Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 19 (15.5.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 19 Tages als Ruhetag, man müßte es kiihhlich um dessen allein wittien als einen der größten hygienischen Wohltäter der Menschheit bezeichnen." Hygiene in Bibel und Talmud.*) Von Rabbiner Dr. Max Grunwald. Bei der herben Kritik, die das Judentum von alteTsher erfahren hat, wirkt umso eindrucksvoller ein großer Chor übereinstimmender Lobpreisungen der hygienischen Weisheit, die seine religiösen Vorschriften und Einrichtungen offenbaren, und der Leistungen, mit denen Forscher aus jüdischem Stamme die Wissenschaft der Hygiene gefördert haben. Wiederholt ist die Einführung hygienisch bewährter Bestimmungen der Religionsurkunden in die moderne Gesetzgebung öffentlich, auf Kongressen, in Zeitschriften usw., Gegenstand der Erörterung gewesen. So das Verbot des Schwednefleischgenusses. die Isolierung bei ansteckenden Krankheiten, das Eheverbot zwischen gewissen Verwandtschaftsgraden, die strenge Diät und Mäßigkeit der jüdischen Lebensweise, das jüdische Schlachtverfahren, die Sabbatruhe, die gesetzliche Erziehung zur Reinlichkeit usw. Eine Rückkehr der Leiter der modernen Staaten zu den hygienischen Grundsätzen der Bibel bezeichnet die erst in unseren Tagen, wenigstens in den Kulturländern, eingeführte offizielle Fleischbeschau, die) sich freilich nur auf die geschlachteten Vierfüßler beschrankt, hierhin ferner polizeiliche Marktaufsicht, Gesetze gegen die Nahrungsmittelverfälschung, überhaupt die Ueberwachung der Volksernährung von staats- und gesetzeswegen und ebenso die moderne Bewegung zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten. Volles Verständnis für die biblische und nachbiblische Hygiene erlangt man, wenn man ihre Voraussetzung erfaßt. Das Judentum kennt keinen Gegensatz zwischen Religion und Sittlichkeit auf der einen und Reinlichkeit auf der anderen Seite; Religion, Moral und Hygiene gehören in der Auffassung der Bibel und des alten Judentumes völlig zusammen, sie sind ihnen fast Wechselbegriffe. Das wertvollste in der Sphäre des Leiblichen, die Gesundheit, wird mit dem Höchstem im Leben des Geistes, mit der Religion, unlösbar *) Wir entnehmen mit gütiger Erlaubnis des Verfassers die folgenden Sätze dem aus Anlaß der „Internationalen Hygieneausstellung in Dresden1 1911" von Dr. Grunwald im Auftrage der Ausstellungsleitung herausgebenien Werke „Hygiene der Juden/' der europäischen Müdigkeit" geboren (das. 498). Geringschätzig redet er vom ethischen Idealismus mit seiner Hoffnung auf unendlichen Fortschritt (das. 54) und von den Bemühungen um sittliche Volkserziehung (das. 503). Nietzsches Uebermenschidee ist ihm eine „Marotte" (das. 510). Trotzdem versichtert er uns („Pessimismus" in den „Preuß. Jahrbüchern", -auch Spenglers Abendland, S. 15.): „Nein, ich bin kein Pessimist Pessimismus heißt: keine Aufgaben mehr sehen." Aber was ist Pessimismus, wenn nicht sein Vorwurf gegen den Sozialismus, das letzte Stadium unserer Entwicklung, daß er „gewaltsam über den vernichtenden Ernst seiner Resultate schweigt?" (S. 511). Was Spengler nicht verantworten kann, ist das Verschweigen seiner Vorgänger oder gar ihre geringschätzige Behandlung, wie besonders die Bergsous.. Von Hegel zu Spengler führt eine gradlinige Entwicklung. Am stärksten hat ihn Nietzsche beeinflußt, nur daß er statt dessen freudigen Glaubens an Ideale, die Gegenseite, den Naturalismus, betont. „Sein Werk ist geeignet, praktisch zu einem solchen „Untergang" beizutragen". So schließt die gründliche und äußerst lesenswerte Arbeit Messers. Schließlich sei auf das soeben erschienene, vornehm ausgestattete und inhaltsreiche erste Heft der von Prof. J.Goldstein herausgegebenen Zweimonatsschrift „Der Morgen" (Berlin, Philo-Verlag) empfehlend hingewiesen, in dem außer anderen wertvollen Beiträgen auch das Rassenproblem (Bryce: Ist das Rassenbewußtsein ein Faktor der Geschichte?) behandelt wird. Im besonderen ist noch kulturgeschichtlich beachtenswert Brandenburgs Aufsatz über „Jüdische Höhlenbewohner in Tripolis." Wir beglückwünschen den Verlag zu dieser neuesten Leistung. (Fortsetzung folgt.) verschmolzen; eines vom anderen durchdrungen, wie anderseits die strikte Durchführung der sanitären Maßnahmen in der Identität von Religion und Staatsgesetz die sicherste Bürgschaft fand. „Heilig sollt ihr sein, denn heilig bin ich', der Ewige, Euer Gott!" (Lev. 19, 2): Heilig ist Gott