Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 20 (22.5.1925)
- Date
- 1925-05-22
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite ö DIE W AHRfflTT Nr. *0 Diese beiden Helden, Chamberlain und Bartels, mögen als Beispiele für diejenigen Deutschvölkischen, die sich auf Goethe als einen der Ihren berufen, es gibt aber auch eine deutschvölkische Spielart, die Goethe höhnisch aus dem abendländischen Kulturkreis und ihn schlicht und geradezu den Juden zuweist. So wunderlich, wie wahr. Ebenfalls im ersten Abschnitt berührt Teweles die einer deutschvölkischen Wiener illustrierten Zeitung entstammende, scherzhaft und doch traurig berührende Charakteristik Goethes: „Sieht man Goethe an, diese vorquellenden dunkelbraunen Augen, diese an der Spitze gekrümmte Nase, diesen langen Oberleib mit den kurzen Beinen, dann haben wir ganz das Urbild eines Nachkommens Abrahams vor uns. Seine glühende Sinnlichkeit und ewige Verliebtheit, seine unsittliche Lebensweise und fragwürdige Ehe, seine Feigheit den kriegerischen Ereignissen seiner Zeit gegenüber und noch manche andere Züge reden eine zu deutliche Sprache, als das ein Mensch von unbefangenem Urteil sieh der Ueberzeugung verschließen könnte, daß Goethe weit mehr ein Semite, als Deutscher war/' (Schluß folgt.) Der Jude Lassalle. Eine Studie über jüdischen Kapitalismus. Von Dr. Max'Grunwald. (Fortsetzung.) Als Beispiel, wie er die Arbeiter nicht bloß revolutioniert, sondern auch zu geistiger und sittlicher Höhe erzieht, ich möchte sagen, wie er sein großes pädagogisches Amt als Volkserzieher ausübt, zitiere ich einen Satz aus dem „Arbeiterprogramm", in welchem er einmal ausruft: „Die hohe weltgeschichtliche Ehre dieser Bestimmung, zum herrschenden Stande bestimmt zu sein, muß alle Ihre Gedanken in Anspruch nehmen. Es ziemen Ihnen nicht mehr die Laster der Unterdrückten und die mäßigen Zerstreuungen der Gedankenlosen, noch selbst der harmlose Leichtsinn der Unbedeutenden. Sie sind der Fels, auf welchem die Kirche der Gegenwart gebaut werden soll." Eine „Nachtwächter-Idee" nennt er mit einem plastischen Ausdruck die Staatsphilosophie der Manchester-Schule. Die Bourgeoisie faßt den sittlichen Staatszweck so auf: „Er bestehe ausschließlich und allein darin, die persönliche Freiheit des einzelnen und sein Eigentum zu schützen. Dies ist eine Nachtwächter-Idee, meine Herren, eine Nachtwächter-Idee deshalb, weil sie sich den Staat selbst nur unter dem Bilde eines Nachtwächters denken kann, dessen größte Funktion darin besteht, Raub und Einbruch zu verhüten." Er schließt die Rede mit einem glänzenden Bilde: „Meine Zuhörer! Haben Sie bereits einmal einen Sonnenaufgang auf einem hohen Berge mitangesehen? Ein Purpurschein färbt blutig den äußersten Horizont, das neue Licht verkündend, Nebel und Wolken raffen sich auf, ballen sich zusammen, werfen sich dem Morgenrot entgegen, seine Strahlen verhüllend. Aber keine Macht der Erde vermag das gigantische Aufsteigen der Sonne selbst zu hindern, die. aller Welt sichtbar, hell leuchtend und erwärmend am Himmel steht. Was eine Stunde ist in dam Naturschauspiel eines Tages, das sind zwei Jahrzehnte in dem noch gewaltigeren Schauspiel eines weltgeschichtlichen Sonnenaufganges." Diese Rede, „Das Arbeiterprogramm", ist, dank dem Zeitpunkte und der Taktik, die Lassalle mit politischem Meisterblick für sein Hervortreten wählte, der Ausgangspunkt der sozialdemokratischen Bewegimg in Deutschland geworden. In demselben Jahr besucht Lassalle die Londoner Weltausstellung und trifft dort mit Marx zusammen. Er fordert Marx auf, sich mit ihm an die Spitze der Bewegung zu stellen, die er in Fluß bringen will. Doch Marx versagt sich ihm. Lassalle hat mit richtigem Instinkt den Konflikt in Preußen als eine Machtfrage erkannt. Die