Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 24 (19.6.1925)
- Date
- 1925-06-19
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT viele Sprüche aus der Bibel. Außer den Schränken mit Gebetbüchern gab es dort keine weiteren Möbel. Nachher lud uns der Rabbiner in ein Seitenzimmer ein, wo er uns aus einer alten Handschrift folgenden Text vorlas: ..Wir Kinder von zehn Volksstämmen, gehörten in den alten Zeiten dem Staate Israel an, nachher wurden wir durch Nebuchadnezar vertrieben. Nach dem Niedergang des syrischen Staates sind unsere Vorfahren nach dem Osten Asiens gegangen, wanderten von Ort zu Ort, bis sie endlich zum fernen Osten kamen. Der größte Teil unserer Vorfahren hat sich in China niedergelassen und nur ein kleiner Bruchteil hier im Lande. In Japan leben wir schon 2000 Jahre. Die historischen Dokumente und die alten Vorkommnisse sind in unsere Bücher eingetragen, nach der mündlichen Uebergabe von einer Generation zur anderen." Auf meine weiteren Anfragen habe ich folgendes erfahren: Die Juden Japans besitzen keine Thorarollen. Ihre ganze Lehre über die jüdische Religion ziehen sie aus der Bibel, die sie auf Pergament in japanischer Sprache aufgezeichnet besitzen. Den Beschneidungsritus halten sie streng und führen ihn während des ersten Lebensjahres des Kindes aus. Die wichtigsten Festtage der japanischen Juden sind: Passah, Schewuoth, Sukoth; sie werden durch vollständige Arbeitsruhe gefeiert. Dagegen unterscheiden sich die anderen Feiertage nicht vom Alltag. Außer den einfachen jüdischen Feiertagen werden die Tage des 13. bis 16. Juli als große Feiertage geheiligt, als Gedenktage für die verstorbenen Seelen. Bekannt ist, daß dieselben Festtage von den Buddhisten gefeiert werden. Jeden Samstag sowie Feiertag kommen die japanischen Juden in den Gehethäusern zusammen. Bevor er in den Tempel tritt, muß der Betende baden, die besten Gewänder anziehen und stolz mit erhobenem Haupte dem Eingang des Temnels zugehen. Bei der Tür wäscht man die Hände in dem Brunnen und bevor man ins Innere des Tempels eintritt, muß man in einen dort hängenden Spiegel hineinschauen, das soil bedeuten: ..Gleich wie du dein Antlitz im Spiegel siehst, so schaut Gott in dein Herz hinein und liest alle deine Gedanken." Taleth und Tefillin besitzt jeder japanische Jude, nur ziehen sie diese nicht an, sondern behalten sie als Heiligtum in einem elfenbeinernen Kästchen. Während des Gottesdienstes liest der Rabbiner Abschnitte der Psalmen, während die Andächtigen die größte Ruhe bewahren. Nachher hält der Rabbiner die Predigt. Eheschließungen gehen die japanischen Juden nur unter sich ein. Die Verlobten sehen sich nicht, bevor der Bräutigam seine Braut in sein Heim führen kann. Die Eltern den. Von dem auf drei Bände berechneten Werk sind bisher zwei erschienen, von denen der erste die Einführung in den Problemenkreis und die Besprechung Frankreichs und die Schweiz, der zweite die Demokratien der angelsächsischen Welt zum Inhalt hat. Dieses großartige staatsrechtliche Werk hat Bryce geschaffen. ..um eine tragfähige Grundlage für Erörterung und Urteil (politische Probleme) dadurch zu schaffen, daß eine bestimmte Anzahl von volkswirtschaftlichen Regierungen in ihrer tatsächlichen Wirksamkeit, in gegenseitigem Vergleich und unter Aufstellung der ihnen anhaftenden Vorzüge und Nachteile untersucht würde". Mit diesen Worten rechtfertigt der Autor sein Werk, das für uns gerade heute, wo