Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 28 (2.7.1926)
- Date
- 1926-07-02
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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flr, 28 DIB WAJgBfElT Seite 1 mordete Juden gerächt," und er ist auch während des Verhörs dabei geblieben. So wenig selbst die Hinschlachtung von 100.000 Menschen auch nur einen politischen Mord rechtfertigen kann, so erschütternd ist es doch, in den authentischen Dokumenten zu blättern, in denen die Organisationen des Roten Kreuzes die bestialischen Massenmorde unter der ukrainischen Judenschaft berichtet haben. Die genauen, auf urafangreiches__jBeweismaterial gestützten Angaben lassen leider keinen Zweifel an ihrer Echtheit, und so muß man mit Beschämung gestehen, daß selbst im Zeitalter der Zivilisation Menschen wie das Vieh hingeschlachtet werden können. Sie seien hier auszugsweise wiedergegeben, da sie angesichts des bevorstehenden Prozesses, wie des Versuches einiger — auch österreichischer — reaktionärer Blätter, die Tat Schwarzbarths auf „russischen" Einfluß zurückzuführen, von besonderem Interesse sind. Die Pogrome begannen im Jahre 1918, als die Kommunisten ihre ersten Erfolge gegen das ukrainische Direktorium zu verzeichnen hatten; je mehr dieses an Boden verlor, je weiter die Truppen des Staatschefs Petljura vor den Bolschewisten zurückweichen mußten, um so grausamer rächten sich die ukrainischen Banden an der jüdischen Bevölkerung* Im Februar 1919 mußte die Armee Petljuras in größter Mast die Gouvernements von Pultawa und Kiew räumen; jetzt nahm das Gemetzel unter den Juden erst recht an Ausdehnung zu, und die Massakers dauerten während der kriegerischen Ereignisse bis in den Juli hinein. Im September betrug die Gesamtzahl der Ortschaften und Städte, wo Pogrome gewütet hatten, nicht weniger als 305; davon wurden verschiedene Plätze mehrfach heimgesucht mit dem ErfoJg, daß schließlich die ganze jüdische Bevölkerung ausgerottet war. In den offiziellen Berichten sind 120 Orte namentlich angeführt, wo die regulären Truppen des ukrainischen Direktoriums die Juden bis auf den letzten Mann abgeschlachtet haben. Ein Pogrom spielte sich im allgemeinen folgendermaßen ab: Eine Bande erschien in der Stadt oder in dem Dorf, teilte sich in Gruppen und stürzte sich auf die jüdischen Häuser, in denen sämtliche Insassen ohne Schonung des Alters und Geschlechtes ermordet und alles bewegliche Eigentum mitgenommen wurde. Wer durch irgendeinen glücklichen Umstand dem Blutbad entrann, besaß am Ende nichts mehr. Kleider, Lebensmittel und Geld waren geraubt. Männer und Frauen verbargen sich in den Synagogen, in Kellergewölben, in leeren Schuppen; ihr Mund war verstummt unter dem Eindruck des Entsetzlichen, das sie mit eigenen Augen gesehen hatten, und ihre Lippen öffneten sich nicht einmal zu einer Klage. Bei dem Dörfchen Dubowo wurden die Juden in eine Höhle getrieben, wo man sie, einen nach dem anderen, mit dem Säbel niederhieb; in einem anderen Dorf wurden 194 Einwohner an den Fluß gejagt und ertränkt; inProskurow befahl am 16. Februar 1920 derAtaman Simossenko seinen Soldaten, nur die blanke Waffe zu gebrauchen, eine Anordnung, die gewissenhaft ausgeführt wurde: binnen vier Stunden waren 1600 Juden mit Säbel und Bajonett getötet. Am 9. Juli brachte ein Bauer zwei junge Mädchen als einzige Ueberlebende der Bevölkerung von Ladyjanka in das Spital von Uman; die beiden waren furchtbar verstümmelt, der einen war. die Nase abgeschnitten, der anderen hatte die entmenschte Soldateska beide Arme abgehauen. Außerdem waren die Aermsten infolge der ihrer Verstümmelung vorausgegangenen Vergewaltigung venerisch erkrankt. In Owrutsch begannen die von dem Hetman Kozyr Syrko geführten Truppen Petljuras das Massaker mit der Vergewaltigung zehn junger Mädchen; als eine aus 22 Vertretern der Gemeindeverwaltung zusammengesetzte Abordnung den Hetman um Gnade bitten wollte, wurden sie mit der Nagaika furchtbar zugerichtet, hierauf gezwungen, ein jüdisches Lied zu singen und dann nacheinander mit dem Bajonett niedergestochen. Nach diesem Vorspiel begann der eigentliche Massenmord. Die Feder sträubt sich, die entsetzlichen Einzelheiten dieser Schandtaten wiederzugeben. Bevor man die Eltern tötete, ermordete man die Kinder und verstümmelte die Leichen. Haus für Haus wurde systematisch geleert; die entmenschten Henker verrichteten ihr ruchloses Geschäft unter den Rufen: „Es lebe die heilige Ukraine, Tod allen Juden!" und wenn sie von mehrstündigem Morden müde geworden waren, zogen sie mit Musikbegleitung in ihre Kasernen zurück, um ihre Greuel am nächsten Morgen von