Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 24 (4.6.1926)
- Date
- 1926-06-04
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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Glossen. Graf Bethlen ist nach Genf abgereist, nachdem er als Zeuge im Francsfälscherprozeß erschienen und in erster Instanz — freigesprochen wurde. Er hat sich nicht auf das berühmte Wort des Franzosen: „tout savoir c'est tout pardonner" („alles wissen heißt alles verzeihen") berufen, sondern ganz im Gegenteil seine Verteidigung für jetzt und alle Zukunft auf die Behauptung aufgebaut, daß er von nichts gewußt und daß man ihm gerade deshalb alles verzeihen müsse. Se. ßxzellenz hatte in der Tat sich just immer in den entscheidenden Momenten, in denen er die volle Wahrheit über das patriotische Francsfälscherunternehmen hätte erfahren können, auf die Jagd begeben. Wie will man ihn da auch für die Böcke verantwortlich machen, die während seiner Abwesenheit in dieser kritischen Zeit in Budapest geschossen wurden? Man macht ihm aus seiner Vertrauensseligkeit einen Vorwurf. Sollte er vielleicht selbst seinem Landespolizeichef, den viele sozusagen für die rechte Hand des Kabinettschefs hielten, mißtrauen? Man preist und rühmt es immer als nachahmenswertes Beispiel: „Die rechte Hand soll nicht wissen, was die^tfnke tut" Warum will man es dem Grafen Bethlen verargen, daß er den Satz auch umgekehrt gelten ließ? * * ■ * ■ *. Verurteilt wurden die Windischgrätz, Nadossy usw., und zwar zu ganz beträchtlichen Kerkerstrafen. Dem Gesetze ist also formell Genüge geschehen. Was will man mehr? Selbst die Nadossy- Presse ist so einsichtsvoll, es den Richjtern als MIlderungsgrund zuzubilligen, daß sie nicht anders handeln konnten, „wenngleich sie gewiß lieber ihre Toga abgelegt und jene an das Herz gedrückt hätten, die sie verurteilen mußten." Nichtsdestoweniger wäre es vielleicht überflüssig, eine besondere Bewunderung für die heroische Geste zu heucheln, mit der die hochgestellten Angeklagten den harten Urteilsspruch aufnahmen. Sie wissen, es gibt noch Richter in Ungarn in zweiter und dritter Instanz. Ist Marffy nicht in erster Instanz wegen des Bombenattentats, dem neun Menschen zum Opfer gefallen waren, zum Galgen verurteilt worden und doch konnte er lächelnd bereits dem Urteile der zweiten Instanz entgegensehen, das ihn richtig wegen dieser Kleinigkeit, die das Ausland nichts anging, freisprach. Marffy war nicht einmal auf Horthys Begnadigung angewiesen, die, wenn alle Stricke reißen, allen „patriotischen" Mördern zuteil wurde. Ich glaube, die Budapester Meldungen, die heute bereits von einer bevorstehenden Amnestie für die Francsfälscher sprechen, sind verfrüht. Erst haben die königliche Tafel und die königliche Kurie das Wort. Sollte es nötig sein, dann hat Herr v. Horthy noch immer Zeit, von dem höchsten Recht Gebrauch zu machen, das ihm das — Gesetz verleiht. * * L * * Ein Jude hat den Mann getötet, mit dessen von hunderttausend Waisenkindern verfluchten Namen zahlreiche Pogrome, das Abschlachten vieler^ tausender Juden verknüpft war. Jeder Jude, dem das Gebot des Alten Testaments „Du sollst nicht morden!" unter allen Umständen heilig und unverletzbar gilt, darf das Recht für sich in Anspruch nehmen, die Tat des Mannes, der sich das Richteramt über den Führer der Massenmörder anmaßte, zu verdammen. Aber das eine darf doch gesagt werden, dieser Richter, der auch der Rächer war, ist noch immer ein verehrungswürdiger Idealist, verglichen mit denen, die angesichts der grauenhaften Greuel, die von blutrünstigen Bestien in der Ukraine verübt wurden, mit kühlem Gleichmut nur das eine dachten: Die Opfer, Männer, Frauen, Greise und Kinder waren Juden! •*„.*'■ * Die außerordentliche Vertreterversämmlung des österreichischen Ski-Verbandes in Salzburg hat mit ungeheurer Majorität den antisemitischen Arierparagraphen beschlossen. Die Herren ignorieren nicht, nur die Wissenschaft und ihre Lehre, die wohl die unterscheidenden Rassehmerkmale unter Pferden, Hunden usw. anerkennt, aber nichts von dem Rassenunterschied unter den Menschen wissen will. Die Juden, die bei dem agrarischesten Aussehen eventuell von prononciert jüdisch aussehenden Antisemiten aus einem Sportverband ausgeschlossen werden, mögen sich übrigens, falls sie sich trostbedürftig fühlen, mit dem Gedanken beruhigen, daß, wenn heute die Apostel auferstünden, auch sie vergebens um Aufnahme in den österreichischen Ski-Verband ansuchen würden. Auch die Ausgeschlossenen aus dem Ski-Verband befinden sich injteiner schlechten Gesellschaft. Professor Hans Driesch, der berühmte Nachfolger Wilhelm Wundts auf dem Lehrstuhl der Philosophie an der Leipziger Universität, rat sich durch seine Meinungsäußerung über die „Protokolle der Weisen von Zion" die ihn ehrenden Beschimpfungen antisemitischer Hetzblätter zugezogen. Es ist schließlich begreiflich, daß die Antisemiten, die sich gewöhnt haben, durch den Hinweis auf die Enthüllungen dieses Buches ihre ganze Weltanschauung zu begründen, erbittert darüber sind, daß ein so hochstehender Mann wie Professor Driesch es für eine Schande unserer Zeit erklärte, daß ein so „blödsinniges Zeug" ernsthaft widerlegt werden muß. In der Tat, es ist ein selbstmörderisches Zeugnis der Geistesarmut, das die Gläubigen an dieses Buch sich gaben, indem sie nicht sofort erkannten, daß sie eigentlich einem verblödeten Fälscher aufgesessen sind. Wäre der Verfasser dieses Falsifikates kein so plumper Lügner und Verleumder gewesen, so hätte er seine Entlarvung nicht so leicht gemacht. Von dem Evangelium hieß es, es sei ursprünglich ein Werk von Juden für Juden gewesen. Die „Protokolle der Weisen von Zion", in denen die Antisemiten ihre neueste Heilsbotschaft erblicken, machen wirklich den Eindruck, als seien sie die Arbeit eines Trottels berechnet für — Gleichgesinnte. Durch das Urteil Professor Driesch* wird man in diesem Eindruck nur bestärkt. Ego. www mm lir jt wwi