allein, seiner Heiligkeit entspricht im Menschen Reinheit des Herzens und dem Streben nach Herzensreinheit die äußere leibliche Reinlichkeit; keines ohne das andere, sondern jedes nur durch das andere. Daß die hygienischen Maßnahmen der mosaischen Zeit uns nicht als solche deklariert, sondern als religiöse, kultische Verordnungen entgegentreten, kann nicht auffallen. „Gott ist dein Arzt," seine Gebote Heilmittel, Mittel, das Leben zu erhalten. Segen Gottes besteht in Gesundheit des Leibes und der Seele, der Fluch im Siechtumi. Diese Aufassung durchzieht die ganze Moseslehre. Die Bezeichnungen rein und unrein gelten gewiß zunächst nur im kultischen Sinne. Doch schließt dieser in Israel ganz von selbst wie im späteren jüdischen Sprachgebrauch die Noten „kascher" und „trefa", das psychische ebenso wie das physische Moment mit ein. Wer auf irgendeine der in der Bibel näher bezeichneten Weisen tarne (unrein) geworden war, wurde tahor (rein) durch gewisse Zeremonien, zu denen immer auch das Baden gehörte. Da man ferner durch Berührung gewissen Ungeziefers, von Kadavern u. a. tarne wurde, lag es nahe, diese so rasch1 als möglich' zu1 entfernen. Ebenso war die kultische Absonderung der Menstruierenden und der Wöchnerin ohne Frage von sanitärer Wirkung. Im ganzen und großen würde hier systematisch zur Reinlichkeit erzogenL Nicht darauf kommt es an, ob etwas als Hygiene gelehrt und ausdrücklich bezeichnet wird, sonderm. daß eine hygienische Wirkung erzielt wird, daß sich eine Weisung in der Folge praktisch als hygienisch' wirksam bewährt, das ist für unsere Untersuchung entscheidend. So verbot ohne den hygienischen Standpunkt zu betonen, das altisraelitische Staatsgesetz auf das strengste Schlemmerei und Völlerei, das Fleisch gefallener oder von Raubwild zerrissener Tiere, ferner das Blut und jedes nicht gründlich entblutete Fleisch, sowie das Fett in der Bauchhöhle. Vor der Tücke des Weines wird, besonders im Buche Sirach (Kap. 19,2 und 31), eindringlich gewarnt. Ein Stück vom lebendem Tier zu genießen, galt als schon seit Noahs Zeiten verboten. Gestattet war jede vegetarische Kost, von Tieren, auch Vögeln, diejenigen unter den pflanzenfressenden, deren Verdauungsapparat zur Assimilierung solcher Nahrung sich am besten eignet; von Fischen jene, die durch Flossen und Schuppen befähigt sind, sich leichter im Wasser zu bewegen, während das Fleisch' der Knorpelfische rasch in Fäulnis übergeht. Und das Verbot der Muscheln, Kriechtiere u. dgl. lassen die Austernvergiftungen und die Krankheitserscheinungen nach dem' Genuß von Krebsen als zutreffend erkennen. Auch lehrt uns die moderne Hygiene, daß in den zahlreichen Lymphdrüsen des Bauchfettes, durch die Nähe des Darmes noch begünstigt, sich am leichtesten Krankheitserreger anhäufen; sie spricht von Trichinen im Schweinefleisch usw. Der Fleischgenuß war — und dies verdient besondere Betonung— eine Ausnahme, nicht nur in der biblischen, sondern auch in "der talmudischen Zeit. Ausdrücklich wird davor gewarnt das Kind an Fleisch- und Weingenuß zu gewöhnen. Schon die Zusammenstellung von Fleisch und Alkohol deutet darauf hin. daß man im Fleischgenuß etwas hygienisch Bedenkliches sah. Die Gefahren des Fleischgenusses, vor allem die Uebertragung von Krankheiten des Viehes auf den Menschen und die Zersetzung von Blutteilen, die im Tierkadaver zurückbleiben, werden eingedämmt, und eine längere Frische sowie größere Verdaulichkeit des Fleisches wird erzielt durch das Streben, das Fleisch1 mittels des Schächtens und sorgfältiger hygienischer Präparation möglichst zu entbluten. Selbst die vom späteren Rabbinismus festgesetzte Pause zwischen dem Genuß von Fleisch und dem von Milch' sucht man neuerdings aus der Art der Verdaulichkeit zu begründen. Im engen Zusammenhang mit den Speisegesetzen steht das Gebot vor jeder Mahlzeit die Hände zu waschen. Schon den Talmudisten war der Verdacht geläufig, der erst in neuester Zeit die wissenschaftliche Bestätigung erfahren hat, daß durch die Luft sich Krankheitserreger auf die Hände übertragen und durch diese in das Innere des Leibes gelangen können. Hygienischer Rücksicht entspricht auch das Gebot, nach' Tisch die Hände zu reinigen. Es könnten nach dem Essen an den Händen Ingredienzien haften geblieben sein, die dem Auge schädlich sind und durch Berührung mit der Hand in dieses emdringen. Zum Schutze des Auges wird überhaupt vor Berührung mit den Fingern gewarnt. Münzen und' andere hy-