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Die Wahrheit · 1925-06-19 · Heft 24 (19.6.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 24 (19.6.1925)
Date
1925-06-19
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Settel DIE WAHRHEIT Kr. 24 Schwiegersohn Friedland war nach Prag übersiedelt, wo er durch eine verschwenderische Gastfreundschaft und durch ängstliches Verschweigen seines Judentums sich den Weg zum Verkehr mit hochgestellten Persönlichkeiten zu bahnen suchte. Sein Streben ging dahin, die Kreise, die durch Geburt oder Stellung hervorragten, zu gewinnen. Als eines Tages die Elite der Prager Gesellschaft bei Friedland speiste, kam Lassalle's Vater unerwartet an, um Tochter und Schwiegersohn zu besuchen. Letzterer ersuchte ihn schleunigst, ja nicht vor den Gästen zu erwähnen, daß sie Juden seien. Der alte Mann war darüber sehr verdrossen, aber erwiderte nichts. Doch als alle Gäste an der Tafel saßen, erhob sich der alte Lassalle zu einer Ansprache und als alles schwieg, fragte er die Gäste, ob sie es denn wüßten, daß sie an) eines Juden Tafel säßen. „Ich halte es für meine Pflicht", sagte er, „Sie davon zu unterrichten, daß ich Jude bin und meine Tochter und mein Schwiegersohn ebenfalls Juden sind. Ich will die Ehre, mit Ihnen zu speisen, nicht durch Betrug erkaufen." Die wohlgeborenen Gäste ließen den alten Herrn hoch leben, aber der Gastgeber wurde totenbleich vor Verwirrung und hat es seinem Schwiegervater nie verzeihen können. Aus dem guten jüdischen Milieu ist Lassalle's Natur und Persönlichkeit zu begreifen. Eine vornehme Ueberlegenheit und Intelligenz sprachen sich auf seinem hübschen Gesichte aus, das für so viele Frauen unwiderstehlich war. Dieses Antlitz vereinigte harmonisch drei verschiedene Schönheitstypen: den jüdischen, griechischen und germanischen. Der Orient gab den Teint und das Feuer des Ausdrucks, die Nase war griechisch, die Form des Kopfes zeigte einige Aenlichkeit mit der Goethes. Der Geist des Streiters, dem jede Furcht fremd war, leuchtete aus seinen dunkelblauen Augen. Lasalle war sein ganzes Leben hindurch der liebevollste Sohn und das Verhältnis zwischen ihm und den Seinen offenbarte den unverdorbenen jüdischen Familiensinn. Noch in seinen ietzten Tagen gedenkt er seines Aufenthaltes auf dem Rigi „mit meinen geliebten Eltern, mit meinem treuesten Freunde von allen, denn armen Vater, der jetzt tot ist." Nie hatte, vor dem völligen Nervenzusammenbruch in Genf, die Gräfin H a t zf eld ihn weinen gesehen, außer bei der Nachricht vom Tode des Vaters. Aus der Psychologie der Unterdrückten ist sein Parteiergreifen für die Gräfin zu erfassen. Die große Tragödie des Ghettos hat in edlen Herzen den tiefsten Abscheu, den flammenden Protest gegen jedes Unrecht entzündet, und dem Unrecht zu wehren, dem Bedrückten beizustehen als höchste Ruhmestat, als Befriedigung edelsten Ehrgeizes erscheinen lassen. Und je mehr Rang und Reichtum die Verbündeten des Unrechtes waren, umsomehr reizte es den geborenen Kämpfer, der M_acht das Recht entgegenzusetzen. Noch nach vierzehn Jahren schrieb Lassalle rückblickend: „Und ich, ein junger, machtloser Jude, erhob mich gegen die furchtbarsten! Mächte", und daß auch andere so dachten, zeigt das in einem Nekrologe mitgeteilte, von „hochgestellter Seite": „Ich gäbe Lassalles philosophische und juristische Werke hin für die Tat seiner Jugend, für das chevalereske Eintreten für eine unglückliche Frau." Die exakte Geschichtsschreibung ist bemüht, das Wort Zufall aus ihrem Bereiche zu verbannen. Geminderte Denkenergien nur greifen zu dem Worte „Zufall", wenn sie ermüden, die tiefen innerlichen Zusammenhänge der Erscheinungen aufzuspüren und bloßzulegen. Es ist somit auch kein Zufall, daß Ricardo, Marx und Lassa 11 e jüdischen Familien entsprossen sind. Unter diesen dreien war gerade