der Streit zwischen Bund und Länder ausgetragen wird, von besonderer Bedeutung ist. Aber Br\'ces „Demokratien" ist kein staatsrechtliches Werk im gewöhnlichen Sinne. Der Autor hat an Ort und Stelle, in Frankreich, Schweiz. Australien. Kanada. Neu-Seeland. U. S. A. und Spanisch-Amerika sein Materj-1 gesammelt und so ist sein Werk nicht nur als staatsrechtliches zu betrachten, sondern zeigt vielmehr überall die starke ncrsönliche Note des Autors, seine geniale Beobachtung«; o-^be. die das Werk zum ..Reisetagebuch eines Sta^tsrechtle.rs" macht, da«; alle Vorzüge eines solchen Reisewerkes besitzt Nicht tote Doktrin, sondern gelebtes Leben, die reife Fnicnr dieses Lebens hat Bryce. uns in diesem Werke hinterlassen. — Ein besonderes politisches Phänomen ist für ims heute Rußland. Einen Ausschnitt aus dem heutigen PnßlanH <t;m uns Ponrf in ..Tsclieka, der Staat Im S t a a t."2r>,> Was im zaristischen Rußland die ..schwarze Hundert" war. ist linste die Tscheka. die ..rote Inquisition". Popoff erzählt von seinen eigenen Erlebnissen und Erfahrungen mit dieser Organisation, deren Onfer sein Bnider geworden ist. (Fortsetzung folgt.) Hergestellt unter Aufsicht des Ew. Oberrabbiners S. Fürst Zur Herstellung von Suppen mit und ohne Einlagen, zur Verbesserung von Suppen, Saucen und Gemüsen s) Frankfurter Sozietätsdruckerei, 1925, geh. M. 4.50. erledigen alle Vorbereitungen. Sogar in der Synagoge, wo die Trauungszeremonie unter dem Baldachin stattfindet, ist die Braut mit einem Schleier vom Kopf bis zu den Füßen bedeckt. Die jüdische Gemeinde in Japan zählt 3000 Seelen. Alle sind auschließlich mit Handwerk beschäftigt und wohnen in Osoki, Kioto und Umgebung. Ihre Sitten und Gebräuche unterscheiden sich gar nicht von den japanischen Nichtiuden. Während einer Unterhaltung sagte mir der Rabbiner flüsternd: „Israel! Israel! Glaubt. Freund, daß wir Israeliten sind und an den einzigen Gott glauben, an einen Gott Israels. Weder früher noch später hnt bei uns jemand seinen Glauben' verlassen und ist nie dem Glauben unserer Vorfahren abtrünnig geworden." Deutsch von A. Walek. Heine in der Jndengasse. Von M. Samuely. Für die lebendige Kraftfülle der Heineschen Dichtung sind die zahlreichen Neuausgaben der Werke Heines ein untrügliches Zeichen. Heines Werk, heute noch so herrlich wie am ersten Tag, erscheint immer wieder in neuer Gewandung. In jüngster Zeit, da sich der deutsche Buchhandel nach jahrelanger Stockung zur vorkriegszeitlichen Höhe aufzuschwingen beginnt schlägt Heinrich Heine unter den deutschen Klassikern — Goethe natürlich ausgenommen — den Rekord an neuen Auflagen. Um die Werke Heines ist nachgerade unter den deutschen Verlegern ein Wettstreit entbrannt. Fast ieder große Verlag in Deutschland bringt heute seinen neuen Heine heraus, das will sagen, den alten Heine in neuer Gestalt, in neuer Aussiattung oder zum mindesten in neuer Anordnung. Heine wird heute so viel gelesen wie früher, aber besser verstanden, als er vormals verstanden worden ist. Und je mehr wir ihn verstehen, desto weniger haben wir ihm zu verzeihen. Schritt für Schritt treten seine menschlichen Schwächen vor seiner Dichtergröße zurück. Für das Verständnis des Phänomens Heine ist die Kenntnis von seinem Verhältnis zum Judentum ungemein wichtig. Ueber Heines Stellung zum Judentum ist die Heineforschung bislang wie über einen dunklen Punkt hinweggegangen. Erst in den letzten Jahrzehnten hat sie die Wichtig-