Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1926
- Issue
- Heft 23 (28.5.1926)
- Date
- 1926-05-28
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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Nr. 23 DIB WAHRHEIT Seite 5 tiefer Stufe der Gesinnung und staatsbürgerlichen Gemeingeistes stehe, daß sie für die vollkommene Emanzipaton weder reif noch derselben würdig ist. Wien, 28. November 1855. Nilius " Teilnahme der osterreichiscliungarischen Juden am Weltkrieg. Eine statistische Studie von Maximilian Paul-Schiff. (Schluß.) Aus den offiziellen Verlustlisten sind 501 gefallene, beziehungsweise infolge Verwundung oder Erschöpfung verstorbene Offiziere jüdischer Konfession, das sind 6.78 Prozent der Gesamtzahl der Offiziere der erwähnten Kategorien, ermittelt. — Der jüdische Bevölkerungsanteil der Monarchie war zirka 4%. Tatsächlich waren aber die Verluste viel höher. Waren doch nach den Grundbuchblättern allein 625 gefallene, bezüglich infolge. Verwundung oder Erschöpfung verstorbene Offiziere ermittelt, während 387 als „Vermißt" bezeichnet werden, von welch letzteren gering gerechnet ein Viertel vermißt geblieben ist und somit als tot gelten kann. Die Gesamtsumme erhöht sich dadurch a/uf 722, und zwar lediglich beim k. u. k. Heer und bei der k. k. Landwehr. Dazu kommt der österreichische Landsturm, sowie die gesamten Honveds. — Von ersterem sind im ganzen 140, von letzterem 800 Offiziere als „gefallen" verzeichnet. Das Verhältnis der jüdischen Offiziere beim österreichischen Landsturm dürfte identisch mit dem beim k. u. k. Heer sein, hingegen ist ihr Anteil bei den Honveds erheblich höher; bildete es doch bei einzelnen Truppenkörpern stellenweise die Majorität. Es ist somit keinesfalls zu hoch, eher zu niedrig gegriffen, wenn man den Anteil der jüdischen Offiziere bei den Honveds mit einem Drittel, das ist mit zirka 270 annimmt, so daß die Gesamtzahl der gefallenen, beziehungsweise gestorbenen österreichisch-ungarischen Offiziere jüdischen Glaubens keinesfalls weniger als 1000 betragen dürfte, wodurch der prozentuelle Bevölkerungsanteil erheblich überschritten erscheint. Eine zweite Teilarbeit galt der Ermittlung jener Offiziere, die mindestens mit dem Eisernen Kronenorden III. Kl. heteilt wurden; ihre Gesamtzahl betrug 8720, hiervon gehört der überwiegendste Teil dem Berufsstande an. Von den bei Kriegsbeginn im k. u. k. Heere und der k. k Landwehr befindlichen zirka 80 jüdischen Truppenoffizieren wurden 38, also die Hälfte mit dem Eisemen Kronenorden oder höheren Orden ausgezeichnet. Als Vergleichsmaterial konnten aber für die Juden nur die Reserveoffiziere dienen, nachdem über 90 Prozent aller jüdischen Offiziere Reserveoffiziere waren; bei diesen ist die Verhältniszahl der Juden 7.22 Prozent, nicht eingerechnet die Landsturm¬ und die Honvedoffiziere, mit deren Einrechnung der Prozentsatz ganz erheblich steigen würde1). Im Hinblick auf die besonderen Verhältnisse Oesterreich- Ungarns wird man einwenden, daß die Offiziersverluste nicht maßgebend sind, daß hingegen die Verluste bei der jüdischen Mannschaft (worauf ich eingangs bereits hingewiesen habe), prozentuell unter der Bevölkerungsquote bleibt. Dies ist zweifellos richtig und findet seine Begründunghauptsächlich darin, daß die Juden nicht nur fast ausschließlich aus dem städtischen Kontingent2) stammen, sondern vor allem infolge des tiefen, kul- *) Es bedarf keines Hinweises, daß die Kriegsdekorationen, auch solche „mit Schwertern", wie sie an hohe Generäle und andere nicht an der Front kämpfende, höhere Offiziere verliehen wurden, nicht als Maßstab für Tapferkeit gelten können. Nichtsdestoweniger wurde diese Statistik erhoben, weil es sich bei den jüdischen Offizieren fast ausschließlich um Subaltern-Truppenoffiziere der Reserve handelt und weil diese Auszeichnung mit seltenen Ausnahmen als die höchste angesehen werden kann, die an Reserveoffiziere verliehen wurde. 