Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 42 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Seite DIE WAHRHEIT Nr. -42 Moses Monteflore. Ein Gedenkblatt von Dr. Max Grunwald. (Schluß.) Als Sir Moses im Jahre 1874 sein Amt als Präsident des „Board of Deputies of British Jews" niederlegte, wurde ihm zu Ehren ein Fonds von mehr als 1200 Pfund Sterling gesammelt, als Zeugnis für die Anerkennung seines edlen Charakters und seiner Verdienste um das Wohl der Menschheit. Als er von dieser Sammlung erfuhr, drückte er den Wunsch aus, daß dieses Geldjzur Verbesserung der Lage der Juden im heiligen Lande verwendet werde. Demzufolge bewilligte das Komitee den Betrag dortigen Baugesellschaften zu zeitweiligen Geldvorschüssen, da Montefiore bei seinem sechsten Besuche in Jerusalem sich persönlich von dem Mangel an passenden Wohnungen überzeugt hatte. Im Jahre 1867 unternahm er seine siebente Reise nach Palästina. Er hat sie unter dem Titel „Ein vierzigtägiger Aufenthalt im heiligen Lande" selbst beschrieben, ein sehr interessantes Tagebuch eines neunzigjährigen Greises. Während noch vor kurzem kein Jude außerhalb der Tore Jerusalems wohnen durfte, fand er jetzt ein neues Jerusalem vor, mit Gebäuden, von denen einige ganz europäisch gebaut waren. Er wurde von großen Menschenmassen bewillkommnet, war entzückt von ihrer Liebe zur Industrie; er hörte, daß es 28 Synagogen in Jerusalem gebe und daß dort 11.000 Juden wohnten; er fand unter ihnen russische Veteranen, die für ihre Tapferkeit mit Medaillen dekoriert und vom Zaren selbst umarmt worden waren, er sah türkische Offiziere beim Gottesdienst anwesend, was ihm ein sprechender Beweis für die Einigkeit der Konfessionen war. Er hieß Dr. Loewe, seinen wackeren ständigen Begleiter in allen Schulen Examina in profanen wie in religiösen Fächern vornehmen und erhielt darüber günstige Berichte sowie Beschreibungen von den sechzehn Wohltätigkeitsgesellschaften der deutschen Gemeinde und von drei Baugesellschaften in Jerusalem. Infolge der betrübenden Nachrichten über die Ausbreitung der Cholera wollte er einige Häuser frisch übertünchen und anstreichen lassen, für die Reinigung der Straßen sorgen, den Kehricht und Abfall aus der Stadt schaffen lassen, konnte aber niemanden auftreiben, der sich dieser Arbeiten unterzogen hätte. Eine Deputation von armenischen Priestern besuchte ihn, um ihm die freundlichen Gesinnungen des Patriarchen auszudrücken. Nach Jaffa zurückgekehrt, wurde er mit allen Ehren zur Landungsstelle geleitet, die türkischen Soldaten präsentierten das Gewehr, als er das Schiff bestieg. Er schloß die Schilderung seiner Reise mit der Mahnung an seine europäischen Glaubensgenossen, daß sie in Jerusalem, Safed, Tiberias und Hebron Häuser bauen sollten. „Gelingt dies", so fügt er hinzu, „dann kann leicht Land gekauft werden, und viele werden freudigst bereit sein, sich dem Ackerbau zu widmen". Lloyd-George nennt ihn in seinem Buche „Ist wirklich Friede?" (Paul List, Leipzig) den Initiator des Wiederaufbaues Palästinas. Diese Aktion war die letzte der vierzehn philanthropischen Reisen, die Montefiore in den Jahren 1827 bis 1874 unternommen hat. Unübersehbar waren die Zeichen der Anerkennung seiner dankbaren Glaubensbrüder. Die Juden in Nordamerika, Barbados, Jamaika und Gibraltar schenkten einen silbernen Tafelaufsatz (David, wie er das Lamm aus des Löwen Klauen rettet, sowie Mose und Esra darstellend), diie in Hamburg ließen eine Denkmünze prägen („Sir M. M. u. Lady M. nach ihrer Rückkehr aus Aegypten i. J. 1841"), Frankfurt widmete einen vergoldeten Silberbecher (nach einem Entwürfe Mor. Oppenheims) und Bendas „An den Wassern Babylons". Eine Kolonie in Kansas und zahlreiche humanitäre Vereine tragen seinen Namen. Besondere Freude bereitete ihm die Huldigung zum 100. Geburtstage'der Chowewe Zion in Kattowitz. In stiller Zurückgezogenheit war es ihm noch über ein Jahrzehnt vergönnt, nach allen Seiten hin, wenn auch in engerem Kreise, sein edles jüdisches Herz hilfreich zu betätigen. In aller Welt, wo Juden wohnten, wurde sein hundertster Geburtstag wie ein nationales