Konservativen scheuten sich auch gar nicht, das offen einzugestehen und dem Juden Lassalle Beifall zu zollen. Die „Kreuz-Zeitung" sprach von der Rede „ eines seinerzeit vielbekannten revolutionären Juden, der mit richtigem Instinkt den Nagel auf den Kopf getroffen". Und daß die Krone die Machtprobe nicht scheute, bewies sie, indem sie an die Spitze der Regierung Bismarck berief und aus Bismarcks ersten Reden klingen deutlich ganz ähnliche Töne, wie aus der Rede Lassalles. Lassalle war im November nach Berlin gekommen. In seinen Reden „Was nun?", die er dreimal vor Berliner Bürgern gehalten hat, nannte er den neuen Ministerpräsidenten „einen tiefen und feinen Kenner des Verfassungswesens, der ganz und gar auf dem Boden seiner Theorie" stehe. „Ich befinde mich also," so wendet er sich triumphierend an die anwesenden Vertreter der Polizeigewalt, „auf einem von allen obersten Behörden im Staate anerkannten und durchaus unangreifbaren Boden." Sogleich, nachdem das „Arbeiter-Programm" im Druck erschienen und es von der Polizei konfisziert worden war, wurde Lassalle wegen Gefährdung des öffentlichen Friedens angeklagt. In der Verhandlung am 16. Jänner 1863 hielt er eine Verteidigungsrede, die unter dem Titel „Die Wissenschaft und die Arbeiter" ein neues wirksames Agitationsmittel geworden ist. Mit einem begeisterten Hymnus auf die Wissenschaft beruft er sich auf einen Artikel der preußischen Verfassung,- der lautet: „Die Wissenschaft und die Lehre ist frei." Er hat mit seiner Rede seine Wissenschaft vorgetragen und darum, weil er sie Arbeitern vorgetragen, darum soll sie vor das Forum des Strafrichters gezogen werden? Der höchste Effekt kam in den Schlußworten: „Ein Mann, welcher sein Leben dem Wahlspruch gewidmet hat: „Die Wissenschaft und die Arbeiter", dem würde auch eine Verurteilung, die er auf seinem Wege findet, keinen anderen Eindruck machen können, als etwa das Springen einer Retorte dem in seine wissenschaftlichen Experimente vertieften Chemiker. Mit einem leichten Stirnrunzeln über den Widerstand in der Materie setzt er, sowie der Widerstand beseitigt ist, ruhig seine Forschungen und seine Arbeiten fort " Das Urteil des Gerichtshofes lautete: auf vier Monate Gefängnis. Die höhere Instanz setzte dafür eine mäßige Geldstrafe. (Fortsetzung folgt.) Glossen. Die deutsch nationalen Studenten, die Beherrscher der Hochschule für Bodenkultur, haben dem Rektor mitgeteilt, daß sie mit der Aufhebung des Numerus clausus nicht einverstanden sind, die auch aiisländischen Hörem jüdischer Konfession zugute käme und haben einen achttägigen Proteststreik angekündigt. Der Rektor und das Professorenkollegium hatten selbstverständlich darauf die entgegenkommende Antwort, daß sie ihre Vorlesungen für diese.Zeit sistieren werden. Natürlich gilt das Wort „selbstverständlich" nur für unsere Hochschulen, an denen schon längst die deutschnationalen Studenten sich als Erzieher und Führer ihrer Professoren erfolgreich bewähren und es auch richtig dahin gebracht haben, daß sie nicht nur über die Lernfreiheit, sondern auch über die Lehrfreiheit das entscheidende Wort zu sprechen haben. In Frankreich z .B. würde nicht nur der Rektor und das Professorenkollegium, sondern auch der Unterrichtsminister es für selbstverständlich finden, daß Studenten, die eine Verfügung der autonomen Behörden mit einem achttägigen Proteststreik quittieren, wesentlich andere Folgen als die achttägige Unterbrechung der Vorlesungen heraufbeschwören würden. Die deutschnationalen Studenten an der Hochschule für Bodenkultur arbeiten, durch keinerlei Autoritäten gehemmt oder eingeschüchtert, weiter an der Ausbildung eines Studentenrechtes, das den Studenten recht gibt, auch wo sie Gesetze, Recht und Vernunft in der schmählichsten Weise