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Die Wahrheit · 1925-05-08 · Heft 18 (8.5.1925) · page 7

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Journal
Die Wahrheit
Volume
1925
Issue
Heft 18 (8.5.1925)
Date
1925-05-08
Page
– (sequence 7)
Language
German
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Nr. IS DIE W AHRHEIT Seite 5 wertvollste Bekanntschaft war der von ihm schon früh abgöttisch verehrte Heinr. Heine. Lassalle hat es verstanden, wessen nicht viele sich rühmen können, Heine zu imponieren, und in den Briefen an Lassalle selbst nennt ihn Heine seinen besten treuen Freund, seinen treuesten Waffenbruder, den er unaussprechlich liebe. Er sagt einmal: „Wohl haben Sie das Recht frech zu sein, wir anderen usurpieren bloß dieses göttliche Recht, dieses himmlische Privilegium, im Vergleich mit Ihnen bin ich doch nur eine bescheidene Fliege." Treffender konnte man Lassalle nicht kennzeichnen, als Heine ihn dem Dichter Herwegh vorstellt „un nouveau Mirabeau!". Lassalle hat ihm selbstlos wichtige Dienste geleistet. In einem Briefe an Varnhagen von Ense schreibt Heine: „Mein Freund, Herr Lassalle, ist ein junger Mann von den ausgezeichnetsten Qeistesgaben. Mit der gründlichsten Gelehrsamkeit, mit dem weitesten Wissen und dem größten Scharfsinn, der mir je vorgekommen, mit der reichsten Begabnis der Darstellung verbindet er eine Energie des Wissens und eine Habilit6 im Handel, die mich in Erstaunen setzen, und wenn die Sympathie für mich nicht erlischt, so erwarte ich von ihm den tätigsten Vorschub Jedenfalls war diese Vereinigung von Wissen und Können, von Talent und Charakter für mich eine freudige Erscheinung. Herr Lassalle ist nun einmal so ein ausgeprägter Sohn seiner Zeit, die nichts von jener Entsagung und Bescheidenheit wissen will, womit w i r uns mehr oder weniger heuchlerisch in unserer Zeit hindurchgelungert und hindurchgefaselt haben. Dieses neue Geschlecht will genießen und sich sichtbar machen im Sichtbaren; w i r, die Alten, beugten uns demütig vor dem Unsichtbaren, haschten nach Schattenküssen und blauen Blumengerüchen, entsagten und flennten und waren doch viel glücklicher, als jene harten Gladiatoren, die so stolz dem Kampffest entgegengehen." An Lassalles Vater schrieb Heine: „In diesem neunzehnjährigen Jünglinge sehe ich den Messias des Jahrhunderts." („Wir haben," rief Karl Vogt nach Lassalles Tode aus, „1800 Jahre einen gekreuzigten Juden vergöttert; jetzt werden wir. auch noch einen Erschossenen zum Heiland bekommen.") Um jene Zeit lernte der einundzwanzigjährige Lassalle die Gräfin Sofie Hatzfeld kennen, die damals mit einem der reichsten Magnaten am Niederrhein unglücklich verheiratet war. Sie suchte, von ihrer Familie verlassen, auf eigene Faust die Ehescheidung zu erwirken. Lassalle bot ihr seine Hilfe und die seiner Freunde, des Arztes Dr. Mendelsohn und des Assesors Dr. Oppenheim, an. Vom Sommer 1840 an finden wir ihn mit kürzerer Unterbrechung in Gesellschaft der Gräfin in der Rheinprovinz, um den Prozeß gegen ihren Gatten einzuleiten, ohne daß er je juristische Studien getrieben hätte. Im August 1846 entwendeten jene beiden Helfershelfer einer Freundin der Gräfin eine Kassette, in der sie wichtige, ihn kompromittierende Dokumente vermuteten. Oppenheim wurde verhaftet, Mendelsohn entfloh ins Ausland. Auf Grund der im Prozesse Mendelsohn behandelten Tatsache wurde Lassalle im Februar 1848 in Untersuchungshaft gezogen. Eine Woche später jagte von Westen her die reißende Springflut der Revolution über die deutschen Staaten hin, und er, der seit seiner Kindheit dieses große Ereignis fieberhaft ersehnt hatte, saß in Untersuchungshaft. In der Verhandlung vor dem Kölner Geschworenengerichte hielt Lassalle am 11. August die erste seiner großen Reden, die berühmte Kassettenrede. Zunächst will er, echt ritterlich, sein Verhältnis zur Gräfin über jeden Zweifel erheben. Reine Menschenpflicht ist es, die ihn leitet. „Die Familie schwieg", so ruft er aus. „Aber es heißt, wo die Menschen schweigen, werden Steine reden. Wo alle Menschenrechte beleidigt werden, wo selbst die Stimme des Blutes schweigt und der hilflose Mensch verlassen wird von, seinen geborenen Beschützern, da erhebt sich mit Recht der erste und letzte Verwandte des Menschen: Der Mensch." Lassalle gab der Angelegenheit eine prinzipielle Bedeutung. „Nur die hohen Adeligen und Millionäre, wie der Mann der Gräfin, dürfen sich erlauben, allem Recht und Gesetz Hohn zu sprechen." Die Richter entscheiden zu Lassalles Gunsten. In das Sturmjahr fällt noch ein zweites für Lassalle entscheidendes Erlebnis: die persönliche Bekanntschaft mit Karl Marx. Diesem und seinem Kreise, zu dem unter anderen Friedrich Engels und Ferdinand Freiligrath gehörten, trat Lassalle als Schüler näher. Kaum freigesprochen, wirft er sich