Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 19 (15.5.1925)
- Date
- 1925-05-15
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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Kr. 19 DIE WAHRHEIT Seite 3 davon. Diese vernachlässigen gänzlich die mosaischen Diätgesetze. Das Resultat ist: Gerade in dem Maße, als jene Gesetze unbeachtet blieben, vermehrte sich die Sterblichkeit der Israeliten» Das dxirchschnvttliche Lebensalter könnte sehr verlängert werden, wenn die Christen jene mosaisch-hygienfschen Gesetze, gänzlich entkleidet ihrer religiösen Riten, beobachten wollten." Upton Sinclair sagt in seiner „Hungerkur": „Die alten Gesetzgeber waren auch auf dem Gebiete der Hygiene Meister. Sie wußten zwar nichts von Bakterien, forderten aber Reinlichkeit und leisteten dadurch der Volkstgememscbaft einen größeren Dienst als die modernen Desinfektionsanstalten. Auch für das Fasten und die religiösen Speiiseverbote waren rein gesundheitliche Rücksichten1 maßgebend." Maurice F1 u e g e 1 sagt i'n bezug auf die wohltätigen Folgen der Beobachtung dermosaischen Diätvorschriften folgendes: „Gedenken wir unserer Eltern und Großeltern; ihr weltlicher Zustand war so unvergleichlich mißlicher als 'dler unsrige; Der politische Druck, der soziale Bann so groß, die religiöse Praxis so erschwerend, unld doch waren sie gesund, lebensmutig. Krankheiten waren nachweislich in früheren Zeiten bei ihnen äußerst selten, chronische Leiden etwas Unerhörtes. Medizinen, die leidigen Schutzgeister unseres heutigen Hausstandes, waren ihnen „fremde Götter". Nie starb ein Jude durch Selbstmord!, nie eine Jüdin an Langweile. Man war so wenig besorgt um den Leib, der es am Purim kaum so giuiti hatte wie heute am neunten Ab! Und doch befand er sich wohl dabei. Heute ergibt man sich einem heidnischen Wohlleben . . . Die Vorzüge der mosaischen Eheurid Speisegesetze, ihrer geistigen und moralischen Disziplin werden von der positiven Wissenschaft vollauf bestätigt. Zu dieser Diät müssen wir zurückkehren, odier wir verschwinden, wie alle jene alten historischen Völker, die siegestrunken sich der Judentum bilde, als Teil der magischen Kultur, einen Consensus, eine rein religiöse Gemeinschaft ohne nationalen Einschlag. Da dieser Konstruktion unleugbar nationale Elemente im Judentume widersprechen, scheidet Spengler zwischen Palästina, dem nationalen, und Babylonien, dem magischen Judentum. Wie schon in diesem Blatte betont wurde, ist diese Scheidung ganz willkürlich und durch nichts zu rechtfertigen. Sie bezeichnet auch Ziegler (S. 85) als „grundfalsch und völlig mißlungen". 2. Spengler findet Kennzeichen der magischen Religionen in: Dualismus, Apokalyptik, Messianismus, Idee des Mittlers, willenloser Ergebung und Gnade. Ziegler gesteht, daß dies „Wort für Wort auch für das Judentum' gelte." (S. 88.) 3. Nach Spengler ist das heutige Judentum eine Fellachenreligon und dem Untergange geweiht. Ein Schicksal, dem jede Kultur nach einem Jahrtausend verfallen müsse. Spengler sieht in einer Erscheinung wie dem Chassidismus die zweite Religiosität der Fellachenkultur. Im Gegensatz hierzu glaubt Ziegler, eine dritte Religiosität im Judentum, die an den Namen eines S. R. Hirsch anknüpfen dürfte, herannahen zu sehen. A. Messer, Oswald Spengler als Philosoph. Stuttgart, 1922. Strecker'& Schröder. Spenglers Grundanschauungen sind nicht so neu, wie er es hinstellt. In Anlehnung an Goethe bezeichnet er die Kulturen als Pflanzen und nennt er sein Werk eine Morphologie der Weltgeschichte. Jede Kultur hat ihre eigene Seele. Ob diese Kulturseelen Ausstrahlungen einer Weltseele des weltschaffenden Ichs, von dem Spengler spricht, oder wie sie sonst zu verstehen sind, bleibt unklar. Ebenso die Beziehungen der Individualseele zur Kulturseele. Die Kulturgeister führen bei Spengler eine Schlacht