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Die Wahrheit · 1926-02-26 · Heft 9 (26.2.1926) · page 11

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1926
Issue
Heft 9 (26.2.1926)
Date
1926-02-26
Page
– (sequence 11)
Language
German
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Nr. 9 DIE WAHRHEIT Seite 9 wieder Kapital daraus zu schlagen, daß die Unterschriften vereinzelter maßgebender Herren der „Union" auf Bezirksaufrufen für den Keren Hajessod figurieren. Dies ist zum Beispiel der Fall bei einem im IX. Bezirk verbreiteten Aufruf, unter dem auch die Unterschrift des Herrn Bezirksrates Simon W e i n € r zu lesen ist, die dieser Herr nicht selbst gegeben, die vielmehr von anderer Seite während seiner Abwesenheit von Wien ohne sein Wissen eingesetzt wurde. Börserat I.G 1 ü c k wiederum, der Obmann des Tempelvereines IX., Müllnergasse, setzte seine Unterschrift lediglich in dieser seiner Eigenschaft unter den Aufruf und tat dies, wie er selbst erklärte, um des Friedens im Bezirke willen, in der Erwägung, daß eine freiwillige Spende eine Verpflichtung nicht im mindesten präjudiziert. Daß er wie auch die anderen Herren, aus deren Unterschrift man heute Kapital schlagen will, nicht jüdischnational gesinnt sind, sondern weiter treu und unentwegt zur „Union" stehen, das zu beweisen, wird sich in allernächster Zeit Gelegenheit bieten. O. H. Der Vortrag Dr. Ismar Freunds. Wir haben bereits in der letzten Nummer unseres Blattes über den von der „Union deutschösterreichischer Ju d e n" am 16. d. M. im F e s t s a a 1 e des alten Rathauses veranstalteten Vortragsabend kurz berichtet, bei dem Dr. Ismar Freund, Vorstandsmitglied des „Centralvereines deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens" und Syndikus der Berliner jüdischen Gemeinde, einen Vortrag über den „Kulturwert des Judentums" gehalten hat. Wir haben auch den gewaltigen Eindruck geschildert, den der Vortrag und die Person des Vortragenden auf die zahlreichen Anwesenden gemacht hat. Nunmehr wollen wir den Verlauf des Vortragsabends, der eine der bedeutendsten Veranstaltungen der „Union" in diesem Jahre war, eingehender schildern. Der prächtige, altehrwürdige Saal des Alten Rathauses war bis zum letzten Plätzchen von einem erlesenen Publikum gefüllt, das die führenden Persönlichkeiten des Wiener Judentums vereinigte. Erschienen waren u. a.: Präsident Prof. Dr. Alois Pick, die Kultusvorstände Baurat W. Kempler, Dr. J. T i c h o, Komm.-Rat M. Reif, Bez.-Rat E. Hoffmann, Wolf Pappenheim, sämtliche Mitglieder des Zentralvorstandes der „U n i o n" unter Führung des Präsidenten Dr. Jakob Ornstein, der auch den Vorsitz in der Versammlung innehatte, und der Vizepräsidenten Hofrat J. Löwner und Karl Fröhlich, der frühere Präsident der „Union" Maximilian Paul Schiff, die Bethausvorsteher Bez.- Rat I. B e r g e r und S. Ernst, Börserat J. Glück, Bez.-Rat S. Weiner,M.Oesterreicher, Mitglieder der Bezirkskommissionen, darunter Med.-Rat Dr. H. Haase und Max Leo Popper, die Rabbiner Dr. M. J. Bach, Dr. D. Feuchtwang, Dr. A. Frankfurter, Dr. M. Grunwald, Dr. A. K a m i n k a, Dr. I. Mandl; Prof. S. Krauß, die Amtsdirektoren Dr. E. Adler und Guido F u c h s g e 1 b, zahlreiche Damen, so für den Jüdischen Frauenbund das Präsidium unter Führung der Frau H. Kadisch. für den Frauenverein 2. Bezirk die Damen Frau Dr. M. Grunwald und Dr. A. K aminka, die Jugendgruppe der „Union" mit dem Obmann Jakob Herz u. v. a. Präsident Dr. J. Ornstein begrüßte den Vortragenden im Namen der „Union deutschösterreichischer Jude n" und erklärte, „daß es dem Vorstande der „Union" zur höchsten Ehre gereiche, einen solchen Gast in seiner Mitte zu sehen, einen Mann, der sich um die Vereinigung des deutschen Judentums zu einem einheitlichen Verbände die größten Verdienste erworben hat". „Als ich heute Gelegenheit hatte," fuhr Dr. Ornstein fort, „unseren geehrten Gast im Festsaale der Kultusgemeinde zu begrüßen, da sagte Dr. Freund: .Hier in diesen Räumen merkt man Weener Kultur'. Auch dieser Saal hier ist ein Stück Wiener Kultur, an der das Wiener Judentum nach Kräften mitgearbeitet hat, und gleichzeitig verkörpert er ein Stück Geschichte unserer Vaterstadt, in der die Wiener Judenschaft ebenfalls einen Ehrenplatz einnimmt. Was jüdische Aerzte. Rechtsanwälte, Architekten, Männer der Wissenschaft und Kunst für unsere Stadt geleistet haben, ist mit ehernen Lettern in die Geschichte unserer Stadt geschrieben. Und so bildet der Saal, in dem wir uns befinden, den würdigen Rahmen für den