 1 s. Wie betont, galt das dichterische Schaffen des allzufrüh Dahingeschiedenen vor allem seinen aus der Heimat entwurzelten Glaubensgenossen. Auch als Politiker, wo er wohl weniger Erfolge erzielte, verwendete er sich stets für sie und ihre unsagbare Not. Er schloß sich zuerst dem von Herzl ins Leben gerufenen politischen Zionismus an, ging aber nach dem Scheitern des Ugandaprojektes, das er stark befürwortet hatte, eigene Wege und schritt, da er die Errettung der Ostjuden aus ihrer unmöglichen Lage für raschest durchführenswert ansah, an die Gründung einer eigenen Organisation, der sogenannten I. T. O. (Jewish Territorial Organisation), die er bis zum Jahre 1917 führte und die auch in Wien im Jahre 1913 einen vielbeachteten Kongreß abhielt. Im Jahre 1917, als die Balfourdeklaration erschien, liquidierte er, trotz der von ihm aufgezeigten Mängel dieserSEntscheidung, die I. T. O. Und schloß sich wieder der reinzionistischen Bewegung an, während er für den sogenannten Kulturzionismus nicht viel übrig hatte. In Erinnerung ist noch sein letztes Auftreten als Politiker im Jahre 1924, als er auf dem amerikanisch-jüdischen Kongreß seine Forderungen in bezug auf die Palästinabesiedlung laut erhob, die, als im Widerspruch mit vielen zionistischen Maximen stehend, besonderes Aufsehen erregten. In letzter Zeit ist Zangwill wohl durch seine Krankheit nicht mehr hervorgetreten; er arbeitete aber rastlos weiter und schuf Bedeuteudes, das nicht nur den Meister, sondern auch mit ihm das Judentum ehrte. Wenn einst die Namen der Großen unserer Zeit genannt werden, wird der des einfachen Juden Israel Zangwill nicht unerwähnt bleiben. Glossen. Der deutsche Ex-Kaiser warnt die christliche Welt vor einer ihr drohenden großen Gefahr. Er behauptet, daß von jüdischer Seite eine neue Religionsauffassung: verbreitet werde, die davon ausgehe, Jesus als Lehrer einer neuen Moral anzuerkennen. Das Ziel dieser Bewegung sei, der Menschheit eine neue jüdische Weltreligion aufzudrängen. Wilhelm IL muß als Theologe so ernst genommen werden, wie ihn die hervorragendsten Fachmänner ernst nahmen, wenn er das unabweisbare Bedürfnis fühlte, zu den wichtigsten Fragen der Politik, der Wissenschaft und der Kunst Stellung zu nehmen, die er mit der gleichen souveränen Mißachtung der allernotwendigsten grundlegenden Kenntnisse zu beherrschen suchte. Als Theologe beschäftigt sich der Ex- Kaiser mit der christlichen und der jüdischen Religion und es gelingt ihm da, eine wahrhaft imponierende Vielseitigkeit des Unwissens zu verraten. Wie könnten die Juden jemals auf die Idee kommen, Jesus als den Lehrer einer neuen Moral anzuerkennen? Wäre es denkbar, daß sie vergessen hätten, daß die berufenen Vertreter des Judentums ausnahmslos seit jeher unerschütterlich, auch mit Berufung auf die Worte Jesu, die Ueberzeugung vertraten, Jesus habe keine andere Moral verkündet als jene, die die Juden in der Bibel und in den Lehren des Talmuds fanden? Die Identität der Morallehren im Evangelium und dem Talmud ist eine derartige, daß im Sinne aller Rabbinen Abraham Geiger z. B., in einer Polemik gegen einen christlichen Theologen ruhig schrieb: „Ich muß dabei bleiben, daß auch die Bergpredigt, diese Zusammenfassung der Quintessenz der ethischen Lehre ein bloßes Flickwerk aus der sonstigen jüdischen Literatur ist und nicht einen Gedanken enthält, der sich nicht auch anderweitig aus der jüdischen Spruchweisheit belegen ließe." Daß Wilhelm II. den Worten der Rabbinen, selbst wenn er sie je seiner Beachtung gewürdigt haben sollte, keinen Glauben schenkt, ist begreiflich. Aber er ignoriert es auch, daß zahlreiche christliche Gelehrte ehrlich genug waren, die Identität der jüdischen und der christlichen Moral ebenso entschieden zuzugeben. So liest man z. B. bei Renan: „Es ist eine schwere Ungerechtigkeit, das Christentum dem Judentum gegenüberzustellen, weil alles, was im ursprünglichen Christentum vorhanden war, am Ende aus dem Judentum gekommen ist." Wenn Wilhelm sich vom Franzosen Renan nicht belehren lassen will, so mag er in dem 1900 erschienenen ausgezeichneten Werke Kurt Breysigs „Vergleichende Entwicklungsgeschichte der führenden Völker Europas" nachlesen und dort wird er buchstäblich finden: „Alles, aber auch alles, was den Christenglauben hinaushebt über aile anderen Religionen, ist jüdischen Ursprungs." Nein, nein, Se. Majestät Wilhelm II. geruhte sich in