Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 28 (2.7.1926)
- Date
- 1926-07-02
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 6 t)!E WAHRttfiTT nt. 23 s aber durch das Maß des Nutzens bestimmt, den die Völker voneinander haben. Man mag es dann „Liebe" nennen. Aber es ist eine Liebe, die durch den Magen geht. Geschichte der Wiener Juden. Von Rabbiner Dr. Max Grunwald. Wien 1926, Selbstverlag der Isr. Kultusgemeinde. Alles im Leben braucht seine Entwicklung. Die Weltordnung hat bestimmt, daß jede Kreatur ihren bestimmten Werdegang durchmache, der vom Entstehen bis zum Vergehen führt. In dem Werdegange der Menschen und Völker gibt es aber Zufälligkeiten, die oft den weitgehendsten Einfluß auf deren Entwicklung nehmen. Das Wort des Talmud: „Mancher baut sich seine Welt in einer Stunde und mancher in vielen Jahren auf" gewinnt auch für die Geschichtsbetrachtung eine nicht geistlose Beziehung. Es gibt eben „Zeiten, die sprechen, und Zeiten, die schweigen," Jahrhunderte, die nichts zu sagen haben, und Jahre, sogar Tage, die für die Entwicklung der Menschheit richtunggebend, bahnbrechend sind, die sozusagen das große Wort führen, tonangebend sind. Das weiß jeder Kenner der Geschichte und dem Betrachter der jüdischen Geschichte wird es eine Grundwahrheit, daß der Werdegang des jüdischen Volkes an zahlreichen Punkten der Entwicklungslinie von den scheinbar geringfügigsten Umständen in geradezu kritischer, entscheidender Weise bestimmt ist. Die Juden haben seit Aufhören ihres selbständigen Staatsgebildes eigentlich keine Geschichte gehabt in dem Sinne, daß sie weder selbständig in den Werdegang anderer Völker noch in den Aufbau- oder Zerstörungsprozeß ihrer eigenen Gesamtheit eingreifen konnten. Sie sind von den Wellen, die die Nationen, unter denen und mit denen sie lebten, bewegt,- gehoben oder geworfen, verschlungen oder getragen worden. Deshalb läßt sich eine Geschichte der Juden ohne Blick auf die Wellenbewegung der Weltgeschichte, ohne den Zusammenhang mit Fortschritt oder Reaktion im Leben der Völker nicht geben. Je besser der „Geist der Zeiten" erfaßt wird, desto klarer wird das Zeitbild jüdischen Erlebens. Die Juden haben von ihrer Zeit Vorteil oder Nachteil, geistigen Fortschritt oder Rückständigkeit erfahren, und die Aufstiegs- oder Abstiegskurve sozialer Wertung ganzer Epochen kann einsichtig an dem Stande der jüdischen Zustände abgelesen werden. Dahin laufen wie auf einen Augpunkt die Projektionslinien des jüdischen Gesichtsbildes hin. Grunwald hat sich anläßlich der Jahrhundertfeier des Tempels der Inneren Stadt der dankenswerten Aufgabe unterzogen, eine Geschichte der Wiener Juden der Schuljugend zu erzählen. Wie von einem Gelehrten und Kenner wie Grunwald nicht anders zu erwarten ist, hat er nicht nur der Schuljugend, sondern den Juden Oesterreichs ohne Unterschied ein Geschenk von bleibendem Werte gemacht. Wer dieses achtzig Seiten fassende Büchlein liest, muß einen geistigen Läuterungsprozeß erleben, muß Urteile umstellen, Vorurteile verbannen. Der Verfasser versteht trefflich aufzuzeigen, wie jahrhundertealte Schwierigkeiten, Hemmungen und Schranken mit zäher Geduld, seelischen und materiellen Opfern, kluger und vorsichtiger Bemühung undBeeinflussung weggeräumt und zu Falle gebracht werden mußten, um den Juden und dem Judentume Geltung und Achtung zu verschaffen. Der