Mannheim
Compact Memory

Die Wahrheit · 1925-06-12 · Heft 23 (12.6.1925) · page 8

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 23 (12.6.1925)
Date
1925-06-12
Page
– (sequence 8)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3062972-3064022-3064044--13732-3081253
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Seite 6 DIE WAHRHEIT f&. 23 Bürgertum, sondern darüber hinaus die Entstehung einer übermächtigen, demokratisch-sozialistischen Volkspartei voraussagte. Und ebenso wird er mit seinem nationalen Sozialismus und seiner opportunistischen Taktik gegen Karl Marx recht behalten; daran wird schon heute kaum noch ein unbefangener Beobachter zweifeln wollen. „Zurück zu Lassalle!" rufen Sozialpolitiker aus den verschiedensten Lagern. Sein Vorschlag aber, der sozialen Not mit dem Mittel der Produktivgenossenschaft an die Wurzel zu gehen, hat in dem Soziologen Franz Oppenheimer einen zukunftsreichen Apostel gefunden. Nicht mit Unrecht hat man behauptet. Lassalle repräsentiere die guten und Marx die schlechten Seiten des Judentums. Lassalle hat, trotz gelegentlicher, von augenblicklicher Laune eingegebenen Aeußerungen des Unmutes über seine Stammesgemeinschaft, seine Zugehörigkeit zum Judentum, seine jüdische Herkunft nie verleugnet; von dem jüdischen Volke, seiner alten ruhmreichen Geschichte sprach er wiedrholt mit Worten der Verehrung und Liebe. Bei Karl Marx muß man nach dieser Richtung zwei Perioden unterscheiden. Erst in seinen späteren, reiteren Jahren gewann er ein intimes Verständnis für den Kampf der deutschen Juaen um bürgerliche Gleichsteilung. Als die jüdische Gemeinde in Köln a. Rh. an die preußische Regierung eine Petition über die rechtliche Lage des deutschen Judentums richtete, hatte Marx die Denkschrift verfaßt, die sich in Berliner Archiven noch finden mulil in seinen jüngeren Jahren stand Marx dem Judentum fremd und feindselig gegenüber, er gebärdete sich als Verächter des Judentums und als Hasser jeder Religion überhaupt „Die Religion", so schreibt der 25jährige Marx, ist die aligemeine Theorie dieser Welt---- ihre moralische Sanktion, ihre feierliche Ergänzung, ihr Trost — und Rechtfertigungsgrund .... Der Kampf gegen die Religion ist aiso mittelbar der Kampf gegen jene Welt, deren geistiges Aroma die Religion ist. Das religiöse Elend ist in einem der Ausdruck des wirklichen Elends und in einem die Protestation gegen das wirkliche Elend. Die Religion ist der Seufzer der bedrängten Kreatur, das Gemüt einer herzlosen Welt, wie sie der Geist geistloser Zustände ist. Sie ist das Opium des Volkes." „Die Aufhebung der Religion, des illusorischen Glücks des Volkes, ist die Forderung seines wirklichen Glücks. Die Forderung, die Illusionen über seinen Zustand aufzugeben, ist die Forderung, einen Zustand aufzuheben, der der Illusionen bedarf." (Brief an Rüge, S. 71.) Ueber das Judentum versteigt sich Marx zu folgenden Schmähungen: „Das Geld ist der eifrige Gott Israels, vor welchem kein anderer Gott bestehen darf." „Der Gott Israels hat sich verweltlicht, er ist zum Weltgott geworden. Der Wechsel ist der wirkliche Gott des Juden. Sein Gott ist nur der illusorische Wechsel." In dieser Schrift des 25jährigen Marx kann man eine Blütenlese finden über Judaismus und Kapitalismus, deren innere Zusammenhänge, wie wir sahen, Werner Sombart entdeckt haben will. Dabei verriet sein Aeußeres, sein Gehaben den Typus des Juden, von dem schwarzen, mähnenartig gewellten Haupthaar, dem glühenden Auge, den buschigen Augenbrauen und dem dichten, krausen, schwarzen Vollbart bis zu dem schief zugeknöpften Rock des weltvergessenen, spiegelentfremdeten Stubengelehrten. Ein polizeiliches Signalement des 34jährigen Revolutionärs registriert als besondere Kennzeichen: ,,a) Erinnert in Sprache und Aeußerem etwas an seine jüdische Herkunft b) Ist schlau, kalt und entschlossen." Die absonderlichen und abstrusen Auffassungen und Vorstellungen vom Judentum, die man bei dem jungen Marx findet, sind offenbar das Ergebnis einer erblichen Belastung. Das Zerrbild vom Judentum dankte er dem väterlichen Hause. In den Rheinlanden erhielten bekanntlich die Juden durch die Franzosen vollständige Bürgerrechte, die