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Die Wahrheit · 1925-06-12 · Heft 23 (12.6.1925) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 23 (12.6.1925)
Date
1925-06-12
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. 23 Qi_WiAHRffiIf Seite 5 diesem Sinne dürfte der abgeführte Ehrenbeleidigungsprozeß tatsächlich segensreich gewirkt haben. Die tadellose Beamtenschaft der Kultusgemeinde wird künftighin entschieden dagegen Protest einlegen /müssen, daß sich Leute anmaßen, ihre Interessen zu wahren, welche diese direkt verraten haben. Allen jenen aber, welche es wagen sollten, die oberste Vertretung der Wiener Judenschaft, die derzeit einen schweren Kampf nach außen führt, aus niedersten Motiven im Innern zu untergraben, möge als abschreckendes Beispiel dienen — das tragische Schicksal des Religionslehrers Josef Pick! „Jud Süß." Von Doris Wittner. Unter den mannigfachen, zu historischer Bedeutung gelangten internationalen Juden, die, trotz jeweiliger Knechtung und Entrechtung der über sie eingesetzten Wirts- und „Schirmvölker", weltgeschichtliche Patina erlangten . und — berühmt oder berüchtigt — mit dröhnendem Schritt durch die Jahrhunderte schritten, ist Leopold Süß Oppenheimer, unter der volkstümlichen Bezeichnung „Jud Süß" bekannt und genannt, nach ertragreichen Geschäften am kurpfälzischen und Darmstädter Hofe, der allmächtige „Finanzdirektor" (will sagen: förmliche Finanzminister) und eigentliche Regent des Herzogtums Württemberg unter der Regierung des katholischen Herzogs Karl Alexander, vor jener Weltgeschichte, die das Weltgericht darstellen soll, eigentlich recht schlecht weggekommen. Gewiß: es hat sich eine haushohe Literatur aufgeschichtet über Glück und Ende des merkwürdigen Mannes, dessen Leben, ohne daß er ein offizielles Staatsamt bekleidet hätte (er verweigerte diese ihm häufig angebotene Gunst hartnäckig; ihm schien der Kitzel der Macht um so süßer, je willkürlicher, unverbriefter er sie genoß), einen Rausch von Ansehen, Glanz, Schönheit, unbegrenzten Möglichkeiten darstellte, und dessen Tod: — bekleidet mit seinen Prunkgewändern, eingesperrt in einen eigens errichteten Käfig, an haushohem Galgen unter dem Johlen des Pöbels (der allsolang vor ihm gedienert und gekrochen) gehängt zu werden — wieder einen Beweis für die Erfindungsgabe des Menschen in Grausamkeit und Bestialität lieferte. — Zugegeben: Leopold Süß Oppenheimer hat das schwäbische Land bedrückt, gezwackt, ausgesogen, wo und wann er nur immer konnte; aber allzeit zu Diensten und auf Befehl seines herzoglichen Gönners und Herrn, den es gelüstete, außer Landes den ruhmgekrönten Feldherrn, den unbesiegbaren Soldaten, innerhalb seines „Ländles" aber einen „Louis Quartorce" en miature zu spielen. Der Herzog — ein ungebildeter, weibstoller Patron — war der eigentliche Schuldige; „sein Jud", der geniale Finanzkünstler und gewiegte Staatsmann, der über alle Geisteskräfte und Bildungsmöglichkeiten seiner noch nicht eben sehr erleuchteten Zeit — Anfang des achtzehnten Jahrhunderts — und den als Teufelspuk verschrienen, weil seinen obskurantistisch verschlossenen, pietistisch verfinsterten, tölpelhaften Volksgenossen wesensfremden Kombinationen und Intuitionen einer aufgehenden Kultur mit souveräner Eleganz gebot: er mußte zum „gottgewollten Prügelknaben" eines unwissenden und böswilligen Zeitalters werden. „Hepp-Hepp!" Der Schandruf der Menschheit, der zur hohen Jagd auf das Edelwild, den Menschen, den „Bruder Mensch" höchstselbst, aufruft, hallt durch Zeit und Raum. Im Falle des „Jud Süß" hat kein Geringerer als der Dichter W i 1helm Hauff sich durch seine Anstimmung geschändet. Und heute? Heute herrscht das Hakenkreuz, der Arierparagraph, die Blutprobenthecrie. (Die Statuten der Burschenschafter verwehren die Mitgliedschaft jedem, der in seiner Aszendenz die legitime Verbindung mit einer farbigen oder jüdischen Frau etwa aufweisen kann; — zu Zeiten des „Jud Süß" stand Strafe des Hochgerichts, vulgo: Tod durch den Strang dem vermessenen Juden in Sicht, der sich mit einer christlich geborenen Frau oder Jungfrau „in eroticis" fand.) Man sieht, die Kulturgeschichte hat wenig Phantasie und gebiert selten neue Einfälle. Um so verdienstlicher ist es, daß gerade jetzt ein Schriftsteller von Rang, wie Lion Feucht wanger, es unternimmt, in Gestalt eines etwa sechshundert Seiten langen Romans über „Jud Süß" (Drei-Masken-Verlag, München) die jahTtausendalte Antinomie zwischen