Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 31 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite 6 DIE WAHRHEIT Nr. 31 Erschaffung der Welt entstanden war, offenbart; aber auch die biblischen Gestalten: Adam, Noah, Abraham, Moses und schließlich Jesus werden als Propheten und Vorläufer Mohammeds anerkannt. Neben diesen gibt es Engel Dschinne und Dämone. (Dschinne sind Mittelwesen zwischen Engel und Menschen.) Jeder einzelne Mensch ist schon von Geburt an für die „Seligkeit" oder „Verdammnis" bestimmt, aber es liegt in seiner Macht, sein Schicksal zu bestimmen: durch Buße und Fasten, Wallfahrten nach Mekka und Medina, Waschungen und Gebote, endlich durch Uebung von Gastfreundschaft und Almosengeben. Wenn auch der Islam keinen eigentlichen Ruhetag kennt, so ist doch der Freitag für den gemeinsamen Gottesdienst bestimmt. Der Gebetrufer (Muezzin) singt „Allah ist groß" vom hohen Minaret in die Stadt hinaus, fünfmal im im Tage, dann versammeln sich die Frommen in der Moschee, lassen sich auf den Gebetteppichen nieder und folgen andächtig leise den Worten des Vorbeters und ihres Predigers. Daß der Genuß von Schweinefleisch und Alkohol verboten, anderseits die Polygamie gestattet ist, ist allgemein bekannt. Neben Mekka und Medina ist Jerusalem, vor allem der Tempelplatz, den Mohammedanern heilig; aber auch viele andere Heiligtümer gibt es im Lande, so die Höhle Machpelah in Hebron, das Hebi Musah beim Toten Meer — angeblich die Ruhestätte Moses — und, sonder Zahl, die lokalen heiligen Stätten, zu denen die ringsum wohnende Bevölkerung pilgert, um für Gesundung oder Kindersegen, für Hilfe in jeglicher Not zu beten, aber auch zur Feier ihrer Feste — wie vor tausenden Jahren. Einer anderen Sekte, den Metawilen, ist Ali heiliger als Mohammed, denn in ihm ist Gott seinen Gläubigen in Menschengestalt erschienen. Sie sind eine sehr fanatische Gemeinschaft, deren Christenhaß schon öfter zu blutigen Ueberfällen geführt hat; sie leben streng gesondert von allen Andersgläubigen. Ihrer Religion verwandt ist die der H o s a i r i e r. Sehr interessant sind die religiösen Anschauungen der Drusen, welche sich als eine Synthese verschiedener Glaubensbekenntnisse erweisen. So finden wir in ihnen neben Mohammedanischem auch viel Mosaisches und Christliches, aber auch altsyrische und altpersische Götzendienerei. Um das Jahr 1000 hat der Kalif Hakim bi-amr Allah — ihr Messias — ihnen seine Lehre durch Abgesandte übermittelt. Ihre jahrhundertelang gegen die Türken, jetzt gegen Frankreich gerichteten Kämpfe, die sie aus einem unbezwinglichen Freiheitsdrang heraus führen, — sie werden nur dann zu Ende kommen, wenn sie ihre Wünsche voll und ganz erfüllt sehen — erklären sich nicht zuletzt daraus, daß. sie keine Todesgefahr kennen, denn nach ihren Anschauungen ist jedes Menschen Alter schon im voraus bestimmt. Und wenn jemand von ihnen im Kriege fällt, dann ist er nicht gestorben — er schläft nur, bis sein Todestag kommt! So konnte der kaum noch irgendwo anders in der Welt zu findende Heldenmut der Drusen entstehen. Fanatisiert und ohne Furcht werfen sie sich mit den einfachsten Waffen, ja sogar unbewaffnet gegen Tanks und Kanonen — und erobern sie! Sollten auch Hunderte dabei zugrunde gehen — ihnen wird nicht bange, denn sie werden nie aussterben; wandert dcch die Seele jedes Verstorbenen in den Leib eines Neugeborenen! . . . Juden: In drei von den vier heiligen Städten, nämlich in Jerusalem, Safed und Tiberias bilden die Juden die Majorität der Einwohnerschaft; nur in Hebron sind sie in der Minderheit. Rein jüdisch sind Tel-Awiw, mehrere städtische Vororte und einige Dutzend Kolonien, die im ganzen Lande verstreut sind; eine große Anzahl lebt in Haifa. In Akko sind in der jüngsten Zeit zirka 200 Familien eingewandert, davon über die Hälfte in den letzten Monaten. In den anderen Städten siedelten sich nur wenige Juden an. Neben den Sepharden, die in ihren Sitten, Gebräuchen und auch äußerlich von der arabischen Bevölkerung kaum zu unterscheiden sind — sie kamen vor Jahrhunderten aus Spanien (hebräisch Sephard) und Portugal nach Palästina — gibt es noch die A s c h k enasim (Aschkenas Deutschland), d. s. die Juden aus Mittel- und Osteuropa, sie bilden die weitaus stärkste Gruppe der palästinensischen Judenheit, außerdem leben etwa 150 S a m aritaner in Hablus (Sichern); sie sind eine aus der Zeit des assyrischen Königs Almanassar erhaltene Mischrasse jüdischbabylonischen Blutes. Sie anerkennen bloß die fünf Bücher Moses, im übrigen sind ihre Anschauungen ein Gemisch aus mosaischen und heidnischen Elementen. Aehnlich ist der Glaube der Karaiten