Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1926-06-04 · Heft 24 (4.6.1926) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 24 (4.6.1926)
Date
1926-06-04
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3063973-3063995--14614-3082182
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Seite 6 DIÜ WAHRHHT Hr. 24 Herr Fettwanst. Vom Ostjuden zum Amerikaner. Im Kampf der Meinungen entreißen die Parteien das soziologische Problem seiner geistigen Sphäre, prägen es mit dem Werturteil des Gut oder Böse, machen es zum politischen Schlagwort und werfen es einander zu wie einen Fangball. Doch seine Leichtigkeit ist nur scheinbar, im Grunde behält es die Schwere seiner Ungelöstheit, und es ist gut, wenn zuweilen wissenschaftliche oder dichterische Besinnung es auf sein eigentliches Niveau zurückführt. So ist es dem P r o b 1 e m d e r A s s i m i 1 ation ergangen, das in der jüdischen und antijüdischen politischen Diskussion als Schlagwort vielfacht mißbraucht wird und in dieser Eigenschaft viel Verwirrung anstiftet. Einen dichterischen und zugleich erfahrungsmäßigen Beitrag zum Assimilationsproblem gibt das Buch des Amerikaners Samuel 0r n i t z: „Herr Fettwanst" (Amerika-Bücher", Kurt Wolff Verlag, München). Es ist der überaus nüchterne, für eine Autobiographie, als die das Buch gekennzeichnet ist, erstaunlich sachliche Bericht über den Lebenslauf eines Amerikaners ostjüdischer Abstammung — oder vielmehr über die Umwandlung eines Ostjuden in einen Amerikaner. Man tut gut, das Buch mit dem Bewußtsein zu lesen, daß eine Autobiographie zwar stets mehr gibt als ein individuelles Bild, daß sie aber auch nie als schlechthin allgemeingültig angesehen werden darf. Und weiter muß man sich klar sein, daß die Vorgänge, die sich bei dem Einrücken der Ostjuden jn die amerikanische Wirtschaft und Kultur vollziehen, sich im großen und ganzen in dem großen Prozeß der Amerikanisierung verschiedenster Nationalitäten wiederholen. Das Buch ist, abgesehen von diesem zentralen Problem, lesenswert wegen seiner zahlreichen Aufschlüsse über amerikanische Wirtschaft, Politik und soziale Struktur. Die Problematik des Kapitalismus, wie Europa sie kennt, ballt sich hier grausamer und drohender zusammen. Und zu dem^Klassenkampf tritt der Rassenkampf hinzu. Die Eingewanderten haben zwei Ziele: den materiellen Aufstieg und die Amerikanisierung, und beide bedingen sich gegenseitig. Zunächst ist dem Ostjuden aber der bloße, harte Existenzkampf aufgebürdet. Es ist bezeichnend, daß die ältere Generation, die den Mut zur Auswanderung besaß, damit zum großen Teil ihre Aktivität erschöpft hat. Sie nimmt mit dem proletarischen Los des Nadelarbeiters ftirlieb und begnügt sich in dem Bewußtsein der Lebenssicherheit nach erlittenen Verfolgungen. Aber die junge Generation hat den Ehrgeiz, aufzusteigen auf der sozialen Leiter und damit zugleich instinktiv das Streben, sich von der Tradition und von der jiddischen Mundart zu befreien, um amerikanisch zu werden. Denn diese Kinder, die zum Teil schon auf amerikanischem Boden geboren sind, fühlen in sich nicht mehr den Halt einer alten Heimat, nichts hindert sie, mit Begeisterung in das amerikanische Leben einzutreten, und — das merken sie instinktiv —: Erfolg ist nur beim Amerikaner, nichtbeimOstjuden. Es ist also hier e i n g a n z b e w.ü ß t e r Wille zur Assimilation vorhanden. Der äußere Erfolg bleibt tatsächlich in vielen Fällen nicht aus. Aber trotz äußerer Erfolge ist das Ergebnis; am Kulturmaßstab gemessen, fragwürdig. Aeußerlich betrachtet ist die Laufbahn des Autobiographen ein erstaunlicher steiler Aufstieg, nach unserer Vorstellung ein ganz amerikanischer Weg. Aus dem Proletarierkind wird ein vielbeschäftigter Anwalt, Politiker, schließlich sogar Richter. Von der East Side zieht er als wohlhabender Mann nach dem Riverside Drive — vom Proletarierquartier in das Wohnviertel der Kapitalisten, aus dem modernen ostjüdischen Ghetto heraus in die Nachbarschaft der deutschen Juden. Doch es bleibt bei der Nachbarschaft Dem erfolgreichen Mann gelingt es nicht, die gesellschaftliche Schranke zu durchbrechen, die hier Juden gegen Juden aufrichten. So unbegreiflich dieser Gegensatz für uns scheinen mag, er erklärt sich einmal aus der wirtschaftlichen Struktur: Juden und Ostjuden stehen sich in New York von vornherein als Kapitalisten und Pro 1 e tarier gegenüber, ein Gegensatz, der sich auch durch materiellen Aufstieg nicht verwischen läßt, und zweitens aus der Idee der nationalen Abstufung: der mehrprozentige Amerikaner, als der sich der deutsche Jude betrachtet, will keine gesellschaftliche Berührung mit dem minderprozentigen. Die Assimilation gelingt also nicht einmal vollständig hinsichtlich des äußeren Ziels. Noch weit ungünstiger ist ihr menschliches Resultat. Meyer Hirsch entwickelt sich zum Amerikaner durch Ablösung vom jüdischen Ritus — das ist begreiflich, da der Zwang der Kindheit diese Reaktion bedingt —, durch Abkehr von der jüddischen Sprache — denn er kann nur mit der Landessprache im Existenzkampf bestehen —, aber auch durch Abwendung vom jüdischen Ethos. An seine Stelle tritt nichts als der rücksichtsloseste Egoismus. Es wäre sinnlos, diese Entwicklung moralisch zu verurteilen oder sie etwa dem speziellen Charakter des Autobiographen zur Last zu legen. Noch falscher wäre es, sie dem ostjüdischen Charakter insgesamt zur Schuld anzurechnen. Es ist der Vorgang der Angleichung des schwächeren an das stärkere, im Besitze der Macht befindliche Element. Bedauerlich ist dabei nur dies: daß hier alte ideelle Werte aufgegeben werden, ohne daß neue dagegen eingetauscht würden. Das Amerikanertum, zu dem sich der Ostjude entwickelt, ist nichts als Form ohne Inhalt, als Zivilisation ohne Kultur. Daher ist der „Held" des Buches zum Ende nichts als ein Spießer, dem Ruhe und gutes Essen unveräußerliche Notwendigkeiten bedeuten. Es ist interessant, dieser Biographie eine andere gegenüberzustellen: Ludwig Lewisohns „Gegen den Strom" (Eine amerikanische Chronik, 1924, Frankfurter Sozietätsdruckerei, Frankfurt ä. M.). Da ist es der eingewanderte deutsche Jude, der um jeden Preis gie Amerikanisierung erstrebt. Er versucht es auf anderem Wege: durch gründliche wissenschaftliche Arbeit, durch Eindringen in äeh Geist der Spräche, die ihm die Muttersprache ersetzen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.