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Die Wahrheit · 1925-12-18 · Heft 50 (18.12.1925) · page 13

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 50 (18.12.1925)
Date
1925-12-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
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Nr. 50 DK WAHRHEIT ISEE Seite Ii Theater, Kunst u. Literatur Max Grunwald. Jahrbuch für jüdische Volkskunde 1924 bis 1925. (Verlag Benj. Harz, Berlin-Wien. Mk. 15.) Der stattliche neue Jahrgang des Grunwaldschen Jahrbuches überrascht wieder durch die Fülle bedeutsamen Stoffes, dde hier auf 619 Seiten geboten wird. Wie bisher ist auch in diesem Bande der Herausgeber selbst mit Beiträgen vertreten, die mehr als däe Hälfte des Gesamtinhaltes umfassen. Auf 160 Seiten behandelt Dr. Qrunwald die Gemeinde MatteTSdorf (jetzt Mattersburg). Auf Grund gedruckter und archivalischer Quellen werden die äußeren und inneren Schicksale dieser KeMla, die einen glänzenden Typus altjüddschen Gemeinschaftslebens darstellt, eingehend behandelt. Die Volkskunde im engeren Sinne gelangt in einer erschöpfenden Sammlung Mattersdorfer Bräuche, Sprichwörter, Lieder (mit Melodien) und so weiter zur ihrem Rechte, die zu einer Exkursion in die Geschichte der Purimparodien sowie des Purim- und Simchasthora-Kiddusch Gelegenheit bieten. Die hier veröffentlichten Grabschriften bilden eine willkommene Ergänzung der Geschichte der Wiener Juden, so der Familien Arnstein, Leitner, Sohlesinger, Schey. Wertheimer u. a. Ein Anhang bietet einen Kontrakt zwischen Oppenheimer und Wertheimer, eine Darstellung der Plünderung des Oppenheimer-Hauses 1700 in lateinischen Hexametern. „Zur Geschichte der Marraneni" bringt der Herausgeber neue Daten über Manuel Teixeira, den Vertrauensmann der Königin Christine von Schweden, bei, sowie eine Korrespondenz zwischen zwei Freunden Goethes, dem Herzog Karl August und Merek, über eine Marranen-Ansiedlung in Hoechot. Ferner behandelt er das „Lernen", den Dichter J. L. Peretz, sowtie das jetzt soviel erörterte Thema „Rasse, Volk, Nation". Professor Dr. A. Marmorstein setzt seine „Beiträge zur Religionsgeschichte und Volkskunde" fort. Dr. Adolf Löwinger, der im Jahrbuch 1923 so meisterhaft über „die Auferstehung der jüdischen Tradition" geschrieben hat, steuert» diesmal eine bemerkenswerte Studie über den „Windgeist Keteb" bei. Math. Mieses. Dem neue Krieg auf dem Marsche! Bewahren wir die Menschheit vor ihm! In einigen Tagen erscheint die neue Broschüre von Dr. jur. Botho Laserstein, Redakteur der Jüdisch-liberalen Zeitung": „Das Judentum äst der Friede!" Sie ist zum Preise von Mk. 1.— durch die Buchhandlung ^Friede durch Recht G. m. b. H.", Wiesbaden, Gartenstraße 18, zu beziehen. Der Subskriptionspreis beträgt Mk. 0.50. Dafür erhalten diejenigen das Heft, die bis zum 29. Dezember 1925 unter gleichzeitiger Einzahlung dieses Betrages, zuzüglich Mk. 0.10 für Porto und Verpackung, auf das Postscheckkonto Dr. Botho Laserstein, Berlin N. 4, Berlin Nr. 58.585 beim Postscheckamt Berlin. N. W. 7, bestellen. Diese Arbeit des bekannten jungen Pazifisten und Verfassers von „Rousseaus Schriften zum ewigen Frieden" dürfte berechtigtes Aufsehen hervorrufen. Im „Bücherverlag Orllk Linz (Postfach)" ist soeben das von Otto Orlik, Inspektor der österreichischen Bundesbahnen, verfaßte Buch „Die Bezüge und die Abzüge der Bediensteten der österreichischen Bundesbahnen" erschienen, das nicht nur sämtliche Bezüge, die den Bundesbah!nbediensteten, zukommen, und die zulässigen Abzüge, sondern auch alle auf das Ausmaß der Bezüge und Abzüge bezughabenden Bestimmungen fan Wortlaute und unter Anführung der ergangenen Verfügungen enthält Aus dem reichlichen Inhalte des in 70 Punkte mit rund 600 Seiten eingeteilten Buches Ist besonders hervorzuneben: Die Besoldungsordnung mit den Reihungs-, Ueberführungs- und Ueberleitungsbestimmungen (neueste Besoldung), das Dienstverhältnis der kriegsbeschädiigten Bundesbahnbediensteten, dSe ständigen Bezüge (Inudd Ausland), die Kürzung derselben, die Löhne, die Abzüge, die Auszahlungsfristen und -bestimmungen, die allgemein eingeführten Nebenbezüge unter besonderer Berücksichtigung der neuen anrechenbaren Zulagen für das Fahr- und Verschubpersonal, der Reisegebühren, der Nebenbezüge für das Fahrpersonal, der Dienstkleidergebühren, der Nachtdienstzulagen, der Ueberstunden- und Ueberverdienstentlohnungen, der Wirt- Schafts-, Brenmstoffersparnis- und sonstigen Prämien. Bestellungen sind an den ,3ücherverlag Orlik, Linz, Postfach" :zu richten. Preis eines Stückes 4 Schilling. Versand mir gegen Nachnahme oder Voreinsendung des Betrages. Gegen den Strom. Anfangs der Achtzigerjahre des vorigen Jahrhunderts wanderte eine jüdische Familie von Berlin aus .nach Amerika. Der Vater, der Beethoven spielte und Kant tas, war