Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 33 (6.8.1926)
- Date
- 1926-08-06
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 33 DIE WAHRHEIT Seite 5 Versammlung gesungen, den Beschluß bildet-e, wird auch diejenigen versöhnlich stimmen, die der neuen Gründung ablehnend oder doch abwartend gegenüberstehen. * * * Der Verlauf der Weltkonferenz. Schon im Jahre 1914 sollte auf Anregung der deutschen „Vereinigung für das liberale Judentum" in Elberfeld der Zusammenschluß aller liberalen Juden der Welt erfolgen. Der furchtbare Weltkrieg vereitelte jedoch diese Absichten. Nach dem Kriege erweckte die gesteigerte Aktivität in den Kreisen der liberalen Judenschaft aller Länder neuerdings das Bedürfnis nach einem internationalen Zusammenschluß aller auf dem Boden des religiösen Liberalismus stehenden Juden. Diesmal jedoch ergriff die englische Gruppe des liberalen Judentums die Initiative und lud Vertrter der liberalen Judenschaft aller Länder zu einer „W e 11konferenz des liberalen Judentums" nach London ein, welche daselbst in der neuerbauten liberalen Synagoge unter .großer Beteiligung am 10. und 11. Juli stattfand. Als Vertreter des liberalen Judentums Deutschlands waren folgende Herren erschienen: Rabbiner Doktor Dienemann-Offenbach, Dr. Ettinger-Frankfurt, Fabian-Königsberg, Prof. Friedländer-Berlin, Rabbiner Dr. Goldmann-Leipzig, Dr. Hoffmann-Frankfurt a. M., Rabbiner Dr. Italiener-Darmstadt, Jaulus-Berlin, Rabbiner Dr. Salzberger-Frankfurt, Rabbiner Dr. Samuel-Essen, Rabbiner Dr. Seligmann-Frankfurt a. M., Professor Sobernheim-Berlin, Rechtsanwalt Stern-Berlin, Rabbiner Dr. Wiener-Berlin, Rabbiner Dr. Wilde-Magdeburg, Woyda-Berlin. Nächst dem deutschen war das englische und amerikanische liberale Judentum besonders stark auf der Konferenz vertreten. Nach einem Festgottesdienst eröffnete der Vorsitzende der Konferenz Claude Montefiore, Präsident der „Jewish Religjons Union", mit einer Begrüßungsansprache die KonferÜe, in welcher er den Dank an die Erschienenen in warmen Worten zum Ausdrucke brachte und betonte, daß zwar die Schwierigkeiten, die das liberale Judentum in allen Ländern finde, groß seien, größer aber noch die Fortschritte sind, die es aufzuweisen habe. Die Konferenz zeige die Lebenskraft des liberalen jüdischen Gedankens. Hierauf sprach Rabbiner Dr. Seligman.n-rFrankfurt,namens der, deutschen liberalen Jüdehschaft und Rabbiner Dr. Louis Wolsey, Präsident des amerikanischen Rabbinerverbandes, namens der liberalen Juden der Vereinigten Staaten von Nordamerika. Der zweite Tag der Konferenz brachte eine Reihe interessanter Referate, von denen wir folgende erwähnen wollen: Rabbiner Samuel Schul man aus New York sprach über „Die Synagoge im modernen Leben", Rabbiner Dr. Wiener aus Berlin über den „Glauben an die Inspiration der Bibel im Lichte der Bibelkritik", Dr. Ma.ttuk, Oberrabbiner der liberalen Synagoge in London, referierte über den „Gebrauch der Bibel im Gottesdienst und Unterricht", Rechtsanwalt Dr. Heinrich Stern, der Vorsitzende der deutschen „Vereinigung für das liberale Judentum", sprach über „Jüdischen Liberalismus in Deutschland", Rabbi I. Morgenstern über „Liberales Judentum in Amerika", Claude Montefiore über „Jüdischen Liberalismus in England", ferner Dr. Henrik Wolff aus Stockholm über das „Liberale Judentum in Schweden" und Miß Leah Ihirad über das „Liberale Judentum in Indien". Als Stephan S. Wise, amerikanischer Reform-Rabbiner und Mitglied des zionistischen Aktionskomitees, eine Stellung der Konferenz zum Zionismus herbeiführen wollte, stieß er auf den heftigsten Widerstand bei seinen amerikanischen und englischen Freunden. Und der Vorsitzende der Konferenz widersprach scharf der Erörterung dieser Frage; denn man sei zusammengekommen, um Fragen des religiös-liberalen Judentums zu erörtern. Der Kongreß überlasse die Stellung zum Zionismus dem einzelnen, beim einzelnen Zionisten liege auch die Entscheidung, ob er am Weltverband des religiös-liberalen Judentums mitarbeiten könne. Die Hauptaufgabe, welche die Konferenz erfüllte, war die Gründung des „Weltverbandes des religiösliberalen Judentums", dessen Zweck es sein soll, zu allen Problemen des neuzeitlichen