Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 22 (5.6.1925)
- Date
- 1925-06-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 7 Glossen. Der Abgeordnete Dr. Karl-Renner, dessen von männlichem Mut, sittlicher Empörung und lauterster Wahrheitsliebe; erfüllte Interpellation über die schmachvollen Vorgänge an den Wiener Hochschulen ich vorige Woche besprach, hat schon hübsche Antworten auf seine an die Regierung gerichteten Anfragen erhalten. Sie übertreffen die kühnsten Erwartungen. Ich glaubte, weiß Gott wie ironisch zu sein, wenn ich dem1 Dr. Renner in Aussicht stellte, daß man ihn bezichtigen werde, unbedeutende Vorfälle aufgebauscht zu haben, während ihm Würde, Vernunft und edler Patriotismus die Pflicht auferlegt hätten, die idealen Beweggründe die Haltung der hakenkreuzlerischen Studenten und ihrer Patrone im schönsten Lichte darzustellen. Ach, wie grenzenlos naiv war meine blutig gemeinte Ironie! Dr. Renner hat ganz andere Sachen zu hören bekommen, Er, der „angeblich schändliche, ja verbrecherische Exzesse" brandmarken wollte, wird von den Hakenkreuzlern und ihren Schützern einfach beschuldigt, der eigentliche Urheber der Ausschreitungen gewesen zu sein, die zur Schließung der Wiener Hochschulen führten! Also beiläufig: Nicht der Verbrecher ist der Schuldige, sondern der Anzeiger. Gewiß, Dr. Renner hat scharfe Worte gefunden, um das Treiben roher Exzedenten zu kennzeichnen, die mit Knütteln für ihre Weltanschauung demonstrierten. Aber wer Renners nachträgliche Kritik nicht als Wirkung, sondern als Ursache hinstellen will, kann ebensogut den Staatsanwalt für die verbrecherische Tat verantwortlich machen, als deren Ankläger er fungiert. * * * Als eine Pflicht der Loyalität, die man auch dem Gegner schuldet, erachte ich es, festzustellen, daß eine der hakenkreuzlerischen Gewalttaten sich nicht gegen jüdische, sondern gegen zwei arische Studentinnen richtete. Diese hatten nicht durch den aufreizenden Schnitt der Nasen, sondern durch das kurzgeschnittene Haar die sittliche Empörung ihrer ritterlichen Kommilitonen erweckt. „Ein anständiges deutsches Mädchen," riefen sie, „trägt keinen Bubikopf" und bekräftigen diesen Ausdruck ihrer germanischen WeltansehäUiUinig, indem sie 'die jungen Mädchen die Kraft ihrer Fäuste fühlen ließen. Diese deutschen Jünglinge variierten in ihrer Weise das Wort eines großen deutschen Dichters: Ehret die Frauen, sie flechten — lange Zöpfe. * Die Wiener Rathenau-Liste der „Deutschen Arbeiterpresse" hat sogar die Aufmerksamkeit der Wiener Polizeidirektion erregt. Welchen Zweck die Veröffentlichung einer Reihe von Namen verfolgt, deren Träger dem erwähnten Blatte wegen ihrer Abstammung nicht sympathisch sind, besagt wohl zur Genüge der handgreifliche Hinweis auf Rathenau, der bekanntlich das Opfer einer Mörderhand1 wurde. Wie nützlich unter Umständen eine genaue Adresse sein kann, hat die „Deutsche Arbeiterpresse" schon gelegentlich ihrer auf Bettauer bezüglichen Publikationen erfahren. Aber auch die Wiener Polizeidirektion hat sich dies gemerkt und wohl darum der Staatsanwaltschaft die Adresse der „Deutschen Arbeiterpresse" mitgeteilt, Es ist also gar nicht ausgeschlossen, daß auch der Staatsanwalt, der ihm freundlich zugekommenen Anregung entsprechend, sein Interesse dem erwähnten Artikel der „Deutschen Arbeiterpresse" zuwenden wird. Man muß zugeben, daß das erwähnte Blatt, eine geschriebene Kloake, eine ekelerregende Lektüre bietet, aber da es fast in jeder Nummer zum Morden auffordert, wäre es doch zu wünschen, daß auch der Staatsanwalt es lese. Ja, eigentlich sollte er vielleicht der einzige Leser der „Deutschen Arbeiterpresse" sein. * . * # Der Verteidiger des vor kurzem zum Tode verurteilten Oberleutnants Lederer hat im seinem Plädoyer darauf hingewiesen, daß sein Klient für einen der besten Offiziere Horthys gegolten, der in Westungarn mit patriotischer Begeisterung für sein Vaterland kämpfte und auch mehrere Ordensauszeichnungen erhalten habe. Schade, daß der unerschrockene Verteidiger die schöne Gelegenheit unbenützt ließ, die alre Beschuldigung, Lederer habe seinerzeit aus antisemitischen und nicht aus rein patriotischen Gründen grausame Greueltaten an Juden verübt, zu widerlegen. Der Mann hat ja durch sein Benehmen gegen Kodelka glänzend bewiesen, daß er sich nicht von antisemitischen Gesinnungen allein leiten lasse. * * Marffys Verteidiger, der Abg. Ulain, konnte dieser Tage seinem — vorläufig — zum Strang verurteilten Klienten freudestrahlend gratulieren. Die kön. Tafel hat eine Ergänzung des Beweisverfahrens in dem Prozeß der Bombenwerfer gegen den Elisabethstädter Klub angeordnet. Ihr Hauptpunkt soll die Feststellung durch die Eltern Marffys und noch andere Zeugen bilden, die bestätigen wollen, daß Marffy an den kritischen Tagen gar nicht in Budapest, sondern bei seinen Eltern weilte. Warum che Herrschaften dies nicht schon in der Hauptverhan<Jlung vorgebracht haben? Du lieber Himmel, wer denkt denn an jede Kleinigkeit? Vor und in der Hauptverhandlung, die so kläglich für Marffy endete, hatte der junge Mann so viel mit der Vorbringung seiner künstlich konstruierten;selbst dem ungarischen Ministerpräsidenten kompromittierenden Lügen zu tun, daß er an den Beweis, der wie eine Bombe gewirkt hätte, nicht dächte. Es gibt auch Zeugen1, deren Erinnerungsvermögen erstarkt, je mehrZeit seit dem vollbrachten Verbrechen verstrichen ist. Aber noch ist nichts verloren. Marffy ist noch nicht gehängt und jetzt hängt alles von der rettenden Bombe ab, die noch immer rechtzeitig anläßlich1 der von der kön. Tafel anberaumten Ergänzungsverhandlung platzen kann. Marffy hat eben viele Freunde, die der Meinung sind, dem Elisabethstädter Attentat seien schon genug Menschenleben zum Opfer gefallen. * * Kurz vor Schluß des Blattes lese ich: Horthy wird von Sr. Exzellenz dem ehemaligen Minister B e n i c z k y (der nach seiner Rückkehr von Lequeitio vor dem Militärgericht erschien) als Mordanstifter bezeichnet. Kurz vor Schluß des Blattes... Ob Herr v. Horthy nächste Woche noch auf seinem Platze zu finden ist, weiß ich nicht. Aber ich hoffe noch an dieser Stelle über ihn zu sprechen. Ego,