Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 24 (4.6.1926)
- Date
- 1926-06-04
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 24 DIE WAHRHEIT Seit« 7 soll. Jedoch letzten Endes ist auch er nicht am Ziel. „Der Amerikaner entdeckt einen Bann": der versteckte Antisemitismus des angeblich so freien Landes stellt sich ihm als Schranke hindernd in den Weg. L e w i s o h n erkennt auf Grund eigener trüber Erfahrung und aus der Anschauung amerikanischer Verhältnisse die Ursache der unglücklichen Assimilationsresultate in Amerika: nicht im Wesen des Assimilationsprozesses an sich liegt die Fehlerquelle, sondern in dem Fehlen einer eigentlichen amerikanisch e n K u 11 u r. (S. 286 ff.) Aus bitterster Enttäuschung kommt ihm die Erkenntnis, die uns auch auf den Fall des Meyer Hirsch zuzutreffen scheint; und die nichts als eine furchtbare Anklage des amerikanischen Ungeistes ist: „Wird ein Mensch jedes geistigen und seelischen Lebensinhalts beraubt, wird er von dem kulturellen Zusammenhang mit seiner Rasse abgeschnitten und in eine Welt geworfen, wo ihm nur die Wahl bleibt zwischen heuchlerischer Religiosität und Prohibition einerseits, roher Gemeinheit der Straße und Baseballfurie anderseits, so nimmt man ihm den Grund* auf dem allein ein Charakter sich entwickeln kann. Die langsamen Erwerbungen alter Zeiten werden in ihm zerstört. Er verliert sich in Materialismus und wird entweder ein Gauner oder ein Verschwender." Dr. Margarete Wiener. Jüdische Frauenideale. Eine Blütenlese von Dr. Max Grunwald. Dl« Frauen im hebräischen Altertum. (Nach A. Bernstem.) (Fortsetzung.) Ganz besonders beachtenswert in dieser Beziehung ist auch die Erzählung, welche uns die Art und Weise schildert, wie Moses, der gefeiertetste aller Söhne des hebräischen Volkes, zu seiner Frau kam. Moses befindet sich auf der Flucht aus Aegypten. Er gelangt in das Land Midjan und ruht aus an einem Brunnen. Da erzählt uns die Bibel: „Und der Priester Midjans hatte sieben Töchter, die kamen und schöpften und füllten die Rinnen, um zu tränken die Schafe ihres Vaters. Aber die Hirten kamen und verjagten sie; da erhob sich Moses und stand ihnen bei und tränkte ihre Schafe, Als die Töchter des Priesters nach Hause kämen, erzählten sie: ,Ejn ägyptischer Mann hat uns gerettet aus der Hand der Hirten, ja auch geschöpft hat er für uns und getränkt unsere Schafe.' Da spricht der Vater: .Warum habt ihr zurückgelassen den Mann? Rufet ihn, daß er Brot esse.* Moses kommt, willigt ein, in dem Hause des Priesters zu weilen, und erhält von ihm -eine der Töchter zur Frau." In dieser Erzählung ist es nicht mehr Galanterie, die den Helden zu einem Liebesdienste bewegt, sondern das Gefühl der Gerechtigkeit, welches ihm gebietet, der Brutalität der Hirten entgegenzutreten und den schwachen Mädchen beizustehen. Aber daß diese Erzählung dergleichen als Veranlassung zu der Verheiratung des Moses anführt, ist ein hinlänglicher Beweis, wie man darauf Wert legte, daß man sich durch eine edle Tat würdig mache, eine Frau zu erwerben. Wh* werden bald sehen, wie sich auch in späteren Zeiten das Urteil bestätigt findet, das wir aus den sagenhaften Zeiten zu fällen berechtigt sind; wir haben nur noch eines Buches zu erwähnen, welches, was für unser Thema von ganz besonderem Interesse ist, die Geschichte einen nicht israelitischen Frau enthält. Wir meinen das Buch Ruth, weiches Goethe mit Recht als eine unschätzbare Perle im Kranze der Weltliteratur bezeichnet. In dem kleinen Buche, das eine äußerst liebliche Idylle genannt, werden darfc wird uns die treue Liebe der Ruth, einer iüngiejn Witwe aus Moab, zu der Mutter ihres verstorbenen Gatten geschildert. Sie verläßt um dieser Schwiegermutter willen ihr Vätemland und wandert mit ihr in deren Heimat Bethlehem. Um sie vor Not und Bedrängnis zu schützen, macht Ruth von dem Rechte der Armen Gebrauch, denen gesetzlich gestattet war, in der. Ernte hinter den Schnittern einher die zerstreuten Aehren aufzulesen, die nicht in die Garben aufgenommen worden waren. In dieser demütigen Situation erregt sie die Aufmerksamkeit eines Mannes namens Boas, auf dessen Feld sie sich befindet und der ein entfernter Verwandter ihrer Schwiegermutter ist Er beobachtet sfe längere Zeit, erkundigt sich nach ihr bei den Schnittern und erfährt, daß sie