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Die Wahrheit · 1925-05-22 · Heft 20 (22.5.1925) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 20 (22.5.1925)
Date
1925-05-22
Page
– (sequence 7)
Language
German
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2ö uit Wahrheit Seite 5 indem er die hungrige Menge in das Haus des Nachbars führt. Der Neid der am Beutel Armen, am Herzen Kranken begeifert die Tätigkeit und die 'Klugheit. Selbst Metaphysiker irren im sicher geglaubten Bau ihrer Logik, Geschichtschreiber fälschen nicht mehr nach ihrer eigenen vorgefaßten Meinung, nach der Enge ihres eigenen Horizonts, sondern verzeichnen das Geschrei der Menge, das in ihre Studierstube dringt, als Resultat ihrer eigenen Erkenntnis. Selbst Mathematiker verzeichnen und verrechnen sich, Geographen verlieren die Richtung ihrer Wissenschaft, und wer weiß, ob es nicht auch Astronomen gibt, die die Sonnenfinsternis als ein teuflisches Werk der Juden zu beweisen bereit sind. — Wir übertreiben nicht. Es ist so. In einem wichtigsten Augenblick des deutschen Lebens hat sich eine große und mächtige Partei gebildet, die keine andere Forderung, kein anderes Losungswort, kein anderes Heilmittel findet als: ,Tod den Juden!' und in anerkennenswerter Folgerichtigkeit auch von Christo abfällt und das Germanentum Wotans proklamiert. Wotan, der Ehebrecher, Wotan, der Dieb, Betrüger und Räuber, der den Nibelung überlistet und vergewaltigt, der um Goldes willen die holde Jugend aufzuopfern bereit ist und der schließlich endlich in den Schatten ewiger Dämmerung zergeht. Wotan ist ihr Gott,.der Gott in ihrer eigenen Brust." Diese Ausführungen sind ein berechtigter Schlag in die Fratze derjenigen, die getroffen werden sollen. Wie recht hat doch Teweles mit seinen Worten. Die Junker, die Völlerei und Schieberei ungestört betreiben wollen, lenken durch die ihnen gefügige Sudelpresse die Aufmerksamkeit von sich auf die Juden ab, nur so wird es erklärlich, daß in Deutschland sicherlich nachweisbare Verfehlungen einzelner derart übertrieben werden, wie es z. B. im Falle Barmat-Kutisker geschehen ist. Und was soll man erst zu einer Partei, die, statt ihrem Programm als „sozialistische" getreu den Kampf gegen diese kapitalistischen Junker aufzunehmen, sich mit ihnen verbündet und von ihnen durch reichliche finanzielle Opfer aushalten läßt, um gegen die zum überwiegenden Großteil dem Mittel- und Arbeiterstand angehörenden Juden den Pogrom zu predigen. Das ist, wie viele ehrliche Christen schon nachgewiesen haben, auch unchristlich, ebenso wie die letzte Konsequenz dieser Völkischen, der Wotansglaube, christentumsfeindlich ist. Wahrlich, es kann einem das Grauen ankommen, wenn man diese charakteristische Schilderung solcher zum Himmel stinkenden Verhältnisse aus der Feder Teweles liest. Auch ihn scheint ein ähnliches Gefühl des Abscheues zu beseelen und so wendet er sich nach diesem Streiflicht auf die völkische Allgemeinheit deren Führern im besondern zu, und zwar zunächst denjenigen, die Goethe als Gesinnungsgenossen in Anspruch nehmen. Ihr Wortführer ist der „rassenreine" Houston Stewart Chamberlain. In der Rede Lenardos, die das Programm der Wandernden aufstellt, bei denen Wilhelm Meister hospitiert, lautet ein vielberufener Satz: „In diesem Sinne (nämlich der Erziehung der Kinder zum Christentum), den man vielleicht pedantisch nennen mag, aber doch als