Die Wahrheit
- Journal
- Die Wahrheit
- Volume
- 1925
- Issue
- Heft 18 (8.5.1925)
- Date
- 1925-05-08
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite 4 DIE WAHRHEIT Nr. 18 Vogelweide an bis zu Goethe und Möricke herab doch immerhin einiges auch ,ohne die Mitarbeit jüdischer Mitbürger' gedacht und gedichtet hat!" Herr Dr. Georg Gothein veröffentlicht in den „Abwehrblättern" eine Erwiderung an Herrn v. Münchhausen, in der fes unter anderem heißt: „Herr v. Münchausen hat damit gezeigt, daß auch ein Dichter bisweilen recht Ungereimtes schreiben kann. Abgesehen davon, daß unter den Ariern sehr viele Schwarzhaarige vertreten sind, daß die Juden nach Schädelmessungen zu mehr als 70 Prozent Ariertypus haben, ist es doch etwas ganz anderes, wenn ein rein geselliger Verein über Abstammung und Glauben seiner Mitglieder einschränkende Bestimmungen trifft, als wenn ein seit vielen Jahrzehnten bestehender Verein, der keineswegs der Geselligkeit dient, sondern der Förderung eines ~ edlen Sports, der wissenschaftlichen Erforschung der Alpenländer, der Zugänglichmachung der Berge und Wege, der Errichtung von Unterkunftshütten usw., nun auf einmal die Volksgenossen anderer Religion sei es ausschließt, sei es solchen den Neueintritt verwehrt____Hier aber kommt noch hinzu, daß der Deutschösterreichische Alpenverein unter viele Jahrzehnte dauernder opferwilliger Mitwirkung seiner jüdischen Vereinsmitglieder einen erheblichen Vermögensbesitz in seinen Hütten, die zum guten Teil erstklassige hochgelegene \ Alpenhotels darstellen, erworben hat, daß von diesem Besitz die Sektion „Donauland" und ihre Mitglieder ausgeschlossen worden sind, daß das Betreten dieser Hütten deutschen Volksgenossen jüdischer Religion untersagt wird, daß diesen also ihr Miteigentum, ihr Mitbesitzrecht an den von ihnen mitgesdiaffenen Vermögensobjekten entzogen wird. Und das alles wegen religiöser oder angeblich rassischer Unduldsamkeit, obgleich es wissenschaftlich voll erwiesen ist, daß es gar keine semitische Rasse gibt, geschweige eine jüdische, und daß alle modernen Völker Mischrassen sind." Auf die Bemerkungen Münchhausens betreffend den Einfluß der Juden] auf das deutsche Geistesleben erwidert Doktor G. Gothein: „Einer der größten Mitarbeiter an der deutschen Kultur, der Hauptschöpfer der neueren deutschen Schriftsprache, Martin Luther, hat die neuzeitliche religiöse Kultur des größten Teiles des deutschen Volkes durch seine Bibelübersetzung in die Wege geleitet, indem er das größte Werk semitischer Sprache den Deutschen zugänglich, es zu ihrem Volksbuche gemacht hat. Bei der Uebersetzung der Bibel hat er sich in weitgehendem Maße der Mithilfe und Belehrung durch jüdische Rabbiner und Schriftgelehrte bedient. Und fußt etwa die schönste Blüte deutscher Kultur, fußt unser großer Dichter und Denker Goethe nicht durchaus auf der Philosophie des Juden Barucjj Spinoza? Also, Herr v. Münchhausen, es ist JJnsinn', wenn Sie meinen, daß ein Goethe ohne die jüdische Mitarbeit gedacht und gedichtet hat. Und Immanuel Kant ist sich durchaus bewußt gewesen, daß er der Vorarbeit des jüdischen Philosophen Baruch Spinoza zu danken hatte. Vielleicht ist Ihnen auch bekannt, daß der beste und feinsinnigste Kommentator und Fortbildner der Kantschen Philosophie den Namen Cohen führte, der doch nicht gerade ein arischer Name ist. Kultur beruht aber nicht bloß auf der Arbeit der Religionsschöpfer, der Philosophen und Dichter, sie beruht auf den Forschungen der Wissenschaft jeder Art, nicht minder wie auf denen der Technik. Ich müßte tausendmal Gesagtes wiederholen, wenn ich hier ausführen wollte, was Deutsche jüdischer Religion in dieser Beziehung für die deutsche Kultur und durch sie damit auch für die Weltkultur geleistet haben." * * * Dazu sendet uns Dr. M. Spanier in Magdeburg eine Erinnerung, welche zeigt, daß Herr von Münchhausen schon als Student sich witzig-geharnischte Entgegnungen gefallen lassen mußte. Herr von Münchhausen hatte als 22jähriger Student der Jurisprudenz den Dichter Richard Dehmel wegen der Dichtung „Weib und Welt" beim Staatsanwalt denunziert. Das war 1897. Eine stattliche Anzahl zeitgenössischer Dichter erhob ihr Veto gegen den jungen Freiherrn, der damals selbst mit einem Band Gedichte debütiert hatte. Am wuchtigsten ging ihm Karl Henckell zu Leibe mit folgenden Versen: „Ein Dichter, auf den andern zornerpicht, Ging hin und denunzierte sein Gedicht Nicht wissend, daß den Bruder in Apoll Man nicht beim Staatsanwalt