Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 50 (18.12.1925)
- Date
- 1925-12-18
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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Seite 4 Nr. 50 Saba" auf dem Klavier vorspielen. Dieser junge ungarische Korrepetitor war kein geringerer als der später zu Berühmtheit gelangte liams Richter. Fürst Hohenlohe, ein feinsinniger JVlusikkenner, war von dem Gehörten so begeistert, daß er Direktor Herbeck die Weisung erteilte, binnen sechs Wochen die Uraufführung der „Königin von Saba" zu veranlassen. Im Jahre 1875 wurde Goldmarks größte Oper zum erstenmale an dei Wiener Hofoper aufgeführt und hatte sogleich einen riesigen Erfolg. Bei der zweiten Vorstellung erschien Kaiser Franz Josef selbst mät großem Gefolge. Ein Jahr später erlebte die Oper im Budapester Natifonaltheater die Erstaufführung mit einer großartigen Besetzung. Damals ließ es sich auch die achtzigjährige Mutter Karl Goldmarks nicht nehmen, der Vorstellung beizuwohnen. Andächtig lauschte sie der Musik ihres Sohnes, plötzlich drangen Tränen ,. aus ihren Augen und leise sprach sie zu ihren Kindern: „Mir ist, als möchte ich wieder meinen Simche Rüben singen hören!" ... Im Zwischenakt erschien der damalige erste Kavalier Ungarns, Baron Friedrich v. Podmanitzky. in seiner Eigenschaft als Indendant der Königlichen Hofoper, in der Loge, küßte der bescheidenen Kantorswitwe ritterlich die Hand und beglückwünschte sieherzlich zu dem Erfolg ihres berühmten Sohnes. Karl Goldmark blieb auch im Sonnenglanz seines Ruhmes der bescheidene, vollkommen anspruchslose Mensch, der er früher war; er bewahrte die Treue zu seiner angestammten Religion und den frommen Ueberiieferangen seines Vaterhauses bis zu seinem im Jahre 1915 erfolgten Tode und oft pilgerte er nach jenen stillen Gassen Oedenburgs und Deutsch-Kreutz, in denen er als unbekannter Klavierspieler kümmerlich sein Leben fristete. * * * Als im vorigen Jahre das 50jährige Jubüüäum der Uraufführung der „Königin von Saba" gefeiert wurde, da erinnerte „Die Wahrheit" daran, daß sich auf der jüdischen Abteilung des Waener Zentralfriedhofes das unscheinbare Grab des großen Künstlers befindet und daß die Wiener Judenschaft eine Dankes- und Ehrenschuld gegenüber dem unvergeßlichen Meister der Töne zu erfüllen habe, indem sie seiner Rühestätte eine würdige Ausgestaltung schaffe. Dieser Empfindung gab auch Herr Rabbiner Dr. Max Grunwald von der Kanzel herab Ausdruck und seine Worte sowie die Ermahnungen unseres Blattes fanden (in den Herzen der Wiener Judenschaft Widerhal'l. Der unvergeßliche Meister Alfred G r ü n f e 1 d, der ein guter Freund Goldmarks war, veranstaltete auf Verwendung des Kommerzialrates Alfred Landesberger einen Korazertabend zum Zwecke der Schaffurag eines GiTabmalfonds; es bildete sich schließlich ein Denkmalkomiitee, an dessen Spitze der Präsident der Kultusgemeinde Universitätsprofessor Dr. A. Pick steht und dessen Arbeiten von Erfolg gekrönt waren. Dienstag, den 8. Dezember fand die feierliche Enthüllung des Grabdenkmals Karl Goldmarks statt, an welcher sich die offiziellen Kreise unserer Stadt sowie die Wiener Künstlerschaft zahlreich beteiligten. Unter den Anwesenden bemerkte man in Vertretung des Bürgermeisters Vizebürgeraneister Emme Hing, den ungarischen Gesandten Grafen Ludwig Ambrozy, vom Bundesministerium für Unterricht Hofrat Dr. Wisoko. den Vorstand des Wiener Männergesangvereines Dr. Krückl, den Rektör der Hochschule für Musik und darstdlenide Kunst Hofrat Dr. Marx, den Direktor der Staatsoper Schalk, den Präsidenten der „Concordia" Dr. Wengraf, den Vorstand^ der Wiener Philharmoniker Regierungsrat Professor Wun-* derer, den Vorstand des Kaufmännischen' Gesangvereines Kommerzialrat Hlawatsch, den Präsidenten des Kantorenvereines Löwdt, in Vertretung des Bundes der Ungarn in Wien Hofrat Dr. Revy v. Bi 1 vard, Professor Bras- 1 a v s k y u. a. m. In Vertretung der StaditgemeSnde Gmunden, die zu Ehren Goldmarks. der 40 Jahre den Sommer dort verbrachte, eine Gasse nach ihm benannte, war Dr. Braaky erschienen. Die Zeremonienhalle, die