2) R. E. May (Konfessionelle Militärstatistik, Ergänzungsheft 13 zum „Archiv für Sozialwissenschaft und Sozialpolitik". — Tübingen 1917) weist auf die Unterbeteiligung der Städter für den Heeresdienst in Deutschland hin, ebenso auf die Tatsache, daß der Anteil der Katholiken wegen ihrer vorwiegend agrarischen Zugehörigkeit, relativ größer als bei den Protestanten ist. Er hebt ferner die Bedeutung des Aufenthaltes im Auslande hervor, bei dem die Juden erheblicher beteiligt waren. Mays Ausführungen enthalten eine Reihe neuer Gesichtspunkte für jede konfessionelle, speziell jüdische Statistik und rechtfertigen viele Bedenken, die hinsichtlich der Richtigkeit letzterer für den Kenner vorhanden sind. turellen und körperlich defekten Zustandes der gahzischen Juden, welche das weit überwiegende Gros aller österreichischen Juden bildeten, eine starke Unterbeteüigung bei den Kombattanten zur Folge haben mußte. Sie ist anderseits wieder zum größeren Teil auf die höhere Intelligenz der Juden innerhalb der österreichisch-ungarischen Bevölkerung und vor allem auf die Kenntnis der deutschen Sprache zurückzuführen. Waren doch die Juden in den meisten, nicht-deutschen Territorien der Monarchie oft nicht nur die einzigen, welche die deutsche Dienstsprache beherrschten, sondern auch die einzigen, welche wegen ihrer Intelligenz und Berufszugehörigkeit für Kanzleiposten, besondere Verwendungen und den Etappen^ dienst sich eigneten. Aus ähnlichen Gründen wurden jüdische Offiziere auf sehr wichtige Posten in den Zentralstellen — gewiß nicht aus Philosemitismus und ebenso gewiß nicht zum Schaden der Allgemeinheit — gesetzt. Für die allgemeine Bedeutung, die die Juden als Kriegsteilnehmer gerade in Oesterreich hatten, stimme ich ganz der Ansicht Segall's zu (August—Dezemberheft 1919, „Zeitschrift für Statistik und Demographie der Juden", Pag. 119), welcher meint, daß dieser Frage „nicht jene so hohe Bedeutung beizumessen ist, die ihr im allgemeinen beigelegt wird". Sicherlich ist der Anteil einer bestimmten Minorität nach ihrem allgemeinen Nutzkoeffizienten zu beurteilen, der nicht gerade im Frontdienst gelegen sein muß. So hatten z. B. die Juden die 1% der reiehsdeutschen Bevölkerung ausmachten, schon weit mehr geleistet, als ihrem Anteilskoeifizienten entspricht, wenn man lediglich die Namen Rathenau, Caro, Frank Haber, Ehrlich, Wassermann in Betracht zieht, selbst dann wenn nicht ein einziger Jude als Soldat gefallen wäre. Von maßgebender Seite ist ja auch wiederholt darauf hingewiesen worden, daß ohne die Erfindungen der genannten Chemiker der Krieg für Deutschland nach wenigen Monaten verloren gewesen wäre! — Denjenigen, welcher den Wert des Wortes Kriegsteilnehmer" zu beurteilen versteht, braucht man nicht durch Hinweis auf „blutige Verluste" zu belehren, während der berufsmäßige Antisemit sich auch dann nicht bekehrt, wenn die blutigen Verluste bei den Juden weit über die ihnen zukommende Verhältniszahl hinausgehen. Die obenerwähnte durchgeführte statistische Teilarbeit, welche sich nur auf gefallene xind verstorbene Frontkämpfer — im wahren Sinne des Wortes — bezieht, darf auf besonderen Wert Anspruch machen: einerseits als Schulbeispiel minutiöser Bearbeitung eines Teilausschnittes, anderseits, weil sie keine Rückschlüsse auf die Gesamtstatistik ziehen wollte. Zum Schlüsse sei nochmals darauf hingewiesen, daß die Fehlergrenzen dieser statistischen Teilarbeit erheblich zu Ungunsten der „Juden" ausfallen mußten, nachdem alle konfessionslosen und getauften Juden nicht aufgenommen wurden und weil eine große Anzahl gefallener Offiziere wegen mangelnder Dokumente nicht eruiert werden konnte. War das Grundbuchsblatt nicht richtiggestellt, so wurden die Betreffenden — trotzdem die offizielle Verlustliste sie als „gefallen" verzeichnet — in die statistische Aufnahme nicht aufgenommen . Eine Bemängelung könnte sich nur auf das fehlende Plus erstrecken. Maimuni als geistiger Führer unserer Zeit. Schon lange hat es in der Geschichte des Judentums keine Epoche gegeben, die so sehr der geistigen Führung durch eine überragende Persönlichkeit bedurft hätte, wie die unsrige. Wir erheben unsere Augen zu den Größen der Vergangenheit, und da wird es uns klar, „daß in dem mehr als zweitausendjährigen Zeitraum, seit dem Abschluß der Bibel, keine Persönlichkeit würdiger ist an die Seite des ersten Moses gesetzt zu werden, als der gleichnamige Sohn Maimons". Diese Sätze entnehmen wir einer kleinen, aber sehr inhaltsreichen Schrift: „Moses Maimonides als geistiger Führer in unserem Zeitalter" von Rabbiner Dr. A. Kaminka (herausgegeben vom Maimonides-Institui,