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Die Wahrheit · 1925-05-22 · Heft 20 (22.5.1925) · page 9

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 20 (22.5.1925)
Date
1925-05-22
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Nr. 20 Seite 7 vergewaltigen. Die hakenkreuzlerische Jugend steht unerschütterlich auf dem Boden des Antisemitismus; wie soll sie da Verständnis für Fragen der Kultur bekunden? * * * Ist der Mörder Otto Rothstock wahnsinnig? Diese Frage beschäftigt lebhaft die Oeffentlichkeit, seitdem bekanntgegeben wurde, daß die medizinische Fakultät sich mit dem „psychiatrischen Fall" zu befassen haben werde. Männer der Wissenschaft und die Richter, die ihren Eid und nicht die Parteizugehörigkeit des Täters vor Augen haben, sind berufen, die zu entscheidende Antwort auf die Frage zu erteilen und es ist daher nicht allein aus gesetzlichen Gründen angezeigt, diese Antwort ruhig abzuwarten. Aber eines darf wohl schon heute gesagt werden: Man kennt ganz genau die Blätter, die in Oesterreich jahraus, jahrein in blutrünstigster Weise den Haß gegen die Juden schüren, die ziemlich unverblümt zum Mord animieren. Bilden diese Blätter, die ihre Leser unaufhörlich mit der verbrecherischen Lüge füttern, die Juden seien durch ihre Religionsvorschriften angewiesen, die furchtbarsten Verbrechen gegen die Christen zu verüben, keine Gefahr? Angenommen selbst, daß diese unausgesetzt betriebene Hetze gegen die Juden nicht in der Böswilligkeit, sondern in einer geistigen Erkrankung der Hetzer ihren Ursprung haben, dürfte sie deshalb schon in einem Rechtsstaate geduldet werden? * * * Die Fritsch-Presse wagte es doch nicht, die Lüge aufrechtzuerhalten, daß das Leipziger Landesgericht dem berüchtigten Talmudfälscher den Sieg zugesprochen habe. Wer aber glaubt, daß die erste antisemitische Infamie, die in der frechen Umkehrung des Sachverhaltes gelegen war, auch die letzte in dieser Angelegenheit war, hat sich sehr geirrt. 0, das führende Wiener Hakenkreuzblatt hat es sogar verstanden — so unglaublich dies auch klingen mag — selbst den Widerruf der Lüge mit einer noch schamloseren Nichtswürdigkeit zun verbinden. Das Leipziger Landesgericht hat auf Grund der von den berufensten Sachverständigen erteilten Gutachten Fritsch als Fälscher verurteilt, daraus folgert das Hakenkreuzblatt, daß die Leipziger Richter sich dem Diktate der Juden fügend, bewußt ein falsches Urteil gefällt haben. Nicht Fritsch ist als Fälscher des Talmuds entlarvt worden, sondern die Leipziger Richter werden als nichtswürdige Fälscher des Rechtes und der Wahrheit an den Pranger gestellt. Womit wird die ungeheuerliche Beschuldigung deutscher Richter begründet? Das Blatt gibt darauf eine Antwort, die wir buchstäblich reproduzieren: „Nicht umsonst heißt es in den zionistischen Protokollen, Abschnitt 18: In den wichtigsten Fragen entscheiden die Richter so, wiewir esihnen vorschreiben, und sehen die Dinge in dem Licht, in das wir sie vor der nichtjüdischen Verwaltung einhüllten, natürlich durch Leute, die unsere Werkzeuge sind." Dieser Chimborasso an Niederträchtigkeit dürfte selbst in der Geschichte des Antisemitismus kaium seinesgleichen haben. Auf Grund der „Protokolle der Weisen von Zion", einer der schurkischsten und blödsinnigsten Fälschungen, die die Welt kennt, müssen, um dem unzähligemal als Fälscher gebrandtmarkten Fritsch zu Hilfe zu kommen, deutsche Richter einen solchen blutigen Schimpf erdulden! So ein Fritsch wird von deutschen Richtern verurteilt, da darf als das Ergebnis des Prozesses, behüte der Himmel, nicht die Tatsache bleiben, daß ein berüchtigter Antisemit eben einer Lumperei überwiesen wurde, nein, da können nur die Richter eine Lumperei verübt haben. Neugierig sind wir, welchen antisemitischen „Dreh" sich die „Deutschösterreichische Tageszeitung" zurechtlegen wird, die doch von authentischer Seite — vom Herrn Fritsch selbst — die Botschaft von seinem Siege erhalten und triumphierend ihren Lesern verkündet hat. Der „Stur m", ein in Hannover erscheinendes Antisemitenblatt, fällt stürmisch über den kürzlich in der „Wahrheit" veröffentlichten Artikel von Dr. I. Levy „Deutsche Diplomatie und Judentum" her. Da der „Sturm" unerschütterlich die Ansicht vertritt, daß alles Unheil, das über Deutschland hereingebrochen — eventuelle Erdbeben nicht ausgeschlossen — auf das Konto der Juden gestellt werden muß, fühlt er es als eine heilige Pflicht, auch die nicht wegzuleugnenden Mißgriffe, die der deutschen Diplomatie einen so beträchtlichen Anteil an dem verlorenen Kriege sichern, den Juden zuzuschreiben. Es ist begreiflich, daß unter solchen Umständen der „Sturm" den >von Dr. Levy geführten Nachweis, daß die deutsche Diplomatie „judenrein" war, nicht sehr erfreulich findet. Sollten die deutschen Juden also von diesem Makel wenigstens rein gesprochen werden? Ach nein, das darf der „Sturm" doch nicht zugeben. Es wäre dies zwar ehrenhaft, aber durchaus nicht antisemitisch. Aber wie hilft man sich gegen die Beweisführung Dr. Levys? Das macht ein antisemitisches Blatt so: Dr. Levy hat sich für seine Behauptung auf das Buch des Prinzen Alexander Hohenlohe gestützt, der mit Bedauern feststellt, daß für die deutsche Diplomatie das Gegenteil des Grundsatzes galt, daß die Bahn für den Tüchtigen frei sein müsse, daß nur Korps und Garde und nicht Begabung die Karriere sicherten. Ausdrücklich schreibt Prinz Hohenlohe: „Ob einer etwas gelernt hatte, das kam erst in zweiter Linie in Frage. Nur eines war ein Hindernis: Jude durfte einer nicht sein!" Ja, sagt der „Sturm", in der deutschen Diplomatie spielten Juden allerdings keine Rolle, aber Juden waren es, die einen unheilvollen Einfluß auf die Diplomatie übten! Basta. Das soll eine Widerlegung sein? Doch nein, rechtzeitig bemerken wir noch, daß der „Sturm" in seinem Artikel einleitend buchstäblich sagt: Der Artikel des Dr. Levy in der „Wahrheit" darf nicht „unwidersprochen" bleiben. Nun, das Versprechen hat der „Sturm" gehalten: „Unwidersprochen" ist der Artikel Dr. Levys nicht geblieben, wohl aber unwiderlegt. Gerne anerkennen wir schließlich, daß der „Sturm", wenn er in seinem Artikel a/uch sachlich etwas unzulänglich bleibt, doch den Leser einigermaßen durch geistreiche Bemerkungen entschädigt. So bemerkt er zum Beispiel u. a., die Juden täten Unrecht, darüber zu klagen, daß ihre Abstammung ein Hindernis für ihre Karriere in der Diplomatie war. „Hätten wir den Weltkrieg gewonnen, wären sicher alle Juden geadelt worden." Das heißt doch witzig sein! Ego. ia

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