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Die Wahrheit · 1925-06-05 · Heft 22 (5.6.1925) · page 8

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 22 (5.6.1925)
Date
1925-06-05
Page
– (sequence 8)
Language
German
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Seite 6 DÖS WAflSSWÖTT ilMü ttr. 22 Der Jude Lassalle. Eine Studie über jüdischen Kapitalismus. Von^Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) Nach seiner Rückkehr nach Berlin macht Lassalle Bismarck eine Besuch, um ihm für die rasche Erledigung seiner Depesche den Dank auszusprechen. Die Beziehungen dieser beiden haben sich durch Monate fortgesetzt. Noch 15 Jahre später urteilt Bismarck von Lassalle: „Was er hatte, war etwas, was mich als Privatmann außerordentlich anzog: er war einer der geistreichsten und liebenswürdigsten Menschen, mit denen ich verkehrt habe, ein Mann, der ehrgeizig im großen Stile war. Lassalle war ein energischer und sehr geistreicher Mensch, mit dem zu sprechen sehr lehrreich war. Unsere Unterredungen haben stundenlang gedauert und ich habe immer bedauert, wann sie beendet waren. Dabei ist auch unrichtig, daß ich und Lassalle auseinandergekommen sein sollten in dieser Art von Beziehungen persönlichen Wohlwollens, wie es sich zwischen uns gebildet hatte, in dem er offenbar den angenehmen Eindruck hatte, daß ich in ihm einen Mann von Geist sehe, mit dem zu verkehren angenehm war und daß ich ein intelligenter und bereitwilliger Zuhörer sei. Ich bedauere, daß seine politische Stellung und die meinige mir nicht gestatteten, viel mit ihm zu verkehren. Aber ich würde mich gefreut haben, einen ähnlichen Mann von dieser Begabung und geistreichen Natur als Gutsnachbar zu haben." Aus einem Briefe Lassalle's an Bismarck vom 13. Jänner 1864 ersehen wir, daß die Frage des allgemeinen Wahlrechtes einen der wichtigsten Gegenstände der Unterredung mit Bismarck gebildet hat. Für die damaligen Absichten Bismarcks bezeichnend ist die Bemerkung Lassalle's in seinem Hochverratsprozeß vor dem Staatsgerichtshofe am 12. März 1864: „Der Staatsanwalt beschuldigt mich, das allgemeine und direkte Wahlrecht herstellen und somit die Verfassung stürzen zu wollen. Und so verkünde ich Ihnen nun an diesem feierlichen Orte: Es wird vielleicht kein Jahr mehr vergehen und Herr von Bismarck hat die Rolle Robert PeeTs gespielt und das. all gemeine und direkte Wahlrecht ist oktroiert." Auch für die zweite Seite von Lassalle's politischem Programm, für die produktive Genossenschaft mit Staatskredit, zeigte sich Bismarck ebenso wie für die Wahlrechtsidee empfänglich. Nach 1873 erklärt er sie für durchaus diskutabel. Ja. als im Mai die Schlesische Weberdeputation von König Wilhelm empfangen wurde, reichte ihnen auf Bismarck's Veranlassung der König aus seiner Privat-Schatulle 7000 Tal er zur versuchsweisen Begründung einer Produktiv-Genossenschaft. In seinen beiden letzten Lebensjahren 1862 bis 1864 hat Lassalle eine Arbeitsleistung vollbracht, für die sonst ein ganzes Menschenalter kaum ausreichen würde. Zwischen März 1862 und Juni 1864 hat er nicht weniger als 20 Schriften verfaßt von denen drei oder vier durch Umfang sowohl wie durch ihren Inhalt ganze Bücher sind, und von denen die meisten, trotz ihrer Kürze und Gemeinfaßlichkeit einen Gedankenreichtum enthalten und mit einem wissenschaftlichen Scharfsinn geschrieben sind, der sich sehr wenigen großen Büchern nachrühmen läßt. Außerdem hat er zu derselben Zeit Rede auf Rede gehalten, mit einer Arbeiterdeputation nach der anderen konferiert, sich aus einem Dutzend politischer Prozesse herausgewickelt, den allgemeinen deutschen Arbeiterverein gegründet, eine höchst ausgebreitete Korrespondenz geführt und die Verwaltungsangelegenheiten seines Vereines geordnet. Er scheint gleichsam in der Ahnung seines nahe bevorstehenden Todes seine Kraft bis über das menschliche Maß hinaus gesteigert zu haben. Im Mai 1864 unternahm Lassalle seine letzte Agitationsreise, besonders in den Städten der Rheinprovinz. Bisweilen folgten ihm an 25 bekränzte Wagen als Ehrengeleite. Als weinende Arbeiter sich herzudrängten, seinen Wagen zu ziehen, als er auf die großen Mengen blickte, die sich um ihn scharten, mußte er an Heine's Prophezeiung denken: „Sie werden der Messias des XIX. Jahrhunderts sein." „Ich habe nicht dieses Banner ergriffen", rief er in Ronsdorf, „ohne vorher klar zu erkennen, daß ich selbst untergehen