Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 28 (2.7.1926)
- Date
- 1926-07-02
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Seite 8 DIE WAHRHHT Nr. 28 zurückgefordert!" Fassungslos brach der Rabbi zusammen, herzzerreißender Jammer rang sich von seinen Lippen. Beruria aber stützte ihn mit liebender Hand. „Hast du nicht selbst entschieden, daß man anvertrautes Gut zurückgeben muß, wenn es der Eigentümer fordert?" „O Gott," rief Rabbi Meir aus, „wie darf ich gegen deinen Ratschluß murren, da du mir ein solches Weib gegeben!" Und beide vereinten ihr Gebet und weinend wiederholte sie die Worte Hiobs: „Gott hafs gegeben, Gott hat's genommen, der Name Gottes sei gepriesen!" Als Rabbi Meir eines Tages, über das Treiben feindseliger Gesellen entrüstet, den Wunsch ausrief, Gott möge ihn von diesen Schurken befreien, sprach Beruria: „Du tust nicht recht mit solchem Wunsche. .Sagt doch der Psalmist: Es mögen die Sünden vergehen, nicht die Sünder! Betefür die Besserung dieser Leute, nicht um ihre Vernichtung!" Rabbi Akibas Frau. Bei dem reichen Kalba Schabua diente ein Hirt, namens Akiba. Die Tochter seines Herrn verliebte sich in ihn, verlobte sich ihm aber nur, nachdem er ihr versprochen hatte, sich dem Studium des heiligen Schrifttums zu widmen. Als der Vater von dem Verlöbnis erfuhr, jagte er beide aus dem Hause Die Tochter sollte enterbt werden. Die bitterste Not war nun das Los der Liebenden. Seinem Versprechen getreu, verließ Akiba seine Frau, um auf öffentlichen Schulen Kenntnis der Thora zu erwerben. Vierzig Jahre zählte er bereits. Aber er verzagte nicht. Unterwegs nahm er wahr, wie ein schwaches Bächlein einen mächtigen Felsen durchhöhlt hatte. Er sagte sich: „Wenn schwaches Wasser sich stärker als Stein erweist, um wie viel leichter wird mein Herz, das doch Fleisch und Blut, dem Worte Gottes sich erschließen." Mit eiserner Beharrlichkeit warf er sich aufs Studium. Seinen Lebensunterhalt erwarb er, indem er Holz sammelte und verkaufte. Nach zwölf Jahren war er ein großer Meister in der Gotteslehre geworden. Zahlreiche Schüler saßen zu seinen Füßen. Da wollte er zu seiner Frau heimkehren. Eine Nachbarin höhnte sie: „Welch ein Mann! Bei Lebzeiten machte er dich wie eine Witwe verlassen." Sie aber erwiderte: „Wenn er mir folgte, würde er noch einmal so viel Jahre auf das Studium verwenden." Rabbi Akiba wurde dieses Wort bekannt. Und er handelte danach. Nach abermals zwölf Jahren kehrte er mit einem gewaltigen Gefolge treuer Jünger in seine Heimat zurück. Unter der Volksmenge, die dem berühmten Meister entgegenzog, war auch sein braves Weib. Man verargte ihr ihr ärmliches Kleid. Sie sprach: „Mein Mann sieht nicht auf das Kleid; er kennt mein Gemüt." Sie trat auf ihren Gatten zu und warf sich ihm zu Füßen. Die Schüler, die sie ja nicht kannten, wollten sie zurückdrängen. Da sprach der Meister: „Seht her! Alles, was ich bin und was ihr seid, das danken wir dieser Frau!" Glossen. Aus den literarischen Unterhaltungen hakenkreuzlerischer Studenten: A: Du, stammt der hannoveranische Lessing von dem alten Juden Lessing ab, der den „Nathan der Weise" geschmiert hat? B: Natürlich! A: Ein Skandal! Den Abkömmling eines solchen Menschen zum Professor an einer deutschen Universität zu ernennen, das konnte auch nur in einer Judenrepublik möglich sein! Und so was geschieht im Zeitalter der „Weisen von Zion"!! * * * Vor mehr als dreißig Jahren hat einer der größten deutschen Männer, Mommsen, den Antisemitismus als die Gesinnung der Kanaille und als eine Seuche gekennzeichnet, gegen die alle Argumente der Vernunft ohnmächtig sind. Herrlich weit