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Die Wahrheit · 1926-07-02 · Heft 28 (2.7.1926) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 28 (2.7.1926)
Date
1926-07-02
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 28 Dife WAMftttÖT Seife 5 Der wirtschaftliche Kern der Judenfrage. Von Binjamin Segel. (Schluß.) Es ist nicht nur eine Oberflächlichkeit, sonden. auch eine gefährliche Irreführung, zu behaupten, diese oder jene Nation sei spezifisch judenfeindlich, die andere judenfreundlich1 veranlagt, und die Juden als Gesamtheit müssen erstere bekämpfen und letztere unterstützen. Abgesehen davon, daß unsere Bekämpfung der einen ebensowenig schaden wurde, wie unsere Förderung der anderen nützen könnte, gibt es keine Nation, die nicht wechselweise die Juden verfolgt, und dann wieder gehätschelt hätte. — Dieselben Polen, die nach dem Kriege gegen die „zu vielen Juden in ihrem Lande" mit Boykott vorgehen, lebten mit ihnen seit den Vierzigerjahren des vorigen Jahrhunderts bis etwa zum Russisch-Japanischen Kriege im besten und friedlichsten Einvernehmen, ihre Dichter, Schriftsteller und Maler verherrlichten das jüdische Leben, ihre Staatsmänner arbeiteten aufrichtig an der Hebung der Juden, der große demokratische Polenführer Franz S m o 1 k a war 1848 der Urheber der Emanzipation der Juden in ganz Oesterreich, zwanzig Jahre später verficht er im Lemberger Landtag, gemeinsam mdt allen anderen Polenfiihrern, gegen Ruthenen, Klerikale, Armenier und Deutsche, die endgültige Gleichstellung der Juden in Staat und Gemeinde. Eine der ersten Taten des Marquis Alexander W i e 1 op o 1 s k i 1862, als der Zar Alexander II. durch ihn eine freiheitliche Epoche in Polen einleiten wollte, war, den Juden eine weitgehende Gleichberechtigung zu gewähren (die einzig vom Vertreter der Deutschen im Staatsrat bekämpft wurde), die später von der russischen Reaktion stark eingeschränkt, aber nicht ganz aufgehoben werden konnte. Mit Recht durfte der Krakauer polnische Publizist Choloniewski einige Wochen vor dem schrecklichen Lemberger Pogrom (November 1918) stolz hervorheben, daß die polnische Geschichte keine Judenpogrome kenne. Seit Anfang der Achzigerjahre widerstanden die Polen der mächtigen Suggestion des Pogromantisemitismus vom Osten und des theoretischen Antisemitismus vom Westen. — Wie schnell hat sich nun das Blatt gewendet. Anderseits beidenke man, daß in Deutschland auf die Periode der Toleranz, die seit dem Auftreten Dohms (1771) bis zu der Emanzipation von 1812 und den Freiheitskriegen! währte, die Hepp-Hepp-Bewegung ausbrach, heftige Formen annahm /und im Verein mit den reaktionären Maßnahmen der preußischen Regierung ein neues Mittelalter heraufzubeschwören schien. Aber in den Dreißigerjahren trat ein gewaltiger Umschwung in der Stimmung der Bevölkerung ein, und Mitte der Vierziger jähre gründeten christliche Bürger in Berlin Vereine zur Erkämipfung der bürgerlichen und politischen Gleichberechtigung der Juden. Man sieht, es gibt bei den Nationen der Welt keine angeborenen, unwandelbaren Ideen in bezug auf Judenhaß und Judenliebe. Als in den Neunzigerjahren die russische Regierung die Juden aus dem inneren Rußland immer häufiger auswies, protestierten die Vertreter der Städte und die großen innerrussischen Wirtschaftsverbände gegen dieses Verfahren wiederholt sehr energisch, wenn auch vergeblich (namentlich Plehwe kehrte sich nicht im geringsten daran). Man pries , dankbar den Liberalismus des russischen Großkaufmanns und Großindustriellen, der die besten Seiten der russischen Volksseele verkörperte. Das war richtig, aber er hatte auch allen Grund zu seinem Verhalten. Die ausgewiesenen Juden nämlich, fast sämtlich Kaufleute, siedelten sich in Polen an, brachten dorthin ihre Kapitalien, ihre Kenntnis des inner- und ostrussischen Marktes, ihre Handelsverbindungen und stellten sie in den Dienst der polnischen Industrie, der sie die genannten Märkte erschlossen und die sie auf die Kosren der innerrussischen zu hoher Blüte brachten. In Polen hinwiederum erregten die Neuankömmlinge beim nationalistisch gesinnten Kleinbürgertum und der „Intelligenz" Haß und Widerwillen* weil sie die russische „Kultur" und Sprache mitbrachten und angeblich russifizierend wirkten — obwohl ihnen jede Feindseligkeit gegen das Polentum fernlag. Dagegen waren die Industriearbeiter mit ihnen sehr zufrieden, da sie den Fabrikanten immer neue Aufträge brachten, und dadurch die Löhne hoben. Zufrieden war mit ihnen aber auch der „Kern der Nation", nämlich die Bauernbevölkerung und der Großgrundbesitz, da mit dem Steigen der Löhne auch die Kaufkraft des Arbeiters stieg umd die Bodenprodukte lohnenderen Absatz fanden. Die hauptsächlichen Träger des Judenhasses in Polen seit der „Ueberilutung" dieses Landes mit russischen Ausgewiesenen war denn auch düie städtische Intelligenz und das Kleinbürgertum; die Landbevölkerung wiurde erst hineingehetzt durch Aufstachelung des religiösen Fanatismus der Bauern und des nationalistischen des Hoch- und Kleinadels. Natürlich wurde diese Wühlarbeit durch die russische Regierung und ihre Agenten hüben und drüben mächtig gefördert, da die Entzweiung zwischen Juden und Polen ihr die Knechtung des Landes nur erleichterte. Aber noch in den Warschauer Boykott von 19.12 verweigerten Bauern und Landadel ihre Mitwirkung. Nichts beweist besser als dieses Beispiel, wie innig Judenhaß und Judenfreundschaft mit den wirtschaftlichen Vorteilen verknüpft sind, die die Anwesenheit der Juden gewährt. Von einer affektiven, emotionalen Liebe, die über jeden äußeren Zweck erhaben ist, kann zwischen Völkern oder Gruppen überhaupt nicht die Rede sein. Eine solche Liebe kann nuir innerhalb enger Kreise und zwischen Individuen bestehen. Zwischen Stämmen und Völkern kann man höchstens ein Verhältnis gegenseitiger Verträglichkeit und Wertschätzung erstreben, die die untermenschlichen Instinkte der Gier und des Neides im Zaume halten. Dieses Verhältnis wird MAYER Kteiöer-, Pelzeu. Gummimäntel-Fabrik Zentrale: Detailverkauf: Wien QJockengrasse 24 Wien II.. Taborstraße 44 B&fc-ss^-r iSP?W

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