mit flammender Begeisterung in die Revolutionsbewegung. In Köln, in Worringen und in Düsseldorf fordert er zum Aufstand auf. Die Bürger und Bauern will er bewaffnen; am 21. November spricht er in diesem Sinne in Neuss, und tags darauf wird er wegen Aufreizung verhaftet. Die Untersuchung wurde trotz aller Bemühungen seiner Freunde, die 2800 Unterschriften zu seinen Gunsten gesammelt hatten, in die Länge gezogen. Erst am 5. Mai 1849 fand die Verhandlung statt, für die Lassalle seine Verteidigung, die sogen. Assisenrede, vorher hatte drucken und in Umlauf setzen lassen. Die Rede behandelt die Frage: Hat der Bürger, wenn die Obrigkeit den bestehenden Rechtsbestand durchbricht, das Recht, ihn mit den Waffen gegen die Obrigkeit wieder herzustellen? Mit dem 18. März 1848 war ein neuer Rechtszustand geschaffen worden und die Regierung hat sich somit eines Rechtsbruches schuldig gemacht, schon damit, daß sie die Nationalversammlung von Berlin nach Brandenburg verlegt hat. „Die Krone", so sagt er sarkastisch, „hätte die Versammlung von Berlin nach Brandenburg, da angelangt nach Elberfeld, von da nach Danzig verlegen, von wo sie endlich eine permanente und lehrreiche Reise von einer preußischen Festung in die andere anstellen lassen können, ohne das Recht zu verletzen? Was kümmert sie der ganze elende Rechtszustand? Hatte man kein Recht, so hatte man besseres als das. Man hatte in Berlin den Belagerungszustand, den Papa Wrangel, gegen 60.000 Soldaten und so und so viel hundert Kanonen; das sind Gründe, eindringlich, die jeder begreift. Nicht nur das erste Recht, sondern die erste Pflicht des Bürgers ist es, mit den Waffen in der Hand für die Aufrechterhaltung der Verfassung gegen jeden gewaltsamen Umsturz einzustehen." Die Rede, ein demagogisches Meisterstück, hatte den Erfolg, daß die Geschworenen Lassalle* freisprachen. Nun konstruierte der Staatsanwalt gegen Lassalle eine neue Anklage auf Aufreizung zum Widerstande gegen die Staatsgewalt. Er kam vor das Zuchtpolizeigericht Düsseldorf, das aus Berufsrichtern zusammengesetzt war, und wurde am 5. Juli 1849 zu sechs Monaten Gefängnis verurteilt. Besser konnte seiner Sache nicht gedient werden; denn während so viele seiner Parteigenossen in dem letzten großen Revolutionskampfe Tod oder Exil fanden, blieb Lassalle durch jenes Urteil dem öffentlichen Leben entzogen, dem Vaterlande erhalten. Aus der Haft entlassen, unternahm Lassalle in Düsseldorf eine Arbeit, die in der Folge sich als ungemein wertvoll bewähren sollte. Er begann kleinere. Kreise von Arbeitern mit seinen Ideen vertraut zu machen, Träger und Vorarbeiter der Souveränität des Proletariates zu erziehen. Das ist im Kern die Idee des LassaUeschen Arbeitervereines. Er schuf sich damit einen dauernden Stamm von Anhängern. Er half diesen Arbeitern in ihrer Not mit Geld aus, schlichtete ihre Konflikte mit der Polizei, sorgte für die Familien und Angehörigen der Verhafteten. Jeden Samstag und Sonntag fanden sie sich bei ihm ein, auf seine Kosten kaufte er ihnen Bücher. Jede Neujahrsnacht feierte er mit ihnen zusammen, und alles dies unter den Augen der Polizei, die während seiner Vorträge seinem Hause gegenüber in den Büschen auf der Lauer lag. In der Zeit ärgster Reaktion, im Jahre 1854, waren endlich die Hatzfeld-Prozesse zugunsten der Gräfin zum Abschlüsse gelangt. Vor 36 Gerichten, in der Presse, sogar vom Gefängnis aus, hatte Lassalle die übernommene Sache siegreich durchgeführt. Da das politische Leben ihm damals keine Möglichkeit sich zu betätigen bot, wandte sich Lassalle wieder der wissenschaftlichen Tätigkeit, und zwar seiner durch den Hatzfeld-Prozeß unterbrochenen Arbeit über Heraklit, zu. Es folgen zwei stille Arbeitsjahre, die nur durch eine Reise nach Syrien und Palästina unterbrochen werden. Diese Orientreise-Briefe an die Gräfin sind leider verloren gegangen. Der Anblick der historischen Stätten des heiligen Landes dürften ihn wohl zu Aeußerungen seines jüdischen Empfindens veranlaßt haben. 1857 reist er, um eine Augenkur zu gebrauchen und seinen Heraklit drucken zu lassen, nach Berlin. Das Erscheinen dieses Werkes erwirbt ihm die öffentliche Anerkennung und Freundschaft von Männern wie B ö c k h, Alexander von Humboldt, Varnhagen von Ense. Auch Hans von Bülow trat ihm näher, der später Lassalle zuliebe die Herweghsche Arbeiter-Hymne komponiert hat. Ferner der Dichter Scherenberg, der Verfasser des Liedes „Es braust ein Ruf wie Donnerhall", Ernst Dohm vom Kladderatadsch, Ludwig L o e w e, Ludwig P i e t s c h u. a. Im November 1859 verfügte der Prinzregent Wilhelm, daß die von dem Literaten Lassalle beantragte Niederlassung in Berlin polizeilich nicht länger gehindert werde. In Preußen war bereits die liberale Aera eingezogen. (Fortsetzung folgt.)

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