in Jerusalem, die nur mehr etwas über ein Dutzend Köpfe zählen. In Jerusalem allein bestehen mehr als 200 Bethäuser, und zwar haben Chassidim und Aschkenasim, die Grusiner, Bagdader, Spanier, Jemeniten, Perser, Bucharer, Marokkäer, Mesopotamier u. a. m. ihre eigenen Synagogen. Die oberste religiöse Instanz wird von einem gemeinsamen Rabbinerkollegium gebildet. Die Christen haben nur in Betlehem und Nazareth die Mehrheit. Viele leben auch in Jerusalem, Jaffa und Haifa. Die palästinensische Christenheit umfaßt eine große Anzahl von Glaubensbekenntnissen und darum ist es um ihre Einigkeit nicht sehr gut bestellt. Am zahlreichsten sind die griechisch-katholischen Christen, deren Haupt der Bischof in Jerusalem ist, welcher der Synode und den einzelnen Kommissionen zur Verwaltung der vielen Besitzungen dieser reichen Kirche vorsteht. Die römisch-katholische Gemeinde, die sich infolge ihrer eifrigen Missionstätigkeit in den letzten Jahrzehnten mehr ausgebreitet hat, zählt in Palästina viele geistliche Orden, ihre oberste Behörde ist das lateinische Patriarchat in Jerusalem, dessen Rechte weit über die Grenzen des Landes hinausreichen, und welches auch die religiösen Handlungen verschiedener anderer Religionsgemeinschaften beaufsichtigt, so die der Kopten, unierten Griechen. Jahobiten, Nestorianer, Maroniten und Altorientalen. Die meisten Protestanten gehören der anglikanischen Kirche an; sie unterhalten eine Juden- und fast 40 Arabermissionen. Schließlich seien noch erwähnt: Die Armenier, Presbyterianer, Wiedertäufer und Baheisten. Elias wird von den Juden, Christen und Mohammedanern als Prophet verehrt. In seiner Höhle am Karmel hängen die Reliquien aller drei Konfessionen nebeneinander. Hier halten sie, in seinem Geiste, Frieden. Wenn sie es nur immer und überall so hielten, wäre es um die Welt besser bestellt. Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max Grunwald. Märtyrerinnen. (Aus Josef ha-Kohens „Emek habacha".) (Fortsetzung.) Es geschah im Jahre 4931, d. i. im Jahre 1171, da ging ein Jude zur Abendzeit sein Pferd zu tränken und traf daselbst einen Christen, der ebenfalls dorthin gegangen war. Der Jude geriet in Furcht und erschrak und es entglitt seinem Busen das Ende eines Felles, das er unter seinen Kleidern trug. Als das Pferd des Christen dies im Dunkeln sah, fürchtete es sich ebenfalls, wich zurück und wollte nicht ins Wasser gehen. Der Christ wurde hierdurch ärgerlich, kehrte zu seinem Herrn zurück und erzählte ihm folgendes: „Ich habe einen Juden gesehen, der einen kleinen, von den Juden ermordeten Knaben ins Wasser geworfen hat, und da fürchtete ich mich, er möchte auch mich umbringen und auch das Pferd entsetzte sich vor dem Geräusch des Wassers. Dies komme ich dir mitzuteilen." In Blois aber lebte -eine Jüdin, ein biederes Weib, namens Pulcellina, von der jener wußte, daß sein Herr sie seit geraumer Zeit haßte. Am folgenden Tage setzte er sich auf sein Pferd und begab sich zu dem Grafen der Stadt, einem nichtswürdigen Menschen, und erzählte ihm jene Angelegenheit, worauf dieser sehr ergrimmte und alle Juden, deren ungefähr 40 sich daselbst befanden, ergreifen und ins Gefängnis werfen ließ. Pulcellina flößte ihnen jedoch Mut ein, da sie dem Grafen vertraute, der ihr geneigt war, weil er sie als ein biederes Weib kannte. Indes richtete sie nichts aus, da seine Gattin ihn durch vieles Gerede verleitete und gegen die Juden allerlei Anklagen vorbrachte, so daß jene Frau in seinen Augen keine Gunst fand und er sie sogar in seinem Herzen sehr haßte. Er befahl hierauf den Wachen, der Pulcellina nicht zu gestatten, zu ihm hineinzugehen, um ihn zu sprechen; sie war nämlich die einzige, die nicht ins Gefängnis geworfen worden war. Er trachtete alsdann danach, die Schuld auf die Juden zu wälzen, konnte es aber nicht durchsetzen, denn es fanden sich keine Zeugen für die Schändlichkeit, deren man sie beschuldigt hatte, bis ein Mönch kam und zu ihm sprach: „Ich will dir einen Rat geben, Herr, was du zu tun hast, um die Sache ans Licht zu bringen, nur nimm von ihnen kein Sühnegeld. Lasse nämlich den Diener, der die Sache mitangesehen, kommen und in einen Wasserbehälter steigen, der mit Wasser gefüllt ist, mit dem die Mönche sich besprengten; wenn seine Aussagen richtig sind, so wird er auf der Oberfläche des Wassers schwimmen, wo nicht, so wird er untersinken." Dies fand in den Augen des Landesherrn Beifall und er tat also. Hierauf' holten sie den Diener herbei, ließen ihn auf dem Wasser schwimmen und zogen ihn herauf, gaben Recht dem Schuldigen und sprachen schuldig den Unschuldigen und die ganze Stadt war damals in Bewe-