miteinander, die eine vollständige Mythologie darstellt. Er statuiert Einheiten, wie eine „Einheit" des griechisch- Ueppigkeit ergaben. Die Hauptidee der mosaischen Disziplin: „Diät ist: vernünftig leben*'. Auf d!er Dresdner Ausstellung gab es in der historischen Abteilung eine Zusammenstellung auf altjüdische Hygiene bezüglicher Gegenstände, Bücher, Thorarollen, die Gestalt Mosis von Michael Angelo in der Mitte derselben; iim Hintergründe des Raumes war schlicht und weihevoll eim Teil als „Sabbatstube" abgegrenzt. Dazu bemerkt Doktor Carl Roscher, sächsischer Ministeriailirektor und geheimer Rat, in den „Bausteinen": „Diese bescheidene, auch den Armen erreichbare Sabbatstube weist auf die größte hygienische Wohltat hin', die der Menschheit nicht aus sich selbst, sondern von oben zuteil wurde. Alle anderen hygieniischen Einrichtungen und Ratschläge, die in den 99 Gebäuden der Ausstellung vorgeführt werden, treten weit zurück hinsichtlich der Verbreitung, der jahrhundertelangen Bewährung, der leichten Anwendbarkeit der sozialen Bedeutung und des vermittelten Segens hinter den Sabbat der Israeliten ... es ist eine empfindliche Lücke der Hygienie-Ausstellung, daß in ihr der christliche Sonntag nicht auch so eine schlichte, volksverständliche Darstellung gefunden hat, wie der israelitische Sabbat". Und Professor Dr. Karl S u 4 h o f f, Direktor des Institutes für Geschichte der Medizin an der Universität Leipzig schreibt in einem Artikel der „Deutschen Revue", Oktober 1911 .. . „Aus dem Semitentuim, speziell aus dessen geistiger Blüte, dem Judentum als Träger, Vermittler und Ausreifer der Gesamtgedanken des Semitismus, stammen zwei der größten hygienischen Gedanken der Menschheit und zielsicheren Manifestanten — der wöchentliche Ruhetag und die direkte Krankheitsbekämpfung durch natürliche Maßnahmen . . . Wenn das Judentum der Menschheit nichts weiter geschenkt hätte als diese Fixierung jedes siebenten römischen Altertums, was vom Standpunkt der Altertumswissenschaft unhaltbar ist. Der Vergleich mit den Pflanzen berührt nur die organische Seite des Menschen als Kulturträger, läßt aber ganz ihr geistiges Wesen außer acht. Seine Einteilung der Kulturen in „ausgereifte Gebilde", solche die „im Entstehen begriffen" und andere, die „nicht zur Reife gelangt" sind, erklärt nicht „die jüdische Kultur" (S. 75). die vor allem durch ihre Religion und Sittlichkeit so bedeutsam für die unsere geworden ist Spengler rechnet sie wohl zur babylonischen Kultur. Jesus und das ältere Christentum zählt er zur arabisch-magischen Kultur. Aber ist Jesus ohne das Judentum zu verstehen? Auch die Gebundenheit der Kultur an die Landschaft, eine Idee, die an Jehuda Halevis Auffassung vom Prophetentum erinnert, die Spengler selbst aber bereits bei Heraklit feststellt, ist wissenschaftlich nicht zu erweisen. Kann man sich jedoch auf die Fähigkeit der Intuition verlassen, die Spengler, ähnlich wie die Anthroposophen u. a., sich zuschreibt, ohne daß wir ihm zu folgen imstande sind? Sind, wie Spengier behauptet, die Kulturen streng isoliert, wie vermag er uns dann die Tiefen fremder Kulturen zu erschließen? Wenn nach ihm der Jude den Arier nie verstehen kann, warum dann er das Judentum? Wie seine Metaphysik steht auch seine Erkenntnistheorie auf schwachen Füßen. Gibt es, wie er lehrt, keine objektiven, allgemein giltigen Wahrheiten, dann ist diese These doch auch auf seine eigenen Aufstellungen anzuwenden. Trotz Spengler bleibt der Verstand die oberste und darum leitende Kraft im Menschen. Spenglers Ethik, nach welcher die Moral durch die Kulturseele determiniert ist, ist die der Resignation, des Pessimismus. Kraftmenschen, wie Cecil Rhodes, sind Vorbilder seiner Ethik. „Der Krieg ist der Schöpfer aller großen Dinge" (Untergang, II., 448). „Weltfriede, Humanität" sind Schlagworte", „aus