Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 42 (23.10.1925)
- Date
- 1925-10-23
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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Nr. 42 DIE WAHRHEIT Seite 7 Cuza. Man wird aber in Zukunft kaiunt mehr behaupten dürfen, daß dieser Herr, der sicherlich seine Pension gerne von der Republik bezieht, nicht alles, was in seinen beschränkten Mittein liegt, getan habe, um die republikanische Idee in Oesterreich zu stärken. ifc Der in dem jüngsten Sensationsprozeß als Zeuge erschienene Sohn der Pruscha wandte sich, nachdem er seine Aussage beendet hatte, mit der Frage an den Staatsanwalt: „Ich bitf schön, ich möchte nur wissen, weshalb der Meiche nicht als Zeuge hier ist, während meine Muttter als Angeklagte hier sitzt?" Auch andere gedachten lebhaft des Abwesenden, der Verteidiger der Angeklagten hatte ja sogar ausgeführt, daß die Verdachtsgründe, die den jungen hakenkreuzlerischen Studenten, den Geliebten der 66jähn'igen Eberl bedrohten, nicht geringer waren als jene, unter denen die 55jährige Freundin der Ermordeten schier zermalmt wurde. Herr Ernst Meiche hatte es vorgezogen, im zweiten Prozeß auch selbst als Zeuge nicht in Wien zu erscheinen; er sei, wie es in seiner in Erfurt zur Protokoll gegebenen, von tiefer Kränkung zeugenden Aussage heißt, in Wien zu schlecht behandelt worden. Ein empfindlicher Jüngling, dieser Meiche! Hat er denn ganz vergessen, wie viele Liebe ihm auch in Wien, man kann sagen, von Alt und Jung zuteil geworden war? Von dem Moment an, da er, ausgerüstet mit einem Schlüssel, den er von seinem Vorgänger empfangen, sich die Türe zur Wohnung der Eberl aufgesperrt hatte. War e^s nicht mehr als mütterliche, mehr als größmütterhche Liebe, daß diese Frau, statt nach der Polizei zu schreien, den Fremdling mit offenen Armen empfing, ihn als Zimmerherrn oder Bettgeher unentgeltlich bei sich behielt und auch die Sorge für seine Verköstigung auf sich nahm? Hat Meiche vergessen, wie schonend ihm selbst im Gerichtssaale begegnet wurde, als er dort um Auskunft über seine Verhältnisse befragt wurde? * Es ist wahr, Herr Ernst Meiche hat nicht ganz Unrecht, wenn er in Erfurt bemerkte/daß er von der Haltung, die einige Wiener Blätter gegen ihn eingenommen hatten, nicht entzückt sein konnte. Warum gedachte er aber nicht des so überaus herzlichen Entgegenkommens, dessen er sich bei der „Deutschösterreichischen Tageszeitung" zu erfreuen hatte, die ihm sogar ihre Spalten zur Verfügung stellte und einen Artikel von ihm veröffentlichte? Herr Ernst Meiche stellte in diesem Artikel zunächst den Hakenkreuzlern das ehrende Zeugnis aus, daß er bisher nicht auch in ihrem Lager Aufnahme gesucht habe. Lernte vielleicht Rothstock, gleichfalls ein Schützling der Hakenkreuzler, von Meiche, daß es die Dankbarkeit fordere, im Gerichtssaal die hakenkreuzlerische Gesinnung zu verleugnen? Weiters benützte Meiche allerdings die journalistische Gastfreundschaft, die ihm die Deutschösterreichische Tageszeitung" gewährte, um die Frivolität einer gewissen Presse zu geißeln. Buchstäblich schrieb der 19jährige Jüngling, der so lange zwischen der 66jährigen Eberl und der 55jährigen Pruscha pendelte: „Ich darf wohl ruhig behaupten, daß in derart frivoler Weise über einen jungen Menschen herzufallen viel mehr zur öffentlichen Kritik herausfordert, als mein Verhalten, das ja eigentlich nur eine Handlung des privaten Familienlebens betrifft." Du lieber Himmel, es ist wohl überraschend, wenn ein junger Mensch wie Meiche dies ruhig behauptet, aber was soll man dazu sagen, daß ein um die Keuschheit der arischen Jugend so besorgtes Blatt dies auch ruhig abdruckte? Gehörten die Handlungen, denen Meiche während seines Wiener Aufenthaltes oblag, wirklich zum „privaten Familienleben", das der Kritik entzogen bleiben muß, wenn sie sich nicht dem Vorwurf der Frivolität aussetzen will? Uebersah die „Deutschösterreichische Tageszeitung" Wirklich, daß der junge Mensch, über den einige Zeitungen „in derart frivoler Weise" hergefallen waren, damals unter dem Verdachte stand, nicht immer liebevoll, sondern auch einmal mörderisch seiner greisen Erhalterin oder Aushalterin sich genähert zu haben? Auch das privateste Familienleben hat Grenzen, die nicht überschritten werden sollten. * * * Man findet in Wiener antisemitischen Blättern immer wieder das krampfhafte Bestreben, die Verherrlichung des Evangeliums, das die NächstenÜebe fordert, mit der Schürung des Hasses gegen die Juden zu verbinden. Trotz des beträchtlichen Aufwandes von Lüge und Heuchelei gelingt das Unternehmen nicht und der objektive Leser denkt schließlich: das mag ja alles recht antijüdisch sein, aber es klingt nicht minder antichristlich. Da lob' ich mir das hakenkreuzlerische Salzburger Blatt, das, derlei Eiertänze verschmähend, mit anerkennenswerter Aufrichtigkeit seinen Haß gegen das Neue Testament ebenso ehrlich wie den gegen das alte Testament bekennt. So schreibt es zum Beispiel: „Der Jude trug seinen menschenfeindlichen Geist in das Urchristentum, dieses in das Neue Testament. Der Verfall unseres Volkes könnte nur durch eine rom- und bibelfreie Einheitskirche aufgehalten werden." Daß jüdischer Geist aus dem Neuen Testament spricht, ist unleugbar, was aber nicht ihin^ dert, daß wahre Christen dadurch zu ganz anderen Folgerungen gelangen. Wir haben an dieser Stelle schon der Vermutung Ausdruck gegeben, daß die blutrünstige Hetze der hakenkreuzlerischen Presse gegen die Juden nur dadurch erklärlich wird, daß der Staatsanwalt in begreiflichem Ekel sich deren Lektüre entzieht. Teüen aluich die katholischen Geistlichen in Oesterreich diese Empfindung? Ego. VERGESSEN Sie nicht das Abonnement zu erneuern. 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