neuem zu beginnen. In Fischtin wurden die Ausgänge der Ortschaft besetzt und Feuer an die Häuser gelegt: die Einwohne^ erstickten oder wurden, wenn sie fliehen wollten, am Dorfrand niedergehauen." Niemand war da, um die Verletzten zu pflegen und die Toten zu begraben. Plünderungen und bestialische Marterungen, die sich jeder Wiedergabe entziehen, waren die regelmäßigen Begleiterscheinungen der Pogrome. Fast in allen Ländern der Welt leben heute Unglückliche, die diesem Blutbad entrinnen konnten. Es sind Menschen, deren Schicksal in ihrem Gesicht geschrieben steht: Das Entsetzliche, das sie mit eigenen Augen ansehen mußten, hat in ihren Zügen unauslöschliche Spuren hinterlassen. Es gibt unter diesen Bejammernswerten Personen, denen elf und mehrere engere Familienangehörige ermordet worden sind. Die amtlichen Berichte zählen insgesamt 100.000 Opfer dieser furchtbaren Grausamkeiten auf. Man möchte sich weigern, an die Wahrheit solcher Schilderungen zu glauben. Aber die Dokumente geben nur die ganze traurige Wahrheit wieder, nur die Umrisse einer Massentragödie; gibt es Worte, um die furchtbaren Schicksale der Einzelnen zu schildern, die darin verborgen sind? Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzmag.) Die Frauen der talmudischen Zeit Der kostbarste Schatz der Frau. In Sidon wohnte ein Mann, der sein braves Weib liebte und ehrte, aber gerade darum schweren Kummer trug. Zehn Jahre glücklicher Ehe waren um, ohne daß ihnen Kindersegen geblüht hätte. Nach heiliger Satzung hätte er deshalb sich von seiner Frau trennen und eine andere Ehe eingehen müssen. In ihrem Herzeleid suchten die beiden Ehegatten den großen Rabbi Simon ben Jochai auf. Unter Tränen trugen sie ihm ihr Anliegen vor. Der Rabbi, tief gerührt von ihrer Not, sprach liebevoll: „Meine Kinder! Wenn denn geschieden sein soll, so möge, wie ein Freudenmahl vor einem Jahrzehnt euren Herzensbund geweiht hat, ein festliches Mahl auch bekunden, daß ihr nicht in Groll, sondern nur dem Gesetz gehorchend, von einander scheidet." Der Mann aber hatte seiner Frau gesagt: „Zum Zeichen, wie mein Herz an dir hängt, darfst du dir aus meinem Hause das Kostbarste mitnehmen, das du darin findest." Nun wurde ein festliches Mahl bereitet und alle Freunde dazu geladen. Reichlich floß der Wein. Der Hausherr, dieses Uebermaß nicht gewohnt, verfiel in tiefen Schlaf. Darauf hatte seine Frau gewartet. Sie ließ ihn sanft in das Haus ihres Vaters tragen. Als er aus seinem Rausch erwachte und fragte: „Wo bin ich denn? das ist ja nicht mein Haus", da sprach die kluge Frau: „Mein Teurer! Vor dem Rabbi hast du mir feierlich erlaubt, das Kostbarste aus deinem Hause zu tragen, das ich darin fände. Was aber kann mir teurer sein als du? Jetzt bist und bleibst du mein!" Der Rabbi hatte weise geraten und Gott bescherte dem treuen Paare den ersehnten Segen. Beruria. Es war an einem Sabbat gegen Abend. Rabbi Meir weilte im Lehrhaus im Kreise seiner Jünger, die lernbegierig an den Lippen des verehrten Meisters hingen. In seinem Hause war indessen Furchtbares geschehen. Zwei blühende Söhne hatte plötzlich der Tod dahingerafft. Gebrochen warf sich die unglückliche Mutter über die entseelten Hüllen hoffnungsvollster Jugend, die zertrümmerten Träger ihres Mutterglückes. Doch ihr erster Gedanke galt dem Gatten. Ihm durfte sie von dem Schrecklichen nur schonend Kunde geben. Mit zärtlicher Hand bereitete sie das Leichentuch über die teuren Opfer schwerster Heimsuchung, und gefaßt trat sie in das sabbatlich geschmückte Wohn gemach, den Gatten zu erwarten. Als die Schatten der Nacht sich herabgesenkt, kehrte der Rabbi heim. Schon beim Eintritt fragte er: „Wo sind die Kinder?" „Sie werden noch in der Schule sein." „Aber ich hätte sie doch dort sehen müssen." Schweigend reichte ihm Beruria, wie gewohnt, wessen er zur Habdala bedurfte. Aber kaum hatte er den Segen über die neue Woche gesprochen, als er wieder nach den Kindern fragte. „Sie werden ausgegangen sein," warf sie leicht hin, indem sie dem Manne, der stundenlang im Lehrsaale vorgetragen, .einen Imbiß vorsetzte. Doch die Sorge um die Kinder ließ ihm keine Ruhe. Da trug seine Frau ihm folgende Frage vor: „Neulich kam ein Freund zu mir und übergab mir Edelsteine zur Aufbewahrung. Jetzt kommt er, sie zurückzunehmen. Soll ich sie ihm zurückgeben?" „Wie kannst du zweifeln?," sprach Rabbi Meir. „Aber ich hatte sie so lieb gewonnen, . vielleicht auch du —." Der Rabbi begann, Entsetzliches zu ahnen. Da führte sie ihn in den Schlafraum, in dem die beiden Leichname lagen, hob das Decktuch und sprach mit tränenerstickter Stimme: jiier die Edelsteine, Gott hat sie