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Die Wahrheit · 1925-06-19 · Heft 24 (19.6.1925) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 24 (19.6.1925)
Date
1925-06-19
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Hr. 24 DIE WAHRHEIT Seite 5 keit dieses Problems erfaßt. Der bekannte Heineforscher Ernst Elster hat letzthin im Bibliographischen Institut in Leipzig eine neue, ganz vorzügliche, nach wissenschaftlichen Grundsätzen bearbeitete Heine-Ausgabe erscheinen lassen, die alle neuen Einsichten, Ueberzeugungen und Forschungs-Ergebnisse berücksichtigt; in der den Werken vorausgeschickten biographisch-kritischen Skizze widmet er auch Heines „Judentum" einen beachtenswerten Abschnitt. In den letzten Jahren ist ferner eine Anzahl von Schriften, darunter auch eine aus Heines Werken zusammengetragene Confessio judaica erschienen, die Heines Stellung zum Judentum beleuchten. Die seelischen Fundamente des Juden Heine, der (um ein talmudisches Wort auf ihn anzuwenden) trotz des „Fehltritts" tiefinnerlich Jude blieb, werden immer mehr bloßgelegt. Es ist nicht auszumessen, schreibt Elster, was die Frage seines Judentums für das innere und äußere Leben Heinrich Heines bedeutete. Wir wissen heute, daß diese Frage Heinrich Heine viel, ja unablässig beschäftigt, daß der Gedanke an sein Judentum ihn nie verlassen hat. Heines Stellung zu Juden und Judentum läßt sich also heute ohne sonderliche Schwierigkeit feststellen. Klar und eindeutig ist auch die Stellung der deutschen Juden zu Heinrich Heine. Dagegen ist von dem Verhältnis der Ostjuden zu dem deutschen Dichter so gut wie nichts bekannt. Darüber soll hier einiges mitgeteilt werden. Heinrich Heine ist verhältnismäßig spät in die Judengasse eingedrungen. Man spricht oft von Schiller im Ghetto, es ließe sich auch von Goethe im Ghetto sprechen, dagegen ist von Heine im Ghetto herzlich wenig zu berichten. Die Ursache hierfür ist weniger im Dichter als in seiner Dichtung zu suchen. Die literaturkundigen Juden im Osten wußten mit Heine nichts Rechtes anzufangen. Es ging ihnen mit ihm wie Moses Mendelssohn mit dem Schachspiel: er war ihnen als Witzbold zu ernst, als ernster Dichter zu witzig. Zudem war seine Schreibweise zu glatt, einfach, klar, ohne Schnörkel und Satzwindungen, die Deutungen, Glossen und Kommentare zulassen. Die Entwirrung eines Gedankenknäuels war den talmudischen Köpfen der Judengasse unentbehrlich. Sie fanden daran Gefallen. Heine konnte man lesen; sie waren gewohnt zu „lernen". Gedichte ohne moralische Tendenz nannten sie ehemals im Ghetto „Gedichte ohne Sinn". Und den Heineschen Gedichten fehlte die moralische Nutzanwendung. Gemäß dieser Neigung zur Grübelei und zum Moralisieren hatten auch die hebräischen Schriftsteller lange gezögert, Heinrich Heine in das Fremdenregister der neuhebräischen Literatur einzutragen. Das erste Heinesche Gedicht, das in einer hebräischen Uebertragung erschien, ist — soweit ich es feststellen konnte — „Frau Sorge" (Kochbe jizchak 1853, Heft 18). Erst neun Jahre später finden wir in derselben Zeitschrift einen Sinnspruch Heines übersetzt vom philosophischen Schriftsteller Fahrns Misus (ibid 1862, Heft 27). Bedenkt man, daß die Kochbe jizchak von 1847 bis 1873 erschienen sind und daß sie zumeist von Uebersetzungen genährt wurden, so müßte die Auslese von zwei Gedichten aus dem reichen Liederschatz Heines ein Kopfschütteln hervorrufen, wenn die oben angeführten Gründe diese Erscheinung nicht einigermaßen erklärten. Ich finde es besonders beachtenswert, daß gerade „Frau Sorge" die Uebersetzungslust eines hebräischen Schriftstellers erregte, während doch in erster Linie Heines Hebräische Melodien ins Hebräische übertragen zu werden verdienten. Man kann an der ersten Auswahl aus den verschiedensten Dichterwerken, die sie der Uebersetzung für wert befanden, das Gefühlsleben und die Gedankensphäre der damaligen hebräischen Schriftsteller kennenlernen. Von Schiller übersetzten sie den Chorgesang: „,Durch die Straßen der Städte, vom Jammer gefolget, schreitet das Unglück", den Brand aus der „Glocke", von Goethe „Wer nie sein Brot mit Tränen aß", von Shakespeare den Sein- und Nichtsein-Monolog, Youngs „Nachtgedanken", aus Tiedges Urania „Der Zweifler" und — Kotzebues „Ausbruch der Verzweiflung". Bei Heine hatte es ihnen just die „Frau Sorge" angetan: Das Glück ist fort, der Beutel leer, Ich hab auch keine Freude mehr. An meinem Bett in der Winternacht Als Wärterin die Sorge wacht. Auch der bekannte Poet Max Letteris hat einige Gedichte Heines ins Hebräische übertragen. Den Hebräischen Melodien in hebräischem