werde; doch mit den Worten des römischen Dichters, JÜKoriare aliquis nostris ex ossibus ultor." Möge ein Nachfolger und Racher aus meinem Gebeine erstehen! Möge diese große nationale Kulturbewegung nicht mit meiner Person untergehen, möge vielmehr das Feuer, das ich entzündet habe, sich verbreiten weiter und weiter, solange noch einer von Euch atmet." Das waren seine letzten Worte an die Arbeiter Deutschlands. Am 27. Juni sehen wir Lassalle noch einmal, das letztemal, vor den Schranken eines Gerichtes, hinter denen dichtgedrängt die Arbeiter seinen Worten lauschten. Er hatte sich vor der Düsseldorfer Appellkammer wegen Gefährdung des öffentlichen Friedens und Verächtlichmachung von Staatseinrichtungen zu verantworten. Er wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Im Juli reist er nach Rigikaltbad, um die Molkenkur zu gebrauchen. Wehmütig stimmt ihn das schlechte Wetter, seme Einsamkeit und der Gedanke an die Freunde, die seinen früheren Aufenthalt auf dem Rigi belebt hatten und nun zumeist nicht mehr unter den Lebenden weilten. In dieser Stimmung traf ihn am 25. Juli Helene von Döniges, die er in Berlin wiederholt gesehen hatte. Ihr Vater war bayrischer Diplomat, ihre Mutter stammte, aus einer Berliner jüdischen Familie. Helene weilte bei einer Freundin in Bern zu Besuch und hatte, von Lassalle's Anwesenheit unterrichtet, das Zusammentreffen herbeigeführt. Es kam zur Verlobung, obwohl Helene sich schon vor Jahren mit einer Jugendliebe, dem Walachen Janko v. Racowitza, versprochen hatte. Am 3. August reisten beide nach Genf, wo Helenens Eltern wohnten. Diese waren bei der Entdeckung schon mit Rücksicht auf Lassalle^s poliitüsche Vergangenheit auf das Höchste empört. Helene mußte verreisen, ihr Aufenthalt wurde Lassalle geheimgehalten. Dies reizte Lassalle zum Aeußersten. Er setzte alle Hebel in Bewegung, um Helene gegen den Willen ihres Vaters eme Selbständigkeit des Entschließens zu ermöglichen. Als es, sogar mit Hilfe des bayrischen Ministers, des Vorgesetzten des Herrn von Döniges, endlich gelungen schien, wies ihn nunmehr Helene, sie, die sich ihm vor kurzem noch an den Hals geworfen hatte, selbst ab. Unheilbar kompromittiert, provozierte LassaMe jetzt ein Duell, indem er dem Vater und dem Verlobten eine schwere Beleidigung übermittelte. Am 23. August wurden im Gehölz von Carouge zwischen Lassalle und Janko v. Racowitza Kugeln gewechselt. Lassalle wurde tötlich getroffen und starb am Morgen des 31. August. Auf dem jüdischen Friedhof seiner Vaterstadt Breslau wurde er beigesetzt. B o e c k h, der große Philologe, verfaßte die Inschrift des Grabmales: „Hier ruht, was sterblich ist von Ferdinand LassaMe, dem Denker und dem Kämpfer." Jahr für Jahr huldigen seine Getreuen an seinem Grabe dem großen Agitator, von dem sie singen: „Dort schlummert der eine, der Schwerter uns gab." In seinem Totenzimmer fand man auf der Brust des Verwundeten: „Ich erkläre hiermit, daß ich selbst es bin, welcher seinem Leben ein Ende. gemacht hat. 28. August 1864. F. Lassalle." Diese Zeilen, die letzten, die er geschrieben und deren Bestimmung es war, eine unschuldige Unwahrheit auszusagen, die seinen Gegner decken konnte, enthalten eine höhere Wahrheit. Diejenige, die ihn am besten kannte, Sofie Hatzfeld, schrieb nach seinem Tode das Wort nieder: „Nicht eine Anwandlung von Schwäche hat Lassalles Untergang herbeigeführt. Wäre er schwach gewesen, er lebte noch heute, wie ein gewöhnlicher Mensch. Nein, gerade die Kraft seiner ganzen Naturanlage war es, was in diesem Falle gegen ihn ausschlug, gegen ihn ausschlagen mußte. Er ging in Wahrheit an seiner eigenen Kraft zugrunde." Heine, der selbst zu einer Zeit, da er mit ihm zerfallen war, ihn aufrichtig bewunderte, ihn einen zweiten Mirabeau genannt hatte, bemerkte in einem Gespräch mit Adolf S t a h r und Fanny L e w a 1 d (1855), wie sich in Lassalle die besten und die schlechtesten Seiten, alle Vorzüge und Fehler des Juden „ein Rendezvous" gegeben hätten, und schloß seine Rede mit den prophetischen Worten: „Aber er wird kein gutes Ende nehmen." „Wir haben", sagt Laveley von ihm, „in.unserer Zeit kein zweites Beispiel eines in so kurzer Zeit gewonnenen so großen und weitreichenden Einflusses." Von Marx haben wir das Wort: „Er starb jung, im Triumphe als Achilles." Länger als 60 Jahre deckt ihn das Grab. (Fortsetzung folgt.) '«wl

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