Vortrag, den wir nun hören wollen." Hierauf ergriff Dr. Ismar Freund, von nicht endenwollendem Beifall begrüßt, das Wort zu seinem Vortrage, den wir an anderer Stelle fortsetzungsweise veröffentlichen. Nach dem Vortrag ergriff Dr. Ornstein das Wort zu folgenden Ausführungen: „Was wir aus den Ausführungen meines geschätzten Vorredners vor allem entnehmen können, ist, wie ich glaube, folgendes: Jedes Vojk kann sich nur dann erhalten und nur dann seinen Aufgaben gerecht werden, wenn es sich seines inneren Wertes voll bewußt ist. Darum müssen auch wir Juden, wollen wir unsere heilige Mission für die Menschheit erfüllen, uns immer wieder aufs neue mit unserem höchsten und heiligsten Gute, unserer Bibel beschäftigen und immer tiefer in diese einzudringen trachten. Der Vortragende hat uns darin bestärkt, indem er uns den bleibenden Wert der jüdischen Kultur vor Augen geführt hat. Ich spreche ihm hierfür namens der „Union" sowie aller Anwesenden den wärmsten und tiefsten Dank aus. Wir wollen immer aufrechte und stolze Juden sein, stolz auf unsere Geschichte, auf unsere vieltausendjährige Kultur, auf die Leistungen unseres Volkes in Vergangenheit und Gegenwart für den Fortschritt der Menschheit." * * Nach dem Vortragsabend vereinigten sich im Restaurant T o n e 11 o die führenden Herren der „Union" mit ihren Damen zu Ehren ihres Gastes Dr. Ismar Freund. Dr. Ornstei'n ergriff das Wort zu folgender Begrüßungsansprache : „Ich hatte vordem die Ehre, Ihnen Dr. Ismar Freund als den Schöpfer der „Vereinigung der preußischen Gemeinden" zu feiern und möchte mir jetzt erlauben, unseren Gast als eines der hervorragendsten Mitglieder des der „Union" so nahestehenden „Zentralvereines deut- "scher Staatsbürger jüdischen Glaubens" zu begrüßen. Dieser Verein ist ein mächtiges Bollwerk des deutschen Judentums, eine Vereinigung, die immer furchtlos und entschlossen für das Judentum eingetreten ist und auch derzeit einen schweren, aber erfolgreichen Kampf für das Recht der deutschen Juden kämpft. Einer der tapfersten Kämpfer in den Reihen des „Zentralvereines" nun ist Dr. Freund. Ebenso wie ein anderer unerschrockener Kämpfer für die Ehre des Judentums, Dr. Wilhelm V a z s o n y i von den ungarischen Juden sagen konnte: „Wir wollen nicht ungarische Juden, sondern jüdische Ungarn sein," so sagen auch wir: „Wir wollen nicht deutsche Juden, sondern jüdische Deutsche sein!" Dies ist die Anschauung der „Union", dies ist aber auch die Anschauung des „Zentralvereines", dies ist die Ideengemeinschaft, die uns fest miteinander verbindet. Wir danken Doktor Freund, daß er zu uns nach Wien gekommen, um diese Ideengemeinschaft vor aller Welt zu dokumentieren, und wünschen, daß er noch viele, viele Jahre erfolgreich tätig sein möge für die Ehre des deutschen Judentums." Nach der Begrüßungsansprache Dr. Ornsteins ergriff Rabbiner Dr. Max Grunwald das Wort zu folgendem Toast: „Wir befinden uns jetzt im Monat Adar, von dem unsere Alten sagten, daß er die Freude mehre. Kann es nun eine größere Freude geben, als einen hervorragenden Gast in unserer Mitte begrüßen zu können. Wie Sie bereits aus. dem Munde meines geschätzten Vorredners gehört haben, ist Dr. Ismar Freund eines der hervorragendsten Mitglieder des „Zentralvereines", dessen ältere Schwester unsere ..Union" ist. Man könnte unseren Gast aber mit Recht als den Bismarck der deutschen Juden bezeichnen. Wenn es Bismarck verstanden hat, 40 Millionen Deutsche unter einen Hut zu bringen, dann hat Dr. Freund, was gewiß noch viel schwerer ist. eine halbe Million Juden zu einem Verband vereinigt. Da drängt sich uns unwillkürlich die Frage auf, warum wir in Oesterreich keine ähnliche Vereinigung besitzen, als es die der preußischen, bzw. deutschen Gemeinden ist, warum die Judenschaft eines kleinen Landes zersplittert ist, während sich die eines viel größeren zu gemeinsamer Arbeit vereinigt hat. Diese Zersplitterung aufzuheben und eine der deutschen ähnliche Gesamtorganisation der österreichischen Juden zu schaffen, wäre, wie ich glaube, eine der schönsten und wichtigsten Aufgabe der „Union deutschösterreichischer Juden". . Und nun wende ich mich unserem verehrten Gastgeber Herrn Dr. Ornstein zu. Die Art und Weise, wie er früher und auch hier gesprochen hat, zeigt, daß er wahrlich nicht das ist, was gehässige Gegner aus ihm machen wollen. Doktor Ornstein ist kein Stein des Anstoßes für Menschen, dfe gerade denken, er ist der Grundstein, auf dem die „Union deutsch-

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