Gewände begegnen wir erst dreißig Jahre nach dem Tode des Dichters. Konstantin Schapiro lieferte eine gelungene Uebersetzung der „Disputation"; Salomon Mandelkern übersetzte „Prinzessin Sabbat" und „Jehuda Halevy". Zu der Uebersetzung des Gedichtes „Jehuda Halevy" sind einige Bemerkungen am Platze, erstens weil der „Halevy" eine der köstlichsten Dichtungen Heines ist und dann weil Mandelkern ein anerkannter hebräischer Dichter war. Mandelkern hat mit dem Heineschen Gedicht geschaltet und gewaltet, als wäre es sein eigenes. Zunächst hat er die leichtbewegten vierfüßigen Trochäen in langatmige Verse zu je vierzehn Silben umgewandelt. Dann hat er den gekreuzten Reim verwendet. Und schließlich überschritt er vollends das Maß des für einen Uebersetzer Zulässigen, indem er sich Aenderungen, Abkürzungen, Ergänzungen und allerhand Korrekturen erlaubte. Es existiert indes noch eine zweite hebräische Uebersetzung des „Halevy" von Salomon Lurie, einem Ingenieur aus Mohilew. Lurie hat das Heinesche Gedicht ziemlich wortgetreu und im Versmaß des Originals übersetzt und mit einigen trefflichen Anmerkungen versehen. Liebeslieder von Heine, ebenso einige Reisebilder, sind erst in der nachhaskalischen Zeit ins Hebräische übersetzt worden. Von Heines Hauptwerk, dem „Buch der Lieder", wurde erst in den Jahren nach dem Kriege eine hebräische Ausgabe veranstaltet. Die Uebersetzung stammt von dem bekannten hebräischen Dichter Jizchak Katzenelson. Das Buch der Lieder, hebräisch „Sepher Ha-schirim", ist mit einem Bildnis Heines und einer Einleitung des Uebersetzers im Sztybel-Verlag zu Warschau erschienen. Derselbe Verlag hat auch die „Harzreise"' in einer Uebersetzung von David Simonowitz herausgegeben. Faßt man alles zusammen, was zur Zeit von Heine im Hebräischen vorliegt, so dürfte es kaum mehr als den zwanzigsten Teil seines Gesamtwerkes ausmachen. Heine im Hebräischen ist nur ein Miniaturbild des deutschen Heinrich Heine. Trotzdem ist dem hebräischen Leser Gelegenheit gegeben. Heinrich Heine in seiner ganzen Diohtergröße kennen und schätzen zu lernen. Es existiert nämlich eine Heine-Biographie in hebräischer Sprache. Das Buch trägt den Titel „Mimkor .lisrael" (Aus jüdischer Quelle), und der Verfasser ist Eleasnr Schulmann, ein Gelehrter und ein Mann von Geist. Schulmann stellt alle Parteilichkeit beiseite und bleibt in jeder Hinsicht objektiv. Er sucht Heine zu verstehen, das Verzeihen, wo es erforderlich ist, ergibt sich dann von selbst. Dieses Buch ist das schönste Denkmal, das ein hebräischer Schriftsteller dem Dichter Heine setzen konnte. Der Judft Lassalle. Eine Studie über jüdischen Kapitalismus. Von Dr. Max Grunwald. (Schluß.) } Beim Empfang der Taufe war Karl sechs Jahre alt. Es ist natürlich, daß im väterlichen Haus über den vollzogenen Religionswechsel mancherlei gesprochen wurde, was der Knabe vernommen hat, er mag auch selber darüber den Vater befragt haben. Kinder sind bekanntlich unermüdliche Frager. besonders wenn sie — etwa von Schulkameraden — auf irgend etwas immer wieder aufmerksam gemacht wurden. Nun gilt es, auf die Frage des Kindes einen genügenden Grund für den „Glaubenswechsel" ausfindig zu machen. Dafür gibt es zwei Wege. Entweder man'malt dem Kinde das Judentum als eine Spottgeburt von wuchergierigem Schacher und scheinheiligem Pharisäertum, die jeder Mensch, der sich selbst achtet, so bald als möglich weit von sich weisen müsse. Man entwirft also den Nachkommen ein Zerrbild, welches diese in redlichem Glauben eis „das Judentum" in ihren Vorstellungskreis einreihen: wie sollten sie dann nicht Judenfeinde werden oder wenigstens nicht solche erziehen? Oder man stellt sich auf den Standpunkt, die Religion sei überhaupt etwas Veraltetes, ein „Opium fürs Volk": unter dsm Aushängeschild der Religion handle es sich nur um Privatinteressen der Geistlichen, um nationale und wirtschaftliche Fragen. Die ganze Religion sei eine Illusion, eine Chimäre; die Beschäftigung mit ihr sei dem modernen Menschen gar nicht zuzumuten. Ganz andere Fragen seien in unserem aufgeklärten Zeitalter allein wert, daß man sich mit ihnen beschäftige, die Fragen des Diesseits, des lieben Magens, die materiellen Fragen, welche „unsere Zeit bewegen." Also Antisemitismus oder Materialismus oder endlich beide zugleich. Da Marx mit den Erben altjüdischen Edelsinnes zu verkehren nie Gelegenheit fand, blieb die ihm vom Vater suggerierte Vorstellung vom Judentum in seinem Geiste haften. Von dem Vater Ferdinand Lassalle's hingegen erzählt Israel Zangwill folgende interessante Episode: Sein

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