verklatschen soll. Der Gott der Dichter nahm den Tropf beim Ohr Und zog die Rute hinterm Spiegel vor : Mein Bürschchen, sprich', was fällt dir denn nur ein? Lichtbringer willst du und — Anschwärzer sein? Siek, braver Herr, das widerspricht sich sehr, Drum reich mir mal den Allerwertsten her Und sei zufrieden mit dem blauen Fleck! Ich bin die Sonne. Denunziant ist Dreck." (Abgedruckt in Haubens Verbotene Literatur [Berlin 1924]). Der Jude Lassalle. Eine Studie über jüdischen Kapitalismus. Von Dr. Max Grunwald. (Fortsetzung.) In Konstantinopel findet L. bei den Derwischen „dasselbe Wackeln mit Kopf und Oberleib wie bei unseren Juden." Dort „glaubte #ich", so schreibt er in einem Reisebriefe, „so ergriff mich die Illusion, an einem Versöhnugstage in der großen Synagoge zu Breslau zu sein und der Aufführung des „Owinu Malkefnu" beizuwohnen! Ich hatte bis heran stets geglaubt, daß die religiösen Melodien, und der Gesangsmodus unserer Juden erst im Exile entstanden sei, ein Produkt jenes Ungeschmacks, jener Korruption und Verzerrung, wie sie sich (z. B. auch in der Sprache) einzustellen pflegt, wenn ein Volk, seiner Selbständigkeit beraubt, ohne öffentliches Leben, ohne Literatur, unter fremden Völkern im Staube sich windet, im Elend sich abächzt". Nun entdeckt er darin „den allgemeinen Charakter des alten semitisch -asiatischen Religionsgesanges". Er findet in diesen Melodien den Ausdruck des „Gefühles der eigenen absoluten Wertlosigkeit und Nichtigkeit vor dem abstrakten jenseitigen Geiste, dem starren Herrn des Himmels und der Erde". Eine Auffassung des Judentums übrigens, die sich Lassalle nach Hegelscher Methode willkürlich zurechtgelegt hatte. So begleiten ihn religiöse Eindrücke seiner Kindheit durchs ganze Leben. Nachdem sich Lassalle zur Wiederaufnahme seiner Studien entschlossen hatte, kam er im Sommer 1841 nach Breslau zurück, um sich für die Matura vorzubereiten. Beinahe wäre er beim Examen an seiner politischen Ueberzeugung gescheitert. Im deutschen Prüfungsaufsatz trug er so radikale Ansichten vor, daß er zurückgewiesen wurde. Nur außerordentlicher Verwendung gelang es, ihm doch die Zulassung zu ermöglichen. 1842 bezog er die Universität Breslau. Als Student hatte er sich gar bald wegen demagogischer Umtriebe zu verteidigen. Die damals radikale, schon längst judenfeindliche Breslauer Burschenschaft der Razeks, der Lassalle angehörte, beteiligte sich eifrig am politischen Leben und Treiben, das in einem philosophischen Vortrage zu einem Skandal geführt hatte. Es wurden einige Beteiligte, darunter neben Lassalle auch Rudolf Gottschall, vor Rektor und Senat zitiert. Nur dank seiner glänzenden Verteidigung kam Lassalle mit vierzehn Tagen Karzer davon. Kurze Zeit darauf übersiedelte er nach Berlin. Kolleg hat Lassalle in den zwei Berliner Semestern 1844/45 fast gar nicht gehört. Umso fleißiger warf er sich auf häusliche wissenschaftliche Arbeit. Vielseitig regsam, wie sein Geist war, las er daneben viel, besonders sozialistische Literatur, und darunter Aufsätze von Moses Hess, dessen Schrift „Rom und Jerusalem" zum eisernen Bestand des jüdischnationalen Schrifttums gehört — Herzl nennt ihn den größten Juden seit Spinoza — und mit dem er bis kurz vor seinem Tode freundschaftliche Beziehungen gepflegt hat. Vor allem aber wurde er mit dem geistigen Schaffen eines Karl Marx bekannt. Und es ist -merkwürdig: wie Marx, der Theoretiker der Sozialdemokratie, in seiner Doktorarbeit, Demokrit, den lachenden Philosophen, hatte Lassalle sich1 die Fragmente Heraklits, des weinenden Philosophen, der die Hingabe an das Allgemeine predigt, zum Gegenstand gewählt. Sokrates hatte von diesem Denker, den die alten Griechen bereits den Dunklen nannten, geurteilt: „Trefflich ist, was ich von ihm verstanden, und so glaube ich auch, daß trefflich sein wird, was ich nicht verstanden; doch es gehört ein delischer Schwimmer dazu, sich durch das ganze Buch hindurchzuarbeiten." Von den Schriften Heraklits sind nur noch Bruchstücke erhalten und Lassalle machte ihre Durchforschung zum Gegenstande seiner wissenschaftlichen Erstlingsarbeit. Die Arbeit war anfangs 1846 fast vollendet, sie erschien aber erst zwölf Jahre später unter dem Titel: „Die Philosophie Heraklits des Dunklen von Ephesus." Schon im Mai 1845 war Lassalle nach Breslau zurückgekehrt, hierauf war er nach Paris gereist um dort Heraklit- Handschriften zu studieren. Alexander von Humboldts Empfehlungen verschafften ihm gelehrte Beziehungen; seine