folgerecht anerkennen muß, dulden wir keinen Juden unter uns; denn wie sollten wir ihm den Anteil an der höchsten Kultur vergönnen, deren Ursprung und Herkommen er verleugnet?" Zu diesem Satz nimmt sich Chamberlain, der ein Buch über Goethe geschrieben hat, um zu beweisen, daß Goethe ein Crist gewesen, wie er in einem anderen Buche den gleichwertigen Nachweis geliefert hat, daß Christus ein — Germane gewesen, die Frechheit, folgendes zu schreiben: „Goethe hat an dieser Stelle zunächst die Lehrer im Sinn: kein Lehrer der Jugend, auf irgendeiner Stufe, darf Jude sein. Aber er geht weiter und verbietet den Juden sogar jeglichen „Anteil" an unserer Kultur. Auch sein Bund der Auswandernden „hütet sich vor ihnen", da sie „die Ruhenden zu überlisten und die Mitwandernden zu überschreiten verstehen". Wir dürfen nicht bloß keinen jüdischen Professor an unseren Universitäten, sondern keinen jüdischen Künstler, Dichter, Naturforscher, Politiker, Offizier, Richter, Beamten, Literaten, Journalisten, nach Goethes I 'eberzeugung unter uns dulden; an unserer Kultur, welche das Prädikat einer „höchsten" wegen ihrer Religionsseele verdient, dürfen wir ihnen keinen „Anteil vergönnen". Die Zahl tut nichts; keinem Einzigen darf der Eintritt in unser Heiligtum gewährt werden. „Es bedarf nur eines Betteljuden, um einen Gott am Kreuze zu verhöhnen", bemerkt Goethe." Legt ihr nicht aus, so legt ihr unter! Gegenüber den Unterlegungen Chamberlains wäre es nicht schwer nachzuweisen, daß das, was Lenardo in den „Wanderjahren" ausspricht, nicht mit Goethes persönlicher Ansicht sei. Es ist nicht „Goethes Ueberzeugung", daß „wir keinen jüdischen Professor usw. bis zum Journalisten unter uns dulden dürfen." Die Zahl tut's nicht, meint Chamberlain, und begründet, sich selbst widersprechend, seine Vorschrift mit der Bemerkung Goethes: „Es bedarf nur eines Betteljuden, um einen Gott am Kreuze zu verhöhnen." Was nun diese letzte Bemerkung betrifft, so wird hier Chamberlain eine charakteristische Fälschung vorgeworfen. Er, und nicht Goethe, hat in diesem Satze das „eines" unterstrichen. Seite 70 bringt Teweles eine andere Fälschung Chamberlains. Er hat die Notiz in Goethes Tagebuch vom Jahre 1907: „Betrachtungen (mit dem Fürsten Reuss, der, nebenbei bemerkt, eine Jüdin geheiratet hatte) über die neuen Staatsformen. Landstände, Konskription usw. Einwirkung der Pfaffen und Juden" in das folgende umgefälscht: „Schon 1807 sieht er die Juden geschäftig, aus den Nepoleonischen Wirren Kapital schlagen." So deutet Chamberlain Eintragungen Goethes um, wie es ihm beliebt, und hat es auch an anderen Stellen getan. Ein Mann von gleichem Kaliber ist der ehemalige Anti-Antisemit und heutige Judenschnüffler Adolf Bartels. Dieser bemerkt in seiner „Literaturgeschichte" zu Goethes Aeußerung über Lessings „Nathan", daß „das darin ausgesprochene göttliche Duldungs- und Schonungsgefühl der Nation heilig und wert bleiben möge": „ wer möchte das nicht auch heute noch wünschen, und besonders der Rasse, der es damals zugute gekommen ist, ans Herz legen, nun ihrerseits uns arme Deutsche am Leben zu lassen!" „Wie komisch kläglich, wie würdelos karikatürlich, wie jesuitisch-nationalistisch", urteilt Teweles mit Recht darüber, „nimmt sich zu diesem Anruf, um den er ja doch nicht herumkommen kann, der Judenschnüffler Bartels mit seiner Bemerkung aus!"

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