Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 23 (28.5.1926)
- Date
- 1926-05-28
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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§eite 6 öffi^Ajg^HElt gg. 23 .Wien HL, Obere Weißgärberstraße 24). Es ist dies ein Vortrag, den der Verfasser vor einigen Wochen an diesem Institut gehalten hat und der, um es gleich zu sagen, für das sehr hohe Niveau zeigt, auf dem die Vorträge an dieser Anstalt sich wohl bewegen müssen. Ohne mit Gelehrsamkeit, Zitaten und Hinweisen zu prunken, entfaltet der Verfasser ein ungewöhnlich reiches, aus den ersten Quellen geschöpftes Wissen auf allen Gebieten des Judentums -sowohl, als auch der aligemeinen Kulturgeschichte. In formvollendeter Darstellung entwickelt er ein knappes, aber erschöpfendes Bild der Lehre und Weltanschauung des großen Weisen aus dem 12. Jahrhundert im Rahmen seiner Lebensgeschichte, auf dem Hintergrund der jüdischen und der Weltgeschichte jener Zeit. Das Bildnis des großen Arztes, Lehrers und Führers tritt mit plastischer Deutlichkeit vor uns und mutet uns an wie das eines lebendigen Zeitgenossen. Dieser Mensch, dessen 800. Todestag wir in neun Jahren werden begehen können, spricht zu uns, als erlebte er die Nöte und.die Kämpfe unserer Zeit mit uns mit. Kaminka zeigt uns, wie Maimonides unseren Skeptizismus versteht und ihm Rechnung trägt und die Souveränität des kritischen Urteiles verlangt, indem er lehrt: „Was wir unter Bekenntnis unserer Religion verstehen, ist nicht etwas, was nachgesprochen, sondern etwas, was im Geiste klar erfaßt werden muß'. Unser Zeitalter der exakten Wissenschaft, Technik und Naturkunde ist gleichsam vorausgeahnt in dem Worte des Maimonides, welches im Munde eines Sohnes des 12. Jahrhunderts merkwürdig kühn klingt: „Die Wissenschaft von der Natur ist die Grenznachbarin der Wissenschaft von Gott, und muß dieser im Studium zeitlich vorangehen". Unsere Zeit der wirtschaftlichen Klassenkämpfe, der Handelsverträge, der Streiks und der Mandate kann von Maimonides unendlich viel lernen, der einen großen Teil seines Kodex „Mischneh Tora" den Rechtsordnungen widmet, die materiellen Güter der Welt betreffend, an denen die Schaffens- und Arbeitskraft des Menschen zur Entfaltung und Betätigung kommt, aber auch sein ethisches Wesen sich bewährt. . . . Vielleicht nie zuvor war das Judentum (und die ganze europäische Menschheit) so sehr durch Parteigezänk zerklüftet wie heute. An uns ist daher das wundervolle Wort des Maimonides gerichtet: ,",Je mehr wir uns die Erkenntnis der Wahrheit angelegen sein lassen, desto mehr schwindet Haß und Streit, desto mehr vermindert sich die Neigung der Menschen, einander zu schaden" . . . „Eine richtige Weltanschauung", sagt Maimonides an anderer Stelle, „ist das wahre Leben, eine falsche ist der Tod". Kein Zeitalter hatte größeren Anlaß, als das unsrige, die tiefe Wahrheit dieses Wortes zu beherzigen. Kaminka fügt hinzu: „Haben wir höhere Ideen, die für die ganze Menschheit noch heute von größter Tragweite sind — und Maimonides bietet sie uns deutlicher, als irgendeiner der Träger unserer Tradition — dann wird der Geist sich auch den Körper unserer Gemeinschaft der Zeit entsprechend neu aufbauen." Es ist bezeichnend für Maimonides, daß er im Privatleben einer der berühmtesten Aerzte seiner Zeit war (seit 1166 Leib- und Hofarzt des Sultans von Aegypten). Sein Lebensberuf bestand also darin, das Wissen, welches er von anderen