Weg, den die Juden fcn Oesterreich von 900 bis 1914 gegangen sind, ist 'von Grunwald gründlich und voll Sachkenntnis erhellt worden, weil er das Werden und Erleben der Judenheit in die allgemeine Geschichte hineinstellt und den innigen Zusammenhang zwischen den Juden und ihrer Umwelt darlegt. Der „Fremdkörper", wie man so gerne die Juden nennt, erweist sich als Glied des Körpers, als Teil des Ganzen, soferne er nicht absichtlich und rücksichtslos von der Teilnahme am Gesamtorganismus ausgeschaltet wird. Grunwald beweist so eindeutig wie möglich, wie dieser Teil des Ganzen, sobald er nur wirksam sein darf, an den Aufgaben für den Gesamtkörper vorteilhaft und nützlich mittätig ist. In diese Geschichtsgänge hinein tritt das Werden der Wiener israelitischen Kultusgemeinde. Der Wunsch, eine Stätte, einen Mittelpunkt für das allenthalben rege religiöse Gefühl, für die lebendige Betätigung religiösen Tuns und Wirkens zu schaffen, ist da und lebt. Diesen Wunsch in die Wirklichkeit zu überführen, ist das erste Lebenszeichen für die entstehende Gemeinde. Was zu diesem Zwecke getan, geleistet, getragen werden mußte, ist der Inhalt der Darstellung Grunwalds. Die Lektüre drängt jedem die Frage auf: Wo stünden die Wiener Juden heute, wie wäre es um das Judentum Wiens und Oesterreichs bestellt, wenn dieses Jahrhundert der Arbeit für das Judentum ein leerer Zeitraum geblieben wäre, wenn nicht Hingebung und Liebe fürs Judentum Herz und Hand, Schritte und Taten edler Männer und Frauen geleitet hätte? Die Antwort gibt sich jeder, der das Buch gelesen hat, aber mehr noch, man weiß, was ein Jahrhundert oder auch nur Jahre für eine Gesamtheit bedeuten können. Mit besonderem Geschick hat Grunwald das Wirken der Juden in Wien mit dem lokalen Momente, mit der Erinnerung, die in Namen von Straßen, Plätzen, Anlagen und Bauten und ähnlichem festgehalten ist, in Zusammenhang gebracht, so daß gar wohl jeder intelligente Wiener Jude mit seiner Stadt auch sein Judentum schätzen lernen wird. Je mehr das Büchlein Grunwalds gelesen werden wird, umso mehr wird es geschätzt und gewürdigt werden. Dem Verfasser darf das österreichische Judentum für seine Gabe aufrichtigst Dank sagen. Dr. Viktor Kurrein, Rabbiner in Linz. Bartholomäusnächte in der Ukraine. Wer die Weltgeschichte ihres romantischen Nimbus entkleidet, mit dem sich eine idealisierende Geschichtsschreibung nur zu gern umgibt, steht bedrückt und erschüttert vor Taten menschlicher Grausamkeit, die so manches Kapitel mit Blut und Tränen geschrieben hat. Der Mensch von heute tröstet sich über solche beschämende Erkenntnis mit dem frommen Glauben, daß im 20. Jahrhundert Männer, wie etwa Nero oder, Iwan der Schreckliche, Ereignisse, wie die Bartholomäusnacht oder die Greuel der Religionskriege, undenkbar wären. Welch ein Irrtum! Erst jetzt hat wieder ein politischer Mord die Schleier von einer entsetzlichen Tragödie gerissen, die sich vor erst sieben Jahren in diesem Europa abspielen konnte, deren Verlauf zu anderen als diesen durch Krieg und Umwälzung abgestumpften Zeiten die ganze Welt hätte aufschreien lassen. Als der Jude Samuel Schwarzbarth, der den ehemaligen ukrainischen Staatschef Petljura am hellen Tage auf dem belebten Pariser Boulevard ermordet hatte, von der Polizei ergriffen wurde, hatte er für seine Tat nur die Erklärung: „Ich habe nur 100.000 er-