haben wir es gebracht, daß in unseren Tagen ein ruhmvoller deutscher Gelehrter, der Professor der Theologie an der Königsberger Universität, Dr. Max Lohr (in einer Würdigung des Segel'schen Buches über die „Protokolle der Weisen von Zion") wohl darin mit Mommsen übereinstimmt, daß man mit Vernunftgründen dem Antisemitismus nicht beikommen könne, aber sich zu dem Bekenntnis gezwungen sieht, daß dermalen „auch die Leute, die sich als die geistigen Führer bezeichnen, wie zum Beispiel die Universitätsprofessoren, noch zu neun. Zehntel antisemitisch sind." Wenn sich diese Herren damit schmeicheln wollten, daß Lohr nunmehr im Gegensatze zu Mommsen den Antisemitismus als die Gesinnung der deutschen — Elite werten werde, so irren sie sich ein wenig. Es gibt ja auch einen Pöbel im Frack. Lohr fühlt sich durch die Erfahrungen, dies er selbst bei Bekämpfung des Antisemitismus gemacht, zu der pessimistischen Aeußerung gedrängt, daß man da kaum auf einen Erfolg rechnen dürfe. Vielleicht geht dieser Pessimismus doch zu weit. Die Tatsache, daß in dem hakenkreuzlerisch verseuchten Deutschland ein Mann sich findet, der wie Professor Lohr, mit solchem Mut die Schändlichkeit des Antisemitismus zu brandmarken wagt, läßt doch der Hoffnung Raum, daß auch diese — Seuche überwunden werden wird. * Ich lese in einer Zeitschrift vom 15. v. M. unter anderem buchstäblich: „Im Mittelalter ist bei einem großen Sterben zuweilen behauptet worden, die Juden hätten die Brunnen vergiftet. Das war gewiß eine ungerechte, abergläubische Verdächtigung." Was mir an diesen Zeilen auffällt, die sicherlich nur ganz. Selbstverständliches behaupten, indem sie eine wahnwitzige Beschuldigung zurückweisen, die einst einer durch' Judenhasser aufgehetzten Menge Anlaß zu den blutigsten Verfolgungen unschuldiger Menschen gab? Diese Zeilen las ich im „Hammer" des Herrn Fritsch, desselben Herrn Fritsch, der erst kürzlich wegen der infamen Aufreizung gegen die Juden, deren Religion er einer „ruchlosen Gesinnung" zieh, von deutschen Richtern zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Nun, diese „ungerechte, abergläubische Verdächtigung" von der Brunnenvergiftung durch die Juden ist im Mittelalter von den Fritsch' jener Zeit ausgesprengt worden, um den unwissenden, urteilslosen Pöbel zu Mord aufzustacheln. Herr Fritsch, die Lügen und Verleumdungen, mit denen Ihr Blatt auf Grund erfundener und gefälschter Stellen aus dem alten jüdischen Schrifttum seine Leser gegen die Juden hetzt, sind nicht um ein Atom weniger tückisch als die Beschuldigungen der Fritsch' und Konsorten, die im Mittelalter die Lüge verbreiteten, die Juden hätten die Brunnen vergiftet! Herr Fritsch, de* die Juden des Mittelalters von der Brunnenvergiftung freispricht, dafür aber die Juden von heute als Vergifter der Geistesbrunnen beschimpft, mag sich zu Gemüte führen, was vor wenigen Tagen erst ein Professor der Theologie an der Königsberger Universität von den Antisemiten sagte, und er wird genau wissen, wer in Wahrheit zu den Vergiftern der Geistesbrunnen der Menschheit zählt. Und wenn man die bösesten Namen auf dem Gebiete der Judenhetze liest, wird man den Namen Fritsch nicht vermissen. * * # Professor Barszony, einer der wütendsten Rassenfanatiker, hat testamentarisch bestimmt, daß seine Tochter Eva, im Falle sie einen Mann heiraten würde, in dessen Adern jüdisches Blut rollt, ihrer Erbschaft verlustig wird. Die Witwe des Professors hat im Vollbesitze ihrer geistigen Kräfte und in Kenntnis des Standes der Wissenschaft in der Rassenfrage, aus mütterlicher Liebe zu ihrem Kinde das Testament ihres Gatten angefochten. Ego.