Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 31 (23.7.1926)
- Date
- 1926-07-23
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 31 DTE WAHRHEIT Seite_5 ein einfacher Jude sich ausdrücken würde, & h., daß ihm ein ehrliches Grab bereitet würde. — Das ist der wahre Liebesdienst (chessed schel e<meth), da der Verstorbene ihn ja nicht zu vergelten imstande ist. Auch zu diesem Liebesdienste war man Heiden so gut wie Juden gegenüber verpflichtet. Noch älter als die Krankenpflege-Bruderschaft ist die Begräbnis- Bruderschaft in den jüdischen Gemeinden, die den Titel „Heilige Genossenschaft" (chebra kaddischa) führt und die seit jeher eine Sonderstellung einnahm und eigene Vorrechte genoß. Ihre Mitglieder versahen die Funktion am Bett des Sterbenden bis zur Bahre und zum Grabe und sogar über dieses hinaus. Sie führten auch bis zu einem gewissen Grade die Aufsicht über die Friedhöfe. Da alles, was mit Tod und Grab zusammenhängt, eine gewisse Scheu, sogar ein Gruseln einflößt, so ist es natürlich, daß auf diesem Gebiete alte Sitten und Unsitten, Glaube und Aberglaube sich am zähesten erhalten haben; dazu kam, daß die Pflege der Bräuche in den Händen einer Genossenschaft ruhte, die ihrer Natur nach konservativ ist. Schon-in der Mitte des 18. Jahrhunderts brach in Berlin ein Streit wegen des allzu frühen Begrabens der Toten aus. Moses Mendelssohn und R. Jakob Emden griffen in die Diskussion ein, eine ganze kleine Literatur entstand hierüber, die uns Heutigen unverständlich vorkommt. Später gab es lange Diskussionen über den Leichenwagen, da die Konservativen darauf bestanden, daß der Sarg auf den Schultern zu Grabe getragen werden müsse — eine schöne Sitte, die aber nur in ganz kleinen Gemeinden und in sehr primitiven Verhältnissen durchführbar ist. In manchen Gemeinden bestand der Brauch, die entseelte Hülle ohne Sarg in die kahle Erde zu betten, in anderen, den Leichnam auf einer primitiven Strickleiter hinauszutragen. Jeder Versuch, hierin eine Aenderung einzuführen, stieß auf hartnäckigen Widerstand und galt als ketzerische Neigung. Die alte jüdische Empfindungsweise war jedem Totenkult und Leichenprunk abhold. Dieser an sich edle Gedanke führte in seinem Extrem dazu, daß jede Pflege des Grabes verpönt wurde. Das verlieh den jüdischen Friedhöfen oft ein sehr kaihles und düsteres Aussehen, wenn nicht die Natur selber dafür sorgte, daß zwischen den Gräbern Bäume wuchsen. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in vielen Gemeinden heftigen Streit, als manche Mitglieder die Gräber ihrer Angehörigen mit Blumen bepflanzen wollten. Wie gesagt, haben sich an den Tod und das Grab viele abergläubische Vorstellungen und Bräuche geklammert. Sie waren fast ausschließlich von der nichtjüdischen Umgebung herübergekommen, wo noch alter, heidnischer (vorchristlicher) Brauch und Glaube unter der Decke des Christentums fortwucherte. Ein vergleichendes Studium dieses ganzen Gebietes ist außerordentlich lehrreich. Bräuche und Vorstellungen, die direkt und offen gegen die jüdischen Grundlehren oder die ReLigionsvorschriften des Judentums verstießen, konnten so gut wie gar keinen Eingang bei Juden finden. Andere dagegen, die ein unschuldiges Aussehen hatteni, wurden leicht nachgeahmt, doch wurde ihnen, namentlich seit dem 12. Jahrhundert, ein anderer Sinn unterlegt, sie wurden mit jüdischen Vorstellungen oder gar mit Bibelversen in Verbindung gebracht, und auf diese Weise geadelt, geweiht. Liest man zum Beispiel Wuttkes berühmtes, noch immer unübertroffenes Buch „Deutscher Aberglaube", so staunt man, hier Bräuche und Vorstellungen, namentlich in bezug auf den Totenkultus, zu finden, die auch im „Sepher Chassidim" (aus dem 13. Jahrhundert) verzeichnet sind und sieh in der ursprünglichen Form sogar im fernen Polen und in der Ukraine erhalten haben. (In diese Länder sind die Juden seit dem 12. Jahrhundert aus Deutschland eingewandert und haben ihre Sprache und ihre Sitten und Bräuche mitgenommen.) Wenigstens einer dieser Bräuche sei hier erwähnt: Es ist üblich, daß> man beim Weggehen vom geschaufelten Grabe innerhalb des Friedhofes Gräser pflückt und hinter sich wirft. Das ist ein dem deutschen Heidentum entnommener Brauch, der bezweckte, den unterirdischen Geistern, die beim Schaufeln erweckt wurden, ein Opfer darzubringen, um sie loszuwerden. Im Mittelalter wurde dieser Brauch bei den Juden heimisch, die ihn von ihrer Umgebung übernahmen, ohne sich um seinen Sinn viel zu kümmern. Bekundet ja der Verfasser des eben erwähnten Buches der Frommen: „So wie der Minhag der Christen ist der Minhag der Juden". Als nun um die Mitte des 12. Jahrhunderts die Rabbiner daran gingen, die im Volke umgehenden Sitten und