Lebens aus dem Geiste des Judentums heraus Stellung zu nehmen. Die Bedeutung der Tagung liegt also hauptsächlich darin, daß eine ständige Verbindung zwischen dem liberalen Juden der verschiedenen Länder der Erde hergestellt würde. Der religiös-jüdische Liberalismus hat sich somit seine Weltorganisation geschaffen, ebenso wie auch die anderen religiösen Richtungen im Judentum ihre internationale Organisation besitzen. Möge die neue Weltorganisation dem gesamten Judentum zur Ehre und zum Nutzen gereichen! An den Pforten der Ewigkeit. Skizzen aus dem religiösen Leben der Juden. Von Benj. Segel. (Schluß.) Der Brauch, zwischen dem Neumondstag des Monates Elul und dem Versöhnungstag die Gräber zu besuchen (zu welchem Zweck auch weite Reisen unternommen werden), dürfte schon um das Jahr tausend bestanden haben. Seit dieser Zeit nämlich ist die Auffassung bekannt, daß die vierzig Tage, die dem Jörn Kippur vorangehen, als Bußtage anzusehen sind, an denen „Selichoth" (Bußgebete) vor Sonnenaufgang verrichtet werden, auch wird nach dem Morgengottesdienst der Scholar geblasen. In dieser, den „Tagen des Gerichts" vorangehenden Zeit werden auch die Gräber besucht und Gebete verrichtet. Beim Betreten des Friedhofes spricht man: „Gepriesen sei der Ewige, unser Gott, der Weltenkönig, der euch erschaffen hat in Gerechtigkeit, euch ernährte und am Leben erhielt in Gerechtigkeit, euch sterben ließ in Gerechtigkeit, euer aller Zahl kennt in Gerechtigkeit und euch auferstehen lassen wird in Gerechtigkeit. Gepriesen sei der Ewige, der die Toten auferstehen läßt." Diesem Gebet liegt offenbar die Vorstellung zugrunde, daß die Seelen der Toten zeitweise in der Nähe von deren Gräbern weilen und die Anrede der Lebenden vernehmen. Das ist eine uralte, allgemein in der Welt verbreitete Vorstellung, die jedoch den poetischen Gehalt und die Schönheit des Gebetes nicht mindert. Daß hier nur von der Gerechtigkeit (din), nicht aber von der Liebe (chesed oder rachamim) Gottes die Rede ist, erklärt sich daher, daß es nicht gut angeht, zu sagen „er ließ euch sterben in seiner Liebe"; es wird daher das Prinzip der Gerechtigkeit auch auf alle anderen Gebiete angewendet. Dann folgt der Gruß an die Seelen: „Ihr Gerechten, Grundfesten der Welt, ihr reinen Seelen alle, möge es der Wille sein vor unserem Vater im Himmel, der das Paradies erschuf, bevor er noch seinen Fußschemel, die Erde, ins Dasein rief, daß ihr ruhet in Ehre und Frieden bis ans Ende der Tage; in den Bund des Lebens mögt ihr aufgenommen sein, beim Ewigen, euern Gott, dem Großen und Erhabenen. Möge mir und meinen Angehörigen und dem ganzen Hause Israel das Verdienst (sechuth) eures Thorastudiums und eurer guten Taten beistehen, das ihr erworben habt, solange ihr auf Erden wandeltet. Und wenn meine Stunde kommt, aus dieser Welt zu gehen, möge mein Anteil sein, neben euch im Gan Eden zu weilen; möge ich gewürdigt werden, den Glanz der Schechinah schauend zu genießen, zusammen mit euch und allen anderen Gerechten und Frommen; ich und ganz Israel, dort wollen wir alle ewiglich uns bergen unter den Flügeln Gottes, in inniger Gemeinschaft mit dem Höchsten, im Schatten des Allmächtigen." Der erste Gang gilt immer dem Grabe des Rabbiners oder Lehrhauptes. Um ein solches Grab versammeln sich gewöhnlich die ehemaligen Schüler: „Sei uns gegrüßt, unser Herr, Lehrer und Meister, Friede mit dir in alle Ewigkeit. Ruhe sanft auf deinem Lager und möge das irdische Leid deiner Angehörigen hiernieden deine selige Ruhe nicht trüben. Verweile du hoch über allen dichten Wolken, in inniger Gemeinschaft mit dem Höchsten, im Schatten des Allmächtigen. Heil dir, glücklich bist du, da es dir gegönnt war, die Wege deines Schöpfers zu wandeln und dein Licht leuchten zu lassen: du lehrtest Israel die Gesetze der Redlichkeit und der Güte, um deine Mitlebenden der Gerechtigkeit zuzuführen. Groß ist dein Lohn, und der heilige König wird dich in Bälde erwecken und auferstehen lassen mit allen Restaurant Guth ■w> II., Hollandstraße Nr. 14 Vornehmes Restaurant mit erstklassiger Küche Mittagsuuö Abenö-Menu nach Wahl S 2.— Übernahme von Diners und Soupers in und ausser Haus Zum Besuch ladet höfl. ein , GUTH, Besitzer.