geschäftlich gescheitert Falsche Scham veranlaßte ihn, bei seinen Verwandten keine Hilfe zu suchen. In Amerika» den Lande der unbegrenzten Möglichkeiten, hoffte er ein neue« Leben sich zimmern zu können. Seine Frau war überaus gebildet sein einziger Sohn überdurchschnittlich begabt Da» Schicksal verschlägt sie in ein kleines Dorf Südamerikas, das marktschreierische Reklame verlockend geschildert Die Jahre des Leids beginnen. Das Judesein verschärfte die gesellschaftlichen Abstände in einem Maße, wie sie in Europa nie erträumt worden waren. Mit Mühe kommt der Vater i» einem kleinen Möbelgeschäft unter. Klägliches Gehalt völlige gesellschaftliche Abschnürung. Die einzige Hoffnung ist der Sohn. Er wird aufs beste erzogen. Die englische Sprache und Literatur wird ihm sein Lebenselement Preisgekrönt verläßt er Schule und Universität Weitab liegt ihm alles geschäftliche Leben, der Wissenschaft will er sein Leben widmen. Trotz aller Mühen kann er keinerlei Anstellung an irgend einer Universität bekommen. Hier höflicher, dort minder versteckt wird ihm klar gemacht daß sein Judentum, von dem er, ach, so wenig in sich trug, unübersteigbare Grenzen setzte. Er beginnt Amerika zu erkennen, seine moralische Heuchelei, dessen einziger Gott das Geld, dessen alleinige) Richtschnur die öffentliche Meinung, dessen einziges Ziel finanzieller Erfolg ist Er schreibt Romane, die, weil sie nicht dem gut bürgerlichen Durchschnitt frönen, ohne Erfolg sind. Kläglich fristet er sein Leben. Nach vieler Mühe erhält er als deutscher LehTer eine Anstellung an einer westlichen Universität Hier beginnt erst sein wahrer Leidensweg. Die amerikanischen Erziehungsmaximen sind grauenhaft Ihr Ideal ist der Durchschnittsmensch. Individuum sein zu wollen; ist Anmaßung, Herausforderung. Die Wissenschaft ist Magd der Technik. Bildung um der Bildung willen ist unmögliches Programm, das Examen Entreebillett zum wirtschaftlichen Erfolg. Seine lehrenden Kollegen treiben die Wissenschaft weil sie zum Kaufmannsberuf nicht tauglich oder mutig genug waren, den wirtschaftlichen Kampf aufzunehmen. Der Krieg enthüllt grauenhaft das amerikanische Gesicht Kein Verständnis für die Andersartigkeit eines Volkes. Die Masse regiert der Durchschnitt herrscht; geleitet vom Finanzkapital, dessen Interessen der Krieg ausfocht Der deutsche Lehrer, der es wagte, sich nicht der öffentlichen Meinung unterzuordnen, wird vor den Staatsanwalt zitiert Vor Ekel verläßt er sein Lehramt Ich erzählte die Geschichte des amerikanischen Schriftstellers Ludwig Lewisohn, dessen Chronik eines amerikanischen Lebens soeben in deutscher Sprache erschienen ist (Ludwig Lewisohn, Gegen den Strom. Frankfurter Sozietäts-Druckerei, Frankfurt am Main.) Was diese Chronik enthält ist weder durch die Erzählung des Lebensschicksals zu erschöpfen, noch überhaupt durch Andeutungen annähernd wiederzugeben, Diese Chronik ragt turmhoch über die tausend Memoiren und Reisebücher hinaus, die das vergangene Jahr uns beschert hat Kein Geschichtswerk, und sei es noch so umfangreich und eindringlich, könnte uns besser ein Bild von dem Amerika geben, wie es heute ist, als die Lebensgeschichte Lewisohns. Lewisohn reißt Amerika die Maske herunter und zeigt uns sein wahres Gesicht (Man glaube nicht daß Europa ein besseres hätte!) Das Land der „unbegrenzten Möglichkeiten" erweist sich als sehr begrenzt Lügenhaft ist sein sexuelles Ideal, verlogen seine bürgerliche Moral, der Durchschnitt regiert die öffentliche Meinung eine drückend lastende Geisel, der Erfolg, das Geld; die Technik allein herrschen. Das Individuum findet keinen Raum, wahre Bildung keine Stätte. Die Gesellschaftsschichten streng von einander geschieden, der Rassenwahn lebt stärker, denn je, der Antisemitismus, in Höflichkeit gekleidet herrscht um so mächtiger. So wird Lewisohns Lebensschicksal zum amerikanischen Symbol. Was Lewisohn weiterhin aus tiefstem menschlichem Erleben heraus über Rassenfragen und Bildungsprobleme sagt über soziale Gestaltung und sozialen Aufstieg, das ist wert, gehört zu werden. Wem es ernst ist um die Erkenntnis Amerikas und darüber hinaus um das Schicksal eines Volkes, das sich einer völlig materialisierten Kultur verschrieben hat der lese Lewisohns Bekenntnisbuch und lese es immer wieder. Dr. Max Kreutzberger. H. Much, Vom Wesen des Lebens, Leipzig 1924, C u r t Kabitzsch. Der Hamburger Primarius, der, von der pathologischen Biologie ausgehend und an Üxküll und den alten noch immer tonangebenden, von Baer sich anlehnend, der platten Materialismus eines Haeckei und Konsorten ablehnt gelangt in diesem Vortrage zu dem Ergebnis, daß das Leben etwas Unerkennbares ist Was wir aber im Erkennen verzichtend beiseite lassen müssen, kommt uns dann gewLÄ im Handeln umso mehr zugute.

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