Bräuche zu richten, unterdrückten sie nur solche, die in offenbarem Widerspruch zur jüdischen Lehre standen. Diejenigen aber, die jüdisch-religiös gedeutet werden konnten, blieben bestehen. So wurde auch dieser Brauch beibehalten, aber sein ursprünglicher Sinn wurde abgeändert, indem man dabei den Vers spricht: „Sie werden wieder emporsprießen, wie das Gras auf dem Erdboden". Der Brauch symbolisiert also jetzt die Hoffnung auf die Auferstehung der Toten. Auf einem sehr alten, schon im Talmud erwähnten Brauch beruht es, daß die Leidtragenden, nachdem sich das Grab über dem Toten geschlossen, die „Rechtfertigung des göttlichen Gerichtes" (Zfclduk hadin) sprechen. In der heute vorliegenden Form ist das ein ergreifender Hymnus voll herzhafter Glaubenskraft und hingebenden Vertrauens in die göttliche Güte und Gerechtigkeit; er verfehlt seine tiefe, herzstärkende und tröstende Wirkung auf keinen, der ihn in der Originalsprache versteht, an die keine Uebersetzung heranreicht. Er besteht aus einigen Bibelversen, an die sich Stüeke aus der talmudischen Zeit und aus späteren Epochen sinnvoll anschließen. Die Schauer der Ehrfurcht vor diesem Hymnus steigern sich nur noch, wenn man bedenkt, daß der Auftakt zu ihm, die einleitenden und die Schlußverse, von drei Märtyrern, Vater, Mutter und Tochter gesprochen wurden, nämlich von Rabbi Chanina ben Theradjon, seiner Frau und seiner Tochter, als sie. nach dem Aufstand unter Kaiser Hadrian (135—138 n. Chr.), den Weg zur Richtstätte antraten, um den Märtyrerted von Henkershand zu erleiden. Da kam dem Vater das Wort auf die Lippen: „Gott ist unser Hort, sein Tun ist sonder Fehl, alle seine Wege sind gerecht." Die Frau rief: „Er ist der Gott der Treue, ohne Unrecht, er ist gerecht und redlich"' (Deuteronom. 32, 4.) Die Tochter antwortete: , Groß, unerforschlich ist Dein Ratschluß, mächtig ist Deine Tat, Deine Augen bewachen die Wege der Menschenkinder, um jedem nach seinem Wandel und den Früchten seiner Handlungen heimzuzahlen" (Jeremias 32, 19.) Das immer wiederkehrende Motiv dieses Hymnus ist die Lobpreisung, die man beim Vernehmen einer Trauerkunde zu sprechen hat: „Gepriesen sei, der uns richtet nach der Wahrheit" Der Hymnus schließt mit dem Worte Hiobs: „Gott hat es gegeben, Gott hat i/s genommen, der Name Gottes sei gepriesen." Dann: „Er ist barmherzig, vergibt die Sünde, überliefert uns nicht dem Verderben, er beschwichtigt machtvoll seinen Zorn, und erweckt i'immer seinen ganzen Groll." (Fortsetzung folgt.) Die Religionen im Heiligen Lande. Von Rudolf Seiden, Haifa. Palästina ist nicht nur den Juden, sondern auch der Christenheit und den Mohammedanern seit jeher das Heilige Land. Trotzdem es eigentlich klein und von Natur scheinbar arm ist, hat es durch Jahrtausende die Welt beeinflußt. Es ist die Geburtsstätte der größten Geister der Menschheit und die Heimat dreier weitverbreiteter Religionen. So ist es denn kein Wunder, daß unzählige Orte, Berge, Täler und Müsse, Tempel, Tore und Plätze, Bäume und Felsen, Höhlen und Gräber an die vielen, vielen Menschen erinnern, die hier gelebt und gelehrt haben. Darum komen und kommen die Frommen und die Forscher aus allen Erdteilen herbei, um die heiligen Stätten der Vergangenheit, die ihnen von Erhebenden! und Erschütterndem, von Erbauung und von Offenbarung und anderen Begebenheiten berichten, zu besuchen, und sie werden kommen, solange die Welt steht . . . Es ist auch kein Zufall, daß wir in Palästina, neben den genannten, noch so viele andere Religionsgemeinschaften autreffen. Alle sind mit dem Lande irgendwie verbunden, alle machen es sich zur Pflicht, gerade hier ihre Traditionen zu pflegen und ihrer Gottheit zu dienen. Durum ist die Zahl der Kirchen, Klöster und Schulen, der wissenschaftlichen Institute, Waisenhäuser, Spitäler und Hospize so groß und so bunt, wie kaum in einem anderen Lande, und doch — nach außen ist die Wirkung all dieser religiösen Institute unbedeutend, wenn man cm die ziemlich eifrig betriebene Missionstätigkeit denkt. Doch ihre Erfolge auf den Gebieten der Wissenschaft, sozialen Fürsorge und Volksbildung, waren und sind sehr segensreich und lobenswert. Es zeigt sich wieder, daß dort, wo wahre Nächstenliebe und Versöhnlichkeit arbeiten, stets Gutes und Schönes geschaffen wird. Im Folgenden sei einiges über die drei wichtigsten Religionsgemeinschaften in Palästina berichtet: Mohammedaner: Die große Mehrheit der Araber bekennt sich zum Islam. Meistenteils sind sie Sunniten, d. h. sie glauben auch an die Sünna, die Randglossen des Korans, welche von den Kalifen nach Mohammeds Wirken stammen. Mohammed, der „Abgesandte Gottes" gilt als der größte Prophet, denn ihm hat Allah den Koran, der schon vor