Fest begangen. Ein Jahr darauf, am 28. Juli 1885, wurde er zu seinen Vätern versammelt. Mit ihm ist einer jener Schtadlanim, jener Fürsprecher und Sachwalter des Judentums und unserer jüdischen Brüder dahingegangen, an denen unsere Gemeinschaft in früheren Zeiten niemals Mangel gelitten hat. Wir brauchen nur aus der älteren Geschichte der deutschen Juden an den herrlichen Joselmann von Rosheim zu denken, an den unser Montefiore in so vielen Punkten erinnert. Von dem Geiste, der in Montefiores gastfreiem Hause herrschte, gewinnt man den besten Eindruck aus einer Bemerkung des großen Philologen Max Müller, der bekanntlich durchaus kein Judenfreund war. Max Müller sagt einmal: „Als ich 1871 im königlichen Palais in Berlin als Gast an der Tafel des deutschen Kaisers saß, hatte ich das Gefühl, als ob ich in der Tafelrunde Karls des Großen säße. Bei Montefiore in seinem Heim aber war es mir zu Mute, wie im Zelte des Patriarchen Abraham, wie er die Engel bewirtet und alle Ankommenden durch seine Gästfreundschaft erfreut". Diese Bemerkung erinnert an einen Rangstreit zwischen Abraham und Mose, nach einer Erzählung des Midrasch. Abraham tritt vor den Thron Gottes hin und erhebt Anspruch, höher denn Mose geehrt zu werden „Ich", sagt er, „habe Wanderer aufgenommen und gespeist, die ich gar nicht kannte, ich habe die reinste selbstloseste Menschenliebe geübt." „Sehr wohl", Heß sich die Stimm© des Höchsten vernehmen. „Du hast Fremde gespeist. Mose aber hat für sein eigenes Volk gesorgt. Du hast die Notleidenden in deinem Hause erwartet. Mose aber ist mit ihnen in die Wüste gezogen." Diese Worte lesen sich wie eine feine Satire auf gewisse Erscheinungen unserer Gegenwart. Mit Mose, dem großen Meister und Lehrer, hat Montefiore den Vorzug gemeinsam, daß vor der allgemeinen Menschenliebe doch sein Volk seinem Herzen am nächsten stand, daß er nicht wartete, bis die Bittenden an seiner Schwelle vorsprachen, sondern daß er im wörtlichen Sinne durch Wüsten und mit größten Gefahren zu den Brüdern hinausging, die seines Schutzes bedurften, und dies überdies noch genau in dem Alter, in dem Mose vor Pharao hintrat, um für seine Brüder Menschlichkeit und Freiheit, Recht und Licht zu fordern. „Think and thank" — „denke und danke", war Montefiores Wahlspruch; er verdient es, daß auch wir seiner gedenken, ihm ein dankbares Gedächtnis bewahren. Und im Sinne des Mannes, der auf sein englisches Wappenschild (eine Zeder zwischen zwei Blumenbergen monti di fiore —, als Supporters, d. h. Schildträger, wie sie sonst nur Pairs, Ordensrittern und- Prinzen gewährt werden— nach dem bekannten Satze aus den Sprüchen der Väter — Hirsch* und Löwe mit Fahnen) in hebräischen Lettern das Wort „Jeruschalajim" gesetzt hat, können wir ihn nicht besser ehren, als indem wir seine Liebe zum Lande deT Väter und zu verfolgten Söhnen unseres Stammes zum Besitz unseres Herzens machen und in diesem Sinne Erben seines Geistes werden. > Glossen. Der Sektionschef i. P. Dr. Schager-Eckartsau hat sich in einem Schreiben an das „Neue Wiener Journal" in seinem und im Naimen des von ihm geehrten Monarchistenflügels rückhaltlos zum« Rassenantisemitismus bekannt. Er steht nämlich auf dem Standpunkt der „nationalen Grundlage", da nur auf diesem Programm ein ehrlicher Antisemitismus betrieben werden kann. Wie geistreich und zugleich ehrlich diese Behauptung des Herrn Sektionschefs ist, wird man erkennen, wenn man sich erinnert, daß Herr Schager sich in hervorragender Weise an dem Antisemitenkongreß in Budapest in Gesellschaft magyarischer und rumänischer Antisemitenführer beteiligte. Man braucht sieb keines besonderen Gedächtnisses zu erfreuen, um sich daran zu erinnern, denn der Kongreß fand ja erst vor einigen Tagen statt. Herr Schager hat aber dies anscheinend vergessen, denn sonst würde er sich wohl kaum entblöden, in Wien von einem nationalen Kampfe zu sprechen, den er in Budapest auf internationaler Grundlage propagiert. Herr Schager möge sich nicht genieren, er bekennt sich, als Antisemit und verbündet sich deshalb nicht nur gern mit Tod und Teufel, sondern auch1 mit dem Rumänen