sie nach den Freiheitskriegen wieder eingebüßt haben. Jene Juden, welche inzwischen zu öffentlichen Stellungen und Aemtern gelangt waren, mußten entweder sich taufen lassen oder ihre Stellung aufgeben. Marx' Vater, Rechtsanwalt und Notar, Advokat beim Landesgericht zu Trier, fügte sich ins Joch und trat mit seiner Familie zum Christentum über. Weniger bekannt als die Persönlichkeit des Vaters und die Tatsache, daß der Großvater (Mordechai) Marx Levi hieß und sich einer Ahnemgalerie mit bekannten Größen der jüdischen Geschichte rühmen durfte, dürfte die Abstammung der Mutter sein: sie hieß mit ihrem Mädchennamen „Preßburg" und stammt von ungarischen Juden ab, die sich schon im XVII. Jahrhundert in Holland niedergelassen hatten. Es war also, wie auch der Stammbaum Lassalles auf eine orthodoxe oberschlesische Landgemeinde zurückweist — Loslau, daher „Loslauer', woraus „Lassalle" entstand —, ein Haus echt jüdischen Ursprungs, freilich durchtränkt von Voltairianismus, in dem Karl Marx aufgewachsen ist Auch seine Fehler, das Aggressive seiner ganzen Natur, hatten den gleichen Urquell. Weil die Juden sich überall im gesellschaftlichen Leben die Stellung erst erobern müssen, die jedem Nichtjuden ohneweiters eingeräumt wird, deshalb stehen sie fortwährend in Fechterstellung. Man kann unmöglich bescheiden auftreten in einem Kreise, in dem man nicht als Gleicher unter Gleichen angesehen wird, in dem man aber die Gleichberechtigung beanspruchen darf. Aber auf die Art, sich geltend zu machen, kommt es an. Lassalle gebraucht einmal den Ausdruck „meine glühende Seele". Er durfte so ohne Uebertreibung sprechen. Sedn feuriges Temperament, sein keine Grenzen respektierender Stolz, sein edler Mut, sich furchtlos in jede Bresche zu stellen, wurde von den Besten seiner Zeit in allen Lagern gewürdigt; nur dem Philister fiel er entsetzlich auf die Nerven. Ganz anders Karl Marx, dem solche Sympathien zu erringen nicht gegeben war. (Schluß folgt.) Glossen. Ein Wiener Blatt berichtete neulich von der Tragödie eines vierzehnjährigen Mittelschülers, der im Kreise gleichaltriger und gleichgesinnter Kollegen fröhlich rassenschützlerische Hetzreden zu halten liebte, bis er erfuhr, daß er der Sohn eines getauften Juden sei. Der arme Junge erkannte jetzt vielleicht die Sinnlosigkeit seiner politischen Theorien, aber er setzte doch seinem bisher gepflegten Rassenhaß die Krone auf, indem er seinem Leben ein Ende machte. Kann es eine erschütterndere Mahnung für Väter geben, die angeblich um das Wohl und Glück ihrer Kinder zu fördern, dem Glauben ihrer Väter abschwören. * * * Der Staatsanwalt legt Wert darauf, bekanntzugeben, daß er, noch bevor die Polizeidirektion ihn auf die Adresse der „Deutschen Arbeiter-Presse" aufmerksam gemacht, schon sein Interesse den famosen Artikeln des Blattes zugewendet hatte, in welchen dieses seinen Lesern eine Wiener Rathenau-Liste zur gefälligen „besonderen Beachtung" empfahl. Man wird es begreiflich finden, daß der Staatsanwalt ex offo als Ankläger gegen ein Blatt auftreten muß, das zwar bescheiden genug war, sich nicht des Erfolges zu rühmen, den es seinerzeit durch die wohlbegründete Mitteilung der Wohnungsadresse Bettauers erreichte, aber offenbar glaubte, unbehelligt auf diesem Wege fortfahren zu dürfen. Die geschätzten Redakteure der „Deutschen Arbeiter-Presse" sagten sich vielleicht: „War im Falle Bettauer kein amtlicher Faktor so neugierig, uns zu fragen, was wir mit dem kleinen Ausschnitt aus dem Lehmannschen Wohnungsanzeiger bezweckten, so werden auch größere Auszüge daraus auch nur wieder in nichtamtlichen Kreisen die gewünschte Beachtung finden. Die Herrschaften haben sich geirrt. Wie heißt es bei Wagner? „Nie sollst du mich befragen ..." * Ueberraschend war es, daß die „Reichspost", die doch ex offo keineswegs zur Verteidigung des hakenkreuzlerischen Mordblattes berufen werden konnte, sich freiwillig zu diesem Amte drängte. Die „Deutsche Arbeiter-Presse" leugnet nicht, daß ihr Haß gegen alles Jüdische vor dem Alten Testamente keinen Halt mache, und so mag man es sich einigermaßen erklären, weshalb das Blatt auch dem Mord-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.