erlernt, oder selber forschend erworben hatte, nicht als totes Gut liegen zu lassen, sondern es unmittelbar zum Heile seiner Mitmenschen anzuwenden. Das tat er auch auf allen anderen Gebieten der Wissenschaft, als Astronom, Mathematiker, Jurist, Theologe und Philosoph. Er war das anerkannte Oberhaupt der jüdischen Gemeinschaft in Aegypten. Aber schon bei Lebzeiten war er durch seine Bücher der geistige Führer der ganzen Judenheit seiner Zeit, die er durch seine zahlreichen köstlichen Sendschreiben und Responsen mit gütiger, weiser und starker Hand lenkte. Wir stehen staunend und1 bewundernd vor der fast unübersehbaren Fülle der von ihm geleisteten Arbeit, zu deren Bewältigung einige Menschenleben kaum genügend scheinen. Mit Meisterhand zeichnet uns Kaminka das ergreifende Bild eines Arbeitstages aus dem Leben des Maimonides. Als er, noch nicht Siebzig, aus dieser Welt schied, herrschte eine unvergleichliche allgemeine Trauer in dem ganzen damaligen Israel. Die von den Historikern allgemein angenommene Behauptung, daß seine Gebeine nach Palästina gebracht und in Tiberias bestattet wurden, bezweifelt Kaminka aus sehr gewichtigen, bisher unbeachtet gebliebenen Gründen. Es dürfte sich demnach mit dem Grabe des Mose ben Maimon so verhalten, wie mit dem des Mose ben Amram: „kein Mensch weiß, wo es liegt". So bietet diese kleine Schrift im engen Rahmen ein lebhaft und kraftvoll gezeichnetes Bild eines großen Lebens, welches nicht nur für jene Zeit, sondern für alle Zeiten gelebt ward. Jüdische Frauenideale. -Eine Blütenlese von Dr. Max Grunwald. Die Frauen im hebräischen Altertum. (Nach A. Bernstein.) Aus den Quellen, welche uns über die biblischen Zeiten belehren, leuchtet überzeugend hervor, daß die Sitte den Frauen des hebräischen Altertums eine ganz andere und würdigere Stellung einräumte, als man nach den gesetzlichen Bestimmungen annehmen möchte. Die Polygamie war zu keiner Zeit im Volke herrschend. Beachtenswert ist, wie sehr das Gesetz selbst mildernd eingriff in das Geschick der heidnischen im Kriege eroberten Frau: „Wenn Du ausziehest zum Kriege wider Deine Feinde und der Herr, Dein Gott, gibt sie in Deine Hand, und Du von ihnen Gefangene machst, und Du siehst unter den Gefangenen ein Weib schön von Gestalt und Du begehrst nach ihr und magst sie zum Weibe, so soll sie, so Du sie in Dein Haus gebracht, ihr Haupt scheren und ihre Nägel beschneiden, und von sich ablegen die Gewänder ihrer Gefangenschaft und in Deinem Hause bleiben und beweinen ihren Vater und ihre Mutter einen Monat lang; und dann erst magst Du zu ihr kommen und sie ehelichen, daß sie Dein Weib werde. Und es soll geschehen, wenn Du kein Gefallen an ihr hast, so sollst Du sie freilassen nach ihrem Belieben. Du darfst sie nicht verkaufen um Geld und nicht behandeln als Sklavin, dieweil Du sie bezwungen." Ist die Schranke, welche das Gesetz hierin schon der Willkür des Eroberers über die Eroberte entgegenstellt, beachtenswert, so ist die Sitte, welche die Stellung der freien Frau regelte, bei weitem freier, als man gemeinhin anzunehmen pflegt. Will man die Stellung kennen lernen, welche das weibliche Geschlecht im biblischen Zeitalter in der Volkssitte eingenommen, so befrage man die Sprache, das direkte Volksprodukt. Die Sprache eines jeden zivilisierten Volkes scheidet die Objekte in solche männlichen und weiblichen Geschlechtes. In der Tier- und Menschenwelt ist diese Scheidung durch die Natur selbst gegeben. In der anorganischen