Ferdinand Lassalle die erfreulichste Erscheinung, faszinierend als Gelehrter, Agitator und als Mensch. Eine Gestalt voll bestrickenden, romantischen Zaubers, meteorartig emportauchend, weithinstrahlend, um plötzlich zu verschwinden und zu verlöschen. Und jene Tausende und Tausende, welche alljährlich zum Grabe Ferdinand Lassalles wallfahrten, die Millionen und Millionen, die seinen Namen preisen , und segnen, sind in ihrer Art Zeugen für die Wahrheit der göttlichen Verheißung an unseren Urahn Abraham: „Durch deine Nachkommen sollen gesegnet werden alle Völker der Erde." Und will man das atavistische Element in der Natur von Ferd. Lassalle und Karl Marx auf edne Formel bringen, so dürfte man sage: In Marx lebte die alte, verstandsscharfe, talmudische Dialektik, in Ferd. LassaUe glimmt ein Funke des israelitischen Prophetentums. Glossen. Die Innsbrucker nationalsozialistischen Studenten protestieren dagegen, daß Dr. Bauer, ein Judenstämmling, Vorlesungen über Zahnheükunde an der Universität halte. Diese verbissenen Hakenkreuzler lassen sich auch durch die feierliche Versicherung Dr. Bauers, daß er Katholik sei und stets christliche Gesinnungen bekundet habe, nicht besänftigen. Sie sind duldsam genug, in nicht näher zu bezeichnenden Fällen sich sogar unverfälscht jüdischen Aerzten anzuvertrauen, aber dem Judenstämmling, dem die venia legendi an der Innsbrucker Universität vom Ministerium und dem Proiessorenkollegium erteilt wurde, weisen sie grimmig die Zähne. Macaulay hat schon vor vielen Jahrzehnten die Borniertheit gegeißelt, die, wenn es sich nicht etwa um ein geistliches Amt handelt, überhaupt die Frage nach der Konfession aufwirft, aber die Innsbrucker Hakenkreuzler wissen vielleicht nicht einmal, wer Macaulay war. Ich selbst bin übrigens der Meinung, daß ein jüdischen Interessen dienendes Blatt wie die „Wahrheit" keinen besonderen Grund hat, sich für das verletzte Recht eines „Judenstämmlings" zu echauffieren. Das wäre eigentlich Sache der Blätter, die angeblich ihr Ideal darin erblicken, für die Heilswahrheiten des Christentums zu kämpfen. Die Innsbrucker Hakenkreuzler negieren durch ihre jüngste Hetze nicht nur die österreichischen Staatsgrundgesetze, sondern auch das — Sakrament aer Taufe. * In der „Reichspost" hat man bisher kein Wort gelesen, das die Haltung der Innsbrucker Jünglinge gegenüber einem Mann, der sich als überzeugter gläubiger Katholik bekennt, gebrandmarkt oder auch nur zurückgewiesen hätte. Es wäre aber vielleicht übereilt, in diesem Schweigen ohne weiteres eine Zustimmung oder auch nur Duldung zu erkennen. Es kann auch die Wirkung einer übermächtigen Empörung sein, der Worte keinen Ausdruck zu geben vermögen. Einem so frommen Blatt, wie es die „Reichspost" ist, kann es wirklich, wie man zu sagen pflegt, die Red' verschlagen, wenn die Aposteln des Deutschtums in Innsbruck die Frechheit haben, Erklärungen zu veröffentlichen, die dem Andenken der Aposteln des Christentums ins Gesicht schlagen. :.. * * Die Frage der Hebung des Fremdenverkehrs gilt als eine der vitalsten für Oesterreich und ganz besonders für Wien. Die Kaufmannswelt, die unter dem Drucke einer immer peinlicher werdenden Stagnation ächzt, die weitesten gewerblichen Kreise knüpfen an jede Aktion, die zur Hebung des Fremdenverkehrs dient, Hoffnung auf eine Besserung ihrer Lage und Hoteliers, Aerzte und weiß Gott wer alles noch, teilen diese Hoffnung. Das berüchtigte Wiener Hakenkreuzlerblatt will wohl zeigen, daß es die Bedeutung der Abhaltung von Kongressen für die Hebung des Fremdenverkehrs kennt, und beschäftigt sich daher wiederholt mit dem für August anberaumten Zionistenkongreß. Allerdings in seiner Art und unter der Aufschrift „30.000 Saujuden". Das ist so ein kleiner Spritzer aus der Kloake, in der sich

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