Christ und Jude, zwischen dem Volke des Buches — dem „Das Buch" alles ersetzen muß: Staat, Heimat, Heim, Glück, Beruf, Erfolg, Freude, — . . . und dem kriegsgewaltig über dem in aller Welt zerstreuten Menschenhäuflein dahinfahrenden „Edom"; daß, sagen wir, ein Mutiger im Geiste eben jetzt dieses Problem aufrollt Und wie Lion Feuchtwanger es tut, beweist, daß er jeglichen Willen zur Objektivität hat, daß er weder voreingenommen für die eine noch für die andere Partei ist. (Darin liegt jenseits des künstlerischen Valeurs die menschliche Größe dieses Werkes.) Nur hie und da, ganz selten, wenn er der in der Diaspora verirrten, sich nur in seinen heiligen Büchern und Bräuchen wieder zusammen und zueinander findenden Kindern des Wüstenwanderstammes gedenkt, erklingt seine Dichterharfe unversehens in Molltönen: süß, erhaben und ergreifend, wie sie dereinst vielleicht auf dem heiligen Hügel Moria dank Kithara und Theorbe zum Preise des Allerhöchsten, nicht aber zum unedlen Zwecke der Menschenhatz, erklungen sein möge. In solchen Augenblicken verspürt man wohl auch — durch das Medium des Herzens, nicht des Hirns, die Zusammengehörigkeit des Dichters mit dem „Alten Bunde", dessen Gesetz in ihm ist, mag er auch seine Satzungen äußerlich mißachten. Die Gestalt des „Jud Süß" hingegen ist — zumal in ihrem ersten Teil, bevor der gewaltsame Tod seines Kindes, der „Rose von Zion" und „Lilie im Tal", seinen schuldbeladenen Geist entsühnt und ihn zum freiwilligen Märtyrer prägt — so herb und erbarmungslos gezeichnet, daß kein Hakenkreuzler ihn in dieser Charakteristik übertreffen könnte. Ein Streber: nach oben kriechend, nach unten tretend, devot, zynisch, je nach Bedarf! Und immer nur ein Ziel im Auge: die Erhöhung der eigenen Person zu nie geahnten Würden und Bürden und dem darob entstehenden Aerger der — andern. Und trotz allem, bei allem: der „Hof jud" (sonder Stolz und Stammesbewußtsein), öffentlich gefürchtet, heimlich von jedem verachtet und angespien. Aber: wir speien mit, um so mehr, als wir wissen, daß dieser Typus — abgesehen von seiner Genialität — unsterblich und unausgestorben ist und allezeit unter uns „wandelt in rosigem Licht." Der innerlich bekehrte „Jud Süß" (die poetische Lizenz einer illegitimen christlichen Geburt ist überflüssig und vom Uebel); die Gestalten kluger und doch selbstbewußter Geldgeber, ehrwürdiger Rabbiner und gelehrter Kabbalisten sowie die eindringliche und anschauliche Darstellung des dazumal Deutschland zerreißenden Kulturkampfes zwischen Rom und der Reformation (abermals eine Parallele zu heutigen Zuständen) leihen diesem Werk einen Wert weit über den Tag hinaus. Man möchte beinahe sagen: einen säkularen Wert Der Jade Lassalle. Eine Studie Uber jüdischen Kapitalismus. Von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Der ungeheure Eindruck, den diese machtvolle Persönlichkeit auf ihre Zeitgenossen ausübte, wirkt noch heute fast unvermindert fort; ihre Kraft ist noch immer in lebendiger Betätigung. Noch heute ist der jüdische Revolutionär der Abscheu der christlich-konservativen Kreise; weitmehr noch hat ihm das Bürgertum verdienten Haß bewahrt, als dem Manne, der seiner Macht mit Erfolg die Axt an die Wurzel gelegt hat, und selbst in der Arbeiterschaft wirkt der alte Neid von Karl Marx und den Seinen mächtig nach, der nie ganz zu Ende gekämpfte Gegensatz zwischen nationalem und internationalem Sozialismus, zwischen intransigentem Radikalismus und opportunistischem, blutwarmem Politikertum. Aber jetzt erleben wir's, daß er auch seinen größten Gegnern, Bismarck und Marx, geschweige denn dem „Bürgertum" gegenüber, in allen Hauptpunkten recht behält! Als Lebender besiegt, weil er das Tempo der Entwicklung ganz ungeheuerlich überschätzt hat trägt er jetzt als Toter einen vollen Triumph davon. Bismarck und Lassalle haben auf das allgemeine Wahlrecht verschiedene Erwartungen gesetzt. Jeder von ihnen hatte ein anderes Ziel und Bismarck bemerkte in einem gelegentlichen Gespräch zu Lassalle: „Ach, Sie meinen, es kommt darauf an, wer von uns der Mann ist der mit dem Teufel Kirschen essen kann. Nous verrons." Jetzt stellt es sich immer klarer heraus, daß im „Oberstock", wie Vi sc h er sagen könnte, Lassalle recht hatte, wenn er von der Einführung des allgemeinen und gleichen Wahlrechtes nicht wie Bismarck, der ja fürs erste recht behielt, eine Stärkung der Krone Preußens gegen das liberale

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