bis auf dlas letzte Plätzchen gefüllt war, vereinigte neben den Angeführten noch viele Freunde und Verehrer Karl Goldmarks. Die Gedenkfeier begann mit einem meisterhaften Vortrag des Psalmes 15 durch den Tempelchor unter Führung des Oberkantors Kaufmann. Hierauf ergriff Oberrabbiner Prof. Dr. C h a j e s das Wort zu einer eindrucksvollen Gedenkrede, fn wtfchtr er QWlÖmssrk at$ feffen TöcrtBöflSör feierte-, wacher seine Töne aus der Tiefe der Jüdischen Seele, aus dem Innersten seines wahrhaft edd-rnenschMch und jüdisch fühlenden Herzen hervorzauberte. Im Namen der Gesellschaft der Musikfreunde widmete Regierungsrat Dr. Steger dem Toten warme Worte des Gedenkens. Er erinnerte daran, daß er vor elf Jahren Gelegenheit hatte, an der Bahre Goldmarks zu sprechen. Es erfülle ihn deshalb mit Genugtuung, daß der Meister im Reiche der Tonkunst endlich ein würdiges Denkmal erhalte. Das unvergängläbhste Denkmal hat sich aber Gold'- mark selbst mit seiner „Königin von Saba" gesetzt Der Stern Goldmarks wird nicht verblassen Ich spreche, so führte Redner aus, im Namen der Musikfreunde d er g a n z e n W e 11, die sich ohne Unterschied der Nation und des Bekenntnisses an den- Schöpfungen der edlen Tonkunst haben. Nachdem der Damenchor des Silngvereines unter Leitung Professor Karl Lafites Goldmarks Lied „Wer sich die Musik erkieset" dn formvollendeter Weise zum Vortrag gebracht hatte, bewegte sich der Trauerzug zu dem reichbekränzten Ehrengabe des Tondichters. Der ungarische Gesandte legte einen Kranz mit einer Schleife In den ungarischen Natäonalfarben nieder. Vor denn noch verhüllten Grabmal dankte der Präsident der Kultusgemeinde Prof. Dr. PJck allen, die an dem Zustandekommen dieser Ehrung Anteil hatten, insbesondere dem Schöpfer des Grabmales Professor Hegenbarth und nahm sodann das Denkmal in die Obhut der Kultusgemetade. Nachdem <dä!e Hülle gefallen war, standen! die Anwesenden ergriffen vor dem Meisterwerke des großen Wiener Bildhauers. Es stellt einen Löwen dar, der einen gewaltigen Quader trägt, auf welchem der Name „Goldmark" in goldenen Lettern prangt. Der Stein ist mit einem bronzenen Lorbeerzweig geschmüokt Am Schlüsse der eindrucksvollen Gedenkfeier brachte Oberkantor Kaufmann das „Schiwissi" zum Vortrag und ergriff die Anwesenden durch die tiefempfundene Art seines Gesanges. Die Feder ehrte das Andenken Karl Goldmarks in würdiger Weise, das Denkmal, das nunmehr die letzte Ruhestätte des unvergeßlichen Meisters der Töne ziert, wird den kommenden Geschlechtern Kunde davon geben, daß Goldmark während seines Lebens der unsrige war und auch im Tode immerdar der unsrige bleiben wird. Glossen. An dem Tage, an welchem) der Völkerbund in Genf über den Numerus clausus zu Gericht saß, hat in Budapest die Königliche Kurie in dritter Instanz eine Anzahl bedauernswerter Opfer des Czongrader Bombenattentates freigesprochen. Das sind natürlich nicht die drei Toten, die das Attentat gefordert hat — wer denkt an die? — Diese erwachen nicht mehr aus den Gräbern, in die sie durch die „Erwachenden" geschleudert wurden. Der ungarische Reichsverweser hat nur die Macht, eventuell dem Galgen verfallende Bombenwerfer am Leben zu erhalten, aber sie reicht nicht so weit, die Ermordeten wieder zu beleben. Als bedauernswerte Opfer des Czongrader Bombenatentates erscheinen nach dem Urteile der Königlichen Kurie auch alle die wackeren jungen Männer, die man sofort nach dem Attentat als Mörder verdächtigt und auf die Anklagebank geschleppt hätte, das ist kein Spaß, auch wenn es sich um eine Affäre handelt, deren Schauplatz ein Tanzsaal war, in dem zu wohltätigen Zwecken jüdische Frauen einen Ball veranstalteten. Die Verdächtigten hatten während der Untersuchungshaft ihre Schuld gestanden, aber in der Verhandlung ihr Geständnis mit der glänzenden Begründung zurückgezogen, es sei ihnen durch qualvolle Mißhandlungen erpreßt worden. Die ungarischen "Richter, die wahrhaftig lieber hundert schuldige Rassenschützler freisprechen, ehe sie einem Unschuldigen ein Haar krümmen, haben den ArrgaefcfögreTi Gfsrutfen unti tfamft jüetfön imfl Freiheit