nicht zu der gewöhnlichen Gattung der Affinen gehört, sondern nur, um die ehedem wohlhabend gewesene Schwiegermutter vor dem, schweren Los der Armut zu schützen, solch em Armenrecht ausübt. Er spricht sie an, erfreut sich an Ihrer Bescheidenheit und ihrem Fleiß, veranlaßt die Schnitter, absichtlich Aehrenbüschel ungebunden liegen gelassen, um die Nachlese der Ruth recht reichlich «u machen. So kommt sie täglich wieder auf die Felder des Boas, durch die ganze Zeit der Gersten- und Weizenernte. Es folgt nun eine äußerst naive Darstellung, wie Ruth auf den Wunsch der Schwiegermutter ihrem Wohltäter die Pflicht ans Hetz legte, die Güter des verstorbenen Schwiegervaters ah Verwandter aus der Hand der jetzigen Besitzer auszulösen, zurückzukaufen, womit zugleich die Pflicht verbunden war, auch die Frau des verstorbenen Erben zu heiraten. Boas nimmt es mit dieser Pflicht so ernst, daß er sofort in Verhandlung mit einem näheren Verwandten der Verwitweten hierüber tritt, und als dieser Motive geltend macht, welche Ihn verhindern, die Witwe des verstorbenen Erben zu heiraten, entschließt er sich selber unter dem vollsten Beifall des zu Zeugen eingeladenen Volkes hierzu. Ruth, die geboren© Moabiterin, wird die Gattin dieses vortrefflichen Israeliten. Sie wird Mutter eines Knaben, dex, auf dem Schöße der alten Schwiegermutter aufgezogen, ihr Trost in alten Tagen ist. Bis hierher trägt das Büchlein das Gepräge einer so edlen Kunst, daß es jeder Literatur atter und neuerer Zeit zur Zierde gereichen würde. Da tritt jedoch am Schlüsse dieser Idylle in schlichtem Ton die Behauptung auf, daß dieser Sohn der Ruth der Ahnherr des Königs David gewesen sei, und dieser Behauptung schließt sich eine Genealogie an, welche die Abstammung des Boas von dem Stammvater des Kantons von Juda, dem Sohne des Erzvaters Jakob, nachweist. Wir entnehmen daraus, wie m den gebildeten Kreisen des Volkes auch in Zeiten nationalen Ueberschwanges die Tugend des Weibes höher gestellt wurde als die Vorzüge der Abstammimg. J Befragen wir nunmehr spätere Geschichte, so finden wir auch in ihr all die Schlüsse gerechtfertigt, die wir aus den Merkmalen des Volksbewußtseins gezogen. Deborah, so erzählt uns das vierte und fünfte Kapitel Im Buche der Richter, lebte in einer Zeit, wo die Israeliten von einem kanaanitischen König namens Jabm mit seinem Feldherrn Sissrah in unglücklichen Schlachten unterjocht worden waren. Sie wird als eine „Prophetin" vorgeführt, ohne daß von ihr irgendeine Wundertat erzählt wird. Zugleich ist sie auch Richterin. Sie hat ihren Sitz aufgeschlagen* unter einer Palme, zwischen Rahma und Bet-El, welche den Namen die „Deborah- Palme" noch lange nach ihrem Tode führt. „Und zu ihr hinauf" — so lautet es wörtlich — „zogen die Kinder Israel zu Gericht." Sie aber hat mehr als die kleinen Streitfragen der Bevölkerung vor Augen, ihr Blick richtet sich auf das politische Schicksal ihres Volkes. Sie sendet deshalb einen Boten zu einem Feldherrn namens Barak und läßt Ihn vor sich fordern. Er kommt, und sie entwickelt ihm im Namen Gottes einen Plan, wie er den Feind durch Zusammenziehung eines Heeres von 10.000 Mann zu einer Schlacht am Berge Tabor veranlassen soll; dort werde der Feind m seine Hand gegeben sein. Da erklärt Barak: „Wenn du mit mir ziehen wolltest, so will ich gehen, wo nicht, so gehe ich nicht" Sie aber erwiderte ihm: „So werde ich denn mit dir gehen; aber dem Ruhm wird es nicht sein, daß ein Weib den Eetnd überwindet.4* Die Schlacht am Tabor fällt sehr glücklich aus. > Ein kiemer Bach, der Kischon, den man mit Leichtigkeit durchschreitet, schwillt während der Schlacht infolge eines Gewitters so an. daß der Feind, bedrängt von den siegreichen Scharen, die von den Höhen der Berge auf ihn herabstürmen, mit Roß und Reitern und Kriegswagen in den Fluten Untergang fmdet. Der fehMÜiche Feldherr Sissrah flieht und wird in dem Zelt einer Frau Jael, in das er sich flüchtet, von ihr erschlagen und Israel gewinnt die Freiheit aus dem Joch der Unterdrücker. Da führt uns dann das fünfte Kapitel des Buches der Richter die Deborah auch als Dichterin vor. An der Spitze des hebräischen Volkes steht demnach eine Ftau, die als Prophetin, Dichterin, Richterin und politisch die Geschichte der Nation leitend, hoch gepriesen wird. (Fortsetzung folgt»)